In dieser Hommage an Gernhardt kommen Anita Albus, F.W. Bernstein, Bernd Eilert, Pit Knorr, Antje Kunstmann, Loriot, Harry Rowohlt, Otto Waalkes, F.K. Waechter, Klaus Cäsar Zehrer und Robert Gernhardt zu Wort.

Robert Gernhardts 75. Geburtstag

Im Dichterhimmel angekommen

Von Martin Lüdke

Ich stand noch an der Gartentür. Auf der anderen Straßenseite kam Robert Gernhardt aus dem Haus. Er – und sein Hund Bella. Gernhardt wandte sich nach rechts, Richtung Eschersheimer Landstraße. Bella, angeleint, sprang nach links. Es kam zu dem – straßenweit – bekannten Ruck. Beide, Hund und Herrchen, standen, die Leine, die sie verband, straff gespannt, für einen Augenblick still, erwartungsvoll. Ich lachte. Gernhardt blickte auf, sah mich und winkte, nur dem Zeigefinger seiner, freien linken Hand mich zu sich, auf die andere Straßenseite. „Lach nur“, sagte er. „Es wäre schön, wenn Du Dich um Deinen Kram besser kümmern würdest!“ „Wie? Was?“ Du hast gestern“ – ich glaube es war in einer Rezension in der ZEIT – „geschrieben: ‚Wie der Volksmund weiß: Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.‘“ „Und?“ – fragte ich. „Dieser ‚Volksmund‘ stammt von uns“, sagte er. (Ob er sich, seine Gruppe meinte, blieb unklar.) „Hm“, dachte ich, zunächst folgenlos, bis mir im Laufe der Jahre aufging, was da wirklich passiert war.

Was kann ein Dichter mehr wollen? Heinrich Heine, der übrigens am gleichen 13. Dezember Geburtstag hat wie Gernhardt, wäre sicher stolz darauf gewesen, dass seine „Loreley“ von den Nazis zum Volkslied geadelt wurde. Gernhardt war – zurecht – stolz darauf, dass seine Verse sich von ihm ablösten und in den allgemeinen Sprachgebrauch übergingen, auch wenn er, siehe oben, in Sachen Urheberschaft gern hart blieb. „Der Kragenbär“ bewegt sich mittlerweile „munter“, in Zusammenhängen, die sich weit von seinem Schöpfer entfernt haben, auch Metzingen verdankt seinen neuen Ruhm einem alten Gernhardt-Vers:„Häßliches, du hast so was Verläßliches“. Keine Verslehre kommt mehr aus, ohne sich einen Reim zu machen auf – „Sonette find ich sowas von beschissen“.

Das heißt: Robert Gernhardt hat es geschafft. Er ist tatsächlich im Dichterhimmel angekommen. Letztes Jahr war ich auf einem (runden) Geburtstag eines alten Kampfgenossen unseres früheren Außenministers. Es wurden Reden gehalten, witzig, dröge. Es wurden, erstaunlicherweise, auch Gedichte rezitiert. Sieben, acht Gäste, meinst einstige SDS-Größen, trugen sie vor – ausnahmslos allesamt Gernhardt-Gedichte. Leute, die in der alten Frankfurter Schule groß geworden waren, bekannten sich damit zur Neuen Frankfurter Schule – zu Robert Gernhardt. Mehr kann man als Dichter nun wirklich nicht erreichen. Zum Teil sind seine Verse Allgemeingut geworden. Zum Teil sind sie in das kollektive Gedächtnis eingegangen. Gebrauchslyrik. Und Dichtung, die auch bleibt. Eines seiner letzten Gedichte „Rückblick, Einsicht, Ausblick“ beginnt mit den Versen:

Durch die Landschaft meiner Niederlagen gehe ich in meinen alten Tagen (…)

Abends war es schönsten (…)

Abends ist es am Schönsten. Der Streifzug
rund um die Hügel von Montaio
berückt und verzückt und beglückt wie damals.
Verrückter Gedanke, das halten zu wollen,
was nur Schein und dann weg ist:

Durch die Landschaft meiner Niederlagen
geh ich wie in alten Tagen.

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erstellt am 12.12.2012