Leben im Labor – Robert Gernhardt (1937-2006)

Robert Gernhardt, der außergewöhnliche Fall einer Dreifachbegabung: Maler und Zeichner, Dichter und Erzähler, Essayist – und auf allen Gebieten wird er von seinen Freunden und Lesern heftig vermisst. Detlev Claussens Telegramm an einen der großen Vertreter der Neuen Frankfurter Schule.

Zum 75. Geburtstag von Robert Gernhardt

Der rettende Witz

Telegramm an Robert

Von Detlev Claussen

Lieber Robert, ich schreibe schon seit längerem an Dich. Seit ich – nur mit zwölf Jahren Verspätung Dir gegenüber – in Bad Nauheim nach meinem ersten Herzinfarkt angekommen war, las ich auf meinem Krankenbett – beinah hätte ich Totenbett geschrieben – Dein „Herz in Not“ und habe zum ersten Mal seit dem Schock tödlicher Verwundbarkeit wieder gelacht. Du hattest mir Deinen Gedichtband vor über einem Jahrzehnt in der Autorenbuchhandlung am Reuterweg, wo wir gerne beide verkehrten, gezeigt. Ich dachte – irgendwie, Herzprobleme schlimm, aber ein Gedichtband, muss das denn sein? Beginnendes Alterswerk? Ich hatte keine Ahnung damals von Herzproblemen. Dein Band trifft alles, was ich zwölf Jahre danach erlebt habe, ein wunderbares Buch – aus Gelegenheit machst Du – mit lockerer, linker Hand – etwas Großes. Sartres Frage „Wozu Literatur?“ brauche ich gar nicht mehr zu stellen. Was Du zu Papier bringst, hat Gebrauchswert. Darüber schreibe ich Dir noch ein paar Briefe in den Himmel, in den Du sicher gekommen bist; denn wer den Lesern so viel Licht in die Erdenexistenz geschüttet hat, hat eben genau das verdient: in den Himmel, zumindest auf den Parnass zu kommen.

Robert, Dein Nachruhm – keine Überraschung für Dich – übertrifft alles, was vom gemeinen Lesepublikum wie mir zu erwarten war: Du bist ein posthumer Superstar! In Frankfurt wirst Du gleich nach Goethe genannt. Auf jeden Fall hast Du eine Lyrik geschrieben, die den Kreis der „Agamemnon“-Leser bei weitem überschritten hat. Jeder, der Lichtenberg gelesen hat, kennt diesen Aphorismus, den Du von Deinem Onkel Meinhard Hasselblatt zum ersten Mal im Göttingen der fünfziger Jahre gehört hast: „Er las immer Agamemnon statt angenommen; so sehr hatte er den Homer gelesen.“ Du hast die damals noch bildungsbürgerliche Philisterhochburg, in die es Dich aus dem Osten kommend verschlagen hatte, bald verlassen, um auf einem Umweg über Berlin in Frankfurt 1964 eine fast vierzigjährige Witzoffensive zu beginnen. Zunächst warst Du noch gar nicht als Individuum erkennbar, geschützt durch Pseudonyme, im Kampfverband vereint mit anderen witzigen Genossen, – erst Pardon, später Titanic. Ich will das gar nicht alles aufzählen: Wer es nicht weiß, klicke bei Wikipedia. Der neugierige Leser findet eine lange Liste lieferbarer Bücher, ein Titel witziger als der andere, und eine Aufzählung von Preisen und Ehrungen schon zu Lebzeiten, die fast ebenso lang ist wie Deine Publikationsliste.

Ich will Dir nur von einer Sache erzählen, von der Du noch nichts weißt: Vor zwanzig Jahren saß ich mit dem ebenfalls bahnbrechend witzigen Heinz Ludwig Arnold, der die deutsche Philologie den Händen der Homerkenner entrissen hat und den du inzwischen eher im Himmel triffst als in Göttingen, auf seiner Terrasse und wir unterhielten uns über unsere liebsten Göttinger. Ich sagte wie aus der Pistole geschossen „Lichtenberg, von dem Jean Paul einmal gesagt haben soll, er sei der einzige Mensch in Deutschland gewesen, der den Mut gehabt habe, witzig zu sein“. HLA sagte: „Hast Du schon die Ausstellung von Robert Gernhardts Sudelblättern im Rathaus gesehen?“ Also, wer es noch nicht hat: Schnell bei ZVAB bestellen: „Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen“, in dem Deine später auf 99 Sudelblätter angewachsenen kongenialen Lichtenbergzeichnungen nebst einem schönen Vortrag von Dir, den Du 1995 vor der Lichtenberg-Gesellschaft gehalten hast, „Lichtenberg – ein verhinderter Cartoonist“, zu finden sind. Exemplarisch taucht hier hinter dem Witzbold Robert der Künstler und Könner auf, dem es gelingt, mit zeichnerischen und verbalen Mitteln, den größten Aphoristiker deutscher Sprache noch zu verdichten. Über Jahre hast Du den klugen Köpfen hinter der FAZ mit diesen Sudelblättern etwas wöchentlich zu lachen gegeben, über das sie hätten auch nachdenken können. „Wir machen jetzt ein Heft text und kritik über Robert Gernhardt“, sagte mir HLA nach der ersten Flasche knochentrockenen Weißweins 1992, „und Du schreibst einen Beitrag über Gernhardts Sudelblätter!“ Dieses Denkmal der Literaturwissenschaft für Dich erschien dann 1997 – ohne meinen Beitrag. Mir ging es bei Deinen Sudelblättern wie Dir beim Agamemnonaphorismus, den Du auch nicht gezeichnet hast. Wenn etwas so dicht ist, für sich selbst spricht – bedarf es weder der Illustration noch des Kommentars. Deine künstlerische Perfektion in Wort und Bild hat mich zum Schweigen gebracht. Das wollte ich Dir doch einmal geschrieben haben …

Noch ein Wort zu meinem neuen Lieblingsbuch von Dir: Herz in Not. Es kennt keine Bilder, es braucht auch keine. Bis dahin war mein Gernhardt-Favorit: „Die Blusen des Böhmen“, mit dem Du 1977 einem, der „Die Blumen des Bösen“ genau gelesen hatte, vorführtest, was für lyrische Bücher man heute noch machen kann – nicht nur schreiben, zeichnen, Bilder, Cartoons – eben alles , was Du kannst, ein Gernhardtsches Gesamtkunstwerk. Aber in „Herz in Not“ kommt Deine größte Qualität pur zum Vorschein – der rettende Witz, der ein homerisches Gelächter in der Gegenwart auslösen kann. Du erwischst einen in dem Moment, in dem der Tod die Wahrnehmung aufzufressen beginnt. Im bitteren Ernst einer ohnmächtigen Lage zwingst Du Deinen Leser zum Lachen. Ich musste wohl erst einen Katheter in mir gespürt haben, um zu verstehen, was Du da im Angesicht eines versagenden Herzens zustande gebracht hast. Was klein, unscheinbar und reimlos daherkommt, ist große Literatur. Mein Glückwunsch.

Detlev Claussen schreibt seit seinem ersten Herzinfarkt 2008 an einem Essayband „Corazón espinado. 12 Briefe an Robert“.

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erstellt am 12.12.2012

Zeichnung von Robert Gernardt

Er wunderte sich, daß den Katzen gerade an der Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten wären, wo sie die Augen hätten.

Zeichnung von Robert Gernardt

Wenn er eine Rezension verfertigt, habe ich mir sagen lassen, soll er allemal die heftigsten Erektionen haben.

Zeichnung von Robert Gernhardt

Wer weiß ob nicht Sokrates, wenn er jetzt in Frankfurt wäre, mit an der gelehrten Zeitung arbeitete.

Zeichnungen von Robert Gernhardt © Almut Gehebe-Gernhardt