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Operkritik

Töriger Herr

Achim Freyers „Siegfried“ am Nationaltheater Mannheim

Von Thomas Rothschild

Der ironische Blick auf den Superman Siegfried ist seit dem aufgeblähten Germanenkult der Nationalsozialisten in Deutschland eher die Regel als die Ausnahme. Achim Freyer, der für den ursprünglich vorgesehenen Christof Nel eingesprungen ist, huldigt auch in seinem „Mannheimer Ring“, der inzwischen beim vorletzten Teil angekommen ist, dem Clownstheater, für das er seit je eine Schwäche hat, die sich als Stärke erweist. Er nimmt Brünnhilde beim Wort, wenn diese Siegfried ein „wonniges Kind“ nennt. „O kindischer Held! O herrlicher Knabe! Du hehrster Taten töriger Herr!“ singt Brünnhilde den Titelhelden an. Bei Freyer ist er Clown und naives Kind, ein tumber Tor, ein anderer Parzival zugleich – und siehe, das geht bis ins Detail auf: es erklärt den eigensinnigen Trotz gegenüber dem Adoptivvater Mime, die Furchtlosigkeit, die nichts anderes ist als mangelnder Einblick in drohende Gefahren, und schließlich die Initiation, das sexuelle „Erwachen“, denn nichts anderes ist ja die Rettung der flammenumhüllten Brünnhilde. Vom Aussehen her erinnert Freyers Siegfried eher an den „Wizard of Oz“ als an Fritz Langs „Nibelungen“.

Achim Freyer kommt bekanntlich wie Robert Wilson vom Bühnenbild her. Er hat, mehr noch als andere, jüngere Regisseure, eine ausgeprägte Handschrift – man kann es auch Personalstil nennen –, die dazu neigt, den vorgegebenen Text zu überlagern, sich zu verselbständigen. Freyer denkt buchstäblich „offensichtlich“ in Bilderfolgen. Sie haben ihre eigene Logik. Der Bühnen- und Kostümbildner und Regisseur in einer Person ordnet den berühmten wagnerschen Leitmotiven nicht Gesten zu, sondern führt seine Figuren, bestimmt deren Konstellation im Raum autonom. Aber gerade der Mannheimer Ring macht evident, wie sehr Freyers visuell bestimmte Auffassung Richard Wagner gerecht wird, auch wenn sie dem Zuschauer den Abschied von lieb gewonnenen Konventionen abverlangt. Jedes Detail ergibt „Sinn“, selbst wenn er nicht auf den ersten Blick zu entschlüsseln ist. Der mit einem Teddybär ans Bett gefesselte Siegfried in der langen Exposition wird retrospektiv zur Voraussetzung für die „Befreiung“, die im weiteren Verlauf folgt. Und Alberich, der schon im „Rheingold“ als Mischung von Julius Streicher und Adolf Hitler auftrat, ist mehr als ein Gag, als eine Zutat, auch wenn die Inszenierung als Ganze unmittelbare Anspielungen auf die jüngere Geschichte vermeidet.

Achim Freyer verdoppelt zeitweise die Figuren durch Tänzer oder durch Puppen, betont ihre Typenhaftigkeit. Psychologie ist nicht sein Ding. Damit zollt er dem märchenhaften Element des Stoffes Respekt. Ein Fafner, der zugleich Riese und Lindwurm ist, bedarf keiner Erklärung. Er gehört in diese Welt wie die Zwerge, denen es um Geld und Macht geht. Dass sie damit einem Grundzug unserer Gesellschaft entsprechen – geschenkt. Freyer verheimlicht es nicht, aber er vertraut der Intelligenz eines Publikums, das dies auch ohne besonderen Hinweis erkennt.

Musikalisch beeindruckt vor allen anderen Jürgen Müller als Siegfried durch seine kräftige, stets intonationssichere Stimme. Antje Bitterlich, die bei der Premiere die Partie des Waldvögeleins tirilierte, als spräche sie tatsächlich die Sprache der Vögel, die nur Siegfried versteht, wird diese Rolle leider nicht in allen Vorstellungen singen. Das Orchester des Nationaltheaters Mannheim unter seinem Dirigenten Dan Ettinger nimmt die Herausforderung mutig an, ist ihr aber nicht immer gewachsen. Die Konturen bleiben oft unscharf, die Einsätze unpräzise, die Blechbläser scheinen durch Wagner überfordert. In diesem Zusammenhang wird einmal mehr deutlich, was für ein kulturpolitisches Verbrechen es bedeutet, wenn der SWR ein Spitzenorchester einspart. Es kann gar nicht genug Orchester im Land geben, wenn sich unter ihnen einige im Weltformat profilieren sollen. Die beiden Rundfunkorchester des SWR hatten unter anderem die Funktion, Standards zu definieren. Auch für Mannheim. Aus den beiden Orchestern wird jetzt eines. Schande über jene, die das zu verantworten haben. Einen Siegfried ihnen an den Hals, der da sagt: „beim Genick möcht' ich den Nicker packen, den Garaus geben dem garst'gen Zwicker!“

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erstellt am 11.12.2012

Richard Wagner
Siegfried
Musikalische Leitung: Dan Ettinger

Inszenierung/Bühne/Kostüme/Lichtkonzept: Achim Freyer

Dramaturgie: Tilman Hecker
Mitarbeit Regie: Sebastian Bauer / Tilman Hecker

Mitarbeit Bühne/Kostüme: Petra Weikert

Licht: Sebastian Alphons

Nationaltheater Mannheim

Kompletter Ringaufführungen 2013:
22. Mai, 25. Mai, 31. Mai, 2. Juni // 7. Juni, 8. Juni, 14. Juni, 16. Juni, // 28. Juni, 30. Juni, 4. Juli, 7. Juli