Nach einem Motorradunfall muss Klaus neu Leben lernen. Mühsam gelingt es ihm, nicht nur drei, sondern sieben Worte zusammenhängend auszusprechen. Wie viel mehr Spielraum diese feine Differenz bedeutet, beschreibt die Autorin Maria Knissel, die der Darmstädter Textwerkstatt angehört, in ihrem Roman »Drei Worte auf einmal«. Alltagsnah zeichnet sie die Schock-Wende nach, die die ganze Familie erfasst. Mit Maria Knissel sprach Eric Giebel.

Gespräch mit Maria Knissel

»Rumsitzen-ist-scheiße«

Eric Giebel: Du schilderst in „Drei Worte auf einmal“ das Leben der vierköpfigen Familie Kemper. Klaus, der ältere der beiden Brüder wird durch einen Motorradunfall zum Pflegefall. Was ist Dein Eindruck, zerbricht die Familie unter dieser Last oder behält die Familiensolidarität trotz Fassungs- und Sprachlosigkeit die Oberhand?

Maria Knissel: Beides ist der Fall. Die Familie hat mit Klaus, der nach dem Unfall geistig und körperlich schwer behindert ist, einen Schutzbefohlenen. Die Verantwortung für ihn ist der gemeinsame Nenner, an dem keiner rüttelt, weder die Eltern noch Chris, der jüngere Sohn und Ich-Erzähler. Das Problem ist, dass daneben kein anderes Thema mehr Platz hat. Natürlich hat auch Chris als pubertierender Jugendlicher Bedürfnisse, aber er wird damit allein gelassen. Sie sind nicht wichtig, ebenso wenig, wie die Eltern ihre eigenen Bedürfnisse wichtig nehmen. Dazu kommt die Sprachlosigkeit, die du ansprichst und die ein zentrales Thema des Romans ist. Sie führt dazu, dass trotz des durch den Unfall verursachten – man könnte auch sagen, erzwungenen – Zusammenhalts dieser Familie jeder für sich und auf seine Weise vereinsamt. Auch Klaus übrigens, er vielleicht sogar zunächst am meisten, denn er ist ja tatsächlich der Möglichkeit beraubt, sich verbal mitzuteilen. Aber später findet Chris andere Formen der Kommunikation und geht damit auf seinen Bruder zu. Die beiden nähern sich auf einzigartige Weise wieder an, lernen sich neu kennen und lieben. Und erst das fühlt sich für Chris wieder an wie Familie.

Chris schießt als rechter Außenverteidiger beim Sonntagsspiel gegen „Opel“ den Siegtreffer. Er ist berauscht vom Erfolg und wünscht sich die Anerkennung seiner Eltern. „Alle Achtung!“ und „Toll!“ sagen sie. Und: „Ziehst du dich um? Wir müssen los.“ Chris sieht seinen Bruder zum ersten Mal seit dem Unfall. Was ändert sich an diesem Tag zwischen den beiden Brüdern?

Chris denkt, es wird ein schöner Tag: Erst ein Fußballspiel, dann wird er seinen Bruder wiedersehen, acht Wochen nach dem Unfall, endlich. Der Leser ahnt schon, dass das nicht gut gehen kann, weil Chris sich völlig falsche Vorstellungen über den Zustand seines Bruders macht. Und tatsächlich erkennt Chris Klaus zunächst nicht, denn der ist abgemagert und kahlrasiert, die Augen starren leer an die Decke. Chris rennt weg, will nicht wahrhaben, dass dieses dürre Gespenst sein großer Bruder sein soll. Erst Wochen später wagt er erneut, ihm zu begegnen, und nun vermag er ihn auch schon anders zu sehen. Ein neues Band beginnt sich zwischen den beiden zu knüpfen, noch sehr zart und verletzlich. Chris beschließt an dem Tag, nie mehr vor seinem Bruder zu weinen. Er hat das Gefühl, dass er nun der Starke sein muss. Das wird ihn über die Jahrzehnte viel Kraft kosten – mehr, als er hat.

Nur in guten Momenten gelingt es Klaus, seine Sprache zu nutzen. Einem unerwarteten Dreiwort-Satz lässt Klaus Jahre später bei der Fahrradtour der beiden Brüder einen langen Satz folgen, der zu seinem Vermächtnis wird: „In-Gedanken-war-ich-schon-viel-weiter!“ Was lässt sich aus Deiner Sicht in sieben Worten sagen?

Der Roman „Drei Worte auf einmal” beruht auf „wahren” Erlebnissen, nämlich denen des Rüsselsheimer Saxofonisten Stephan Völker und seines Bruders Klaus. Alle Worte und Sätze, die Klaus im Roman sagt, hat der „echte” Klaus wirklich benutzt, und ich finde sie in ihrer Prägnanz absolut beeindruckend. Da bringt jemand, der kaum Sprache zur Verfügung hat, die Dinge auf den Punkt. „Rumsitzen-ist-scheiße” ist einer der ersten Sätze, die Klaus sagt – nach zehn Jahren im Rollstuhl! Drei Worte stehen aber noch für etwas ganz anderes, nämlich für „Ich liebe dich”. Auch nur drei Worte, aber trotzdem schafft es in dieser Familie im Roman niemand, sie auszusprechen, selbst der Vater auf dem Sterbebett nicht. Gefühle zu äußern ist für die nicht-behinderten Familienmitglieder schwerer, als es für Klaus ist, überhaupt etwas zu formulieren. Klaus' sieben Worte am Ende des Romans zeigen die Diskrepanz zwischen dem, was in ihm vorgeht, und dem, was er äußern kann. Da ist viel Platz für Fantasie. Was man sonst noch in sieben Worten sagen kann? Zum Beispiel: Schwierige Frage, stell mir bitte die nächste.

Du hast mithilfe Deiner Nebenfigur Hanne ein Stück Medizingeschichte beleuchtet, genauer gesagt: die Neurologie und die Neurorehabilitation. Ändert sich gerade das Verständnis für Menschen mit einem apallischen Syndrom und was kann Dein Buch zu diesem Wertewandel beitragen?

1977, zu Beginn der Geschichte, war die Intensivmedizin im Kommen. Aber es gab noch kaum Ideen, wie man mit diesen Menschen umgehen sollte, die man von der Straße aufkratzte und ins Leben zurückholte. Rehabilitationseinrichtungen gab es nicht, nur furchtbare Pflegeheime, in denen die Menschen im Wachkoma dahinvegetierten, weil man glaubte, dass sie ohnehin nichts mitbekämen. Das hat sich heute tief gehend geändert, auch wenn es länger gedauert hat, als es hätte dauern müssen. In „Drei Worte auf einmal“ geht es aber noch um ein anderes Thema, das viele Menschen in unserer Gesellschaft betrifft, aber noch kaum literarisch bearbeitet worden ist: das Drama von Menschen, die mit behinderten Geschwistern aufwachsen, ihre Nöte, ihren Schmerz, ihre Schuldgefühle.
Allerdings hatte ich beim Schreiben von „Drei Worte auf einmal“ nie ein didaktisches Ziel im Sinn. Bei meinen Lesungen, die ich oft zusammen mit Stephan Völker gestalte – er spielt Stücke auf dem Saxofon und erzählt vom Leben mit seinem Bruder –, spüre ich aber, dass dieses Buch doch einiges bewegt: Die Leute sind bereit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und bekommen vielleicht einen anderen Blick auf sogenannte Behinderte. Und darüber freue ich mich!

EG: „Drei Worte auf einmal“ ist nach „Der Klarinettist“ (Wiesenburg-Verlag 2007) Dein zweiter Roman. In beiden Werken spielen Musiker eine Hauptrolle. Was haben der Klarinettist Maksim und der Saxophonist Chris gemeinsam?

Der Klarinettist Maksim ist, wie Kurt Drawert es auf dem Buchrücken beschreibt, „mehr vom Schicksal getrieben und gezeichnet, als sich selbst eines gestaltend.“ Das trifft zunächst auch auf Chris zu. Aber Chris nimmt sein Schicksal gegen alle Widerstände selbst in die Hand – und das seines Bruders.
Gemeinsam ist Maksim und Chris auch, dass sie in der Musik eine Möglichkeit finden, ihren Schmerz auszuhalten. Aber während Maksim am Ende seine Klarinette nicht mehr anrührt, beginnt Chris endlich, Stücke zu komponieren, seine eigene Musik zu spielen.

Du bist Mitglied der Darmstädter Textwerkstatt bei Kurt Drawert und Martina Weber. Was hat Dir die Kritik an fremden und eigenen Texten, das Sprechen über Handwerk und Inspiration für Dein Schreiben gebracht?

Wir treffen uns in der Textwerkstatt jeden Monat und besprechen jeweils Texte von zwei Teilnehmern. Die eigenen Texte dieser konstruktiven Kritik auszusetzen, ist sehr hilfreich. Auch die Auseinandersetzung mit den Texten von Anderen schärft den Blick für das Potenzial und die Schwächen eines Textes. Ich als reine Prosaautorin finde es zudem interessant und inspirierend, mich auch mal mit Lyrik zu befassen.

Darüber hinaus halte ich für uns Autoren, die wir die meiste Zeit einsam vor unseren Computern sitzen, den kollegialen Austausch und vertrauensvolles, nicht von Missgunst und Konkurrenzgedanken geprägtes Miteinander für sehr wichtig. Es ist schön, gemeinsam mit den anderen Mitgliedern zu wachsen, sich weiterzuentwickeln und sich gegenseitig zu unterstützen.

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erstellt am 09.12.2012

Maria Knissel

2007 veröffentlichte Maria Knissel ihren ersten Roman „Der Klarinettist”. 2010 erhielt sie für ihre Arbeit an dem Roman „Drei Worte auf einmal” ein Stipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Seit 2004 gehört sie der Darmstädter Textwerkstatt im Zentrum für junge Literatur unter der Leitung des Schriftstellers Kurt Drawert und der Lyrikerin Martina Weber an.

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