Der kolumbianische Autor Tomás Gonzáles hat in seinem neuen Roman „Das spröde Licht“ eine Situation tiefsten seelischen Schmerzes eindrucksvoll nachvollzogen. Zwar hat er als Vater nicht selbst ein mit dem Tod ringendes, eigenes Kind erlebt, dennoch konnte Ruthard Stäblein im Gespräch mit dem Autor autobiographische Bezüge sichtbar machen.

Tomás Gonzáles, Foto: Markus Schulze-Kraft
Tomás Gonzáles, Foto: Markus Schulze-Kraft
Gespräch mit Tomás González

Das spröde Licht

Wieviel Autobiografisches steckt in der Figur des David und in der Geschichte, die in „Das spröde Licht“ erzählt wird?

David ist eine Figur, die sich im Lauf der Jahre in meiner Literatur entwickelt hat. Er kommt schon, ohne beim Namen genannt zu werden, in meinem ersten Roman vor, „Am Anfang war das Meer“ [er ist der Verfasser des Briefs in Kapitel 19; Anm. d. Ü.] und taucht später in verschiedenen Umständen und in unterschiedlichem Alter in fast allen meinen weiteren Büchern auf. Mit ihm habe ich eine Art Selbstportät geschaffen. In „Das spröde Licht“ ist David ein alter Mann, und indem ich ihn so dargestellt habe, habe ich versucht, mir mein eigenes Alter vorzustellen, obwohl es zwischen David und mir große Unterschiede gibt. Schon lange hatte ich die Idee, von mir A portrait of the artist as an old man zu machen – und immer dachte ich, David würde im Alter in einem Apartment in Coney Island leben, aber dann ist daraus ein großes Haus in einem kolumbianischen Dorf geworden.

„Das spröde Licht“ ist autobiografisch insofern, als alle materiellen Umstände in New York und La Mesa/Cachipay Teile meines eigenen Lebens sind. Das Apartment in New York ist mein Apartment, Cristóbal ist mein Kater, Sara hat große Ähnlichkeit mit meiner Frau Dora, und mein Sohn Lucas ist Davids drei Söhnen ähnlich. Auch ich bin diesen Weg von New York nach Cachipay gegangen, und auch meine Gedanken wandern dauernd von dem einen Ort zum anderen.

Und obwohl der Roman nicht autobiografisch in Bezug auf Jacobos Tragödie ist – denn glücklicherweise habe ich nicht durch das Fegefeuer gehen müssen, einen Sohn auf diese Art leiden zu sehen –, habe ich das in dem Buch geschilderte seelische Leiden selbst durchgemacht. Wir Menschen kommen alle einmal in eine Situation äußerster Niedergeschlagenheit und Traurigkeit, und eine solche Situation tiefsten seelischen Schmerzes, die ich selbst erlebt habe, habe ich im Leiden Davids wiederzugeben versucht.

Was bedeutet es für einen Künstler, eine so lange Zeit (19 Jahre) im Exil zu leben?

Die härtesten Jahre des Exils waren für mich die ersten drei, in Miami. Nachdem ich mich in New York eingelebt hatte, habe ich mich nicht mehr so fern der Heimat gefühlt. Tatsächlich habe ich New York nicht mehr als ein Exil empfunden. Allerdings habe ich nie aufgehört, mich nach der Vegetation in Kolumbien zu sehnen, nach seinen Bergen, und diese Sehnsucht hat mich dazu gedrängt, in meinen Büchern, von meiner Wohnung in New York aus, diese Vegetation und diese Berge nachzubilden. Die sogenannte Distanz des Exils hat mich die Schönheit meines Landes deutlicher sehen lassen.

Können Sie den Titel des Buchs erklären? „Das spröde Licht“. Worin liegt die Sprödheit des Lichts, das der Maler David sucht?

Der Titel funktioniert auf mehreren Ebenen. Auf der konkretesten Ebene bezieht er sich auf die künstlerische Suche eines bestimmten Farbtons auf dem Gemälde, das David malt: das Licht des Meerwassers, das von der Schraube des Fährschiffs von Staten Island durchgewirbelt wird. Diese künstlerische Suche ist zugleich eine Metapher der Suche nach dem Licht, die der im Alter langsam erblindende Maler erlebt – in diesem Fall hat das Licht einen fast mystischen Charakter. Und schließlich bezieht sich der Titel natürlich auf das Licht, zu dem man gelangt, wenn die Dunkelheit des Leidens überwunden ist. Auf allen diesen Ebenen ist das Licht schwer zu packen, es entzieht sich David, es ist spröde.

Worin besteht die tiefere Bedeutung des Leidens in Ihrem Roman?

Im Roman gibt es das Leiden des Sohns Jacobo und das Leiden des Vaters David. Mein eigentliches Anliegen ist die Frage, und sie geht über die dargestellten Figuren hinaus, wie ein Mensch das Leiden überwinden konnte und wieder zur Lebensfreude zurückfand. Dieses Thema wird in einem Vers von Hermann Hesse wunderbar benannt mit den Worten „Und lächeln lernt der Schmerz.“ Besser kann man es eigentlich nicht sagen.

Das Gespräch führte Ruthard Stäblein
Übersetzung: Peter Schulze-Kraft

Siehe auch:
Anita DJAFARIs Buchtipp_6

Kommentare


Peter Schultze-Kraft - ( 26-12-2012 05:16:34 )
Ich bin, zusammen mit meinem Bruder Rainer, der Übersetzer des Buchs und darf eigentlich keinen Kommentar in dieser Diskussion abgeben. Aber ich möchte doch sagen, daß Ruthard Stäblein das Wesentliche dieses Romans, seine Schönheit und seine Botschaft erkannt hat und daß er durch seine intelligenten Fragen dazu beigetragen hat, daß auch ein Außenstehender die Bedeutung dieses Buchs erahnen kann. Das ist dem Rezensenten der NZZ zum Beispiel nicht gelungen, der nur die Beschreibung des Schmerzes gelobt hat, aber kein Wort darüber verlor, daß es dem Autor eigentlich darum ging, die Überwindung des Schmerzes zu zeigen. "Das spröde Licht" ist letztlich kein bedrückendes, sondern ein befreiendes, ein erlösendes Buch.

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erstellt am 08.12.2012

Tomás González
Das spröde Licht
Roman
Hardcover
Aus dem Spanischen von Rainer Schultze-Kraft und Peter Schultze-Kraft
ISBN: 978-3-10-026605-7
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Anita DJAFARIs Buchtipp_6