Die Gedichte von Jeffrey Yang sind mehr als Lyrik. Sie sind eine poetische Wanderung durch Zeit und Raum. Yang versetzt seine Leser in ein Zauberkabinett, das mit merkwürdigen Schlüsseltexten angefüllt ist, die zu erschließen man sich aufgefordert sieht, – um in neue rätselhafte Gefilde zu gelangen. Für Faust-Kultur sprach Clair Lüdenbach mit dem Dichter.

Interview mit Jeffrey Yang

Musik in den Worten

Sind Sie Taucher?

Ich wuchs in Südkalifornien auf, etwa 30 Minuten vom Pazifik entfernt. Ich habe immer in der Nähe des Meeres gelebt. Dann studierte ich an der Universität Meeresbiologie, Biologie und Literaturästhetik. Ich arbeitete in einem Labor für Meeresbiologie und eigentlich auch einige Jahre in einem Aquarium.
Erst Jahre später kam mir die Idee für das Buch. Der Samen wurde sehr früh gelegt. Ich hatte Interesse an Tieren, am Bestiarium, und das mündete dann in dieses Buch.

Warum Fische? Oder war das eher Zufall?

Nein, kein Zufall. Einerseits durch mein Interesse am ozeanischen Leben. Andererseits gab es diese lange Bestiarium-Tradition aus dem Mittelalter. Dabei handelt es sich vorwiegend um Landtiere, aber es gibt aus früherer Zeit sehr alte Bestiarien. So weit ich weiß, hat das niemand über das ozeanische Leben gemacht. Dabei bedeckt der Ozean den größten Teil unserer Erde. (lacht) Das brachte mich auf die Idee.

Sie arbeiten in Ihren Gedichten nicht mit Rhythmus. Ist das Absicht, oder haben Sie daran kein Interesse?

Oh, ganz sicher arbeite ich mit bestimmten Arten von Rhythmus in Lyrik, jedenfalls glaube ich das. Aber ich arbeite nicht im traditionellen, A, B, A, B – dieser Art von Formwiederholungen. Ich arbeite aber – so glaube ich – mit einer anderen Art von Rhythmen in diesem Buch und in den jeweiligen Gedichten, die sich danach richten, wie die Zeilen gebrochen sind und wie der Atem strömt. Das alles ist sehr wichtig. Die Musik ist mir sehr wichtig.

Was ist Ihre Vorstellung von Musik in einem Gedicht?

Da muss ich etwas ausholen. Poesie und Musik waren von Anfang an ineinander verwoben. Es gab Zeiten, wo die Dichtung sich von Musik entfernte und wieder zu ihr zurückkehrte. Eine Zeit, in der sie wirklich zurückkehrte – ich spreche jetzt von amerikanischer Lyrik- war im 20. Jahrhundert mit Ezra Pound und Basil Bunting. Es geht noch weiter zurück zu Whitman und Emily Dickinson. Für mich ist in einem Gedicht Musik essentiell. Sie ist für mich etwas Subtileres als in der Musik mit einem strengen Zeitsignal. Aber die Einflüsse von all dem sind da und für mich wichtig. Auch wenn bei einem ersten Lesen oder Zuhören jemand nicht alles versteht, will ich, dass es gut klingt, dass die Musik in den Worten ist.

Sie sprechen von Seetieren, antiken Philosophen, asiatischen Göttern, Ureinwohnern. Wollen Sie mit Vergangenem die Gegenwart erklären?

Ja, das ist eine Möglichkeit der Wahrnehmung. Aber es geht auch darum, wie die Vergangenheit immer ein Teil unserer Gegenwart ist. Ganz gleich, ob in der Mythologie, der Geschichte, einer neueren Wissenschaft, der Anthropologie, und auch die wissenschaftliche Sprache, die anklingt, ist ein akkumulatives Wissen, das wir seit langer Zeit haben. Und das geht zu den Anfängen der Sprache zurück. Es entspricht wirklich meiner Vorstellung, dass die Gegenwart von der Vergangenheit durchsetzt ist. Deshalb sind wir in der Lage, uns weiter zu entwickeln.

Sie hätten sich ebenso mit der jüngeren Vergangenheit verbinden können, aber sie gingen viel weiter zurück.

Lacht – Ja, ich bin weit zurück gegangen, denn ich liebe die antike Geschichte und Philosophie. Und diese volkstümlichen Geschichten und all das. Aber, auch zeitgenössische Philosophen und Philosophien klingen an.

Was brauchen Sie, um Gedichte zu schreiben?

Ruhe ist mir sehr wichtig, um Gedichte schreiben zu können. Ganz gleich, ob es eine geistige Stille ist, aber Musik läuft. Ich glaube, Stille und eine Offenheit, das ist der Zustand, der für mich am besten funktioniert. Ganz ähnlich wie, wenn man liest, – diese Art der Aufmerksamkeit.

Können Sie genauer erklären, was „Offenheit“ für sie bedeutet?

Ich versuche, regelmäßig zu schreiben, ganz gleich, ob ich das behalte, was ich in diesem Moment schreibe. Offenheit heißt, sich an einem Ort der Stille und Ruhe aufzuhalten und dann zu hören, was das Gedicht sagen will. Ich weiß, es klingt irgendwie mystisch …(lacht) …Die Stimme eines Gedichts, das hat auch etwas Geheimnisvolles. In Verbindung mit diesem Buch und jedem einzelnen dieser Gedichte, wenn ich über einen Schwamm schreiben wollte, dann war da schon ein Körnchen einer Idee oder einer Phrase, einer Art musikalischer Phrase, mit der ich begann. Dann gab es eine Offenheit gegenüber der Sprache, wie sie auf andere Dinge deutete, denen folgte ich, um sie dann in Zusammenhang zu bringen. Zunächst im jeweiligen Gedicht und dann im ganzen Buch.

Ist es die Stille, die eine Idee auslöst, oder die Idee, die Sie nach Stille suchen lässt?

Ich glaube, es ist beides und es kann sich überschneiden. Ideen habe ich überall, und dann versuche ich, sie aufzuschreiben. Wenn ich dann Stille und Ruhe finde, dann gehe ich zurück zu dem, was ich mir aufgeschrieben habe. Manchmal passiert es, wenn ich schon an etwas sitze. Das meine ich mit Offenheit. Wenn ich kein Papier und Stift dabei haben, dann geht es fort und verschwindet. (lacht) Dieses Korn geht verloren.

In Ihrem Orca-Gedicht gibt es einen Satz über die Tlingit, den ich nicht entschlüsseln konnte. Wie ist da die Verbindung? Wenn man den Satz fortlässt, macht das Gedicht ebenso Sinn.

Die Zeile, die Sie meinen, ist: „Die Tlingit sind auch matrilinear“. Und das sind auch die Orca. Das ist die Verbindung. Es gibt Gedichte, die wie Kinderreime sind, und manche sind sehr viel dichter geformt, mit verschiedenen Ebenen von Sprache und Geschichte. Meine Hoffnung ist, dass die Musik der einzelnen Zeilen es tragen. Aber ich hoffe auch, das Leute, die das lesen, neugierig sind. Meine Liebe, Gedichte zu schreiben, kommt vom Lesen. Gedichte waren für mich immer der Zugang zu anderen Büchern und Wissenschaften, die man verbinden kann. Sie könnten mit allem in Verbindung stehen, auch mit der Mathematik. Es ist ein interdisziplinäres Abenteuer.

Ich dachte schon Sie wären ein Mastermind..

(lacht schallend) Nein. Als ich anfing, gab es Tiere, mit denen ich vielleicht vertrauter war. Oder ich hatte eine spezifische Idee, in welche Richtung sich das Gedicht entwickeln sollte. Dann lösten Tiere oder Personen oder Dinge beim Schreiben eines Gedichts etwas aus, so dass etwas anderes entstand. Vielleicht wusste ich über die einzelnen Dinge nicht genug, und ich habe nachgeschaut. Und dann habe ich versucht, alles miteinander und dem Buch in Einklang zu bringen.

Ihr Buch endet mit einem Long Song – Langgedicht – einem dramatisches Gedicht. War das dramaturgisch beabsichtigt? Gibt das einen Ausblick auf ihr weiteres Schreiben?

Es ist interessant, dass Sie das sagen. Dieses Buch kam 2008 heraus. Und es gibt ein neues Buch. Darin gibt es längere Gedichte. Aber ich habe nicht daran gedacht, denn mein jüngstes Buch „Vanishing Lines“ habe ich schon früher begonnen. Dann blieb ich hängen und habe es zur Seite gelegt, deshalb habe ich viel länger daran geschrieben. Ja, Sie haben recht, das passiert, wenn der Zufall nett zu einem ist, indem das Gedicht „Z“ diesen Bogen schlägt und viele einzelne Fäden des Buches zusammenkommen. Es beginnt mit poetischen Zeilen und sehr bewussten Zeilenumbrüchen mit den Rhythmen, aber dann erweitert es sich zu einem Block in Prosa. Es gibt verschiedene Gründe dafür. Für mich hat es sich so ergeben. Ich mag Ihre Bezeichnung „Longsong“. Es hat die Atomtests der Amerikaner im Pazifik zum Inhalt. Das wurde als eine große Tragödie gesehen.

Aber wunderbar, wie Sie es mit Ökosystem der Korallen verbunden haben.

Ja, das war der große dramatische Punkt, auf den es hinauslief. Aber um zur Prosa zurückzukommen: Es verändert sich ganz langsam und wird zu Prosa. Für mich ist es auch eine schleichende Zerstörung der poetischen Zeilen in irgendwas anderes und zur Prosa. Das ist auch etwas, was ich darstellen wollte.

Brauchen Sie Entbehrungen oder Trauer, um schreiben zu können?

Es geht nicht um Fröhlichkeit oder Trauer. Aber es gibt ganz sicherlich eine Anspannung. Und vielleicht ist es diese Anspannung, die ein Gedicht auslöst. Es gibt auch Millionen Gedichte über Glück, Heiterkeit, Liebe etc. Das ist auch ein Teil dieses Buches. Aber es ist auch einfach die Realität der Dinge, und Gedichte sind ein Teil dieser Realität. Das Material ist die Realität, und die schließt elegische, traurige Dinge ein. Das alles macht das Material aus, und das macht das Gedicht möglich.

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erstellt am 08.12.2012

Yeffrey Yang

Jeffrey Yang, geboren 1974 in Kalifornien, ist Dichter, Übersetzer aus dem Chinesischen – darunter Liu Xiaobo, Bei Dao und Su Shi – und Lektor in den Verlagen New Directions und NYRB Classics. Für »Ein Aquarium«, seinen ersten Gedichtband, wurde er mit dem PEN/Osterweil Award for Poetry ausgezeichnet. Yang lebt in Beacon, New York.

Yeffrey Yang liest:

Aal

Aale sind schleimige Kreaturen.
Aber keine Lügner. Verstell
dich nicht – sie spüren’s und beißen
dir den Finger ab. Achte genau
auf Politiker und ihre Hände.

Orca

Chinesen nennen Orcas „Tiger-
Wale“; Plinius verglich sie mit
Kriegsschiffen; in einem Yuukara Lied der Saru
Ainu heißt es: „Mörderwal, Gott des Meeres,
bitte bring mir mehr als eineinhalb
Wale jedes Jahr. Dann gebe ich
dir gern meine liebliche Tochter zur Braut.“
Das Orcabild hoch in der Nazca-Wüste.
Auch die Tlingit sind matrilinear. Taxonomisch
ist der Orca ein Wal im Delfin im Wal.
Und nicht bekannt als Menschjäger –
es sei den, er hat gechlorte Zirkustricks zu
zeigen; dann allerdings stirbt er jung.

Venusmuschel

Venusmuschel Narragasett poquaûhock
verschlossen diente sie dem Volk
am Schmalen Ort als Wampum,
Suckauhock weindunkle Ornamente.
Pelag mit Queequeg verwechselt.
Lies ihre Ringe wie die Ringe
eines Baumes. Metacomet fiel
im Sumpf von Assowamset – Frau und Sohn
als Sklaven verkauft. Unterdessen
sprachen die Missionare: Wáme pitch
chíckauta mittaùke. Bald schon wird
die Welt verbrennen.

Gedichte aus »Aquarium«, übersetzt von Beatrice Faßbender, © Berenberg Verlag
Audios © Clair Lüdenbach, Faust-Kultur

»Ein Aquarium« wurde auf die HOTLIST 2012 gewählt und damit als eines der zehn besten Bücher des Jahres aus unabhängigen Verlagen ausgezeichnet.

Jeffrey Yang
Ein Aquarium
Gedichte
Übersetzt von Beatrice Faßbender
Berenberg Verlag, Berlin 2012
ISBN 978-3-937834-57-3

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