Textauszug

Luiz Ruffato: Es waren viele Pferde

6. Mutter

Die Alte, verhärmt, eingezwängt in den Sitz Nummer 3 im Bus Garanhuns-São Paulo schläft nicht, seit achtundvierzig Stunden schon nicht, Schwebezustand, schnell wie der Bus, Mein Gott, wieso rast der so?, die Gespräche des Fahrers mit den unterwegs vom Asphalt aufgelesenen Kollegen, Mein Gott, der schaut gar nicht auf die Straße!, schicksalsergeben, hoffentlich ist die Fahrt bald zu Ende, betet sie kopfschaukelnd, nicht einmal zur Toilette kann sie, und würde sie es bis zur stinkenden Kabine am Ende des Ganges schaffen, es würde nicht gehen, so sehr sie die Blase auch drückt, ihre Gedärme in Aufruhr, Mein Gott!, erst in den Pausen kann sie sich erleichtern, wenn die Schaukelei aufgehört hat, Und nun? Sind wir bald da? Geduld, Oma!, Es dauert noch, schlechte Luft, verschlossene Fenster, schwitzendes Glas, auf dem Boden Papier von Bonbons, Keksen, Servietten, Tüten, Eisstängel, Pappbecher, Plastikflaschen, Maismehlkekskrümel, Brotkrümel, Maisbrotkrümel, Mehl, Essensreste, eine gehäkelte Babysocke, Tag und Nacht, Und manche können dabei noch schlafen, mein Gott, was für ein Krokodilmaul, wie die schnarcht, wie die sabbert, wie sonst was?, Landschaften vermengen sich, riiiiesige Städte, Kleinstädte, und plötzlich,
zack!, fertig.
Und
stacheldrahtzähne, feuerholz, gras, termitenhügel, kuhschädel, aasgeier, blauer himmel, schlangen, seriemas, strohschwanzschlüpfer, zuckervögel, vw-käfer, pferdewagen, pferde, ochsen, esel, maultiere, stiefel, sümpfe, dachbegrenzungen, ziegen, kuhscheiße, kakerlaken, vieh, bananenstauden, fahrräder, bäumchen, bäume, bäume, bäume,
der Motor brummt in den Ohren (zuuuuummmm)
Und
die steppe, die felder, zuckerrohr, rohre, der bach, der fluss, kleiner fluss, wasserlauf, wasser, die gerberei, leder, die hörner, der schädel, das hufeisen, dörrfleisch, salz, hunde, löffel, messer, gabel, gläser, teller, die hand, der gestank, die schornsteine, hunde, schweiß
achtung achtung achtung achtung achtung
schmerz, schmerzen, die gaben, die schmerzen, gebäude, der schornstein, der rauch, die zigarette, tabak, mehl, bohnen, das feuer, die feuer, der brand, hühner, die leute, die tore, fußballfelder, spieler, trikots, bunt auf der wäscheleine, der hut, ball, biene, wasserbehälter, die katzen, die hühner, die fenster, die jeeps, schlangen, die fenster, die fenster, geländer, die angst, pisse, die toten, die hügel, die berge, die toten, die hügel, die berge, die
Und
der Motor brummt im Gehörgang (zuuuummmm)
wolken, nacht, tiefe nacht, schippe, der fuß, der staub, haltestellen, pfade, steine steine steine, brücken, plantagen, ratten, kleider, sertão, trockenheit, sonne, die stille, der saft, die sonne die sonne die sonne die sonne, die angel, trockene erde, geier, umbubäume, geier, die ebenen, das grün, grau, die asche und der geruch
achtung achtung achtung achtung achtung achtung
weiße Kühe im Grün der Weide, unfruchtbare Wolken, die Wäsche an der Leine zum Trocknen, Dörrfleisch, Erde, Erde, Erde, Wein, grünheiß der Tag, kaltblau der Abend, die Nacht mit ihren staubigen Sternen, die Welt, große Welt, die kein Ende nimmt, Oma, bald sind wir, der Druck auf der Blase, die Bauchschmerzen, Rücken, Au!, Stufen, Ui!, die Beine, Au, Ui!, ohne Halt, Schau, Oma, die Lichter von São der Sohn, der So viele Jahre gewartet in Sampaulo überleben in Brejo Velho Ist erst zwei Mal wieder zu Hause gewesen, mein Gott, erst als Junggeselle, dann nur noch Fotos statt Briefen, die Arbeit, die Freundin-die-jetzt-seine-Frau-ist, beide zusammen, das klapprige Häuschen, die Enkel, fre uen uns se h r dic h am Muttertag b e i uns zu ha b e n wi r fre u e n uns schon a l le und kei n e Sorge ic h hole dic h am Busba hn hof a b Grüße a n a l le von die entzündete Blase, die verstopften Gedärme, was sagt dieser Blick ihres Sohnes?, ob er wohl glücklich ist auf der Arbeit, mit seiner Frau, ja, aber Au!, die Blase, der Bauch, der Rücken, Au!, die Stufen, Ui!, die Beine, Ai! Ui!, bloß nicht hinsetzen.
Am Busbahnhof steht sie und reibt sich die Hände.

Auszug mit freundlicher Genehmigung des Verlags Assoziation A, Hamburg 2012

GESRÄCH: Luiz Ruffato mit Michael Kegler

Siehe auch:
Lusophone Literatur

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erstellt am 08.12.2012