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Der Aufstieg des Autors Luiz Ruffato erscheint märchenhaft. Geboren im Hinterland Brasiliens, zählt er heute zu den wichtigsten Schriftstellern dieser aufstrebenden Wirtschaftsmacht. Auf einer Lesereise, die ihn von Berlin bis Wien führte, hat Ruffato sein soeben im Hamburger Assoziation A-Verlag auf Deutsch erschienenes Buch „Es waren viele Pferde“ vorgestellt. Gespräch und Lesung der Präsentation in Frankfurt wird, verbunden mit einer Einführung von Michael Kegler, auf Faust-Kultur dokumentiert. Der Beitrag ist Teil der Faust-Reihe über die zeitgenössische lusophone Literatur.

Reihe: Lusophone Literatur I

Luiz Ruffato – Unprätentiös aber verwegen

Von Michael Kegler

Der Sohn einer Waschfrau und eines Popcornverkäufers aus Cataguases im Hinterland des brasilianischen Bundesstaates Minas Gerais ist heute einer der wichtigsten Schriftsteller Brasiliens. Wenn er erzählt, wie es dazu kam, klingt das wie ein Märchen: Ein Mann spricht ihn an, als er seinem Vater am Popcornstand hilft, ermöglicht ihm den Besuch einer besseren Schule, wo er sich unter all den Mittelschichtkindern nicht wohlfühlte und in der Bibliothek verkroch, wo ihm die Bibliothekarin ein Buch in die Hand drückte. Wie in vielen Erfolgsstorys von Armeleute-Kindern nicht nur in Brasilien muss erst ein Gönner kommen, damit das Kind eine Chance bekommt. Traurige Realität, die man auch in Deutschland findet. Aus Schüchternheit habe er angefangen zu lesen, erzählt Ruffato. Und weil in den Büchern nie von den Leuten, die er kannte, den Nachbarn der Eltern, den Armen, den Arbeitern, der unteren Mittelschicht die Rede war, er sich in der bürgerlichen Literatur also nicht wiedererkannte, habe er irgendwann, als er längst Journalist war, selbst beschlossen zu schreiben.

Sein erster Roman „Es waren viele Pferde“ gilt heute, zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung, als ein Klassiker der brasilianischen Literatur, wird bisweilen in einem Atemzug mit Guimarães Rosa genannt, der in den Fünfzigern der gesprochenen Sprache Brasiliens zu literarischen Weihen verhalf, doch während der Diplomat Guimarães Rosa diese Sprache vom Zuhören kennt, sucht Ruffato nach einem literarischen Ausdruck, dem Tonfall seiner eigenen Leute. „Es waren viele Pferde“, sagt er, sei nur eine Fingerübung gewesen für sein eigentliches Romanprojekt „Die vorläufige Hölle“, in dem es in fünf Bänden um die Geschichte der Arbeiter, der brasilianischen Unterschicht geht. „Kleine Leute“ käme ihm dabei nie über die Lippen, die paternalistische Perspektive solcher Begriffe ist ihm bis heute fremd. Er ist kein Aufsteiger, sondern ein Arbeiter, wie er betont, einer, der Glück hatte und immer noch jeden Morgen erwacht mit der Angst, dieser Traum könne plötzlich zu Ende sein.

In diesem Bewusstsein schuf er nicht nur den Klassiker „Es waren viele Pferde“ und „Die vorläufige Hölle“, sondern eine Fülle von Erzählungen und Romanen, die immer mit dem Blick auf Individuen eine kollektive Geschichte erzählen, unprätentiös, aber verwegen im Ausdruck; auf den ersten Blick experimentell – aber nein: Wenn Ruffato ohne Punkt und Komma schreibt, blitzartig im Satz die Perspektive wechselt, Gedankenfetzen und Kleinanzeigen wie zufällig einflechtet, hat das System. Denn die Welt der „einfachen Leute“ ist komplex. Ruffato beobachtet und beschreibt sie mit der Stimme seiner Protagonisten. Er ist ein genauer, fast paranoider Chronist, dessen Sympathie überwältigend ist.

Noch eine Geschichte: Als Ruffato als junger Journalist aus der Provinz nach São Paulo kam, musste er mangels Geld einen Monat lang auf dem Busbahnhof übernachten. Der Wachmann, der ihn vertreiben sollte, tat dies nicht, weil Ruffato ihm freundlich erklärte, dass er nichts Böses im Sinn habe, nur irgendwo schlafen müsse. Daraufhin ließ ihn der Wachmann nicht nur in Ruhe, sondern stellte ihn unter seinen persönlichen Schutz. Später, als er eine Wohnung gefunden hatte, bedankte sich Ruffato dafür mit einem kleinen Geschenk. „Und, hast du Arbeit gefunden?“, fragte der Wachmann: „Ja“, sagte Ruffato, der gerade in der Redaktion einer großen Tageszeitung angefangen hatte, „in einem Büro“. „Ein Bürojob ist gut“, sagte der Wachmann daraufhin stolz, „ich wusste, dass du es schaffst“.

Luiz Ruffato und Michael Kegler, Foto: Andrea Pollmeier
Luiz Ruffato und Michael Kegler, Foto: Andrea Pollmeier
Gespräch mit Textauszug

Es waren viele Pferde

Michael Kegler:
„Es waren viele Pferde“ spielt in São Paulo. Der Autor Luiz Ruffato hat – zumindest auf den ersten Blick – nicht versucht, dem Buch einen roten Faden zu geben. Es besteht aus 69 Episoden sehr unterschiedlicher Art, von Zeitungsschnipseln, Heiligenbildchen, Kleinanzeigenseiten bis zu Szenen und Geschichten. Warum haben Sie einen Roman über eine Großstadt auf diese Art geschrieben?

Luiz Ruffato:
Für mich ist São Paulo eine Stadt, die nicht fassbar ist. Mir war von Anfang an klar, dass ein Buch, das von dieser Stadt handelt, kein Roman im traditionellen Sinne sein kann. Ich spürte, dass ich dieses Buch nur schreiben kann, wenn ich mich von einem naturalistischen Ansatz völlig entferne und versuche, mich der Stadt mit Hilfe der Poesie zu nähern. Mit dem Roman habe ich zu fassen versucht, was nicht fassbar ist. Ich wollte mit den Stilmitteln der Poesie in einem Buch Raum und Zeit in seiner ganzen Unterschiedlichkeit erfassen. Das Resultat sind diese 69 Texte, vielleicht ist es am besten, wir nennen sie Fragmente. Das Buch ist eine literarische Installation.
Es interessiert mich, Figuren in Literatur einzubringen, die darin normalerweise nicht vorkommen, anonyme Personen, deren Namen nicht einmal auf einem Grabstein verewigt werden. Ich versuche, diesen Personen ein literarisches Gesicht zu geben und zugleich einen historischen Moment der Geschichte Brasiliens zu erfassen.

Lesung: Mutter. Kapitel 6
Textauszug hier

Carlos Frederico Graf Schaffgotsch – Vorsitzender des Brasilianischen Kulturzentrums (CCBF) in Frankfurt:
Wie gelingt es Ihnen, dieser Szene im Bus, in einem kollektiven Transportmittel, eine so existenzialistische Tiefe zu verleihen? Gewiss, sie streuen Worte ein, die Tod, Leben, Natur ansprechen, welche Mittel nutzen Sie, um diesen einfachen Episoden Tiefe zu geben?

Luiz Ruffato:
Vielleicht muss ich in diesem Zusammenhang von meiner Weltsicht und meiner eigenen Biografie sprechen: Ich komme aus einer sehr armen Familie aus dem Landesinneren von Brasilien und habe eigentlich so, wie ich jetzt hier als Schriftsteller vor Ihnen sitze, einen für Brasilien fast unglaublichen Lebensweg hinter mich gebracht. Vielleicht ist das der Grund, warum ich weniger von Wahrheiten und mehr von Zweifeln spreche. Um diese Zweifel ausdrücken zu können, muss ich mich als Person gleichsam dekonstruieren, um mich in den Figuren, die ich erzähle, wieder zu rekonstruieren. So kann ich glaubhaft ihren Schmerz, ihre Zweifel und ihre Ängste vermitteln. Es ist mein Wunsch, dass der Leser an der Konstruktion dieses Buches teilnimmt, um dies zu ermöglichen, besteht dieses Buch aus Szenen, vielleicht aus Ruinen.

Lesung aus 18. Kapitel

Schaffgotsch:
Die Protagonisten sind immer auf der Suche nach einer neuen Realität. Sie versuchen, diese neue Realität zu erreichen oder sind mit ihr konfrontiert. Ist das in dieser Geschichte bei allen Protagonisten so oder gibt es dort auch Figuren, die von dieser großen Stadt übersättigt sind, alle haben ja bereits einen Weg hinter sich?

Luiz Ruffato:
Das Buch ist wie eine Epiphanie konstruiert, wie eine Anbetung der Heiligen Drei Könige. Der Roman besteht aus vielen kleinen Epiphanien, Entdeckungen eines neuen Gottes.
Brasilien hat in 50 Jahren einen großen Wandel vollzogen. Es hat sich in kürzester Zeit von einer ländlichen, auf riesigem Raum sich ausdehnenden, vorindustriellen Gesellschaft, in der die Natur den Tagesablauf bestimmte, entwickelt zu einem Land, in dem die Menschen in Städten auf engstem Raum zusammenleben und eine postindustrielle Gesellschaft bilden, in der Zeit nicht mehr von der Natur, sondern von der Uhr bestimmt wird. Diese Veränderung ist so drastisch, dass wir die urbane Gewalt, die wir tagtäglich in den brasilianischen Großstädten beobachten, weniger aus dem sozio-ökonomischen Zusammenhang heraus verstehen sollten, sondern vielmehr auch aus dieser vom Tagesablauf bestimmten Veränderung.
Damit Brasilien werden konnte, was es heute ist, die sechstgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, waren große Migrationsströme vonnöten. Ich spreche aus eigener Erfahrung, denn ich bin Sohn und Enkel von Migranten und war sogar einer doppelten Migration unterworfen. Meine Großeltern sind aus Italien nach Brasilien emigriert, und zwar nicht aus freien Stücken, sondern aus blanker Not. Später bin ich selbst dann vom ländlichen Brasilien ins Brasilien von São Paulo gezogen. Man verliert durch solche Migrationsprozesse nicht nur – wenn es ins Ausland geht – die Sprache und seine Kultur, sondern man verliert insbesondere die Friedhöfe. Die Friedhöfe sind in einer christlich geprägten Gesellschaft wie Brasilien immens wichtig. Man verliert mit den Friedhöfen die Vergangenheit, man hat keinen Ort mehr, an den man zurückgehen kann, um die Toten zu beweinen und man hat diesen festen Ort nicht mehr, an dem die eignen Wurzeln liegen.
Kurioserweise gehört man durch solche Migrationsprozesse nicht mehr dahin, wo man hergekommen ist – dort ist man weg – und man ist aber auch nicht dort, wo man ist, weil man dort noch nicht angekommen ist, man befindet sich in einem Zwischenraum ohne Wurzeln. In Brasilien hat man – das ist vielleicht der größte Unterschied zu Ländern in Europa – nie das Gefühl, dort hinzugehören, man hat nicht das Gefühl, dass einem von diesem Land etwas gehört. Es gehört allen und es gehört niemandem.

Michael Kegler
Die Initiative, die Favelas in Rio de Janeiro zu pazifizieren, scheint die Gewalt, die es dort gegeben hat, erfolgreich ohne Waffengewalt bekämpft zu haben. Ist dies aus Ihrer Sicht ein zukunftsweisender Weg?

Luiz Ruffato:
Die Besetzung der Favelas in Rio de Janeiro ist ein komplexes Thema. Die Besetzung an sich, darin besteht kein Zweifel, ist zunächst einmal positiv. Ich kenne die Favelas vor und nach der Besetzung, und kann Ihnen versichern, wenn ich mit den Bewohnern dort spreche, sehe ich, dass sie extrem glücklich darüber sind, ein normales Leben führen zu können.
Tatsache ist aber auch, dass vor allem jene Favelas besetzt wurden, die man hier in Deutschland von Rio de Janeiro kennt, die Postkarten-Favelas. Die touristische Region von Rio de Janeiros ist heute tatsächlich sehr sicher. Rio erlebt man jedoch anders, wenn man nicht als Tourist kommt, wenn man nicht nur in die Zona Sul sondern auch in die Peripherie geht. Der Großteil der Bevölkerung des Großraums Rio de Janeiro lebt im Westen und Norden der Stadt, in diesen Gebieten ist die Situation vielleicht nicht schlimmer geworden, das will ich nicht behaupten, aber zumindest unverändert. Nötig wäre es, das ganze Land zu befrieden, nicht nur die Zona Sul von Rio de Janeiro.
Ein weiteres Thema, um das man sich gerne drückt, das aber extrem wichtig ist und diskutiert werden muss, ist der ursächliche Zusammenhang zwischen der Gewalt in den Städten und dem Drogenhandel. Die Menschen, die den Drogenhandel unterstützen, finanziell und als Konsumenten, sind die Leute aus der Zona Sul von Rio de Janeiro.

Michael Kegler
Noch einmal zurück nach São Paulo, die ja niemals die Postkartenstadt Brasiliens werden wird, und zu dem Buch „Es waren viele Pferde“, das kein Roman ist, sondern eine Sammlung von Fragmenten, ein zersplittertes, eindringliches Abbild einer Stadt, einer Gesellschaft. Es hat dich in kürzester Zeit zu einem der wichtigsten brasilianischen Schriftsteller gemacht.

Luiz Ruffato:
Als ich das Buch beim Verlag einreichte, sagte meine damalige Verlegerin, sie wolle es übers Wochenende lesen und mir am Montag dann Bescheid sagen. Am Montag darauf rief ich sie an, und sie bat mich, am Nachmittag vorbeizukommen. Als ich in ihrem Büro saß, sagte sie: „Ich werde das Buch verlegen. Das ist so vereinbart, aber kein Mensch wird es verstehen, niemand wird es kaufen, du schuldest mir ein richtiges Buch.“ Für uns alle überraschend, gewann dieses Buch daraufhin alle wichtigen Literaturpreise Brasiliens, die Zeitungen wurden auf mich aufmerksam, nach wenigen Monaten war die zweite Auflage fällig, zwei Jahre später gab ich meinen Redakteursberuf bei einer großen brasilianischen Tageszeitung auf. Ich lebe seitdem als Schriftsteller.
Damals hätte ich meiner Verlegerin in allen Punkten zugestimmt. Für mich war das Buch damals vor allem eine Fingerübung für mein eigentliches Projekt, die Geschichte der brasilianischen Arbeiter, die mittlerweile in 5 Bänden unter dem Titel „Die vorläufige Hölle“ vorliegt. Ich musste dafür eine Stimme und eine geeignete Form finden. Das scheint mir in „Es waren viele Pferde“ gelungen zu sein.

Redaktion und Audios: Andrea Pollmeier, Faust-Kultur

Siehe auch:
LUSOPHONE LITERATUR: BRASILIEN, PORTUGAL

erstellt am 08.12.2012

Luiz Ruffato, Foto: Adriana Vichi

Luiz Ruffato (* Februar 1961 in Cataguases Minas Gerais), Foto: Adriana Vichi

Siehe auch:
Lusophone Literatur

Im brasilianischen Portugiesisch

In der deutschen Übersetzung

Luiz Ruffato
Es waren viele Pferde
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Michael Kegler
Assoziation A, 2012
ISBN 978-3-86241-420-8

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Ruffato, Luiz
Mama, es geht mir gut
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Michael Kegler
ISBN 978-3-86241-421-5
Erscheint im Mai 2013

Benachrichtigung bei Erscheinen

»Es interessiert mich, Figuren in Literatur einzubringen, die darin normalerweise nicht vorkommen, anonyme Personen, deren Namen nicht einmal auf einem Grabstein verewigt werden. Ich versuche, diesen Personen ein literarisches Gesicht zu geben und zugleich einen historischen Moment der Geschichte Brasiliens zu erfassen.«

»Brasilien hat in 50 Jahren einen großen Wandel vollzogen. Es hat sich in kürzester Zeit von einer ländlichen, auf riesigem Raum sich ausdehnenden, vorindustriellen Gesellschaft, in der die Natur den Tagesablauf bestimmte, entwickelt zu einem Land, in dem die Menschen in Städten auf engstem Raum zusammenleben und eine postindustrielle Gesellschaft bilden, in der Zeit nicht mehr von der Natur, sondern von der Uhr bestimmt wird.«

»Für uns alle überraschend, gewann dieses Buch daraufhin alle wichtigen Literaturpreise Brasiliens, die Zeitungen wurden auf mich aufmerksam, nach wenigen Monaten war die zweite Auflage fällig, zwei Jahre später gab ich meinen Redakteursberuf bei einer großen brasilianischen Tageszeitung auf. Ich lebe seitdem als Schriftsteller.«

Zitate: Luiz Ruffato