Buchkritik

Pilgerreise von Michael Stauffer

Von Jannis Plastargias

Die größte Kunst eines Autors ist es, einen völlig unsympathischen Protagonisten zu erfinden, der trotz all seiner Schwächen von den Leser/innen gemocht wird, mit dem sich der eine oder andere (belassen wir es bei der männlichen Form) identifizieren kann, zumindest gewillt ist, es zu tun. So ein Autor ist Michael Stauffer. Und so ein Protagonist ist Bela Schmitz. 

Dieser ist ein Dichter, Literaturprofessor und vor allem Egomane und Arschloch. Anders lässt es sich nicht sagen. Seine Freundin hat die Nase voll von seinem unsozialen, um nicht zu sagen: asozialen, Verhalten, und verlässt ihn. Bela Schmitz redet nämlich nicht mit jedem, schon gar nicht mit Menschen, die er für dümmer als sich selbst hält – und das scheinen so ziemlich alle zu sein. Er wird verlassen und weiß sich nicht zu helfen. Er hat nur seinen Cousin, bei dem er Narrenfreiheit genießt, sonst hält noch die Sekretärin des Instituts zu ihm, die ihm ständig Avancen macht. Sonst hat er keine Freunde, wie denn auch. Er beschließt aus einer Laune heraus zu pilgern, nicht etwa aus religiösen Gründen, um sich selbst zu finden oder sich weiter zu entwickeln. Dementsprechend ist er auch nicht besonders konsequent, fährt manchmal Zug, hat natürlich recht bald Fußschmerzen. Er trinkt überall Schnaps, isst riesige Schinkenbrote, schaut sich die nebligen Landschaften an und versucht, Leute kennen zu lernen. Leute, denen er auf der weiteren Reise vermeintlich klug durchdachte und formulierte Karten schickt. Wenn man sonst keine Freunde hat … Er protokolliert seine Erfahrungen in einer Art Tagebuch, während gleichzeitig seine Geschichte erzählt wird …

Bela Schmitz ist eingebildet, man möchte ihn zunächst hassen, bekommt irgendwann Mitleid mit ihm, nein, nicht Mitgefühl, Mitleid tatsächlich, und irgendwann mag man ihn vielleicht sogar. Dem Rezensenten ging es zumindest so. Warum?

Jemand sagte, dass man niemals zwei Mal das gleiche Buch lese, so wie man niemals in den gleichen Fluss steige. Bei der Rezeption eines Buches kommt es sehr darauf an, in welcher Verfassung man sich gerade befindet. Das beeinflusst auch das Lesen, die Identifikation mit dem Text und mit den Figuren. Wer wurde nicht einmal verlassen und kennt die Qualen, die man danach durchmacht, die verschiedenen Phasen des Verleugnens, Nicht-Wahrhaben-Wollen, der Trauer, Wut etc. 
„Ich habe alle Vorzeichen ignoriert, aber nicht aus Dummheit, sondern weil ich dich so sehr liebe und mich an die Hoffnung klammern wollte”, schreibt er. Ein banaler Satz, der allzu oft sehr wahr ist. Wer hat nicht schon einmal so gefühlt? Der Protagonist kann nur in unserer Zeit sozialisiert worden sein, er ist eine Karikatur des verweichlichten intellektuellen Egomanen, der in seinem eigenen Saft schmort, sich selbst reflektiert und den Blick nicht nach außen wendet. 

Ist die „Pilgerreise“ eine Persiflage? Persiflage auf das Buch von Hape Kerkeling? Man kann es bezweifeln. Nein, eigentlich hat das nichts mit diesen Büchern zu tun, es hat nichts mit einem Innehalten zu tun, nichts mit Philosophie. Es hat mit Flüchten zu tun, mit nicht Erwachsenwerden-Wollen. Wenn dieses Buch etwas karikieren möchte, dann ist das der moderne Mann, der zu viele Möglichkeiten hat, sich der Verantwortung für sein Leben zu entziehen. 

Und trotzdem. Trotzdem ist dieser Kotzbrocken liebenswert in seiner absolut anstrengenden Art, weil er aus der Norm ausbricht, weil er Dinge sagt und tut, die man eben nicht sagt und tut, weil er sich schwach und verletzlich macht, weil er einfach Mensch ist. Mit all seinen Macken, Verwirrungen und Verirrungen. Und der geliebt werden kann, trotz allem. Von einer Frau, die er neu kennen lernt. Es ist nicht nachzuvollziehen, und man mag es nicht glauben, doch es ist so.
„Pilgerreise“ von Michael Stauffer, im wunderbaren Verlag Voland & Quist erschienen, ist ein fantasievolles Buch, eines, das emotional trifft, auf die eine oder andere Weise – niemand wird dieses Buch unberührt lesen können. Und erst recht nicht, wenn man sich die CD mit dem Hörspiel „Mein Motto: Mutter“, die dem Buch beiliegt, anhört.

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erstellt am 07.12.2012

Michael Stauffer
Pilgerreise

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Michael Stauffer, geboren 1972 in Winterthur (CH), unterrichtet am Schweizerischen Literaturinstitut der Hochschule der Künste Bern. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Open-Mike-Preis der Literaturwerkstatt Berlin, dem Förderpreis Komische Literatur zum Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor und dem Literaturpreis des Kanton Bern.