Frankfurt – Venedig

Daniel Birnbaum

Daniel Birnbaum, Rektor der Städelschule, Kunstkritiker und Ausstellungsmacher, ist ein vielbeschäftigter Mann. In diesem Jahr ist er Co-Kurator der Triennalen von Turin und Yokohama sowie Mitglied des Beratergremiums der 55. Carnegie International-Ausstellung in Pittsburgh. Nun wurde er zum Direktor der nächsten Kunstbiennale in Venedig 2009 ernannt. Das venezianische Parkett kennt er bereits aus seiner Tätigkeit als Co-Kurator des italienischen Pavillons der Biennale 2003, wo er unter dem Vorzeichen „Verzögerungen und Revolutionen“ auch die Frankfurter Professoren Thomas Bayerle (bis 2004 an der Städelschule) und Tobias Rehberger ausstellte.

Der gut vernetzte Birnbaum (Jg. 1963) ist ein vielseitiger Geisteswissenschaftler alter Schule. Nach dem Studium der Philosophie, Kunstgeschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaften in Stockholm, Berlin und New York publizierte er 1998 seine Doktorarbeit über Probleme der Andersheit in der Phänomenologie Edmund Husserls. Als Kunstkritiker schrieb er für „Artforum“, „Frieze“ und „Parkett“. Er übersetzte Schriften von Novalis, Heidegger und Wittgenstein ins Schwedische. 2001 kam er als neuer Rektor an die Städelschule: ein Glücksfall für die kleinste Akademie Deutschlands mit ihren 150 Studierenden. Birnbaum formte aus ihr ein Labor, das junge Künstler aus aller Welt anzieht, und hat sich zudem mit seiner unkomplizierten, uneitlen Art viele Sympathien erworben. Etliche neue Lehrende brachte er nach Frankfurt: Ben van Berkel (Architektur), die Kunsttheoretikerin Isabelle Graw, Tobias Rehberger (Bildhauerei), Wolfgang Tillmans, Simon Starling, Willem de Rooij, Martha Rosler (Freie Kunst), Michael Krebber (Malerei) und Mark Leckey (Film). Der Portikus, unter Kaspar König 1987 eingerichtet und bereits international renommiert, wurde weiterhin mit qualitätsvollen Ausstellungen bespielt. Wichtig ist Birnbaum, dass die dort ausstellenden Künstler in den Lehrbetrieb einbezogen werden. Mit all diesen Maßnahmen stärkte er den internationalen Ruf der Hochschule, war in Frankfurt leider wenig wahrgenommen wurde.

2007 hat Birnbaum kritisch angemerkt, dass die Zukunft der Kunst im Geld liege. Wenn Besucher wegen des Medienrummels auf Kunstmessen strömen, die ja überall auf der Welt wie Pilze aus dem Boden schießen, wo liegt dann die Zukunft solcher Großausstellungen wie der Biennalen oder einer documenta? Können diese überhaupt noch ein kritisches Gegengewicht zum Marktgeschehen anbieten? Daher setzen wir auch alle Hoffnung in Birnbaum, aus der Biennale 2009 eine Veranstaltung zu machen, die den Grat zwischen Event und Anspruch meistert und uns dabei künstlerische Positionen jenseits des Marktes entdecken lässt. Mit seiner bisherigen Leistung jedenfalls hat Birnbaum die Erwartungen auf die höchste Stufe geschraubt.

Für alle, die mehr über die Städelschule erfahren möchten, sei hier noch zur Lektüre empfohlen: kunst lehren teaching art, Städelschule Frankfurt/Main, hrsg. v. Heike Belzer u. D. Birnbaum, Köln 2007, mit Texten, Gesprächen der Städellehrer und zahlreichen Fotos, u.a. einer Bildstrecke von Wolfgang Tillmans.

Isa Bickmann

erstellt am 21.9.2010