Der österreichische „Kurier“ hat ihm fast eine Liebeserklärung gedruckt: „Je intensiver man sich mit Peter Handke beschäftigt, desto mehr mag man ihn. 
Der hat anfangs Bücher mit „Heintje“ signiert. Der kann lachen über seine tiefsinnigen Dichtersätze.“ Peter Handke, der Kärntner slowenischer Herkunft und vielleicht der produktivste Schriftsteller deutscher Sprache, ist nun 70 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass veröffentlicht der Suhrkamp-Verlag den Briefwechsel mit dem Verleger Siegfried Unseld. Bei Faust-Kultur kann man einige dieser Briefe lesen und einen Einblick gewinnen in das Verhältnis zwischen Autor und Verleger.

Peter Handke – 70. Geburtstag am 6. Dezember 2012

Briefwechsel Peter Handke und Siegfried Unseld

Eine Auswahl. – Das Jahr 1974

Paris, 25. Januar 1974

Lieber Siegfried,

einen kurzen Brief: ich arbeite seit einigen Tagen an einem Gedicht. Es geht sehr langsam, obwohl ich vier, fünf Stunden das Gehirn herumjage, hoffentlich nicht im Kreis. Ich möchte sehr gern, daß die drei Gedichte im Herbst als Taschenbuch erscheinen, als Gegensatz drei oder vier Aufsätze dazwischen, die keine rechten Aufsätze sind, sondern mehr offenere und politikbezogene Gedichte. Das würde den 3 eigentlichen Gedichten sehr wohl tun und ihnen auch den Kunstcharakter ein bißchen entziehen. Es wären: ein Aufsatz über Stellungnahmenposen zur Politik, ein Aufsatz, wie ich Architektur erlebte, die Büchner-Rede, leicht modifiziert, und eventuell die Geschichte über Hermann Lenz.(1) Ich stelle es mir als ein freies und spannendes Buch vor, schmal und selbstverständlich. Ich möchte noch ein paar Fotos für den Architekturaufsatz dazu machen. In vielleicht zwei Wochen habe ich das Gedicht fertig.

Das Stück läuft sehr gut. Seit über zwei Wochen ist es täglich voll. In den Wochenzeitungen sind auch ein paar gute Rezensionen erschienen, im allgemeinen allerdings mehr böse…(2)

Wann kommst Du einmal?

Ich grüße Dich für heute,

Dein Peter

  • (1) Siehe Brief 199, Anm.1.
  • (2) P.H., La Chevauchée sur le lac de Constance, hatte am 9.Januar 1974 in der Regie von Claude Régy französische Uraufführung (Übersetzung: Marie-Louise Audiberti) im Pariser Espace Cardin. Es spielten: Jeanne Moreau, Delphine Seyrig, Sami Fry, Michael Lonsdale, Gérard Depardieu.
Frankfurt am Main, 29. Januar 1974

Lieber Peter,

schönen Dank für Deinen Brief. Gerne mache ich das von Dir skizzierte Taschenbuch, und es soll zu dem Termin erscheinen, den Du Dir wünschst. So, wie Du den Band schilderst, wird er ganz natürlich und selbstverständlich. Ich glaube, daß die Gedichte dadurch auch einen anderen Stellenwert bekommen. Ich meine also, der Plan ist gut, und ich bin gerne bereit, ihn zu realisieren. Bring diese Arbeiten zum guten Abschluß und schicke mir dann die Texte und die Fotos ein. Ich bin sehr gespannt.

Herzlich

Dein

[Siegfried Unseld] (1)

  • (1) Der Brief trägt den handschriftlichen Zusatz von Burgel Zeeh: »ich habe gerade eine P.H.-Nostalgie«. Da Burgel Zeeh in der Regel keine Zusätze auf Briefe von S.U. schrieb, stammt der Zusatz wahrscheinlich von S.U.
Frankfurt am Main, 30. Januar 1974

Lieber Peter,

bei uns erscheint im Rahmen der »suhrkamp taschenbücher«, ein wenig auch aus Anlaß der WM, ein Buch »Die Faszination des Fußballspiels« von einem Autor, der bereits zweimal in der »edition suhrkamp« erschienen ist, Gerd Hortleder. Der Autor möchte gerne, ein wenig als Spaß und Nuance, zwei Motti bringen: »Fußball ist ein Geschäft.« Und »Geschäft ist Geschäft« (Ulli Hoeness, F.C.-Bayern München). Und das zweite: »Der Fußball hat eine Seele« (Peter Handke). Dagegen ist bestimmt nichts einzuwenden, aber der Autor hat die Idee, zu schreiben »Peter Handke, SV Suhrkamp«. Dies als eine neckische Anspielung auf den Suhrkamp-Verein. Ich hätte eigentlich nichts dagegen, aber ohne Deine Zustimmung möchte ich dieses SV-Suhrkamp doch nicht bringen. Was meinst Du? Im übrigen wird im Buch selber eine ernsthafte und gründliche Auseinandersetzung mit Deinen und Ror Wolfs Fußballansichten geführt. Wie denkst Du darüber? Bitte, schreib mir bald. Die Sache geht jetzt in Umbruch. (1)

Schöne Grüße

Dein

[Siegfried Unseld]

  • (1) Gerd Hortleder, Die Faszination des Fußballspiels. Soziologische Anmerkungen zum Sport als Freizeit und Beruf, erschien 1974 als Band 170 der suhrkamp taschenbücher anläßlich der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland (13.Juni 1974-7.Juli 1974); die Motti finden sich auf S.9.
Paris, 31.Januar 1974

Lieber Siegfried,

gestern habe ich nach 10-tägiger intensiver Arbeit das Gedicht fertig geschrieben. Es heisst »Die Sinnlosigkeit und das Glück«. Da alle Texte in dem geplanten Buch sich mit diesen zwei Zuständen beschäftigen, wäre das ein ganz schöner Gesamttitel. Es wäre auch möglich, einen Titel, der ein Zitat aus dem Froschkönig ist, zu nehmen: »Als das Wünschen noch geholfen hat«. Was meinst Du?

In der nächsten Woche möchte ich nach La Défense fahren und Fotos machen. Dann schicke ich Dir Texte und Fotos gemeinsam.

Darauf möchte ich noch ein paar Aenderungen an »Die Unvernünftigen sterben aus« schreiben (1) – und dann fängt die Arbeit an mit »Die Stunde der wahren Empfindung«. 

Ich möchte versuchen, jeden Tag zu arbeiten.

Die Aufführungen hier in Paris laufen immer besser, und die Kritik ändert ihre Meinung! Wann kommst Du?

Herzlich

Dein Peter

  • (1) P.H. arbeitete nach der Buchpublikation von Die Unvernünftigen sterben aus (siehe Brief 187, Anm.1) im Februar 1974 weiter an dem Stück und sandte Karlheinz Braun vom Verlag der Autoren Korrekturen für das vom veröffentlichten Buch stark abweichende Textbuch, das der Zürcher Uraufführung zugrunde lag. Diese in der dritten Auflage des suhrkamp taschenbuchs veröffentlichte Fassung korrigierte P.H. erneut, so daß ein neues Textbuch für spätere Aufführungen entstand.
Paris, 3. Februar 1974

Lieber Siegfried,

es ist ja freundlich, daß Du mir wegen des Fußballbuchs schreibst. Natürlich ist der Vorspruch neckisch und vielleicht nicht sehr zweckdienlich – aber zensieren will ich nicht. (1)

Herzlich,

Dein Peter

  • (1) Der Brief trägt den handschriftlichen Vermerk: »Beckermann ist informiert.«
Frankfurt am Main, 5.Februar 1974

Lieber Peter,

schönen Dank für Deinen Brief vom 31.Januar. Ich freue mich sehr, daß Dir das Gedicht gelungen ist. Ich bin sehr neugierig, es zu lesen. Von mir aus würde ich den Titel »Die Sinnlosigkeit und das Glück« vorziehen. Es wäre schön, wenn Du Dich dazu entschließen könntest. Ich warte jetzt also auf das Manuskript und auf die Fotos, und gib mir dann bitte auch noch einmal Deine Meinung zum Titel.

Herrlich ist übrigens auch der Titel »Die Stunde der wahren Empfindung«.

Ich bin traurig – ich hatte gedacht, in dieser Woche einen Termin für eine Pariser Blitzreise freimachen zu können, jetzt aber starben hintereinander Marieluise Fleißer und Erhart Kästner, und ich muß Mittwoch und Donnerstag an ihren Gräbern stehen. Die Woche darauf sind Klausuren Hesse und Rilke, und dann habe ich für eine Woche St. Moritz gebucht. Von Mittwoch, dem 20. bis Sonnabend, 23. will Schaffler dann auch in St. Moritz sein. (1)

Schöne Grüße

Dein

[Siegfried Unseld]

  • (1) Marieluise Fleißer starb am 2.Februar, Erhart Kästner am 3.Februar 1974. Am 13.Februar 1974 traf sich S.U. mit Christoph Sieber-Rilke und Ernst Zinn zur Besprechung von Rilke-Editionen, am 14. Februar besuchte er eine Vorpremiere der Steppenwolf- Verfilmung in der Regie von Fred Haines, vom 15.-24. Februar war er in Zürich, St. Moritz und Poschiavo.
Paris, 8. Februar 1974

Lieber Siegfried,

Zwei Erinnerungen:

Sicher weisst Du, daß der Jakob Hegner Verlag, Köln, in diesem Jahr zu existieren aufhört. Damit verliert Hermann Lenz seinen Verlag. Ich verlasse mich auf Dich. »Verlassene Zimmer« und »Andere Tage« sollte man in der »Bibliothek Suhrkamp« erst richtig zugängig machen. Im Moment arbeitet Hermann Lenz am 3.Teil seines Romanwerks. Seine Adresse: D-7 Stuttgart 1, Birkenwaldstrasse 203. (1)

Die zweite Erinnerung gilt Jean-Marie Straub und seinem Film »Geschichtsunterricht«. Ich erinnere Dich innig und bitte Dich herzlich, etwas für diesen grossen Filmemacher zu unternehmen.

Sonst arbeite ich fröhlich und lebhaft und hoffe, Dir in etwa 10 Tagen etwas allseits Druckfertiges schicken zu können.

Wenn Du nach Paris kommst, wird es nicht zu spät sein. Sie spielen bis Ende März, und es läuft unglaublich gut.

Herzliche Grüße und alles Gute

Dein Peter

  • (1) P.H. hatte in dem Artikel Tage wie ausgeblasene Eier. Einladung, Hermann Lenz zu lesen (Süddeutsche Zeitung, 22.Dezember 1973; wiederabgedruckt unter dem Titel Jemand anderer: Hermann Lenz, in: P.H., Als das Wünschen noch geholfen hat, S.81-100), den Autor einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Anfang Mai 1973 besuchte P.H. mit Amina Handke Hanne und Hermann Lenz zum ersten Mal in Stuttgart – dessen Roman Die Augen eines Dieners hatte P.H. im Erscheinungsjahr 1965 für die Radiosendung Bücherecke besprochen. P.H. und das Ehepaar Lenz verband seitdem eine enge Freundschaft; siehe Peter Handke – Hermann Lenz, Berichterstatter des Tages. Hermann Lenz, Verlassene Zimmer, erschien 1966 im Hegner Verlag (eine Neuausgabe 1978 als Band 436 der suhrkamp taschenbücher, Andere Tage 1968 im Hegner Verlag, 1978 als Band 461 der suhrkamp taschenbücher). Die Romane über das Leben von Eugen Rapp, dem alter ego von Hermann Lenz, wurden fortgesetzt mit Neue Zeit; das Buch erschien 1975 im Insel Verlag.
Frankfurt am Main, 13.Februar 1974

Lieber Peter,

schönen Dank für Deinen Brief vom 8.Februar. Karin Kiwus arbeitet intensiv an der Lektüre Hermann Lenz. Irgend etwas wollen wir schon machen, ich weiß nur nicht was. Vielleicht einen Band in der »Bibliothek Suhrkamp«, einen Band im »taschenbuch«, das weitere werden wir ja dann sehen – ich wußte nicht, daß Hegner seine Produktion einstellen wird. Rundum sterben Verlage.

Jean-Marie Straub war mit seiner Frau hier. Ich hoffe, auch sie hatten einen anderen Eindruck von uns, denn Frau Straub hat ja bei ihren Fernseh-Auftritten Scheußliches über den Verlag und seine Zensur gesagt. Obschon Straub zum zweiten Mal sein mir gegebenes Wort gebrochen hat, wandte ich mich noch einmal an Stefan Brecht. Von seiner Entscheidung bin ich freilich abhängig. Doch ich habe es wichtig gemacht, und es sieht so aus, als würde die Sache vielleicht doch noch zu klären sein. (1)

Wann schickst Du Dein Manuskript? Ich warte sehr darauf. Ein Gedicht möchte ich dann in der »suhrkamp information« vorveröffentlichen dürfen. Vielleicht machst Du dazu einen Vorschlag?

Ich fahre jetzt in die Schweiz und dann für sechs Tage nach St. Moritz. Schaffler kommt mit seiner Frau ebenfalls dort hin und wir werden die Gespräche führen, deren Hintergrund Du kennst. (2)

Herzliche Grüße

Dein

[Siegfried Unseld]

  • (1) Die Chronik vermerkt unter dem Datum des 10.Januar 1974: »10.Januar: Jean-Marie Straub kommt mit seiner Frau in den Verlag. Die 'Frankfurter Rundschau' [Wolfram Schütte, 'Wer schadet da wem?' 10.Januar 1974: »Daß sich Siegfried Unseld […] noch in dieser Woche mit Straub trifft, scheint […] ein gutes Zeichen zu sein.«] hatte dieses Gespräch schon öffentlich angekündigt, Straub hat unrechtmäßig Brechts Caesar-Fragment verfilmt, gegen unser Veto hat er es einmal aufgeführt, er versprach es danach nicht mehr zu tun, ich versuchte eine Vermittlung mit Stefan Brecht, dann ließ Straub ein zweites Mal den Film in New York zeigen. Ob jetzt eine Einigung mit Brecht noch möglich ist, steht dahin.« Jean-Marie Straub/Danièle Huillet, Geschichtsunterricht, entstand 1972.
  • (2) S.U. hielt sich zwischen dem 15. und 24.Februar in Zürich, St. Moritz und Poschiavo (dort besuchte er Wolfgang Hildesheimer) auf. In St. Moritz sprach S.U. mit Wolfgang und Gudrun Schaffler über eine Kooperation zwischen dem Residenz und dem Suhrkamp Verlag in Österreich.
Frankfurt am Main, 13. Februar 1974

Lieber Peter,

ich schreibe Dir heute in der Film-Sache »Wilhelm Meister/Falsche Bewegung«. Wir hatten ja vereinbart, daß ich Dir bis zum 15.Februar Nachricht gebe. Die Sache sieht nun so aus:

1. Es wird in der Tat sehr schwer möglich sein, einen Film zu realisieren auf der Basis des jetzigen Drehbuchs und mit dem Regisseur Wim Wenders. Sicherlich kann man einen Film produzieren, aber man muß von vorneherein einsehen, daß das nur eine »kleine Sache« werden kann, die ganz klar keine ökonomischen Chancen, d.h. Verleih-Chancen hat. Es würde in jedem Fall, nach den heutigen Verhältnissen, nur ein Film werden, der in einem »Kultur«-Verleih bei wenigen Kinos ankäme. 

2. Nach unserem letzten Telefonat sind wir der Fährte Romy Schneider nachgegangen. Sie hat den Text gelesen, an sich ist sie von der Sache angetan, auch von der Rolle, die sie darin spielen könnte, nur das jetzt angebotene Volumen von Drehbuch und Regisseur reicht ihr nicht aus. Ihre Vorstellung wäre die einer Erweiterung des Drehbuchs und eine Inszenierung durch einen Regisseur wie etwa Louis Malle, mit dem sie ohnehin einen Film machen möchte. Sie könnte sich vorstellen, daß Louis Malle von den französischen Regisseuren noch am ehesten dafür in Frage käme, und sie könnte sich auch vorstellen, daß ihm an diesem Stoff läge und in jedem Fall an einem Zusammenwirken und Zusammenarbeiten von Louis Malle, Romy Schneider und Peter Handke. Was würdest Du zu einer solchen Lösung sagen? Wenn dies Dich interessieren könnte, würde ich mich nach wie vor an einem Filmprojekt interessiert zeigen. Wenn nicht, möchte ich den mir von Dir erteilten Film-Produktionsauftrag niederlegen.

Selbstverständlich ist ein bedeutender Fernsehfilm jederzeit zu realisieren. Wir haben bei unseren Gesprächen auch festgestellt, daß es möglich wäre, ihn noch in diesem Jahre 1974 zu realisieren, insofern könnten wir also vielleicht doch noch mehr erreichen, als Dir ursprünglich durch Braun angeboten wurde. Falls Du das wünschst, werde ich mich gerne in dieser Richtung engagieren, aber es müßte klar sein: es wäre dann kein Film-Projekt, sondern primär ein Fernsehprojekt mit möglicher späterer Filmauswertung.

Ich schreibe Dir diesen Brief, damit Du darüber nachdenken kannst; ich wollte Dich damit nicht am Telefon überfallen. Rudolf Rach wird Dich am Montag anrufen, um Deine Antwort zu erfahren; ihm eilt die Sache, weil er mit Romy Schneider im Wort ist, ob sie, Romy Schneider, mit Louis Malle Kontakt aufnehmen soll. Ich selber bin ja, wie ich Dir heute ebenfalls schrieb, dann nicht mehr in Frankfurt, doch bin ich jederzeit in St. Moritz zu erreichen. 

Schöne Grüße

Dein

[Siegfried Unseld]

Rundbrief an Autoren des Suhrkamp und Insel Verlags

Frankfurt am Main, 25. Februar 1974

Lieber Peter,

ich denke an die Herausgabe eines Buches mit Beiträgen deutschsprachiger Autoren zum Thema: Erste Leseerlebnisse. Der Titel besagt exakt, was ich meine. Martin Walser hat mich mit seinem »Hölderlin auf dem Dachboden« zu diesem Plan ermutigt; er schrieb dort »dabei hat wahrscheinlich jeder schon die Erfahrung gemacht, daß Literatur in der Naturgeschichte eines Lebens eine Rolle spielen kann, die so wichtig ist wie die Rolle des Vaters, des ersten Gewitters, der ersten Eisenbahnfahrt«. (1)

Darum geht es: wie war jene erste Begegnung mit Literatur? Blieb sie beständig, weil sie wesentlich oder folgenreich war? Trifft eine erste Begegnung mit Literatur das Bewußtsein stärker als spätere Begegnungen? Mir scheint, das Thema ist von Belang für den, der schreibt, wie für den, der liest, für den also, der sich seines Wegs durch Literatur bewußt wird. Vor allem jedoch für den jungen Leser, der, dringlicher denn je, der Orientierung, Anregung und Ermutigung bedarf.

Dieses »suhrkamp taschenbuch« sollte im Frühjahr 1975 erscheinen; die Manuskripte sollten bis zum 1. Oktober im Hause sein. Das Honorar wird pro rata bei Erscheinen überwiesen. Die erste Auflage beträgt 25.000 Exemplare. Umfang mindestens 3 Seiten, maximal (für Uwe Johnson) 20 Seiten.

Ich bitte um ein Wort, ob ich mit einem Beitrag rechnen kann. Ich würde mich sehr freuen.

Herzliche Grüße

Dein Siegfried

  • (1) Martin Walser, Hölderlin auf dem Dachboden, entstand 1960, zuletzt gedruckt in: M.W., Aus dem Wortschatz unserer Kämpfe, Suhrkamp Verlag, S.127-138, siehe das Zitat S.127.
Paris, 26. Februar 74

Lieber Siegfried,

ich habe mich entschlossen, das Buch doch »Als das Wünschen noch geholfen hat« zu nennen, und ich finde den Titel richtig.
Wie gesagt, ich kann mir das Buch nur als Taschenbuch vorstellen. Trotzdem wünsche ich mir einen schönen und vor allem sorgfältigen Druck, etwa so grosszügig wie »Wunschloses Unglück« gesetzt ist. (1)

Für die Titel der Texte bitte jeweils eine eigene Seite. (Dann die Titel nicht wiederholen.) Als Frontispiz und »Rückfrontispiz« habe ich zwei Farbfotos, hier der Stadtrand in Auteuil, am Morgen vorn, am Abend hinten.

Die schwarz-weiss-Fotos von »Die Reise nach La Défense« brauchen zum genauen Reproduzieren sicher Arbeit. Ich möchte sie aber genauso wiedergegeben, genauso traurig, trüb, grau, mit flockiger Luft. Das entspricht nämlich der Wahrheit in der Realität. Die Schreibmaschinentypen-Legenden darunter sollen beibehalten werden. Wenn möglich, die Fotos auf Buchseitenformat vergrössern. Den weißen Rand sollte man nicht sehen. Das Gedicht, das ich zuletzt geschrieben habe, steht am Ende. »Die Sinnlosigkeit und das Glück«.

Weisst Du was? Ich freue mich auf das Buch und hoffe, dass alles so schön wird, wie ich es mir vorstelle. Ich glaube auch, die Aufsätze ergänzen gut die Gedichte und umgekehrt. Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt, und wie sie sich in fünf, sechs Jahren geändert hat. Ich hoffe, freier, genauer und weniger schematisch.

Schreib mir bald.

Grüße

Dein Peter

Für den Schluß habe ich auch die Entstehungs- und Veröffentlichungsdaten aufgeschrieben, mit kleinen Kommentaren.

  • (1) P.H., Wunschloses Unglück. Erzählung, 1972 im Residenz Verlag, Salzburg, erschienen, wurde als Band 146 der suhrkamp taschenbücher 1974 veröffentlicht.
Frankfurt am Main, 7. März 1974

Lieber Peter,

schönen Dank für Deine beiden Briefe. Über das Taschenbuch »Als das Wünschen noch geholfen hat« haben wir telefoniert. Es wird alles nach Deinen Wünschen geschehen. Um die Farbfotos an dieser Stelle bringen zu können, müssen wir ein ganz anderes Druckverfahren (Hoch-, nicht Flachdruck) wählen, sonst ginge die Plazierung der Farbbilder nicht. Das kostet einige Tausend Mark mehr, aber ich will das gerne in dieses schöne Buch investieren.

Ich komme am Sonnabend um 11.15 h von Barcelona aus in Le Bourget an.(1) Ich möchte mich für den Nachmittag bei Beckett anmelden. Vielleicht können wir uns gegen 18h treffen – am besten in meinem Hotel, das ja zentral gelegen ist (Hotel des Saints Pères). Solltest Du andere Vorstellungen haben, so lasse mich das bitte wissen.

Ich möchte freilich doch nochmals mit Dir über das Thema »Leseerlebnisse« sprechen. Ich kann die Anthologie kaum machen, wenn Du nicht, zumindest mit einem einseitigen Text, vertreten bist.

Schöne Grüße

Dein

[Siegfried Unseld]

  • (1) S.U. flog nicht nach Barcelona. In der Chronik notierte er: »20.März: Ich erhalte die Nachricht, daß die Agentin Carmen Balcells [die Rechte am Werk von Pablo] Neruda an Luchterhand vergeben hat, ohne meine Unterredung mit ihr abzuwarten. Ich sage daraufhin meine Barcelona-Reise ab.«
Paris, 13. März 74

Lieber Siegfried,

ich freue mich, dass Du am 23. nach Paris kommst. Wenn es möglich ist, grüsse Beckett von mir und frag ihn, ob er sich noch erinnert, in der Closerie des Lilas ein Tuborg-Bier getrunken zu haben. Gern bin ich um 18 Uhr im Hotel. Dann können wir reden.

Beckermann hat mir einige Andrucke geschickt. Mir ist der 12-Punkte-Andruck am liebsten. Wo es sich mit den Zeilen nicht ausgeht, fängt man halt eine neue Zeile an. Ich bin sicher, dass das nicht stören wird. Es ist auch am wenigsten pretentiös so. Ich würde die Zeile auch nicht einrücken!

Thomas Beckermann meint, es sei vielleicht schlimm, dass auf dem Foto La Défense »la défense« geschrieben sei, also klein. Das scheint mir schon deswegen nicht schlimm, weil das Wort ja so kleingeschrieben aus einer Zeitung ausgeschnitten und so aufs Foto geklebt ist. Das Inhaltsverzeichnis soll natürlich ganz hinten sein, nach dem letzten Foto.

Statt »leerer als ein leeres Schwimmbecken« hab ich mir gedacht, könnte man einsetzen »leerer als ein Schwimmbecken, aus dem man das Wasser abgelassen hat« oder: »leerer als ein Schwimmbecken im Winter«. Besser ist wohl das erste.(1)

Ich würde ganz gern mit Dir ins Theater gehen. Jetzt haben sie einige Tage nicht gespielt, weil Jeanne Moreau krank war.(2)
 
Ich trinke wieder ein bisschen zuviel, glaube ich.
Ich freue mich und bedanke mich auch – dafür, dass Du mir hilfst, ein Buch nach meiner Vorstellung zu machen.

Herzlich

Dein Peter

Als möglichen Ersatz für das dunkelste der Fotos von La Défense schicke ich ein andres – für den Fall, daß die Reproduktion sich nicht machen läßt. Auch für das Margenfoto zu Beginn des Buches gibt es eine kleine Alternative: da sieht man die hohen Zirrhuswolken besser. Aber es ist nicht so wichtig. Man kann alles auch lassen, wie es ist.

  • (1) P.H., Die Reise nach la défense. 22.2.1974 (in: P.H., Als das Wünschen noch geholfen hat, S.39-54) besteht aus 16 von ihm aufgenommenen Fotos mit Legenden. S.52 lautet die Legende: »Am Abend, wenn fast niemand mehr wegfährt und niemand mehr ankommt, ist diese unterirdische Halle leerer als ein Schwimmbecken, aus dem man das Wasser abgelassen hat.«
  • (2) S.U. schreibt in seinem Reisebericht, Paris 23.März-25.März 1974: »Nach der Vorstellung [La Chévauchée sur le lac de Constance; siehe Brief 193, Anm.2] in der Garderobe von Jeanne Moreau. Ein verwandelter Handke, leicht gelöst und französisch locker parlierend. Im Taxi zu einem der schönen Nacht-Speiselokale ins Quartier Latin. Der Francs-Indikator des Taxis kletterte auf 8 frs., und als wir ausstiegen, bezeichnete der Taxifahrer, diese Fahrt zu Ehren von Jeanne Moreau gemacht zu haben, und verweigerte die Annahme des Geldes. Zu viert im Restaurant: Jeanne Moreau, Gérard Depardieu, Handke und ich. Nur um freundlich zu sein, bringe ich das Gespräch auf die Ankündigung der Wiesbadener Festspiele, die im Zeichen Handke stehen sollten. Zwei Stücke von Handke werden dort gespielt, und als Gastspiel ist die Pariser Aufführung angekündigt. Jeanne Moreau fiel aus jeder Contenance. Die Schauspieler wüßten nichts davon, sie seien auch gar nicht bereit, nach Wiesbaden zu gehen, wie ich auf diese Idee käme. Unversehens befand ich mich in der Verteidigung, die ich nur schlecht wahrnehmen konnte, weil mein Französisch dafür einfach zu schwach ist. Mit Jeanne Moreau englisch zu sprechen, was gut ging, verbat sich, weil der Schauspieler kein Wort englisch konnte und Handke schwieg – dann beging ich die zweite Unvorsichtigkeit. Ich fragte Handke, warum diese Aufführung nie für ein Fernsehen aufgezeichnet wurde. Gute Inszenierung, vier Stars, großes kritisches Echo, erst negativ, dann immer mehr zum Positiven sich wendend. Wieder wurde Jeanne Moreau böse, wieso ich jetzt auf diese Idee käme. Warum ich nicht früher nach Paris gekommen bin, jetzt sei eine Aufzeichnung nicht mehr möglich. Sie seien nur noch ein paar Tage zusammen, und danach hätte jeder der Beteiligten neue Filmverpflichtungen. Sie hätten versucht, eine eigene Produktionsgruppe aufzutreiben, aber das sei schließlich an den erforderlichen DM 30.000,– gescheitert. Wiederum wurde ich als der Schuldige für diese Situation angesehen und mußte meinen Kopf für ein ganz offensichtliches Versagen von Dr. Braun hinhalten. Dieser war vor Wochen in Paris. Die Aufführung gefiel ihm, aber eine Aufzeichnung für das deutsche Fernsehen bedachte er nicht. Überhaupt war der 'Ritt über den Bodensee' noch nicht im deutschen Fernsehen. Handke: Darum hat sich Braun nicht gekümmert. – Warum nicht? – Ach, es ist ja egal. Wir saßen noch lang nach Mitternacht da und dachten über den Zorn der Jeanne Moreau nach. […] Gesprächspunkte mit Handke: Ihm liegt unheimlich viel an der Verfilmung seines 'Wilhelm Meister'-Drehbuches. Der Titel 'Falsche Bewegung' bleibt, ich konnte ihn zu keinem anderen überzeugen. Ein anderer Vorschlag wäre gewesen 'Der dritte Ort', und das gefiele mir besser. Er wäre mit Romy Schneider jetzt einverstanden, aber er hält an Wim Wenders fest. Ich sagte ihm deutlich, daß ich den Film mit Wim Wenders nicht machen möchte, weil ich es ihm nicht zutraue, diesen Stoff wirklich interessant und eben nicht langweilig zu realisieren [siehe Brief 201].«
Paris, 16. April 1974

Lieber Siegfried,

danke für Deinen freundlichen, schönen Anruf gestern abend. Ich habe mich vor allem darüber gefreut, dass Du nun mit Hermann Lenz ernstlich was vorhast. Er braucht es, und verdient es.

Hier in Paris gibt es einen Mann, mit dem ich sehr gut zurandekomme: Er hat für Bourgeois vor drei Jahren »Begrüßung des Aufsichtsrats« übersetzt, heisst Georges-Arthur Goldschmidt und hat in »Combat« einen wichtigen Artikel über »Der Ritt …« geschrieben. Er möchte, für 1975, für eine Taschenbuchreihe (»10/18«) meine langen Gedichte übersetzen (3) und noch die zwei letzten aus der »Innenwelt der Aussenwelt…« dazu, zweisprachig. Das wäre schon was sehr Erstrebenswertes. »10/18« wird von Christian Bourgeois geleitet, und Goldschmidt meinte, Du müsstest dafür Dein Einverständnis erklären. Seine Adresse ist: 268, rue de Belleville, Paris 20.Er ist ausserdem ein guter Schriftsteller, eifrig, cholerisch, mit tiefer Empfindung. Überleg es mal. Mich würde es schon freuen, wenn das ginge.(1)

Viele Grüsse

Dein Peter

  • (1) P.H., Le non-sens et le bonheur. Poèmes. Übersetzt und mit einem Nachwort von Georges-Arthur Goldschmidt, erschien 1975 im Verlag Christian Bourgeois, Paris, in der Taschenbuchreihe 10/18. Der Band enthält die Gedichte Leben ohne Poesie, Blaues Gedicht und Die Sinnlosigkeit und das Glück (aus: Als das Wünschen noch geholfen hat) sowie Die neuen Erfahrungen, Unterscheidungen, Der trauernd Hinterbliebene auf dem Hügel (aus: Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt).
Frankfurt am Main, 19. April 1974

Lieber Peter,

immer wenn es brenzlig wird oder gar brennt – und leider nicht vorher –, kommt man zum Verleger als zu einem Feuerwehrmann, der da löschen soll. So Frau Starostka mit ihrem Brief an Dich; die Form dieses Briefes ist ziemlich unmöglich, ich verstehe auch nicht, warum Frau Starostka diesen Brief geschrieben hat, das ist ja die Aufgabe meines Sekretariats hier. Bitte entschuldige die doch etwas abrupte Formulierung.(1)

Nun zur Sache: »Spectaculum« erschien früher in einer Auflage von 30, maximal 40.000 Exemplaren, ein »Spectaculum« brachte es auf 50.000; damals haben wir Honorare gezahlt, die zwischen DM 2.000,– und DM 3.000,– betrugen. Immer hatten wir Schwierigkeiten bei der Errechnung des Honorars, denn kann man ein kürzeres Stück anders bewerten als ein längeres, Beckett anders als Brecht? Auf Vorschlag von Autoren – meiner Ansicht nach war hier Kroetz federführend – einigte man sich darauf, daß man doch mechanisch nach dem Umfang vorgehen sollte; seitdem, das ist etwa seit zwei Jahren, rechnen wir so ab: pro »Spectaculum«-Seite DM 42,50.Das ist kein schlechtes Honorar, wenn Du bedenkst, daß Zeitschriften ja kaum so hoch honorieren, »Kursbuch« zahlt DM 40,– pro Seite (und mit einer Anfangsauflage von 35.000 Exemplaren).

Inzwischen ist die Auflage von »Spectaculum« gesunken. Wir drucken (von 21 an) jetzt nur noch 15.000 Exemplare. Leider haben wir in unserem Lager noch ganze Halden früherer Bände. Alles zusammengenommen droht dieses Unternehmen in ein Verlustprojekt umzuschlagen. Ich werde zusehen, wie wir das ändern können, sicherlich nur vom Inhalt her, ich meine z.B., daß gerade Band 20 eine besonders gelungene Konzentration ist.

Wir haben an Dich folgende Honorare gezahlt:
»Spectaculum« 10, »Publikumsbeschimpfung«, DM 1.200,–
»Spectaculum« 12, »Kaspar«, DM 2.500,–
»Spectaculum« 13, »Quodlibet«, DM 500,–
»Spectaculum« 14, »Ritt über den Bodensee«, DM 3.000,–

Diese Zahlungen erfolgten auf einer Basis von 30.000 Exemplaren.

»Spectaculum« 20 haben wir noch einmal mit 20.000 Exemplaren aufgelegt, die folgenden Bände werden wir, wie schon erwähnt, mit 15.000 Exemplaren höchstens ansetzen können.

Du weist in dem Brief an Frau Starostka auf die Zurückstufung der Autoren bei der schleichenden Inflation hin. Das ist aber nur zu regeln, indem wir die Ladenpreise drastisch nach oben setzen. Das werden wir in Zukunft auch machen, ob das freilich gerade bei »Spectaculum« sein sollte und ob wir damit nicht das Unternehmen gefährden, ist wirklich die Frage.

Ich darf Dich aber noch auf anderes hinweisen. Wir drucken Deinen Text ganz parallel zum Taschenbuch, beide Veröffentlichungen stehen sich durchaus nicht im Wege. Du hast also durch »Spectaculum« doch eine zusätzliche Einnahme, oder sehe ich das falsch?

Noch einmal zu Deinem Honorar, das Dir jetzt errechnet wurde mit dem Betrag von DM 1.997,50. – Du weißt, ich habe das Stück gern, und ich möchte es keinesfalls schlechter honoriert sehen als den »Ritt über den Bodensee«. Ich biete Dir also nachträglich dasselbe Honorar an, doch gebe ich Dir noch etwas zu bedenken: Deine Korrekturen, die Du für die Taschenbuch-Ausgabe machen möchtest, bedeuten einen völligen Neusatz, der über DM 2.000,– kosten wird. Ich wollte Dir ohnehin vorschlagen, ob wir diese Kosten nicht teilen können, denn bei der Kalkulation einer Taschenbuchausgabe können solche Kosten nicht untergebracht werden.

Mein Vorschlag wäre, daß wir deshalb es doch bei der alten Regelung belassen sollten. Du akzeptierst das Seitenhonorar, das wir für alle Autoren errechnet haben, und wir führen ohne weitere Überlegungen den Neusatz für das Taschenbuch durch. Ich meine, das ist ein fairer Vorschlag.

Was die zukünftigen Abdrucke im »Spectaculum« betrifft, so werden wir uns vor dem Abdruck mit Dir über das Honorar auseinandersetzen.

Schöne Grüße

Dein

[Siegfried Unseld]

  • (1) Hanne Starostka hatte unter dem Datum des 5.April 1974 an P.H. geschrieben: »[…] soeben ist 'Spectaculum' 20 erschienen. Mit getrennter Post schicken wir Ihnen ein Belegexemplar zu, in der Hoffnung, daß Ihnen der Band gefallen wird. Das Ihnen zustehende Honorar von DM 1.997,50 werden wir Ihnen überweisen.«
Paris, 22. April 1974

Lieber Siegfried,

nun, die Kritiken waren doch recht, trotz der Inszenierung. Ich freue mich immer, wenn es Widersprüche gibt. Furchtbar wäre es, ganz akzeptiert zu werden. Und ich glaube, das Stück wird noch viel besser ausschauen, so, wie es ist.(2)

Danke für Deinen ausführlichen Brief zu »Spectaculum«. Es war gut, eine so präzise Auskunft zu erhalten. Dein Argument mit den Mehrkosten wegen des Neusatzes zu »Die Unvernünftigen sterben aus« akzeptiere ich und bin also mit dem vorgeschlagenen Honorar einverstanden. Schade, dass ich nicht vorher aufgeklärt wurde.

Sonst geht es mir gut. Das Leben ändert sich. Ich versuche, die Momente der Ruhe und des Einverständnisses länger und einheitlicher zu machen.

Kommst Du vielleicht nach Berlin? Ich werde doch hinfahren. Marianne Frisch scheint es schlecht zu gehen. Sie ist wohl verwirrt, spricht laut, wie um eine Festigkeit zu spielen, von der sie weiss, dass sie ihr abgeht. Ihr helfen: das ist natürlich ein falsches Wort. Ich möchte doch Mitte Mai nach Berlin. Vielleicht hat es einen Sinn, wenigstens ein bisschen mit ihr zusammenzusein.(3)

Viele Grüsse,

Dein Freund

Peter

  • (1) Der Brief trägt den handschriftlichen Vermerk von S.U.: »tel[efonisch] erl[edigt]».
  • (2) P.H., Die Unvernünftigen sterben aus, hatte am 17.April 1974 Urauffühung im Theater am Neumarkt in Zürich in der Regie von Horst Zankl. Dramaturgie: Claus Bremer und Beatrice Rolli; Darsteller des Quitt: Norbert Schwientek; Hans, sein Vertrauter: Horst Mendroch; Bühnenraum: Ambrosius Humm, Kostüme: Katharina Eberstein. Im Reisebericht Zürich, 17./18.April 1974, hielt S.U. fest: »Das kleine Theater war sicherlich zu zwei Dritteln mit Experten besetzt, die von überall her angereist waren. Doch an diesem Abend ging so ziemlich alles schief, was schief gehen konnte. Horst Zankls Regie gelang es nicht, mit den drittklassig wirkenden Schauspielern und der viel zu kleinen Bühne das Stück über die Runden zu bringen. Dreieinhalb Stunden Spieldauer, ziemlich lähmende Atmosphäre, am Schluß sich ausbreitende Langeweile, einige Besucher verließen den Saal, nicht aus Protest gegen das Stück, sondern weil man die Überlänge nur schwer aushielt. Sehr peinlich der Brief von Peter Handke im Programmheft und noch peinlicher das dort abgedruckte Gespräch zwischen Claus Bremer und Konrad Farner, das ist Klippschule, die Handke nicht angemessen ist. [Horst Zankl, Aus dem Probenprotokoll der Uraufführung »Die Unvernünftigen sterben aus«, in: Programmheft zur Uraufführung im Theater am Neumarkt Zürich, 17.April 1974, S.13f.; Peter Handke, Brief von 14/3/74, ebenda, S.15-18; Claus Bremer, Aus einem Gespräch mit Konrad Farner, Thalwil, 28.März 1974, ebenda S.19-37.] Ich habe den Eindruck, daß die Kritik äußerst sauer reagieren wird, nicht dem Stück, aber der Aufführung gegenüber. Es war ein klarer Fehler vom Verlag der Autoren, bei dieser ersten Aufführung eines so wichtigen Stückes nicht anders disponiert zu haben.«
  • (3) P.H., Die Unvernünftigen sterben aus, hatte am 6.Juni 1974 in der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin die Deutschland-Premiere. Regie: Peter Stein, Bühne: Klaus Weiffenbach, Kostüme: Moidele Bickel. P.H. und S.U. trafen sich bei diesem Anlaß. S.U. hielt fest im Reisebericht Berlin, 6.-8.Juni 1974: »Es gibt nichts Besonderes zu berichten. Er [P.H.] sitzt an seiner Erzählung und hofft, sie noch im Sommer abschließen zu können. Die Aufführung an der Schaubühne war wirklich einsame Spitze. Ich glaube kaum, daß das je besser zu machen ist; die Reaktionen waren darauf freilich sehr gespalten. Frisch hatte weder zum Stück noch zur Aufführung einen Zugang, und manchem der Zuschauer wird es auch so gegangen sein, denn die Buh-Rufe waren doch erheblich; ich hörte im übrigen, daß das Ensemble in seiner Mehrheit das Stück nicht aufzuführen wünschte, daß Peter Stein aber sich ungeachtet einer Mehrheit anders entschied. Deshalb wohl brachte die Bühne auch nicht für dieses Stück eines der sonst so glanzvollen Programmhefte, sondern nur einen Besetzungszettel heraus.«
Frankfurt am Main, 31.Juli 1974

Lieber Peter,

mit gleicher Post schicke ich Dir ein Exemplar unserer Taschenbuchausgabe »Als das Wünschen noch geholfen hat«. Ich hoffe, Du siehst die Mühe, die wir uns hier gegeben haben. Ich meine, daß letztlich die Qualität der Farbfotos doch sehr gut ist.

Was ich in diesem Buch vermisse, ist ein Hinweis auf die Fotos! Wolltest Du keinen solchen Hinweis? Irgendwie gibt es doch dem Leser Rätsel auf. Ich hätte mir gewünscht, daß zumindest auf der Impressum-Seite »Fotos von Peter Handke« oder irgendein erklärender Zusatz steht. Sollen wir das nicht noch bei einer zweiten Auflage bzw. bei den Exemplaren, die noch nicht ausgeliefert sind, ändern? Bitte lasse von Dir hören.(1)

Herzliche Grüße

Dein

[Siegfried Unseld]

P.S.: Wir druckten eine Auflage von 15.000 Exemplaren; Ladenpreis DM 5,–. Honorar 7%, Abrechnung wie üblich.

  • (1) P.H., Als das Wünschen noch geholfen hat, erschien als Band 208 der suhrkamp taschenbücher.
Frankfurt am Main, 8.August 1974

Lieber Peter,

mit gleicher Post schicke ich Dir Ralph Manheims Übertragung des »Kurzen Briefes«; der Band erscheint in diesen Tagen in New York. Ich bin sehr gespannt, welche Wirkung das Buch dort haben wird, Roger Straus schreibt mir dazu, daß die Auspizien günstig seien.(1)

Ich hoffe, Dir geht es gut und das heißt: Du kannst produktiv sein.
Bitte denke an den 28.September für die Reise nach Frankfurt.

Schöne Grüße

Dein

[Siegfried Unseld]

P.S.: Anbei die letzte Seite aus der heutigen »Zeit«.(2)

  • (1) P.H., Short Letter, Long Farewell, übersetzt von Ralph Manheim, erschien bei Farrar, Straus & Giroux.
  • (2) In Die Zeit, 9.August 1974, erschien eine schwarzweiße Streifenanzeige für Als das Wünschen noch geholfen hat; in derselben Ausgabe fand sich eine Rezension des Buches: Rolf Michaelis, Das Ende des Märchens.
Frankfurt am Main, 20. August 1974

Lieber Peter,

hier eine Besprechung aus der »Deutschen Zeitung«. Ich freue mich, daß das Echo lebhaft ist und daß auch die Nachbestellungen ganz schön sind.(1) Wir haben da etwas Gutes gemacht.

Ich hoffe sehr, daß Du fleißig bist.

Schöne Grüße

Dein

[Siegfried Unseld]

  • (1) Mathias Schreiber, Die Phantasie ist ein Schleudersitz, in: Deutsche Zeitung, 16.August 1974.
Frankfurt am Main, 20.August 1974

Lieber Peter,

bei jenem Buch, das wir damals für die »Bücher der 19« gemacht haben: Peter Handke, »Prosa Gedichte Theaterstücke Hörspiel. Aufsätze« gehen die Bestände zuende. Der Verkauf betrug im Jahr 1973 1.240 Exemplare, im ersten Halbjahr haben wir monatlich 100-150 Exemplare verkauft, d.h., der Band bewegt sich, und es wäre durchaus möglich, eine Neuauflage zu veranstalten. Ich würde dann aber vorschlagen, sie nicht mehr in Leinen zu binden, sondern eine Broschur daraus zu machen, dann könnte man den jetzigen Ladenpreis in Höhe von DM 16,80 auch halten. Andrerseits ist zu bedenken, daß der Band natürlich nicht Deine letzte Entwicklung widerspiegelt. Bitte, sage mir doch, was Du meinst. Es gibt die beiden Möglichkeiten, einfach still nachzudrucken und die eingehenden Bestellungen weiter auszuführen oder den Band ausgehen zu lassen. Die Texte liegen ja alle separat vor.

Herzliche Grüße

Dein

[Siegfried Unseld]

Paris, 23. August 1974

Lieber Siegfried,

wenn es rentabel ist – warum nicht den ehemaligen »Band der 19« als Paperback weiterdrucken? Aber entscheide doch Du – ich hänge nicht an dem Buch. (Weil's kein Buch ist.)

Ich arbeite seit 33 Tagen täglich, sehr lange, aber nicht mehr so schnell wie früher. Schade, daß ich in einer Woche Amina abholen muß und dann erst am 18.9. weiterschreiben kann– so wäre ich in 2 Wochen fertig gewesen. (Schade nur für die Arbeit.) Ich habe einige Zeit sehr gekämpft, aber jetzt ist viel Licht da.

Ich freue mich schon auf den September!

Danke für die Rezensionen – die beide gleich blöd sind. (Aber »positiv«)

Herzlich

Dein Peter

Frankfurt am Main, 27. August 1974

Lieber Peter,

schönen Dank für Deinen Brief vom 23.8. Machen wir noch einmal eine kleine Nachauflage dieses Sammelbandes, und dann lassen wir ihn verschwinden; im Augenblick ist die Nachfrage eben noch da, und die können wir ja ohne weiteres bedienen.

Ich freue mich, daß Du gut arbeiten kannst. Ich bin sehr gespannt auf das Resultat.

Wir haben Dir für den 28. abends im Sonnenhof ein Hotelzimmer reserviert. Ich nehme an, daß Dir dies recht ist.(1)

Herzliche Grüße
und alle guten Wünsche

Dein

[Siegfried Unseld]

  • (1) Am 28.September 1974 feierte S.U. im Hotel Sonnenhof in Kronberg seinen 50. Geburtstag. In der Chronik hielt er dazu fest: »Um 18 Uhr beginnt die Fete. Die Gäste trudeln ein, sie bringen ihre Geschenke mit, sie wünschen mir Glück. Gegen 19.30 Uhr beginnt der Fokus des Festes. Johnson und Habermas sollen, wie die Einladung sagt, Freundliches über den Verleger sagen. Johnson ändert seinen Plan, er verweigert sich ausdrücklich dem Freundlichen und spricht apokryph über ein Mappenwerk, das mir übergeben werden soll. Von seinem Inhalt habe ich in der Tat wenig Ahnung, und das ganz wenige, das ich weiß, gibt mir Anlaß, es zu verdrängen. Nach Uwe Johnson spricht Jürgen Habermas, wie ihm zukommt, akademisch. Alles in allem doch eine sympathische Rede. Danach liest Huchel ein Gedicht. Dann spricht Ernst Bloch. Das war eigentlich das Schönste: Hier ein souveräner Geist, der den Verleger und Menschen loben kann. Alles dauert etwas zu lang, alles ist etwas zu mühsam, und so versuche ich, meine Rede in einer Art Furioso vorzutragen. Dies scheint anzukommen. Danach singt Milva. Sie war großartig. Schön, jung, energisch, intensiv. So interpretierte sie Brecht neu, heutig, für die heutige Generation. Der sich anschließende Abend war angenehm. Vielleicht war doch die Zahl der Gäste (240 Personen) etwas zu groß. Aber insgesamt schien mir alles rundum gelungen.« Das »Mappenwerk«, eine eigens zu diesem Zweck hergestellte Mappe im DIN-A3-Format, beinhaltete die Reaktionen auf ein von Max Frisch und Uwe Johnson im Juni 1973 an Autoren des Suhrkamp und Insel Verlags gerichtetes »Zirkularschreiben«: »Im Herbst nächsten Jahres hat Siegfried Unseld, unser Verleger, seinen fünfzigsten Geburtstag. Die beiden Unterzeichner dieses Briefes laden Sie zu einem gemeinsamen Geburtstagsgruß ein, der nicht eine Festschrift sein soll, sondern eine Mappe mit zeichnerischen Beiträgen.« Der Beitrag von P.H. bestand aus den ersten Sätzen des Romans Die Stunde der wahren Empfindung und einigen Zeichnungen. Die Irritationen auf seiten von S.U., die mit diesem »Geheimprojekt« verbunden waren, sind dokumentiert in: Johnson–Unseld, Der Briefwechsel, S.828-833.
Frankfurt am Main, 2. September 1974

Lieber Peter,

ich schicke Dir einige neuere Rezensionen zu Deinem Buch »Als das Wünschen noch geholfen hat« zu. Ich könnte mir vorstellen, daß Dir die Rezension aus der »Neuen Zürcher Zeitung« doch gefällt.(1)

Schöne Grüße
Dein

[Siegfried Unseld]

  • (1) Martin Kraft, Die Sprachlosigkeit des Sprachmächtigen, in: Neue Zürcher Zeitung, 21.August 1974.
Frankfurt am Main, 3.Oktober 1974

Lieber Peter,

Du hast mir ein bewegendes Bild gezeichnet. Eine Geschichte, in die man hineingezogen wird, und Zeichnungen, die diese wahre Empfindung illustrieren. Das ist ein richtiges Kunststück. Ich gratuliere Dir und mir. Nimm meinen herzlichen Dank! Ich werde diesen Text und diese Zeichnungen immer wieder vornehmen und mich da hineinbegeben.(1)

Herzlich

Dein

[Siegfried Unseld]

  • (1) Abb.7 zeigt in verkleinerter Form und in Schwarzweiß den Beitrag von P.H. zum 50. Geburtstag von S.U.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags, Berlin 2012

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erstellt am 04.12.2012

Siegfried Unseld und Peter Handke, Foto: Suhrkamp Verlag

Siegfried Unseld (links) und Peter Handke Ende der 1960er Jahre, Foto: Suhrkamp Verlag

Peter Handke, Siegfried Unseld
Der Briefwechsel
Herausgegeben von Raimund Fellinger und Katharina Pektor
Leinen, 798 Seiten
ISBN: 978-3-518-42339-4

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Zum 70. Geburtstag des Autors spricht sein Lektor Raimund Fellinger, von der ersten Begegnung mit Peter Handke.

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