Die Kritik war enthusiastisch bis verständnislos. Vor allem konservative argentinische Wagnerianern konnten die international beachtete Opernpremiere des „Ring der Nibelungen“ am Teatro Colón nicht schätzen. Die zur Zeit in Buenos Aires lebende Frankfurter Journalistin Sieglinde Oehrlein hat sich die gewagte Inszenierung der Regisseurin Valentina Carrasco angesehen.

Opernpremiere 27.11.12

Der Ring des Nibelungen in Buenos Aires

Neu geschmiedet: das Gold sind die geraubten Kinder

Von Sieglinde Oehrlein

Im Río de la Plata, dem Silberfluss, liegt zwar nicht das Rheingold verborgen, aber eine langjährige Wagner-Tradition, und eine Wagner-Gemeinde besitzt das Teatro Colón in Buenos Aires gewiss. Neben der italienischen und der französischen Saison gab es eine deutsche „temporada“, neben Wagner wurden Richard Strauss, Gluck und Mozart gespielt.

Insbesondere in den dreißiger und vierziger Jahren wechselten sich Fritz Busch und Erich Kleiber mit dem deutschen Repertoire ab, nicht nur Wagners Parsifal, Tristan und Isolde sowie Die Meistersinger, auch der Freischütz und Die verkaufte Braut waren am Río de la Plata zu hören.

In vergangenen Glanzzeiten leistete sich das Haus Sänger wie Lauritz Melchior (als Tristan, Siegmund und Siegfried 1931), Astrid Varnay als Brünnhilde (1947), Hans Hotter als Wotan, Hans Hopf als Siegfried und Birgit Nilsson als Brünnhilde (1962 und 1967), Wolfgang Windgassen (Siegfried 1967 zusammen mit Birgit Nilsson als Brünnhilde), Marga Höffgen (Erda) und Gwyneth Jones als Sieglinde (1967).

Während Wagner im nationalsozialistischen Deutschland zum Nationalhelden verfremdet wurde, suchten und fanden Wagnerinterpreten und andere Künstler jüdischer Herkunft im Göttertempel Colón Heimat und Zuflucht: darunter Alexander Kipnis (König Marke von 1931 und 1934), Friedrich Schorr (1926 als Wotan), Emanuel List, Frida Leider (die Isolde von 1931), Max Lorenz als Tannhäuser (1937), Tristan (1938), Siegmund und Siegfried sowie Lydia Kindermann (Fricka 1940).

An diese große Wagnertradition wollte das Teatro Colón nun anknüpfen. Vor zwei Jahren wurde das seit 1908 bestehende Opernhaus nach einer gründlichen Renovierung, vielen Querelen und langen Verzögerungen mit großem Pomp wieder eröffnet.

Sozusagen als „Vorabend“ zu den Feiern zum 200. Geburtstag von Richard Wagner am 22. Mai 2013 war ein „Wagner-Kompakt-Ring“ mit Katharina Wagner, der Urenkelin des Komponisten, als Großereignis angekündigt worden. Daraus ist nun, wie die Argentinier stolz sagen, der „Colón-Ring“ geworden, der am 27. November (2012) Premiere hatte.

Die 16 Stunden Musik an vier Abenden wurden in der Kurzfassung von Cord Garben, Jahrgang 1943, Repetitor, Liedbegleiter, erfolgreicher Plattenproduzent und Arrangeur, auf vier Teile in sieben Stunden an einem Nachmittag und Abend reduziert. Wagnerianer empfinden die Schnitte natürlich als schmerzhaft, vermissen die fehlenden Ruhepunkte oder sehen solch ein Unternehmen ohnehin als sündhaft an. Gestrichen sind der Wanderer-Wotan, ebenso die Nornen, Erda, Waltraute, Donner und Froh. Cord Garben bekannte, Wagner enthalte Philosophie und Aktion, auf die Philosophie, die retardierenden Momente, Reflexionen, Rückblenden und innere Monologe wurde verzichtet.

Das Großereignis sollte medienwirksam von Katharina Wagner inszeniert werden; schließlich sagte sie – ebenfalls medienwirksam – kurzfristig ab. Noch vergangenes Jahr bei der Vorstellung des „Mega-Vorhabens“ in Berlin hatte sie von den hervorragenden technologischen Möglichkeiten und dem „Glamour“ des Hauses geschwärmt. Statt in Buenos Aires einige Wochen Probenarbeit zu leisten, folgte sie jedoch dem Ruf zu einem anderen Medienereignis, „50 Jahre Kultur bei Audi“ am 11. November in Ingolstadt. Audi ist einer der Sponsoren der Bayreuther Wagner-Festspiele, also eine Art moderne Version dessen, was König Ludwig II. von Bayern für Richard Wagner war. Mit so jemandem verdirbt man es sich nicht.

Während eines Blitzbesuches – offenbar schon mit Rückflugticket in der Tasche – sei die fränkische Walküre wie der Hurrikan Kathrin durch das Teatro Colón gebraust. Dabei glaubte sie, sich überzeugt zu haben, dass nicht eine Perücke, nicht ein Kostüm, „nichts fertig“ sei und sie unter diesen Bedingungen nicht arbeiten könne. Wenn dem so war, ist die Regieleistung von Valentina Carrasco, die aus diesem „Nichts“ in rund vier Wochen eine passable Inszenierung schuf, umso mehr zu bewundern. Die Sänger waren bereits in Buenos Aires, aber „arbeitslos“, da Katharina Wagner nicht zu den Proben erschienen war.

„Was du bist, bist du nur durch Verträge“, sagt Fasolt im Rheingold. Für Katharina schien das nicht zu gelten. Immerhin in gutem Einvernehmen sei der Vertrag am 25. Oktober aufgelöst worden, da es ihr und ihrem Team „unmöglich sei, das Projekt zu Ende zu führen“, so der Direktor des Teatro Colón, Pedro Pablo García Caffi. „Keiner stellt Forderungen an den anderen“.

Eine „gewisse Vorahnung“ habe er gehabt, und so konnte er schnell die aus Buenos Aires stammende Valentina Carrasco mit ihrem Team „aus dem Hut zaubern“. Die Vorarbeiten liefen zwar schon seit zwei Jahren, aber mit einem Endspurt „à la argentina“, einem Kraftakt aller Beteiligten, schaffte sie es, ohne Vorbereitung einen eigenen „Kompakt-Ring“ zu schmieden, ihre eigene Konzeption in ein immerhin vorhandenes Bühnenbild von Frank Schlössmann einzupassen. Die Kostüme – normale Alltagskleidung – beruhen auf ihren Vorstellungen. Von der Sängerbesetzung war sie höchst angetan.

„Valiente“ heißt auf spanisch etwa „mutig“ – Nomen scheint Omen. Die in Notlagen erprobte Valentina Carrasco, die bereits Le gran macabre von György Ligeti wegen Gewerkschaftsstreitigkeiten in einer „Kompakt-Fassung“ für zwei Klaviere und Schlagzeug sowie Ödipus von Georges Enescu im Colón „gerettet“ hat, kann auf mehr als zehn Jahre Erfahrung mit der katalanischen Theatergruppe La Fura Dels Baus zurückgreifen. Angesichts der kurzen Probenzeit dürfe „das Chaos nicht Feind, sondern müsse Verbündeter“ sein und solle der Produktion „Charakter“ verleihen, meinte sie.

Das Werk kannte Carrasco aus der Zusammenarbeit mit Zubin Mehta und der „Fura“. Die Symbolik des Ringes versucht sie, in die argentinische Geschichte zu verlagern, den Raub des Rheingoldes assoziiert sie mit dem Kinderraub während der Diktatur (1976-1983), das Gold sind für sie die geraubten Kinder.

Die Pyramide auf der Plaza de Mayo, wo die „Mütter der Plaza de Mayo“ im Gedenken an ihre verschwundenen Kinder ihre stummen Runden drehten, wird zur vergitterten Kerkerzelle, vor der Siegmund (Stig Andersen) ermordet wird, die geraubte Freia wird statt in Gold mit ebenfalls geraubten kleinen Kindern „aufgewogen“, was in der Schmiede wirklich geschieht, ist als grausiges Schattenspiel nur zu erahnen – auf Bahren werden laufend Tote, vor allem schwangere Frauen herausgetragen.
Wotan (der etwas blasse Jukka Rasilainen) ist als steifer Militär stilisiert, es kann General Perón oder jeglicher Diktator sein; als seine Gattin Fricka entfaltet Simone Schröder dagegen stimmliche Pracht.

Sieglinde (eine jugendlich strahlende Marion Amman, die ihre Zerrissenheit ebenso glaubhaft singt, wie spielt), wird von Ehemann Hunding (Daniel Sumegi) wie ein Tier an einer Art Leine gehalten; in ihrer verkommenen Behausung kriecht sie auf dem Boden herum, bis Siegmund sie mit seinem „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ befreit. Brünnhilde (die großartige Linda Watson) ist in eine Zwangsjacke mit zusammengebundenen Ärmeln gesteckt. Das Thema der Gewalt gegen Frauen wird in Argentinien gerade heftig diskutiert.

Auch beim Dirigenten fand eine Art „Ringtausch“ statt, an Stelle des Franzosen Julien Salemkour stand der in Wien geborene Roberto Paternostro am Pult des aus den zwei Colón-Orchestern zusammengestellten „Ring-Orchesters“. Er war in Tel Aviv, als er den Anruf aus Buenos Aires bekam. Für ihn ist der „Carrasco-Ring“ die „Geschichte der Macht, des Machtmissbrauchs, der Diktatur“, eine vorsichtige Annäherung in Anspielungen, eine von tausend Möglichkeiten der Interpretation. Von der Akustik des Hauses zeigte er sich begeistert, hätte aber gerade deshalb das Orchester, das sich in dem siebenstündigen Marathon einige kleine Schnitzer leistete, stellenweise etwas mehr bändigen können.

Die argentinische Presse feierte das Teatro Colón schon vor der Premiere als Zentrum eines Weltereignisses, Journalisten aus 16 Ländern hatten sich akkreditiert. Im Publikum hörte man auffallend viel Deutsch, Italienisch, Englisch, selbst eine Gruppe von Finnen war eigens angereist. Weltstädtisch waren auch die Preise, sie reichten von 360 bis 3.000 Pesos (ein Dollar = 4,80 Pesos). In den drei Pausen gab es – im Preis inbegriffen – Sekt, Kaffee, kleine Häppchen; die geplanten vier Aufführungen wurden aus Ersparnisgründen auf zwei reduziert, dennoch gab es freie Plätze. Auf das Teatro Colón entfallen 26 Prozent des städtischen Kulturetats.

Die Deutsche Welle hat den gesamten Kompakt-Ring aufgenommen; eine neunzig-minütige Dokumentation in vier Sprachen soll dem Ring endgültig Weltwirkung verschaffen.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 02.12.2012

Richard Wagner
Ring der Nibelungen
Colón-Ring am Teatro Colón
in der Kurzfassung von Cord Garben
Musikalische Leitung: Roberto Patternostro

Inszenierung: Valentina Carrasco
Premiere: 27. November 2012

Szenenfotos Colón-Ring © Teatro Colón