Vierteljährig erscheint eine neue Weltempfänger-Bestenliste, aus der die Chefredakteurin der Zeitschrift LiteraturNachrichten, Anita Djafari, ihren favorisierten Buchtitel auswählt und den Faust-Lesern vorstellt.

Lese-Entdeckung

Anita Djafaris Buchtipp

Tomás González, Foto © Markus Schultze-Kraft
Tomás González, Foto © Markus Schultze-Kraft

Weltempfänger 17Tomás González, »Das spröde Licht«

Um es gleich vorwegzunehmen: mit diesem Roman ist der Kolumbianer Tomás González endgültig zu einem meiner Lieblingsautoren geworden. Er schreibt in einer klaren, gestochen scharfen Sprache, scheinbar nüchtern und dabei strahlend schön. Die Übersetzer Rainer und Peter Schultze-Kraft haben den Sprachstil kongenial ins Deutsche übertragen.
Dabei geht es um ein schweres Thema. Jacobo, der älteste Sohn einer im Großen und Ganzen glücklichen Familie, verunglückt so schwer, dass er querschnittsgelähmt ist und unter schier unerträglichen Schmerzen leidet. Auch die liebevoll und kundig ausgeführten Maßnahmen zur Linderung, die ihm seine Umgebung zuteilwerden lassen, können daran nichts ändern, so dass er mit seiner Familie gemeinsam eine der schwersten Entscheidungen trifft, die man sich denken kann: Er beschließt mit Hilfe eines Arztes aus dem Leben zu scheiden. Sein Bruder begleitet ihn an den Ort, an dem es geschehen soll. Die Eltern bleiben zurück und warten auf den erlösenden Anruf, wobei sie gleichzeitig hoffen, er möge leben und er möge es schaffen zu sterben. Wie das die beiden zerreißt, einen jeden für sich und auf seine Art, das erschüttert beim Lesen und bebt lange nach.

David, der Vater und Ich-Erzähler, ein allmählich erblindender Maler, der sich im Alter aufs Schreiben und Aufschreiben verlegt hat, entfaltet die Geschichte seiner Familie um diesen einen Abend, in dem er in Rückblenden vom Glück seiner Ehe mit Sara erzählt, vom Zusammenleben und Zusammenhalt einer intakten Familie, in die das Unglück einbricht und die daran nicht zerbricht, sondern mit der Entscheidung, den Tod in das Leben zu lassen, dieses auch zelebriert.

Das hört sich pathetisch an oder vielleicht sogar kitschig, aber das Gegenteil ist der Fall. Weil der Autor es schafft, bei aller Komplexität dieses Themas auch Zuversicht, Hoffnung und Wärme zu vermitteln und dabei so konzis zu sein, dass es einem den Atem verschlägt. Deshalb zum Abschluss als Kostprobe ein Zitat, das alles enthält, was ich versucht habe zu beschreiben: „Aber in diesem Augenblick spüre ich trotz der Ereignisse, über die ich schreibe, oder vielleicht gerade deshalb, Lebensmut. Seit damals ist viel Zeit vergangen, neunzehn Jahre, und das Stechen im Herzen ist seltener geworden, dieser Druck, als müsste ich ersticken. Was passiert ist, lastet natürlich weiter auf mir, und oft muss ich, wenn ich daran denke, zur Zigarette greifen und mich eine Weile hinlegen, aber die Freude zu leben gewinnt immer oder fast immer die Oberhand, wie ein Stück Holz, das im Wasser unweigerlich nach oben kommt…“.

Lesen Sie dieses Buch, und dann verschenken Sie es zu Weihnachten. Mir fällt keine passendere Lektüre ein.

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erstellt am 02.12.2012

Tomás González wurde 1950 in Medellín/Kolumbien geboren. Er studierte Philosophie, war Barmann in einer Diskothek in Bogotá, betrieb eine Fahrradmontage-Werkstatt in Miami und lebte 16 Jahre lang als Journalist und Übersetzer in New York. 2002 kehrte er nach Kolumbien zurück. Das spröde Licht ist sein dritter Roman in deutscher Übersetzung, nachdem Am Anfang war das Meer, Horacios Geschichte und Teufelspferdchen erschienen sind.

Platz 1 der litprom-Bestenliste
Weltempfänger

Tomás González
Das spröde Licht
Roman
Hardcover
Aus dem Spanischen von Rainer Schultze-Kraft und Peter Schultze-Kraft
ISBN: 978-3-10-026605-7
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