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Der Film „My Teheran for Sale“, der 2009 beim kanadischen Filmfestival in Toronto gezeigt und inzwischen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde,  machte die iranische Lyrikerin und Filmregisseurin Granaz Moussavi international bekannt. Ihr lyrisches Werk,  das Momente eines bedrängten Alltags in eigenen Bildern beschreibt, ist bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt.  Eine Auswahl der Gedichte hat Isabel Stümpel auf persisch und deutsch für Faust-Kultur zugänglich gemacht.

Granaz Moussavi
Granaz Moussavi

Die Lyrikerin und Filmregisseurin Granaz Moussavi (* 1974) gehört zu den mutigsten und originellsten Dichterinnen im heutigen Iran. Geboren in Teheran als Tochter eines Toningenieurs und einer Videofilmerin studierte sie zunächst Naturwissenschaften, bevor sie sich dem privaten Schauspielstudium und schließlich dem Film- und Regiestudium zuwandte. Bereits während ihrer Schulzeit veröffentlichte sie in Zeitschriften Buchkritiken und eigene Gedichte. Bisher sind vier Gedichtbände von ihr erschienen, zwei davon in mehreren Auflagen. In einem Dokumentarfilm über Teheran in der modernen Dichtung (Piruz Kalantari „In the Endless Streets“, Iran 2008) tritt sie neben Ahmad Reza Ahmadi und Muhammad Ali Sepanlu, zwei bekannten Dichtern der älteren Generation, als namhafte Vertreterin der aktuellen Lyrikszene auf.

Nachdem sie ihre Hoffnung auf eine Öffnung der Islamischen Republik zugunsten größerer politischer und künstlerischer Ausdrucksfreiheit/Meinungsvielfalt enttäuscht sah, wanderte Granaz Moussavi 1997 zusammen mit ihrer Familie nach Australien aus, behielt jedoch ihre Teheraner Wohnung bei und pendelte bis vor kurzem zwischen beiden Ländern. Die Themen ihrer Gedichte und Filme sind bis heute von Bildern des iranischen Alltags geprägt, zu denen willkürliche Verhaftungen und Auspeitschungen, ja Steinigungen von Frauen ebenso gehören wie die nachwirkenden Schrecken des Krieges gegen den Irak, religiöse Zeremonien im Dienste der offiziellen Propaganda und heimliche Ausschweifungen. Während sie einerseits protestiert und anprangert, versucht sie andererseits auch den Einzelnen in seiner Bedingtheit zu verstehen, schreibt lakonische Resümees scheiternder Beziehungen und intime Liebesgedichte.

Eine Auswahl ihrer Gedichte sind hier in der deutschen Übersetzung von Isabel Stümpel zu lesen und auf persisch und deutsch zu hören.

Text und Audio

Granaz Moussavi

Steinigung

Die Erde blieb und eine Arena
um neben den Steinen zu sterben

Wurf um Wurf zerrann die Frau
An ihren Schläfen Granatäpfel-Platzen. Plötzlich
blieb ihr von Polstern und Laken
nur im Gedächtnis Rhabarbergeschmack

aus: Red Memory (o.O. 2011)

Nestschmerz

(Teheran 2004)

Könnte ich doch die staubige Hand, die mich am Rock hält, nehmen
über die Stolpersteine der Ereignisse schreiten
das Banner in der Wunde
verkeilt in meinen Schmerzen
ablegen neben meinen Knochen

Die Mauern schleudern dir Spott entgegen
Die wilden Malven tun unbeteiligt

Zwischen Tschadors und Einkaufskörben
kehr dich ab von Kräuterbündeln und Totengeleit
Schnür mir mein Los mit neuem Band unauflösbar um die Stirn
damit ich vergesse, dass die Wände periodisch bluten
Die „langbeinigen Schönen“
              neben den losgegangenen Schüssen
lassen sich ein auf Trauerzelte
              mischen mit bei jedem Klagegeschrei

Über der Tür jedes Ladens steht:
             Hier wird mit Hass gehandelt

Könnte man doch die staubige Hand, die einen am Rock hält, nehmen und verwehen
Sein Gedächtnis, wo immer man will, ausschütteln
sich an den Schrei seiner Knochen gewöhnen

Sommer 2011

aus: Red Memory (o.O. 2011)

Acht Sch

Mein Schatten schabt an deinem Schatten
Ich bin verschwägert mit dem Frühling

Du fällst
Schatten

          fällt unter meine Augenlider
Auf mir wachsen Blätter

Du gehst
Das Laken scheint im Vorübergleiten meines Schattens
grün und
schattenlos falle ich in den Herbst

aus: Songs of a Forbidden Woman (Teheran 2002)

  • Acht Sch: Anspielung auf sieben (!) Symbole für Segen und Fülle (wie Apfel, Mehlbeere, Weizensprösslinge), die im Persischen alle mit dem Buchstaben „Sin“ (= “S“) beginnen und zum persischen Neujahr = Frühlingsbeginn die traditionelle Festtafel schmücken. In der Übersetzung sind die im Persischen mit „S“ anlautenden Wörter, ausgehend von dem Schlüsselwort „Schatten“, durch solche mit „Sch“ wiedergegeben

Halb

Warum ergänzt du mich nicht?
Oder trennst Dich gänzlich von mir?

Im lauen Dazwischen von Wiederholung und Geduld
kommt mir dein Kommen nicht entgegen
Die Äpfel sind stumm
Im halb verzehrten Halbleeren erklingt
jemandes Stimme:

Heute nacht ist keine Vollmondnacht
und niemanden will ich sehen

Ich habe Lust auf Mandarinen
Denke: Hätte mein Zimmer
doch ein Fenster mehr

aus: Songs of a Forbidden Woman (Teheran 2002)

  • Heute nacht ist keine Vollmondnacht (…): Anspielung auf ein bekanntes Liebeslied „Heute Nacht ist Vollmondnacht, ich will meine Liebste (sehen)“

Brief

Uns gehörten alle Cafés
          und die Berge dazu

Wir sprudelten, Salz
          floß von unseren Nägeln

Du warst Wasser
Ich war Brot
In der Gefahr bedecktest du mir das Haar
Ich beschirmte dein buntes Gesicht
Wände, Wände
Zum Wahnsinnigwerden
bis zum Gästehaus…

(Sie liessen uns abblitzen)
bis wir den Stempel des Meldeamts zeigten…

(Wir ließen alle Vorsicht fahren…)
Gedichte ohne Vortragsabend, sturzbetrunkene Nächte
Glas für Glas
stiegen wir auf die Bäume
vergaßen, dass das brodelnde modernde Teheran, baumlos
unserer Jugend nicht genügt
So sehr, dass wir noch mehr
über die Stränge schlagen
mit Plänen, die am Galgen enden

Weder wurdest du zur Schönen auf dem Bilderteppich
Noch wurde mir die Stadt

          zum Verhängnis

Die eine ging die Ehe ein, die andere ging in die Berge
bis zu der gestohlenen Steinplatte
aus der Talstation
auf der wir einmal barhäuptig saßen bis zur Dämmerung

Weder das Café
          noch die Berge gehören uns

aus: Songs of a Forbidden Woman (Teheran 2002)

  • Bis wir den Stempel des Meldeamts zeigten: Um „unbemannt“ in einem Gasthaus übernachten zu können, muss frau im heutigen Iran eine Bestätigung vom Einwohnermeldeamt beibringen. Dadurch wird einerseits ihr Bewegungsprofil kontrolliert (Frauen dürfen ohne Erlaubnis ihres Ehemanns das Land nicht verlassen), andererseits soll verhindert werden, dass Frauen heimlich als Prostituierte arbeiten.

Die Spinne

         Lies!
Nein
         Lies!
Sie lassen mich nicht
Wie soll ich lesen
lautlos
Ohne Licht
kopflos
Wie lesen
Ohne Sicherung?
         Lies!
Nein
Sie kommen mit allem, was ich nicht habe
Ich schreibe:
         Sie kommen mit schwenkbarem Licht
Geruchlos
         Spurlos
namenlos
Bringen sie mich weg
Ohne Recht
Ohne Wasser für meine trockene Kehle
Rastlos
Bringen sie mich weg
Ich schreibe:
         Meine Kehle ist eine Wüste
Sie fallen mir ins Wort
         Lies!
Nein
Ich schreibe:
In dieser Welt gibt es für den Wahnsinn keine Höhle mehr
In dieser Welt…
         Ich habe gesagt: Lies, Die Spinne…!
Das Nein spinnt ein Netz um mich
um meinen Leib
ein Netz
spielt Tar
spielt mit einer Hand
spinnt eine Kette
spinnt eine Hand
spielt
spinnt
spielt ein weiteres Kettenglied
Ich schreibe:
         Meine Kehle ist eine Wüste

Ein Strick um die Kehle
scheidet Wüste von Gesang

aus: Songs of a Forbidden Woman (Teheran 2002)

  • Die Spinne: Name der 29. Sure des Korans
  • In dieser Welt gibt es keine Höhle mehr für den Wahnsinn: Anspielung auf Majnun (wörtl.: „der Besessene“), den legendären Liebenden des islamischen Kulturkreises, der in einer Höhle mit wilden Tieren lebte, als man ihm die Hand seiner geliebten Leili versagte Ev. auch auf die ersten Offenbarungen Muhammads, die er in einer Höhle empfing. Wie jeder Prophet wurde auch er häufig als „wahnsinnig“ abgetan.
  • Tar: Persisches Saiteninstrument

Flughafen

Ihr durchsucht meine Handtasche – wozu?
In den Tiefen meiner Taschen versteckt sich ein Seufzer, der ständig „Halt!“ zu hören bekam
Lasst mich los!
            Jawohl, ich schlafe mit dem Himbeerstrauch, ohne mich zu schämen
Warum habt ihr es auf eine Frau abgesehen
die ihr Herz von der Wand losreisst
                    ein Herz an ihre Bluse steckt?
In meinem Koffer ist nichts
ausser Haarsträhnen, die nichts verbrochen haben
                           Lasst mich los!
Mir träumte, dass ich dieses Herz von Gott stibitzte und es nicht bis morgen schaffe
Mir träumte, dass dort, wo ich hingehe
meine Schuhe am Freitag kleben
Ist am Ende Gottes ganze Erde von Blutkrebs befallen?

Ich befrage eine Pusteblume und lasse sie los in den Mond:
Komm zurück, Freitag, Kinderzeit
Komm zurück mit dem Jungen, aus dessen Händen Papierdrachen wuchsen
In den ich mit allen zehn Fingern, so gut ich konnte
                           verliebt war
Warum haben sie es auf eine Frau abgesehen
die ein Herz an ihre Bluse steckt?

Hier werden die Abflüge immer verschoben
Im Flitzebogen der kriegsgeschüttelten Gassen
                        Im geblümten Rock auf der Wäscheleine
Die Fledermäuse altern sowieso
Gebt wenigstens mein Kinderbild zurück!
Fremder als ein Drachen, der in der Truhe bleibt
werde ich abgestempelt und sehne mich schon nach zuhaus
Die Antenne zielt auf den Himmel, aber
mein Hemd auf der Wäscheleine legt die Arme um Gott

April 1996

aus: Bare Foot Till Morning (Teheran 2000)

Gedichte von Granaz Moussavi, © Grandaz Moussavi. Unveröffentlichte deutsche Übersetzung von Isabel Stümpel © Isabel Stümpel

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erstellt am 28.11.2012

Gedichte von Granaz Moussavi

gelesen von Isabel Stümpel

Steinigung

Nestschmerz

Acht Sch

Halb

Brief

Die Spinne

Flughafen

Audios © Andrea Pollmeier, Redaktion Faust-Kultur