Buchkritik und Romanauszug

»Drei Worte auf einmal«

Maria Knissels „Drei Worte auf einmal“ erzählt die Geschichte der beiden Brüder Chris und Klaus Kemper. Chris ist dreizehn, als sein Bruder durch einen Motorradunfall seiner körperlichen und geistigen Bewegungsfreiheit beraubt wird. Chris und den im Koma liegenden Klaus verbindet mehr als Chris zulassen kann und will. Zunächst.
        Der Roman lässt sich jedoch nicht auf die beiden Brüder reduzieren. Maria Knissel zeichnet ein präzises Porträt einer – bis zu Klaus' Unfall – ganz gewöhnlichen Familie aus Rüsselsheim, die durch dieses Unglück in den Grundmauern erschüttert wird. Der Schicksalsschlag verändert die innerfamiliäre Kommunikation, lässt sie nahezu zum Erliegen kommen. Der Roman ist ein Dokument der nicht gesagten Worte, der verschwiegenen Gefühle, des Wechsels von An- und Abwesenheit. Der Autorin gelingt, über die beschriebenen drei Jahrzehnte hinweg, diese Spracherosion in wenigen Worten, in kurzen Dialogen zwischen den Familienmitgliedern nachzuweisen. Die Gedanken wandern nach dem Punkt weiter. Der Satz ist nicht fertig gesprochen. Die Dialoge sind Wortabbrüche. Selbst nach dem Tod der Eltern und des geliebten Bruders gelingt es Chris nicht, alles zu sagen, was ihn bewegt. Sein als inzwischen bekannter Berufsmusiker gegebenes Radiointerview nutzt Chris, um Würde und Zuhören einzufordern. Aber er spricht nicht zu Ende, es kostet ihn immer noch zu viel Kraft. Chris nutzt eine andere, seine Sprache, eine wortlose und doch so gewaltige: die Musik.
        Unmittelbar vor dem Motorradunfall sehen wir einen fürsorgenden Vater, der sich Zeit nimmt, Chris die Welt zu zeigen. Obwohl wenige Seiten später diese Zärtlichkeit brutal von der Wirklichkeit des auf der Intensivstation liegenden Klaus zerstört wird, bildet die Eingangsszene des Romans einen Schlüssel für die beschriebene Befreiung. Es ist die Befreiung eines mit sich und seinen Ängsten allein gelassenen Kindes. Die Etappen sind kennzeichnend: Rückzug, Schulverweigerung. Schulverweise. Alkohol. Suizidgedanken. Nach der Lehre zum Fräser bei Opel, die ihm Halt gibt, folgt die stumpfsinnige Arbeit in den Schichten, mit einem Vorarbeiter, der ihn nicht mag, und den Kollegen, die schon morgens Hochprozentiges kippen, um die Unerträglichkeit wenigstens zu dämpfen.
        Es sind die früheren gemeinsamen Auftritte mit dem Vater in der Tanzkapelle „Maingold“, die schließlich Chris den Weg aufzeigen: eine geteilte Leidenschaft, eine vom Vater sorgsam geförderte Hinführung zur Musik. Durch Zufall lernt Chris Sven kennen, der ihm vom Landesjugend-Jazzorchester Hessen erzählt. Chris nimmt seinen Mut zusammen und bewirbt sich dort, wird angenommen. Mit dem Orchester fliegt er, obwohl er von seinem Vorgesetzten bei Opel keinen Urlaub bekommen hat, drei Wochen nach Australien. Dort vollzieht sich die Befreiung. Chris kommt nach den wohl wichtigsten Wochen seines Lebens, in denen er das Leben für die Musik lieben lernt, seine Gedanken jedoch stets um Klaus kreisen, mit dem Entschluss zurück, Musik zu studieren. Chris' Befreiung ist keine Abkehr von der Familie, sondern geht durch das Wurzelwerk der unsichtbaren biografischen Verästelungen.
        Der Verlag nutzt die Popularität des Kinoerfolges „Ziemlich beste Freunde“, um das Thema des Romans, holzschnittartig gesagt: Menschen mit Behinderungen, über die Assoziation „Ziemlich beste Brüder“ werbewirksam in den Vordergrund zu stellen. Das ist legitim, trifft den Inhalt jedoch nicht. „Drei Worte auf einmal“ fehlt es an Leichtigkeit, der Roman ist keine Komödie. Es ist eine fortwährende Familientragödie, die durchlitten werden muss. Die Leserin, der Leser dürfen daran teilhaben. Statt mit vor Lachen brüllenden Menschen in einem Kinosaal zu sitzen, darf zwischen den Zeilen ganz allein und unbeobachtet geweint werden. Das ist der Zauber dieses Buches.

Romanauszug aus »Drei Worte auf einmal«

1977

5. September

Sieh mal“, sagte Vater und zeigte auf den braunen Hügel vor uns. Er zog ein weißes Taschentuch aus seiner Hose, beugte sich vor und legte es mitten auf den Haufen. Innerhalb von Sekunden war das Tuch bedeckt von großen, wimmelnden Ameisen. Vater lächelte, als er meinen fragenden Blick sah. „Man braucht ein bisschen Geduld.“ Als das Tuch kaum noch zu sehen war, fasste er es an einem Zipfel, schüttelte es kräftig aus und hielt es mir vor die Nase. Ich musste husten.
        „Ameisensäure“, lachte Vater, faltete das Tuch zusammen und steckte es wieder in die Tasche, „sie versuchen, sich damit zu verteidigen.“
        Lange beobachteten wir anschließend die Ameisen, wie sie in endlosen Reihen hintereinander herliefen, eine schwerer beladen als die andere. Manche schafften es kaum mit ihrer Last, die mehrfach größer war als sie selbst, sie stolperten, fielen um, fielen zurück, aber unermüdlich krochen sie weiter, reihten sich wieder ein, Hunderte, Tausende, um unbeirrt ihrem Ziel entgegen zu streben.
        „Ameisenhaufen sind Meisterbauten“, sagte Vater, „alles hat in ihnen seine Ordnung, jede einzelne Ameise ihren Platz und ihre Aufgabe. Alle wissen genau, wo sie hingehören, und jede macht sich nützlich für das Ganze.“ Er sah auf die Uhr. „Schon halb acht. Jetzt aber schnell!“

        Vor unserem Haus ließ Vater den Motor laufen, stieg aus und öffnete das Tor. Als hätte er darauf gewartet, tauchte Klaus auf seinem Motorrad in der Garageneinfahrt auf: groß, dünn, die Lederjacke halb offen, die langen Beine in einer zerrissenen Schlagjeans. Er rollte vorwärts und manövrierte sich durch die Lücke zwischen dem Torpfosten und unserem Auto. Sein Gesicht erschien hinter der Scheibe. „Alles klar, Kleiner?“ Ich ärgerte mich, weil er mich immer noch „Kleiner“ nannte, und gab ihm keine Antwort. Er setzte seinen Helm auf, legte einen Moment seine behandschuhte Hand auf die Scheibe, dann fuhr er davon.
        „Wenn der Junge sich doch wenigstens mal die Haare schneiden lassen würde“, murmelte Vater, als er sich auf den Fahrersitz fallen ließ.
        Weil wir so spät waren, rechnete ich mit einem strengen Blick von Mutter, aber als wir in die Küche kamen, stand sie da und knetete ein Geschirrtuch in den Händen. Im Wohnzimmer lief der Fernseher. Sie sah Vater an: „Die haben schon wieder jemanden entführt.“

Ein heller Mercedes, Waffen auf der Kühlerhaube, die Tür offen, davor auf der Straße liegend ein Mensch. Der Reporter hatte nach Erklärungen gerungen, vier Männer tot, Hanns-Martin Schleyer nicht dabei, mehr wusste er auch nicht. Ich starrte abwechselnd Gerd Müller an der Wand neben mir an und den Mond, der durch das Dachfenster schien. Es war warm hier in meinem kleinen Zimmer und ich konnte nicht schlafen. Ich hatte keine Ahnung, was ein Arbeitgeberpräsident war, aber ich hatte die Spannung gespürt, mit der meine Eltern die Nachrichten verfolgten, und wäre gern noch bei ihnen geblieben, auf meinem Platz auf dem braunen Cordsofa, das wir letztes Jahr angeschafft hatten. Noch lieber hätte ich mich sogar ausgestreckt und meinen Kopf auf Mutters Schoß gelegt, aber dazu war ich jetzt wirklich zu alt mit dreizehn Jahren. Und nun ließen mich die Bilder nicht mehr los.
        Ohnehin schlief ich selten gut ein. An den meisten Abenden lag ich noch lange wach, weil meine Eltern fanden, dass ein Junge in meinem Alter um neun ins Bett gehört. Ich nutzte die Zeit trotzdem. Mal war ich Old Shatterhand, mal Max Greger, meistens aber Gerd Müller.
        Manchmal, an mondhellen Abenden wie diesem, machte ich mich auch auf ins All, sah mich in einem weißen klobigen Weltraumanzug aus dem Raumschiff steigen, die Hand zum Gruß heben, auf den Kraterboden springen und nach dem Aufkommen sogleich wieder in die Luft schweben, ganz leicht.
        Oder ich verfolgte die Autos, die draußen vorbeifuhren. Sehen konnte ich sie nicht, aber wenn ich aus der Ferne eines heranrollen hörte, begann ich zu zählen und versuchte, genau in dem Moment bei zehn anzukommen, in dem es am Haus vorbeifuhr, dann, wenn das Brummen des Motors am lautesten war. Danach veränderte sich der Ton. Ein Auto von vorn klang heller als ein Auto von hinten, das hatte ich herausgefunden, weil ich manchmal mitsummte.
        Das Auto, das sich jetzt näherte, hielt genau bei zehn. Der Motor ging aus, blaues Licht pulste durchs Fenster, Türen schlugen zu. Ich fuhr aus dem Bett auf und spähte hinaus. Ein dunkler Wagen stand vor unserem Haus. Es klingelte. Ich huschte zur Tür und öffnete sie einen Spalt. „Polizei“, sagte einer der Männer. Was er weiter sagte, konnte ich nicht verstehen, aber selbst über die zwei Stockwerke hinweg nahm ich in seiner tiefen Stimme etwas wahr, das ich nicht kannte. Mir wurde kalt.
        Dann begann Mutter zu schreien.
        Noch nie hatte ich sie, noch nie überhaupt einen Menschen so schreien gehört: wie ein Kranich, dem im Flug der Flügel abgeschossen wird. Ich presste die Hände auf die Ohren, stolperte in mein Bett zurück, verkroch mich unter der Decke, aber ich hörte es immer noch, als schrie sie direkt in mein Ohr.
        Zitternd wartete ich darauf, dass sich die Tür öffnen, Mutter vor meinem Bett stehen und mir die Haare aus der Stirn streichen würde, ihr Lächeln besorgt, weil ich schon wieder schlecht geträumt hatte. Doch nicht sie kam, sondern Vater. Er blieb in der Tür stehen, eine dunkle Silhouette, im Sekundentakt in blaues Licht geworfen.
        „Klaus“, stieß er hervor, „ein Unfall. Wir müssen zu ihm.“
        Die Tür schloss sich wieder.
        „Papa!“ Ich sprang auf und rannte ins Treppenhaus. „Kann ich mitkommen?“, aber in dem Moment hörte ich schon die Haustür schlagen.

Licht schien durch meine geschlossenen Lider. Ich blinzelte und warf einen Blick auf den Wecker. Es war schon nach neun! Irgendwann musste ich doch eingeschlafen sein in dieser Nacht, in der das Schreien in meinem Kopf immer schriller geworden war, bis ich begonnen hatte, es zu übertönen mit Melodien, die ich summte, wahllos und laut.

        Ich stand auf, schlich die Treppe hinunter, lauschte. Kein Klappern mit Geschirr, keine Musik aus dem Radio, keine Stimmen.
        Vorsichtig öffnete ich die Tür zur Küche.
        Vater saß auf seinem Stuhl, vornübergebeugt, den Kopf in den Händen vergraben. Mühsam richtete er sich auf. Sein Gesicht war grau und noch schmaler als sonst, unter den Augen zeigten sich tiefe Schatten. Ich ging auf Zehenspitzen und setzte mich neben ihn. Nichts war zu hören außer dem Ticken der Uhr.
        „Muss ich heute nicht in die Schule?“
        Er schüttelte den Kopf.
        „Was ist mit Klaus?“
        „Er liegt im Krankenhaus.“
        „Was hat er?“
        „Er ist verletzt, an den Beinen …“
        Ich zog die Knie an und umschloss sie mit meinen Armen.
        „… und am Kopf.“
Das Schweigen, das sich in der Küche ausbreitete, war so laut, dass ich nicht wagte zu fragen, was Klaus genau passiert war, wie lange er noch im Krankenhaus bleiben würde, wann ich ihn besuchen könne, wo Mutter sei.
        „Habt ihr schon gefrühstückt?“
        Wieder schüttelte Vater den Kopf.
        Ich schnitt eine Scheibe Brot ab, strich Margarine und Marmelade darauf, legte alles auf einen Teller und aß, obwohl ich nichts schmeckte.

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Societäts-Verlags, Frankfurt am Main 2012

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erstellt am 28.11.2012

Maria Knissel
Drei Worte auf einmal
Roman
Societäts-Verlag, Frankfurt 2012

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