Buchkritik

Die Nacht barfuß

Von Bernd Leukert

Ilma Rakusa schreibt, Jurjews Kunst bestehe darin, uns ein neues Sehen beizubringen, uns scheinbar Bekanntes in völlig neuem Licht, in nie geahnten Konstellationen vorzuführen. Tatsächlich müssen wir uns darauf einstellen, dass es dunkel wird, wenn wir Olegs Jurjews Gedichtband „In zwei Spiegeln“ aufschlagen. Denn in diesem Buch ist es Nacht, überwiegend. Die Nacht verändert unsere Wahrnehmung. Das Ohr wird nicht mehr in dem Maß vom Auge korrigiert, wie das bei Tageslicht geschieht. Es verschärft seine Aufmerksamkeit und interpretiert wild ins Gefahrenbewusstsein hinein. Jenseits des Alltäglichen kreuzt die Welt auch die visuelle Orientierung. Und da zeigen sich Geheimnisse. Diese Frauen nachts, mit Brillen, / medusenäugig, / schreiten in Wölkchen aus Licht, / als deren dunkle Kerne – (Frauen nachts, mit Brillen), Die Nacht, durch das Gestänge der Palisade / Angezündet an drei Ecken; (Der dicke Fet), sogar „In Amerika“, Mitternachtsland, wo / Vollmond ist den ganzen Monat lang., immer wieder verwandelt Oleg Jurjew das nur zu Bekannte in stille, beunruhigende Notturni, macht sie mit seinen Versen erst sichtbar. Aber auch bei Tage scheint zuweilen die Sprache auf dem Kopf zu stehen, wie Bilder von Georg Baselitz. Über die Neigung der Wolkenkörper / flog der flickendeckige Ahorn, / eilte die fetzenverklebte Platane // dahin, wo der Brand in seinem Blau lag, / ein gebogener, ein ausgeglühter Streifen, /und die Nacht barfuß den Hang bestieg, // und der nasse Dunst zur Flamme wurde / und durch ihre kleinen Schuhe wuchs (aus „Ein verweintes Pferd sah mich aus Linsen an. Arno Schmidt: Das steinerne Herz“) Es ist durchaus nicht so, dass der Text der Übersetzungen nicht zu begreifen wäre. Den manchmal verqueren Satzbau kann man sich erschließen, und in die oft auf den ersten Blick mit Partikeln befremdlich heterogener Semantik montierten Sprachbilder kann man sich hineindenken und womöglich mit eigener Wahrnehmung abgleichen. Für den Weißdorn unter dem Regen, / der sich stützt auf die eigenen Ellenbogen, / ist andernbergs angezündet / das stachlige Gas zum Wolkenaufpumpen. (Verse von Süd-West) Manchmal zieht man aber auch unverrichteter Dinge weiter. Der Sprachartist Jurjew, der bei der lesenden Bevölkerung Russlands in hohem Ansehen steht, muss als Lyriker bei uns erst noch entdeckt werden, – auf eine gründlichere Weise auch von mir. Denn für mich, der ich kein Russisch verstehe, ist es fast unabweislich, dass mir da etwas vorenthalten wird. Es sind natürlich die Melodie und der Rhythmus der russischen Sprache, ihre Musik, die nicht übersetzbar ist. Mehr noch aber vermisse ich den Beziehungsreichtum der russischen Versionen, die Mehrdeutigkeit der Begriffe, der Sprachbilder, die literarischen Anspielungen, die zusammen mit der klanglichen Komponente eigentlich das Gedicht erst ausmachen. So lese ich den Originalen geschickt nachgebildete Inhaltsangaben, die mir das Gedicht verschweigen. Selbstverständlich gilt das mehr oder weniger für alle übersetzte Poesie. Hier gilt es mehr. Hilfreich ist da Rakusas Nachwort, das mir wenigstens eine Ahnung davon vermittelt, in welche artifiziellen Welten Oleg Jurjew die Realität verwandelt oder die Wahrnehmung „unter dem Diktat der Sprache. Denn das Sagen“, schließt Rakusa, „hat allemal die Sprache. Folgen wir als Leser ihrer Fährte, sind wir spannend unterwegs und können auf Augenöffnendes gefasst sein. So ergehe es ihm selbst, meint Jurjew mit schalkhaftem Understatement. ‚Ich schreibe Gedichte, um zu erfahren, wovon sie handeln.’“

»Abschied der Bäume«, Marsch

         Wind hat dem Ahorn
          Alle Purpurhände gedrückt,
         lief sprungweis’, sich verbeugend,
       zur Kolonne der Espen
       die sich verbeugend davon marschierten,
und über der Schulter der Eiche schwelte ein
kleiner Sommeruntergang – spätgelöschtes Feuer.

Letzte Regimente zogen ins Land jenseits der Flüsse–
Linde auf Hornbaum und Buche auf Ulme –
       Und platzten ins Deckungsfeuer:
       Platsch! Übern Fluss: Plumps! Padauz!
             Die Federn stoben von der Kosakenmütz’,
             der Glanz vom Rauch, er bauscht sich auf …
                   – Lebwohl, Adieu!

Der Scheitel | Der Weiher

- Siehst du es? – Wie der Weiher vom leuchtenden
Kamm entzweigeteilt wird…

- Ich seh’ es. Wie einer dein Herz vom
Grund gehoben hat und es reibt.

- Hörst du es? – Das Geplätscher überm Wasser,
diese kümmerlichen goldenen Kreise…

- Ich hör’ es. Wie jemand dein Herz auf den
Grund fallen ließ – plumps!

Der Scheitel / Der Fluss

Ganz gleich ob der Mond zurückkehrt,
Die Sachen des Himmels unter den Tüchern findet
Und die zunehmende Welle sich dreht,
Sich einmischt ins Licht der Laternen –

Denn alle unter die Brücke reichenden Streifen
Kann keiner auskämmen, keiner so schief:
Uns aber bleibt – dies glatte Haar einzuatmen,
Den Schiffen – in dieser Finsternis unterzugehen.

(Übersetzung: Gregor Laschen und Olga Martynova)

Gedichte, mit freundlicher Genehmigung von Jung & Jung

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erstellt am 28.11.2012

Lesung | Frankfurter Premiere

Oleg Jurjew liest aus »In zwei Spiegeln«

Am Dienstag, 4. Dezember, 19.30 Uhr, Historische Villa Metzler, Schaumainkai 15, Frankfurt

Oleg Jurjew
In zwei Spiegeln
Gedichte. Und Chöre (1984-2011)
In den Übersetzungen aus dem Russischen von Elke Erb,
Gregor Laschen & Olga Martynova,
Daniel Jurjew & Gregor Laschen.
Mit einem Nachwort von Ilma Rakusa.
Jung und Jung, Salzburg und Wien 2012

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