Buchkritik

Heiner Marlowe auf Dope

Paul-Hermann Gruner begeistert mit Wunderlich und die Logik, einem Crossover aus Gattungen, Intertexten und Bewusstseinszuständen

Von Bruno Laberthier

Kaum etwas droht behäbiger zu werden, als ein Roman, der in Darmstadt spielt und bei dem zum Einstieg ein Privatdetektiv von einer Aristokratin beauftragt wird, dem bestialischen Mord an zuerst einer, dann einer weiteren und schließlich auch der dritten Rassekatze nachzugehen. Wunderlich und die Logik von dem Publizisten und Redakteur Paul-Hermann Gruner – macht genauso auf – und enttäuscht die unschöne Erwartungshaltung gleich zu Beginn auf das Angenehmste.

Denn ein Katzenkrimi oder ein Regionalkrimi aus der Mittelstadt mit der vermutlich größten Lokalschriftstellerdichte Deutschlands ist es nicht, was einem da auf 500 Seiten kredenzt wird. Eher schon das Gegenteil, nämlich eine augenzwinkernde Abrechnung mit einer literarischen Gattung, deren Anhänger beim Auftritt von Miezekatzen ganz besonders stark speicheln und damit das leserinnengewordene Äquivalent einer vor lauter lachsfarbener Dekadenz nur so sich hin arthrierenden Barbara Cartland sind. Auch mit den Philipp Buttmeis oder Margot Hesgarts aus den Federn von Fritz Deppert oder Michael Kibler hat Wolf Wunderlich nichts am Hut: erstens sind oder waren das Bullen, die sich in der Stadt, deren Menschen sich selbst Heiner nennen, durch eher konventionelle Fälle ermitteln. Und zweitens sind ihre Ermittlungsabenteuer von der Bandbreite dessen, was einem an Normalen, Abnormem und Paranormalen so alles widerfahren kann, längst nicht so vielschichtig. Für seinen Heiner Marlowe hat Gruner nämlich so ziemlich alles an Un-, Unter- und ganz normalen Bewusstseinszuständen parat, was sich denken und zu den besonders ergiebigen Bedingungen der Fiktion darstellen lässt.

Gruner schickt seinen Wunderlich auf Trips, die es mit den traum(a)haften Gemälden eines Hieronymus Bosch oder den grellbunten Fantasiewelten von William S. Burroughs aufnehmen können. Geduld muss man schon aufbringen, um sich durch die bisweilen fünfzigseitigen Exkurse in die diversen nichtlebensweltlichen Zustände des Wolf Wunderlich zu wühlen. Doch wird der Durchgang durch die Fantasmagorien nie langweilig, und schmunzeln muss man auch. Das liegt an Gruners genauer Beobachtungsgabe und seiner bisweilen experimentellen, doch immer plastischen und nie floskelhaften Écriture. Also folgt man mit Genuss den Bahnungen, die Gruner seinem Helden vorgibt und diesen beispielsweise in höchster Atemnot unter der Juliette Gréco II, der im Gartenschwimmbad zwischengeparkten Yacht der adeligen Katzenfreundin, hindurch tauchen lassen. Oder die ihn in einer wahnwitzigen Tour de Force über die Promenadendecks und Tanzsäle sämtlicher prominent abgesoffener Luxusliner der jüngeren Vergangenheit führt, von der Normandie über die Andrea Doria bis zur unvermeidlichen Titanic. Oder die ihn in Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg auf eine rasante U-Bahnfahrt schicken, wobei das Berliner Streckennetz demjenigen in Buenos Aires aus dem Film Möbius in nichts nachsteht. Ganz zu schweigen von der Groteske in einem Chinarestaurant an der Warschauer Straße im selben Berlin, wo Wunderlich den hochgradig katzenkillerverdächtigen Sohn der aristokratischen Auftraggeberin ins Kreuzverhör nimmt und nur um Haaresbreite dem Tod durch falsche Speisenwahl entkommt. Auch begnadete Comedians und fleißige Sketcheschreiber können von dieser Schilderung einer Würzmittelvergiftung noch lernen. Lässig schickt Gruner da Grüße an Tommy Jaud.

Womit eine neue, weitere Gattung aufgerufen wäre, die mal eben so mit in den Roman reingemixt wird: der Comedyroman. Die Liste ist damit nicht abgeschlossen, und auch die literarischen und anderskünstlerischen Groß- und Größtmeister, die Gruner intertextuell aufruft, hat es in sich. Erfreulich gerät die Erinnerung an den sagenhaft-verruchten Jean Genet, schön ist die Anspielung auf Remarques‘ Nacht von Lissabon, dazu die wunderbaren E-Musiker und die ganzen Philosophen: Wittgenstein ist für die Erwähnung der „Logik“ im Romantitel verantwortlich und Adorno hat in einer der Fantasmagorien einen Gastauftritt. Ganz zu schweigen von der „Kulinekphrasis“ (wenn ich es mal dem talentierten Herrn Gruner gleichtun und eine kleine Wortneuschöpfung einschrauben darf), also der Beschreibung der Zubereitung kulinarischer Köstlichkeiten in Wunderlichs Wohnung. Wenn es bei Erotikromanen darum geht, die Vorstellungskraft der Leserschaft so anzuregen, dass sich auch die Schwellkörperchen füllen und die Lippchen durchbluten, dann ist Wunderlich und die Logik eine Art lukullisches Shades of Grey. Und Paul-Hermann Gruner ist Henry Miller und Erica Jong zugleich, nur mit Kochmütze.

À propos, auch in der Disziplin „schlüpfriges Schreiben“ kann sich der Roman mit kleinen, weil zu sehr testosterongesteuerten Ausnahmen blicken lassen. Gekocht wird nämlich für Sumatra, eine ortsansässige Femme fatale, die es faustdick hinter den Ohren hat und sich ohne viel Aufhebens hinter das Steuer eines Sportwagens aus italienischer Fabrikation klemmt, um ihren Wolf zum Showdown nach Südfrankreich zu kutschieren. Über den Dächern von Arles findet der statt, unter neugieriger Zeugenschaft zweier weiterer Miezekatzen.

Fazit: Gruners Fabulierlust ist immens und immens beeindruckend. Und die Stadt, aus der einst Diese Drombuschs samt Günter Strack kamen, hat mit Wolf Wunderlich endlich wieder ein richtiges Schwergewicht am Start. Vor allem ein literarisches, und weniger ein kriminalliterarisches. Deswegen ist der treffende Vergleich auch nicht der mit den Ermittlertypen der Depperts oder Kiblers. Der Vergleich, den Wunderlich verdient, ist der mit dem genialen Schnorrer Datterich, dem Darmstädter Lokalpossenhelden aus dem 19. Jahrhundert. Jede gebildete Darmstädterin und jeder „Heiner“ kennt den Datterich. Der Wunderlich hätte Ähnliches verdient.

Kommentare


BL - ( 31-01-2013 03:16:23 )
Die Spamflut hier ist echt doof!

Kommentar eintragen









erstellt am 28.11.2012

Paul-Hermann Gruner
Wunderlich und die Logik
Roman
Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2012

Buch bestellen