Buchkritik

»Aber Oma!«

Annegret Helds grandioser Heimatroman „Apollonia“ – eine Entdeckung

Von Martin Lüdke

Die kleine Marie, nicht nur bestürzt, sondern auch wirklich empört, kann es einfach nicht fassen. Es muss doch auch schöne Momente in diesem Leben gegeben haben, denkt sie. Doch die Oma behauptet immer wieder, „dass ihr ganzes Leben ein einziger Scheißdreck gewesen sei“. Und immer wiederholt sie es und fügte oft noch hinzu: „Es wäre gut, man läge schon auf dem Kirchhof.
– Aber Oma!, habe ich gerufen.
– Ein Scheißdreck.
– Aber Oma!“

Es ist die Lebensgeschichte ihrer Großmutter Apollonia, die uns von ihrer Enkelin Marie erzählt wird. Sie deckt fast das ganze vergangene Jahrhundert ab. Ein Leben auf dem Land, mitten im tiefsten Westerwald, der hier freilich, in diesem Buch, zur Welt wird. Eng und weit zugleich. Es kommt, so hat man den Eindruck, keiner heraus aus dieser Welt, auch wenn die jungen Männer in den Ersten Weltkrieg ziehen und nicht wenige den „Heldentod“ sterben. Im Zweiten Weltkrieg hat jede Familie ihre Opfer zu beklagen, und die Mütter schreien, wenn sie die die Nachricht erhalten, ihren Schmerz laut durch das Dorf. Aber alles spielt sich hier, in diesem Dorf, ab. Das Dorf – das ist die Welt der Menschen, Arbeit, Liebe, ein Mikrokosmos also, in dem sich nicht das Ganze spiegelt, sondern der das Ganze ‚ist‘. Man spürt die Wirtschaftskrise in der Zeit der Weimarer Republik. Man sieht, wie die Nazis aufkommen, auch Leute aus dem Ort und seiner Umgebung. Man erlebt das Dritte Reich, die auftrumpfenden Parteigenossen, die Mitläufer und auch einige, die sich sogar offen verweigern. Dann den Einmarsch der Amerikaner. Die Welt kommt ins Dorf. Dazu gehört die Kirmes und die Kirche, kurz gesagt: das ganze Leben.

Apollonia, Maries Oma, hatte in den zwanziger Jahren gegen den erbitterten Widerstand ihres Vaters, dem Dapprechter Gustav, ihren Klemens geheiratet, der sich tatsächlich als das erweisen sollte, was der Vater von vorneherein in ihm gesehen hatte: einen „Drückeberger“, „Träumer“ und „Faulenzer“, einen also, „der nichts tauge“. „Und er“, so der Vater“, er „gebe seinen Segen – nicht.“ Tatsächlich hatte dieser Klemens, auch wenn er mit einer schönen kräftigen Stimme sehr gut singen konnte und einem ordentlichen Schluck selten abgeneigt war, „die Arbeit nicht erfunden.“

Scholmerbach heißt der fiktive Ort, an dem diese Geschichte spielt. Die reale Entsprechung, ein Ort namens Pottum, aus dem die Autorin stammt, wird freilich nie an die Schönheit seiner literarischen Gestalt heranreichen. Denn Annegret Held schafft es, eine eigenartige Poesie zu erzeugen, nicht nur, wenn sie von den Sommernächten schwärmt, in denen – das ist wirklich so und nicht anders gewesen – die Liebe erwachte. In der „rabenschwarzen Allmacht“ einer „Dorfnacht“ zu Beispiel sind die Lieder von der „Sommernooscht“ und dem „Bloiteduft“ als Echo von den Hängen der umliegenden Berge zurückgeworfen worden. Es stimmt schon: „Niemand, der hochdeutsch spricht, kann mitreden. Nur wer meine Sprache spricht und mit der Zunge donnern kann, als würde ein holpriger Zug um die Kurve fahren auf einem rostigen Gleis durch Gebüsch und Gestrüpp“, der kann diese Lieder auch „richtig“ singen. Mit einer traumwandlerischen Sicherheit vermeidet Annegret Held (fast) alle die Klippen, an denen eine solche Geschichte leicht zerschellen kann. Die Naivität, mit der sie erzählt, ist eben nicht gespielt, das wäre nur peinlich. Sie ist echt, aber so wie in Kleists „Marionettentheater“ durch die Reflexion hindurchgegangen. Es gibt kaum ein Klischee, das sie nicht benutzen würde, bis hin zum „frohen Mut“ der Westerwälder. Aber jedes Klischee hat seine, um es korrekt, wenn auch etwas hochtrabend zu sagen, ästhetische Berechtigung. Es hat seinen Ort und funktioniert, weil es uns das Bewusstsein, genauer noch: die Bewusstseinsinhalte der Protagonisten vermittelt. Auch die der jungen Marie, die sich in Jim, einen amerikanischen Soldaten verliebt, der dort in der Nähe stationiert ist.

Annegret Held beschreibt, wie dieses junge Mädchen denkt und fühlt – und, vor allem, wie sie spricht.
Dann, wenn sie vor lauter Liebe zu platzen droht, ebenso wenn sie vor Eifersucht vergeht, oder wenn sie aus ihrer Großmutter, die eigentlich nicht sprechen will, die scheinbar ereignislose und zugleich höchst spektakuläre Geschichte ihres langen Lebens herauslockt. Hier liegt, vermute ich, die bemerkenswerte Kunstleistung dieses an sich deftig, kräftig-saftigen Romans. Es wird eine Dorfgeschichte erzählt, in einer dafür entwickelten, deshalb angemessenen Sprache. Die Autorin bedient sich also keiner Kunstsprache. Diese Sprache entsteht aus einer kalkulierten Mischung von Dialekt(-Zitaten), gesprochener Sprache und bewusst eingesetzten Kunstmitteln, etwa Verstärkungen durch Wiederholung (so wird der Ort Langenderehrenbach wie ein Leitmotiv verwendet, ebenso wie der Scheißdreck, der das Leben ist). Dabei werden, dank einer Art von Überblendungstechnik, die Zeitgrenzen aufgehoben. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen im Bewusstsein der Ich-Erzählerin Marie. Eben hat sie noch die Episode von den zwangsweise einquartierten Ruhrpott-Witwen erzählt, denen Klemens, aus nachvollziehbaren Gründen, eine ganze Pfanne mit gebratenen Eiern an den Kopf geschleudert hatte. Schon steht sie wieder wartend in der Kneipe, argwöhnisch eine Freundin beobachtend, die ebenfalls hinter ihrem amerikanischen Freund Jim her sein könnte.

Das Alles ist nicht nur geschickt, es ist großartig gemacht. Annegret Held, im Westerwald geboren und dort aufgewachsen, hat nach dem Abitur eine Polizeischule besucht und einige Jahre richtig Dienst geschoben, als Streifenpolizistin, aber auch auf der anderen Seite bei den Auseinandersetzungen um die Startbahn West am Frankfurter Flughafen. Damals hat sie angefangen zu schreiben. Schon bald aber begann sie, von ihrer Heimat, ihrer Herkunft zu erzählen, vom Westerwald und den Menschen, die dort arbeiten und leben. Annegret Held versteht sich dabei nicht als Chronistin ihrer Heimat. Das zeigt, am deutlichsten, „Die Baumfresserin“, ein großartiger Roman, über die Hoffnungen, Sehnsüchte, Wünsche von einigen Frauen, die in einer Kistenfabrik arbeiten. Sie werden nämlich nicht von oben herab, sondern aus innen heraus beschrieben. Sie will die Menschen, die sprachlos sind, zu Wort kommen lassen. „Apollonia“ ist deshalb die gelungene Fortsetzung ihres ersten Meisterstücks. Martin Walser hatte einst die Literatur als „Geschichtsschreibung des Alltags“ definiert. Auch er hatte über Handelsvertreter, Werbeleute, Chauffeure und kleine Angestellte mit ihren großen Hoffnungen geschrieben. Annegret Held steigt gleichsam eine Stufe herab. Sie schreibt über Bauern, Arbeiter, Säufer, Versager, Dorfgesindel – und bewegt sich fast auf gleicher Höhe.

Kommentare


Minius Pullmann - ( 14-05-2013 05:48:54 )
Auf welcher anderen Seite der Startbahn hat sie denn nun Dienst gemacht?Gruss Kommando Westend!

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erstellt am 23.11.2012

Annegret Held, Foto: Favre, Lübbe-Verlag
Annegret Held, Foto: Favre, Lübbe-Verlag

Annegret Held
Apollonia
Roman Eichborn im Bastei Lübbe Verlag, 2012

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