1994 in Theresienstadt ging ich den Weg zur kleinen Festung zu Fuß: Über dem Eingang steht der Satz: Arbeit macht frei. Der Weg für Besucher führte zunächst in einen Zellentrakt, mit Einzelhaftzellen, den schon die österreichisch-ungarische Staatspolizei als Gefängnis für politische Häftlinge verwendet hatte. Der Attentäter von Sarajevo, der 1914 den Thronfolger Franz Ferdinand erschossen hatte, Gavrilo Princip, war hier inhaftiert und starb hier an Typhus. Die kleine Festung in Theresienstadt gehört zu den Orten des Schreckens, die sich gegen die Beschreibung sperren. Ich hörte einen Fremdenführer sagen: „Hier war die Leichenkammer, dort wurden bis zu dreißig Leichen übereinander gestapelt.” Ich sah einen kleinen kahlen, nackten Raum und dachte: Hier wurden also dreißig Leichen übereinander gestapelt. Ich dachte: Ich sehe mir diesen Raum an, und weiß nun: Hier wurden dreißig Leichen übereinander gestapelt, und mit diesem Wissen und mit diesem Bild des Raumes gehe ich jetzt weiter. Sonst passiert nichts. Es geht. Es geht weiter. In jedem Museum geht es auf dem Rundgang, den Pfeilen nach, immer weiter. Die Regie der Besichtigung hat das Laufen durch einen langen unterirdischen Gang vorgesehen. Ab und zu konnte man durch eine Schießscharte in der Festungsmauer nach draußen sehen. Der Gang führte auf den Exekutionsplatz. Das Ende der Welt ist so: Von dicken Wällen umgrenzt, mit einem Stück Himmel darüber, steht auf einem kleinen Hügel ein Galgen und eine Exekutionsmauer nebenbei. Aber was einer sieht, der heute, so viele Jahre später, hier vorbeikommt, ist nicht mehr der Schrecken selbst, ist nur noch sein verblassender Schatten, sein leiser werdendes Echo. Wir sind nicht wirklich hier, und wir sind nicht in der Wirklichkeit. Der Weg in die Wirklichkeit führt am Friedhof vorbei, zurück nach Theresienstadt. Meine letzte Station, eine Station wie auf einer Prozession, so kam es mir vor, war das Krematorium am andern Ende des Ortes. Davor stand eine Gruppe niederländischer Jugendlicher. Als ich heraustrat, sahen sie mich verächtlich an, und einen hörte ich sagen: „Das ist auch einer von der Firma.”

Aber erst im Sommer 2000 in Cesky Krumlov wurde ich mit der Biographie und dem Werk von Friedl Dicker-Brandeis konfrontiert, der in Wien geborenen Bauhausabsolventin, die im KZ Theresienstadt die Kinder, deren Zeichnungen ich 1994 sah, betreut und ihnen Malen und Zeichnen beigebracht hatte. Friedl Dicker-Brandeisein Leben für Kunst und Lehre war neben Time Timeless die zweite Ausstellung im Schiele-Zentrum. Die Kinderzeichnungen wurden gerettet – jemand packte sie in einen Koffer und brachte sie in Sicherheit, sie sind heute im Jüdischen Museum in Prag zu sehen. Die Bilder, die ich zuerst 1994 in Theresienstadt gesehen hatte, waren mir nachgereist und jetzt im Schiele-Zentrum ausgestellt. Und auch das formal beachtliche Werk der Designerin, Bühnenbildnerin und Malerin Dicker-Brandeis überdauerte. Friedl Dicker-Brandeis selbst wurde im Oktober 1944 in Auschwitz ermordet.

Zur Ausstellung Time Timeless gehörte auch ein Friedhof, den Frantiszek Skála im Keller aufgebaut hatte, eine verwunschene Landschaft mit Galgen und Kreuzen, mit Moos und verfallenen Mauern von der Größe und Art einer Modelleisenbahn. Als ich 1994 zu meiner Grenzwanderung durch den Böhmischen Wald aufbrach, hatte ich mir Oberplan zum Ziel gesetzt und jenen See am Plöckenstein, von dem Stifter schrieb, er sehe einen an wie ein geheimnisvolles Naturauge. An einem Tag im Sommer 2000 nahm ich den Zug von Krummau hinauf in die Berge, ich wanderte an dem schönen See vorbei, der für mich nichts Beunruhigendes hatte. Weiter oben erinnert eine große Stele an Stifter, die jahrelang unerreichbar war, weil sie im verbotenen Land am Eisernen Vorhang stand. Heute besteht die Grenze auf dem Gipfel aus ein paar Markierungen und Wegweisern nach Bayern und ins Mühlviertel und einem österreichischen Grenzerhäuschen, dessen Fensterläden geschlossen waren. Ein rührendes Plakat informiert über die Zollbestimmungen. Von den Felsen des Plöckenstein kann man weit in das böhmische Land, nach Tschechien hineinschauen, und wenn man so in den Raum sieht, wird auch eine ungeheure Langsamkeit sichtbar, eine Faszination der Oberfläche, die auch noch niemand gemalt hat.

Harry Oberländer

erstellt am 17.9.2010

Schiele-Haus
Schiele-Haus, fotografiert von Irmgard Maria Ostermann
Eingang
Foto: Irmgard Maria Ostermann
Gruppe
Irmgard Maria Ostermann, Henner Drescher, Milan Horacek und Harry Oberländer
Krumlov
Foto: Irmgard Maria Ostermann