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Elena Berriolo an der Nähmaschine und Edith Hirshtal am Klavier

Was macht eine Nähmaschine in einem Künstlerbuch und was hat Lucio Fontana (1899-1968), Begründer des „Movimento spaziale“, damit zu tun? Die italienisch-amerikanische Künstlerin Elena Berriolo erklärt, wie sie unbekannte Räume öffnet.

Künstlertext

Wieso benutzte Lucio Fontana nicht meine Nähmaschine?

Von Elena Berriolo

Wenn ich mit der Nähmaschine zeichne, schaffe ich eine dreidimensionale Linie. Der Anfang der Linie liegt an der Oberfläche des Blattes, während sich das Ende der Linie (nicht identisch mit dem Anfang) sichtbar auf der Rückseite des Blattes befindet.

Nachdem ich für einige Zeit mit der Nähmaschine auf Papier gezeichnet habe, fing ich vor etwa vier Jahren an, die Rückseite meiner Zeichnungen als ebenso wichtig zu empfinden. So begann ich nach einem simplen Weg zu suchen, den Zugang zur Rückseite des Blattes aufzudecken; das Resultat war ein Buch.

The third transcription from Lucio Fontana, 2012
The third transcription from Lucio Fontana, 2012

Zu jener Zeit war ich mir dessen bewusst, dass meine Recherche der Rückseite und das Offenlegen dieser, Teil von Lucio Fontanas Gedankenerbe war; der Künstler, der als erster die verborgene Rückseite der Leinwand oder des Papiers aufdeckte. So schien es mir an dem Punkt schlüssig, einfach zum Spaß, einige seiner Bilder als ein Buch zu „transkribieren“. Wieso sollte ich nicht Fontanas Arbeiten als ein Buch mit dem Instrument der Nähmaschine transkribieren, wenn für Jahrhunderte Musiker dies von einem Instrument für ein anderes taten (z.B. Transkriptionen von J. S. Bach von Violine für Klavier)?

The third transcription from Lucio Fontana, 2012
The third transcription from Lucio Fontana, 2012

Durch das Aufschneiden oder Perforieren der Leinwand mit diversen Werkzeugen, offenbarte Fontana uns die Rückseite. Er öffnete so die Oberfläche des Bildes; den Raum, der in der westlichen Kunstgeschichte die Repräsentation dessen trug, was wir in unserer Welt wahrnahmen: Uns selbst, unsere Landschaft, unser Zuhause; und auch das, von dem wir dachten, es befände sich auf der anderen Seite, jenseits des Himmels: Gott, Engel, Himmel und Hölle.

Dies tat er zu einer Zeit, in der die Menschen zum ersten Mal davon träumten aus der Atmosphäre herauszutreten, um die andere Seite mit eigenen Augen zu betrachten. Vor der Unermesslichkeit des Universums konnte die Erde umgeben von vielen Planeten und Sternen wahrgenommen werden; ein immenser unbekannter Raum wurde offenbart. Sich dem Weltraum zu stellen, das Durchbrechen der Atmosphäre, entsprach zeitlich Fontanas Durchbrechen der Leinwand.

Nach Fontana wurde es für viele Künstler unmöglich, die Oberfläche eines Bildes als solche hinzunehmen. Die Präsenz der anderen Seite konnte nicht länger außer Acht gelassen werden, was auf eine gewisse Art unheimlich erschien. Einige Künstler reagierten darauf, indem sie das Bild dekonstruierten, manche wendeten die Leinwand, um eine klare Sicht auf seine Rückseite zu bieten, andere erweiterten ihre Bilder in skulpturale Dimensionen. Für uns ist heute die andere Seite der Atmosphäre weniger dramatisch und unheimlich als sie es 1950 war. Während das Durchbrechen der Atmosphäre damals etwas radikal Neues war, ist es heute nur der Beginn weiterer Forschung. Tatsächlich ist die Atmosphäre einfach eine der vielen Grenzen oder „Seiten“ die wir überwinden müssen, um das All weiter zu erkunden.

Niemand hat damals, soweit ich weiß, an das Einbeziehen der Nähmaschine und des Buches gedacht. Ich frage mich warum. Während in der Malerei die Offenbarung der anderen Seite von großem konzeptuellen Gewicht zeugt, können wir in einem Buch ganz einfach Zugang zu ihr finden, indem wir die Seite umblättern.

Indem ich die Nähmaschine ohne einen Faden benutze, bin ich in der Lage, die Oberfläche zu perforieren. Und dies einfacher und wesentlich schneller als mit Fontanas Technik, und dabei mit einem bemerkenswert ähnlichen Resultat. Das durch die Nadel nach unten gedruckte Papier bildet eine Serie von Perforierungen, die von beiden Seiten recht unterschiedlich erscheinen. Da der untere Teil der genähten Linie mit Garn anders als der obere ist, entsteht auch hier eine wahre drei-dimensionale Linie mit einem Anfang und einem Ende, die sich im Raum und durch die Fläche bewegt.

Aus dem Englischen übersetzt von Julia Phillips

Exibart.com

Brooklyn Rail

Elena Berriolos Künstler-Bücher wurden ausgestellt in:

2012 – ”In a book, a page is one side of a two sided sheet of paper” BravinLee Programs (Solo show), 2011 – “Au Plaisir Du Livre,” Librairie Auguste Blizot, Paris, 2011 – “One of a Kind Books,” Pierre Menard Gallery, Cambridge, MA, 2009 – “Global Books,” Cité du Livre, Aix En Provence, France, 2003 -”Wandering Library” Markers IV in Venice, 1997 – “La Tentation du Livre,” Espace Culturel de Tinnqueux, France, 1994 – “Di Carta ed Altro,” Museo Pecci Prato, Italy, 1988 -“Libri d’Artista,” Galleria Cavellini, Brescia, Italy.

Einzelausstellungen:

One Person Shows: 2001 Lo Spazio, New York, 1998 Brooklyn College, Brooklyn, New York, 1998 Gallery Revolution, Ferndale (MI), 1998 Gallery Mary Barone, New York, 1998 Rosenberg Gallery, Hofstra University, Hempstead,NY 1993 Care/of, Milano, Italy, 1991 Matteo Remolino, Torino, Italy 1990 Studio Marconi, Milano, Italy, 1989 Galleria Pinta, Genova, Italy.

Gruppenausstellungen:

2012 The Pecci Museum in Milan in the show “Turbolenze” 2012 – Centro Arte Contemporanea Luigi Pecci in the shows: “In Forma” (1994) and “Futurama” (2000) – Venice Biennale with the performance “Soup Kichen” for Oreste at the Italian Pavilion, (1999) – “Construction in Process,” Bydgodsh, Poland (2000) – Venice Biennale “Markers” (2001), The Ludwig-Forum, Aachen; Kunst Palast, Düsseldorf ; Städtische Ausstellungshalle, Münster; Galleria D’Arte Contemporanea, Bologna (1996) – The Centre Cultural La Beneficiencia Valencia,“Sul nostro tempo”(1996) – Artist Space, New York, “Selection From The Artists File” (1994) – Threadwaxing Space, New York, “The Offering” (1994) – “Construction in Process,” Mitzpeh Ramon, Israel (1995)

Öffentliche Sammlungen

Rare Books Collection of the Bibliothèque “La Méjanes” in Aix en Provence,
Médiathèque La Durance in Cavaillon
Bibliothèque Nationale de France
Centro Arte Contemporanea, Luigi Pecci di Prat, Italien
William Allan Neilson Library Smith College Nothampton, MA.

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erstellt am 22.11.2012

Elena Berriolo lebt und arbeitet als Bildhauerin und Performancekünstlerin in New York. Seit 2009 arbeitet sie ausschließlich an Künstlerbüchern, die sie in Unikaten oder kleinen Auflagen herstellt. Ihr Buch „On The New York-Hawley Bus, hrsg. v. Collectif Generation mit Gedichten von Raphael Rubinstein wurde von der Bibliothèque Nationale de France angekauft.

Elena Berriolo,  Transcriptions from Lucio Fontana 3
Elena Berriolo, Transcriptions from Lucio Fontana 3
Elena Berriolo,  Transcriptions from Lucio Fontana 2
Elena Berriolo, Transcriptions from Lucio Fontana 2
Elena Berriolo,  Transcriptions from Lucio Fontana 10
Elena Berriolo, Transcriptions from Lucio Fontana 10
The third transcription from Lucio Fontana, 2012
The third transcription from Lucio Fontana, 2012

watercolor, thread on paper in a book format