War Georg Büchner, der mit 23 Jahren an Typhus starb und gerade im Eiltempo vom Medizinstudenten promoviert und zum Dozenten avanciert war, ein Revolutionär? Oder ein Sozialrevolutionär? Oder vielleicht gar keiner? Wir brauchen unsere Helden und erklären rücksichtslos selbst diejenigen dazu, die sich aus guten Gründen dagegen verwahren oder zu Lebzeiten dagegen verwahrt hätten. Otto A. Böhmer hat den enormen Schriftsteller des Vormärz in einem Porträt vergegenwärtigt, worin dessen Fatalismusbrief eine zentrale Bedeutung zukommt.

Georg Büchner 2012/13

Eine entsetzliche Gleichheit

Büchner und der Fatalismus der Geschichte

Von Otto A. Böhmer

Wer je im Winter durch ein Mittelgebirge stapfte und unter tiefziehenden Wolken die Orientierung verlor, kann sich dieses Erleben in Georg Büchners berühmter Erzählung Lenz noch einmal vor Augen führen; wer nie in winterlichen Wäldern war, erfährt über den Lenz, wie es dort ist: „Den 20. ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war nasskalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte.“ Der Lenz, von dem Büchner erzählt, ist sein genialischer Dichter-Kollege Jakob Michael Reinhold Lenz, den die Zumutungen seines Kopfes und ein überschießendes Mitgefühl krank werden lassen. Büchner bringt diese Krankheit (Schizophrenie) über genau bemessene Andeutungen, über karge, eindringliche Bilder näher, in denen die Natur zum Wegbegleiter und Seelentröster eines Menschen wird, der nicht mehr zu trösten ist, weil er im Übermaß liebt und leidet.

Lenz von Georg Büchner, gelesen von Wanja Mues

Die Erzählung Lenz ist Fragment geblieben, so wie auch Büchners Leben Fragment bleibt; er stirbt mit 23. Georg Büchner kommt als Sohn eines Arztes zur Welt, der die Familientradition fortgesetzt sehen will. Die ersten Jahre wird Georg von der Mutter unterrichtet, über die er später nur Gutes zu sagen weiß. 1822 übergibt man ihn einer privaten Schule, 1825 wechselt er auf das Großherzogliche Gymnasium Pädagog, wo er 1831 sein Abitur macht. In Straßburg studiert er Medizin; er wohnt im Hause des Pfarrers Jaeglé, der ihn wie einen Sohn aufnimmt; noch freundlicher ist des Pfarrers Tochter Wilhelmine („Minna“) zu ihm, in die er sich so nachhaltig verliebt, dass sie sich im März 1832 heimlich verloben. 1833 immatrikuliert er sich an der Medizinischen Fakultät der Großherzoglich-Hessischen-Landes-Universität Gießen, die nur auf dem Papier einen bedeutenden Namen hat, in Wirklichkeit aber eine arg beschränkte Lehranstalt ist, an der bestenfalls Unterricht nach Vorschrift abgehalten wird. Büchner kommt sich verloren vor, an seine Verlobte Minna schreibt er: „Ich dürste nach einem Briefe. Ich bin allein, wie im Grabe; wann erweckt mich Deine Hand? Meine Freunde verlassen mich, wir schreien uns wie Taube einander in die Ohren; ich wollte, wir wären stumm, dann könnten wir uns doch nur ansehen, und in neuen Zeiten kann ich kaum jemand starr anblicken, ohne dass mir die Tränen kämen. Es ist dies eine Augenwassersucht, die auch beim Starrsehen oft vorkommt.“ Der Medizinstudent Büchner weiß, dass er krank ist, die Symptome sind da, aber nicht eindeutig: „Unaufhörliches Kopfweh und Fieber, die Nacht kaum einige Stunden dürftiger Ruhe. Vor zwei Uhr komme ich in kein Bett, und dann ein beständiges Auffahren aus dem Schlaf und ein Meer von Gedanken, in denen mir die Sinne vergehen.“ In einer solchen Situation muss man sogar vor seinem eigenen Spiegelbild auf der Hut sein: „Die Frühlingsluft löste mich aus meinem Starrkrampf. Ich erschrak vor mir selbst. Das Gefühl des Gestorbenseins war immer über mir. Alle Menschen machten mir das hippokratische Gesicht, die Augen verglast, die Wangen wie von Wachs (…) Ach, wir armen schreienden Musikanten, das Stöhnen auf unserer Folter, wäre es nur da, damit es durch die Wolkenritzen dringend und weiter, weiter klingend, wie ein melodischer Hauch in himmlischen Ohren stirbt? (…) Ich lästre nicht. Aber die Menschen lästern. Und doch bin ich gestraft, ich fürchte mich vor meiner Stimme und – vor einem Spiegel. Meine geistigen Kräfte sind gänzlich zerrüttet.“ Die eigene Befindlichkeit ist nur die Innenseite eines Welt- und Gesellschaftszustands, der zu umfassender Hoffnungslosigkeit Anlass gibt. Büchner, vor kurzem noch ein vergleichsweise optimistischer Jüngling, sieht sich in Gießen, diesem „gottverdammten Nest“, so negativ inspiriert, dass er die Philosophie eines desillusionierten alten Mannes entwickelt, der zu einer Generalabrechnung ansetzt: „Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich. Es fällt mir nicht mehr ein, vor den Paradegäulen und Eckstehern der Geschichte mich zu bücken. Ich gewöhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser. Das muss ist eins von den Verdammungsworten, womit der Mensch getauft worden. Der Ausspruch: es muss ja Ärgernis kommen, aber wehe dem, durch den es kommt, – ist schauderhaft.“ Büchner ist wütend und erschöpft zugleich, die Wut überwiegt. Sein Kopf glüht, er hat Fiebervisionen, die sich über die Welt erheben, aber nicht vom irdischen Betrieb lassen können. Schließlich spiegelt sich auch in den privatesten Befindlichkeitsprotokollen noch die Gewissheit wider, nur einer unter vielen zu sein. Warum das so ist, warum wir jede Menge Fragen stellen können, aber von höherer Stelle keine wirklich befriedigenden Antworten bekommen, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir können darüber resignieren oder in Depressionen verfallen, was jedoch nicht hilfreich ist; als Fluchtmittel taugen allenfalls noch die verbliebenen Träume, die sich zu eigenen Bildwerken verselbständigen: „Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Ich mag dem Gedanken nicht weiter nachgehen. Könnte ich aber dies kalte und gemarterte Herz an Deine Brust legen! (…) Ich verwünsche meine Gesundheit. Ich glühte, das Fieber bedeckte mich mit Küssen und umschlang mich wie der Arm der Geliebten. Die Finsternis wogte über mir, mein Herz schwoll in unendlicher Sehnsucht, es drangen Sterne durch das Dunkel, und Hände und Lippen bückten sich nieder. Und jetzt? Und sonst? (…) Ich bin ein Automat, die Seele ist mir genommen.“

Der Fatalismusbrief, wie Büchners Gießener Zustandsbericht später genannt wurde, ist, erfreulicherweise, nicht sein letztes Wort geblieben; er überwindet die Krise, wenn auch nur unter Protest, denn seine negativ grundierte Weltsicht wird er, der eine zweite, durchaus lebensbejahende Seite hat, die ihn, bei passender Gelegenheit, fröhlich und unbeschwert sein lässt, nicht mehr los. Er weiß, dass der Mensch seiner Verzweiflung erliegt, wenn er sich zu sehr auf sie einlässt: Das Hinabsteigen in den dunklen Schacht der Seele schafft unnötige Gefahren, denen man sich lieber nicht aussetzt. Besser ist es, wenn man seine Kräfte auf anstehende Aufgaben konzentriert und sich darüber hinaus, im Rahmen bescheidener Möglichkeiten, um den Zustand der Gesellschaft kümmert, der absolut beklagenswert ist und Empörung verlangt, die sich der Student Büchner, unter Beachtung dringend angeratener Vorsichtsmaßregeln, denn auch zu eigen macht. Es ist damals nicht ungefährlich, sich mit der herrschenden Politik anzulegen; in deutschen Landen, die aus einer Vielzahl mühsam an der Macht gehaltener Kleinstaaten besteht, sieht man überall Umstürzler am Werk und hält den Bürger, sofern man von einem solchen überhaupt sprechen kann, vorsorglich unter Beobachtung. Büchner ist ein Gesinnungsdemokrat, ihn empört die Ungerechtigkeit der bestehenden Gesellschaft: „(…) ich schämte mich, ein Knecht mit Knechten zu sein, einem vermoderten Fürstengeschlecht und einem kriechenden Staatsdiener-Aristokratismus zu gefallen“, während „das arme Volk geduldig den Karren schleppt, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen“. Er wird Mitglied der Gesellschaft für Menschenrechte, die es nicht mehr bei gut gemeinten Worten belässt, sondern Taten sehen will. Federführend dabei ist der Butzbacher Rektor Ludwig Weidig, der eine revolutionäre Flugschriftenaktion, den Hessischen Landboten, betreibt, an dem Büchner mitarbeitet. Er wendet sich direkt an das Volk und liefert ihm eine Zustandsbeschreibung des „Großherzogthums Hessen“, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: „6 Millionen bezahlt ihr (…) einer Handvoll Leute, deren Willkür euer Leben und Eigentum überlassen ist (…) Ihr seid nichts, ihr habt nichts! Ihr seid rechtlos. Ihr müsset geben, was eure unersättlichen Presser fordern (…) Hebt die Augen und zählt das Häuflein Eurer Presser, die nur stark sind durch das Blut, das sie euch aussaugen und durch Eure Arme, die ihr ihnen willenlos leihet.

Ihrer sind vielleicht 10000 im Großherzogtum und Eurer sind es 700000, und also verhält sich die Zahl des Volkes zu seinen Pressern auch im übrigen Deutschland. Wohl drohen sie mit dem Rüstzeug und den Reisigen der Könige, aber ich sage Euch: Wer das Schwert erhebt gegen das Volk, der wird durch das Schwert des Volkes umkommen.“ Büchner ist Realist, kein Idealist; er weiß, dass die Macht der Verhältnisse der Macht des Wortes nahezu unüberwindlich entgegensteht. Dennoch sind die Herrschenden nervös geworden: Eine Aufklärung, die unten ansetzt, um ein Volk zu erreichen, das sich seiner Möglichkeiten noch nicht bewusst geworden ist, zeigt Wirkung ganz oben. Büchner legt nach: „Die Justiz ist in Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten. (…) Ihr dürft euren Nachbarn verklagen, der euch eine Kartoffel stiehlt; aber klagt einmal über den Diebstahl, der von Staats wegen unter dem Namen von Abgaben und Steuern jeden Tag an eurem Eigentum begangen wird, damit eine Legion unnützer Beamten sich von eurem Schweiße mästen (…) Für das Militär wird bezahlt 914820 Gulden. Dafür kriegen eure Söhne einen bunten Rock auf den Leib, ein Gewehr oder eine Trommel … Mit ihren Trommeln übertäuben sie eure Seufzer, mit ihren Kolben zerschmettern sie euch den Schädel, wenn ihr zu denken wagt, dass ihr freie Menschen seid. Sie sind die gesetzlichen Mörder, welche die gesetzlichen Räuber schützen.“ Wenn es eine Freiheit für den Menschen gibt, muss sie für alle gelten, auch wenn das bei denen, die sich für freier als andere halten, nicht gut ankommt. Die Privilegien, auf die sie sich berufen, taugen nichts, die Tradition, in der sie zu stehen meinen, ist leer und hohl. Um das zu erkennen, muss man kein Revolutionär sein, es reicht der bloße Augenschein: „Aber tretet zu dem Menschenkinde und blickt durch seinen Fürstenmantel. Es isst, wenn es hungert, und schläft, wenn sein Auge dunkel wird. Sehet, es kroch so nackt und weich in die Welt wie ihr und wird so hart und steif hinausgetragen wie ihr (…) Der Fürst ist der Kopf des Blutegels, der über euch hinwegkriecht.“

Wer so etwas zu lesen bekommt, kann gar nicht wachsam genug sein: Die Verfolgungsbehörden werden denn auch aktiv und verhaften Weidig, Büchner kann sich rechtzeitig absetzen. Im Juli 1835 schreibt man ihn zur Fahndung aus; in seinem Steckbrief heißt es: „Alter: 21 Jahre, Größe: 6 Schuh, 9 Zoll neues Hessischen Maßes, Haare: blond, Stirne: sehr gewölbt, Augenbrauen: blond, Augen: grau, Nase: stark, Mund: klein, Bart: blond, Kinn: rund, Angesicht: oval, Gesichtsfarbe: frisch, Statur: kräftig, schlank, Besondere Kennzeichen: Kurzsichtigkeit“. Büchner ist auf der Flucht, die er eher unaufgeregt beschreibt: „Ich benutze jeden Vorwand, um mich von meiner Kette loszumachen. Freitag Abends ging ich von Gießen weg; ich wählte die Nacht der gewaltigen Hitze wegen, und so wanderte ich in der lieblichsten Kühle unter hellem Sternenhimmel, an dessen fernstem Horizonte ein beständiges Blitzen leuchtete. Teils zu Fuß, teils fahrend mit Postillonen und sonstigem Gesindel, legte ich während der Nacht den größten Teil des Weges zurück. Ich ruhte mehrmals unterwegs. (…) Die Zeit erlaubte mir nicht, mich mit den nötigen Papieren zu versehen.“ Die Lage aber ist ernster, als es dieser Reisebericht vermuten lässt: Im März 1835 setzt sich Büchner nach Straßburg ab. Er heißt nun Jacques Lutzius und betätigt sich als weitgehend unauffälliger Student der Medizin und Philosophie: „Ich habe mich jetzt ganz auf das Studium der Naturwissenschaften und Philosophie gelegt (…), um in meiner Eigenschaft als überflüssiges Mitglied der Gesellschaft meinen Mitmenschen Vorlesungen über etwas ebenfalls höchst Überflüssiges, nämlich über die philosophischen Systeme der Deutschen seit Cartesius und Spinoza zu halten.“ Sein Studium betreibt Büchner mit aller Gewissenhaftigkeit, obwohl er manchmal den Eindruck hat, in ein Panoptikum geraten zu sein, dessen Personal man nicht allzu ernst nehmen sollte. An seinen Freund Eugène Boeckel schreibt er: „Das Leben ist überhaupt etwas recht Schönes, und jedenfalls ist es nicht so langweilig, als wenn es noch einmal so langweilig wäre. (…) Ist Dir die Kranken- und Leichenschau noch nicht zur Last geworden? Ich meine eine Tour durch die Spitäler von halb Europa müsste einen sehr melancholisch und die Tour durch die Hörsäle unserer Professoren müsste einen halb verrückt und die Tour durch unsere deutschen Staaten müsste einen ganz wütend machen. 3 Dinge, die man übrigens auch ohne die drei Touren sehr leicht werden kann, z. B. wenn es regnet und kalt ist, wie eben; wenn man Zahnweh hat, wie ich vor 8 Tagen, u. wenn man einen vollen Winter und ein halbes Frühjahr nicht aus seinen 4 Wänden gekommen, wie ich dies Jahr. Du siehst, ich stehe viel aus und ehe ich mir neulich meinen hohlen Zahn ausziehen lassen, hab ich im vollständigsten Ernst überlegt, ob ich mich nicht lieber totschießen sollte, was jedenfalls weniger schmerzhaft ist.“
Büchners politisches Engagement ist nicht beendet; allerdings kann er sich nicht vorstellen, dass die soziale Lage durch wohlbedachte Reformen von oben entschärft werden könnte. An den Schriftsteller Karl Gutzkow schreibt er: „Die Gesellschaft mittelst der Idee, von der gebildeten Klasse aus reformieren? Unmöglich! Unsere Zeit ist rein materiell (…) Ich habe mich überzeugt, die gebildete und wohlhabende Minorität, so viel Konzessionen sie auch von der Gewalt für sich begehrt, wird nie ihr spitzes Verhältnis zur großen Klasse aufgeben wollen. Und die große Klasse selbst? Für die gibt es nur zwei Hebel, materielles Elend und religiöser Fanatismus. (…) Unsere Zeit braucht Eisen und Brot (…) Ich glaube, man muss in sozialen Dingen von einem absoluten Rechtsgrundsatz ausgehen, die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volk suchen und die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen. (…)“

Inzwischen hat Büchner sein erstes Theaterstück Dantons Tod geschrieben, ein Drama über Moral und Menschenrecht in der Französischen Revolution, die als gerechte Sache beginnt und zur „Schreckensherrschaft“ führt. Dabei fällt ein Wort, das später, viel später, als den Deutschen ihre überraschende Wiedervereinigung zuteil wird, noch einmal populär wird: „Wir sind das Volk“. Trotz aller Willkür, die das Volk über sich ergehen lässt oder zur Not auch selbst in die Hand nimmt, drängt sich ihm eine dunkle Ahnung auf: „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen“. Das gilt auch für den Einzelnen, der nicht damit rechnen sollte, unbeschadet an Leib und Seele zu bleiben, zumal er genug Möglichkeiten in sich hat, an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde zu gehen: „Wir alle sind Schurken und Engel, Dummköpfe und Genies und zwar das alles in einem, die vier Dinge finden Platz genug in dem nämlichen Körper.“
1836 zieht es Büchner in die Schweiz, im September promoviert er mit einer anatomischen Untersuchung „Über das Nervensystem der Barbe“ an der Universität Zürich. Auf die Arbeit ist er weniger stolz als auf sein Durchhaltevermögen, zu dem er sich selbst gratuliert: „Ich saß auch im Gefängnis und im langweiligsten unter der Sonne, ich habe eine Abhandlung geschrieben in die Länge, Breite und Tiefe. Tag und Nacht über der ekelhaften Geschichte, ich begreife nicht, wo ich die Geduld hergenommen.“ Er fühlt sich wohl in der Schweiz, konstatiert, mit einiger Verblüffung, dass die Schwerkraft der Verhältnisse nicht mehr so erdrückend wirkt, wenn man sie mit anderen Augen sieht. Dazu genügt ein Blick aus dem Fenster: „Die Straßen laufen hier nicht voll Soldaten, Akzessisten und faulen Staatsdienern, und man riskiert nicht von einer adligen Kutsche überfahren zu werden.“ Büchner bekommt ein befristetes Aufenthaltsrecht in der Schweiz und wird zum Privatdozenten ernannt.

Eine scheinbar harmlose „Winterverkältung“, die ihn im Januar 1837 ans Bett fesselt, erweist sich als todbringende Krankheit; er stirbt an Typhus. Auch seine angeblich letzten Worte passen zum Erkenntnisgewicht dieses Mannes, der an Einsichts- und Sprachvermögen seiner Zeit voraus war: „Wir sind Tod, Staub, Asche, wie dürften wir klagen?“ soll er gesagt haben. Büchners Werk ist, seiner knapp bemessenen Lebenszeit entsprechend, überschaubar geblieben: drei Theaterstücke , eine Erzählung , politische und naturwissenschaftliche Schriften, Übersetzungen und Briefe. Um so erstaunlicher mutet die Reife, der spröde, sichere Ton eines jungen Autors an, der zu seiner Zeit nicht sehr bekannt war, von der Nachwelt aber bis heute Beifall erhält. „Die Unruhe, die Büchner stiftet, ist von überraschender Gegenwärtigkeit“, befand der deutsche Nobelpreisträger Heinrich Böll, der 1967 den Büchner-Preis erhielt, die höchste literarische Auszeichnung, die man in Deutschland zu vergeben hat. Und Bölls Kollege Volker Braun fügte hinzu: „Büchners Briefe lesend, muss man sich mitunter mit Gewalt erinnern, dass es nicht die eines Zeitgenossen sind“. Einer seiner schönsten Briefe ist wohl jener, den Büchner knappe drei Wochen vor seinem Tod in Zürich an seine Braut schrieb: „Mein lieb Kind, Du bist voll zärtlicher Besorgnis und willst krank werden vor Angst; ich glaube gar, Du stirbst – aber ich habe keine Lust zum Sterben und bin gesund wie je. Ich glaube, die Furcht vor der Pflege hier hat mich gesund gemacht; in Straßburg wäre es ganz angenehm gewesen, und ich hätte mich mit dem größten Behagen in’s Bett gelegt, vierzehn Tage lang, rue St. Guillaume Nr.66, links eine Treppe hoch, in einem etwas überzwergen Zimmer, mit grüner Tapete! Hätt’ ich dort umsonst geklingelt? Es ist mir heut einigermaßen innerlich wohl, ich zehre noch von gestern, die Sonne war groß und warm im reinsten Himmel – und dazu hab’ ich meine Laterne gelöscht und einen edlen Menschen an die Brust gedrückt, nämlich einen kleinen Wirt, der aussieht wie ein betrunkenes Kaninchen, und mir in seinem prächtigen Haus vor der Stadt ein großes elegantes Zimmer vermietet hat. Edler Mensch! Das Haus steht nicht weit vom See, vor meinen Fenstern die Wasserfläche und von allen Seiten die Alpen, wie sonnenglänzendes Gewölk. – Du kommst bald? Mit dem Jugendmut ist’s fort, ich bekomme sonst graue Haare, ich muss mich bald wieder an Deiner inneren Glückseligkeit stärken und Deiner göttlichen Unbefangenheit und Deinem lieben Leichtsinn und all Deinen bösen Eigenschaften, böses Mädchen. Adio piccola mia!“

Otto A. Böhmer

Aus: Otto A. Böhmer, »Das Abenteuer der Inspiration« – Porträts deutscher Dichter von Lessing bis Dürrenmatt, Diogenes Verlag.

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Milz: Mythos Georg Büchner

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erstellt am 16.11.2012

Georg Büchner, Illustration von Alfred Schüssler
Georg Büchner, Illustration von Alfred Schüssler

Georg Büchner, geb. am 17. Oktober 1813 in Goddelau (bei Darmstadt), gest. am 19. Februar 1837 in Zürich

Veranstaltungen zu den Büchner Gedenktagen 2012 und 2013 hier

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