Literatur-Nachwuchs

Freunde und Freunde von Freunden

Vom 20. Open Mike Literaturwettbewerb junger deutscher Prosa und Lyrik im Heimathafen Neukölln.

Von Malte Abraham

Nachdem ich immer nur davon gelesen habe, bin ich dieses Jahr hingefahren. Ich habe mir den Open Mike immer in den Superlativen vorgestellt, in denen man über ihn schreibt: Der wichtigste, interessanteste, erfrischendste deutsche Literaturwettbewerb. Ich weiß, dass hier Autoren entdeckt und verworfen werden, dass hier Visitenkarten getauscht werden wie Duplo-Sticker, dass hier Bücher auf den Weg gebracht und Karrieren begonnen werden. Als ich aber im Hof des Heimathafens Neukölln stand, in einer dieser berüchtigten Zigarettenpausen zwischen den Lesungen, wirkte alles wahnsinnig entspannt. Man merkte dem Betrieb seine Betriebsamkeit nicht an. Es fühlte sich nicht an wie Autoren und Verleger. Es fühlte sich an wie Freunde und Freunde von Freunden. Und wenn die Autoren nach Hause gingen, hatten sie wahrscheinlich zehn neue Freundschaftsanfragen auf Facebook. Und einer schrieb bestimmt: „Tolle Bilder aus deinem letzten Urlaub, ich arbeite übrigens in einem Verlag, hast du nicht zufällig was in der Schublade.“ So werden hier Bücher gemacht: Hardcover/Soft Skill Bücher.

Wie immer wieder betont wird, sind alle total jung. In der gerade erschienen Anthologie zum Wettbewerb finde ich ein bisschen was über die Finalisten. Die meisten stecken irgendwo in den Zwanzigern, die meisten haben sich schon andernorts bewiesen, ob in Literaturzeitschriften, bei Wettbewerben oder durch Stipendien. 21 Finalisten haben sich dieses Jahr aus einer Bewerbungsflut von über 600 eingereichten Texten hervorgetan. „Durch eine Sprache, die auf der Höhe ihrer jeweiligen Themen ist“, wie das Auswahlkomitees betont. Es soll dieses Jahr viel gestorben worden sein, vor allem Eltern und Großeltern seinen betroffen und das wäre meist dramatisch gewesen, hieß es weiter.

Zum Glück war dann doch nicht so viel Tod, aber leider blieb auch oft bei kleinen abgesteckten Themen die Sprache unter ihrem Anspruch. Ich hörte nur immer wieder Worte, neben die gewissenhafte Lektoren so was wie „Vorsicht Pathos“ oder „Achtung Phrase“ schreiben würden. Immer wieder wurde es organisch und das hieß dann meist, jetzt wird es emotional, jetzt geht es um die ganz großen Gefühle. In diesen Texten sprangen, hüpften, pochten, die Herzen nur so, quollen über, schlugen höher, schmerzten und zerrissen fast. Als wenn die Texte sagen wollten: „Da kommt ein Herz vor, das ist Literatur!“. Andere Texte waren wie ein Duden-Beispiel für das Wort „lakonisch“ geschrieben und tatsächlich nur unfassbar langweilig.

Dann gab es aber auch solche Texte, die völlig leichtfüßig und sicher in keine Falle tappten, die Fallen stellten, in die man fallen und sich verlieren konnte. Endlich war man mal mitten im Text, bei Alina Herbing zum Beispiel und bei dem diesjährigen Gewinner Juan S. Guse. In Guses unheimlicher Erzählung, in der erst eine Frau ihre Finger verliert und später ein Hund vor die Hunde geht, habe man einen Text gefunden der nachhallt, erklärte die Jury bestehend aus den Autoren Marcel Beyer, Silke Scheuermann und Thomas von Steinaecker. Ausgezeichnet wurden außerdem Sandra Gugic, Martin Piekar für Lyrik und mit dem taz-Publikuspreis Joey Juschka. Piekar, nahm den Preis mit den Worten: „Dankeschön oder wie meine Generation sagen würde: scheißegal“ entgegen. Dabei ist es scheiße und überhaupt nicht egal, wenn jemand einen Preis bekommt, der meint etwas über seine Generation sagen zu können und schreibt wie seine Eltern. Wenn in Piekars Texten neue Medien auftauchen drängt sich einem unmittelbar die Windows 96 Fehlermeldung auf.

Schade, denn vor allem an herausragender Lyrik fehlte es auf dem 20. Open Mike am wenigsten. Mit Yevgeniy Breyger und dem Autorenduo Tristan Marquardt und Linus Westheuser, hätte es genügend Autoren gegeben, die sich um den Preis verdient gemacht haben.

erstellt am 14.11.2012

Der Literaturpreis open mike der Literaturwerkstatt Berlin ist ein Wettbewerb für deutschsprachige Literatur-Neuentdeckungen. Teilnehmen können deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht älter als 35 Jahre sind und noch keine eigene Buchpublikation haben. Im Rahmen des von der Crespo Foundation geförderten internationalen Wettbewerbs junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik finden auch verschiedene Colloquien und Schreibwerkstätten statt.

DIE GEWINNER DES 20. OPEN MIKE 2012
Juan S. Guse
Sandra Gugic
Martin Piekar

taz-Publikumspreis: Joey Juschka

Literaturwerkstatt Open Mike

Open Mike Blog