Zusammen mit F. W. Bernstein und Lützel Jeman, der sich erst später zu seinem Namen Robert Gernhardt bekannte, bildete er das satirische Rückgrat der Zeitschrift „Pardon“, später der „Titanic“ – bis 1992. Darüber hinaus hat sich Friedrich Karl Waechter, der 2005 starb, mit etwa fünfzig Büchern voller Zeichnungen, Karikaturen, Cartoons, überraschenden Versen und fesselnden Kindergeschichten bekannt gemacht. Und wie gewöhnlich hat diese erste Prägung alle anderen seiner Leistungen aus dem öffentlichen Ansehen eliminiert. Dass seine spielerische Fantasie universal war, daran erinnert Marion Victor in ihrer Rede anlässlich der Eröffnung der F. K. Waechter-Ausstellung in Frankfurt und stellt den Künstler in einer anderen Hauptrolle vor: als Theaterautor.

75. Geburtstag von F.K. Waechter

Der Erzähler

Von Marion Victor

Liebe Freunde und Fans von Friedrich Karl Waechter!

Heute ist für mich ein besonderer Tag, weil ich die Hoffnung habe, dass sich mit unserem kleinen Festival und der Ausstellung die Rezeption des Werkes von Friedrich Karl Waechter – vor allem auch in Frankfurt – ändert, der Blick auf das Werk sich weitet, die diversen Schubladen ein für alle Mal geschlossen bleiben.

Meerlandschaft mit Mastodon und Manuskripten. 1986 schenkte mir Friedrich Karl Waechter die Zeichnung mit diesem Untertitel, die wir für den Flyer ausgewählt haben. Wir wählten sie aus, weil sie – wenn man annimmt, dass Waechter sich selbst damit meinte – den Zeichner zeigt, der mit Manuskripten spielt. Kurz, den Zeichner als Autor darstellt. Ein Mastodon ist ein Rüsseltier, urgewaltig, erschreckend, gleichzeitig fremd und bezaubernd. In seiner unerschöpflichen, nie erlahmenden Produktivität hatte der Zeichner und Autor F.K. Waechter für alle, die mit ihm zusammenarbeiteten, etwas von solch einem Wesen.

1975 begann mit Schule der Clowns zwar bereits die Karriere des Zeichners und Karikaturisten F.K. Waechter als Theaterautor, aber trotzdem ist er hier in Frankfurt in den Köpfen durchaus nicht als Theaterautor präsent. Das soll sich nun ändern. Abgesehen von unserem kleinen Festival, bringt Willy Praml in wenigen Tagen Waechters Märchenstück Der Teufel mit den drei goldenen Haaren in der Naxoshalle heraus und Schauspiel Frankfurt folgt im Frühjahr mit einer Inszenierung von Kiebich und Dutz.

Kurz, F.K. Waechter – das ist weit mehr als einer der drei Protagonisten der Neuen Frankfurter Schule zusammen mit Robert Gernhardt und F.W. Bernstein, weit mehr als der Zeichner für Titanic und Die Zeit, mehr als der ausgezeichnete Kinderbuchautor von Wir können noch viel zusammen machen. F.K. Waechter hinterließ nicht nur ein riesiges zeichnerisches Werk, sondern auch mehr als 50 Theaterstücke. Und ich möchte behaupten, seine Entwicklung zu den poetischen, hintergründigen Büchern, die ab Mitte der 90er Jahre entstanden – wie Die Mondtücher, Mein erstes Glas Bier und/oder Der Vollmond – sind ohne die Theatererfahrung, ohne die Konfrontation mit Schauspielern, ohne die Beschäftigung mit Märchen und dem großen Thema „Liebe“ nicht denkbar. So verwundert es denn auch nicht, dass eine ganze Reihe dieser Bilderbücher erst Theaterstücke waren, bevor sie Bildgeschichten wurden und den Weg zwischen zwei Buchdeckel fanden. Dazu gehören unter anderen Steinhauers Fuß, Der alberne Hans und natürlich auch Prinz Hamlet.

Ich leb und waiß nit, wie lang,
Ich stirb und waiß nit, wann,
Ich far und waiß nit, wohin,
mich wundert, daß ich froelich bin

Die letzte Zeile dieses Grabspruchs des Magisters Martinus von Biberach zu Heilbronn, gestorben 1498, hatte Friedrich Karl Waechter als Titel für sein 1991 im Diogenes Verlag erschienenes Buch gewählt. Die vorletzte und dritte Zeile, „Ich far und waiß nit wohin“, diese Zeile beschreibt rückblickend ziemlich genau die Situation Waechters Ende der 80er Jahre, in denen die meisten Zeichnungen dieses Buches entstanden sind. Die Frage, die er sich stellte, war, wo solls nach Titanic und Neuer Frankfurter Schule hingehen? Zum Theater?

Den ganzen Grabspruch des Magisters Martinus hätte auch der Knecht in seiner Fassung des Märchens Der Teufel mit den drei goldenen Haaren sagen können, der in die Welt hinauszieht und nicht nur die Prinzessin für sich gewinnt, sondern auch des Teufels Großmutter. Beim König aber und den Hofschranzen findet er nur Verachtung. Bis der König, sein Minister und der Prälat am Ende verwundert feststellen müssen, dass dem tumben Knecht einfach alles, auch das scheinbar Unmögliche, gelingt. Er hat nicht nur die drei goldenen Haare vom Kopf des Teufels geholt, auch der Baum trägt wieder Früchte, der Wein sprudelt wieder, der Fährmann ist von der ewigen Ruderei befreit und die Prinzessin glücklich.

1988 fand im Bockenheimer Depot die Uraufführung der zweiten Fassung von Der Teufel mit den drei goldenen Haaren statt. Für die Regie zeichneten Winni Victor und F.K. Waechter verantwortlich, für das Bühnenbild F.K. Waechter. Und er hatte es nicht nur entworfen, sondern im Malersaal die zum Teil riesigen Prospekte selbst gemalt.

Seine beiden frühen Stücke Schule mit Clowns und Kiebich und Dutz sind zwar nach wie vor seine weltweit meistgespielten Stücke, doch für Friedrich Karl Waechter sollte die Auseinandersetzung mit dem Märchen und vor allem mit „dem Teufel“ – auch das wird eigentlich erst in der Rückschau deutlich – besonders wichtig werden. Stift und Feder – die beherrschte er, da war er sich seiner Sache sicher, die Wirkung war klar. Jetzt, Ende der 80er Jahre suchte er neue Betätigungsfelder, neue Abenteuer. Das Theater lockte ihn, diese riesige Bildermaschine ebenso zu erlernen und zu beherrschen wie Stift und Feder.

Der Bildband Mich wundert, daß ich fröhlich bin mit Werken vor allem aus den Jahren 1988 bis 1990 ist für mich, wenn ich ihn heute durchblättere, ein Zeugnis für seine Suche nach neuen Themen und Ausdrucksformen. In diesem Band finden sich zum Beispiel eine ganze Reihe Fotos von Objekten, Fundstücken, denen Waechter mit wenigen Handgriffen eine neue Bedeutung verliehen hatte. So zum Beispiel ein Stiefelknecht, der mittels dreier Gummipfropfen zur Teufelsmaske wird. Oder der Klapptisch in der Rücklehne des Vordersessels im Zug, der unversehens zum Adler mutiert.

1989 entstehen drei Theaterstücke: Das Märchen Der Schweinehirtentraum, Ixypsilonzett und Luzi. Das Junge Theater in Göttingen lud Waechter ein, seinen Schweinehirtentraum selbst zu inszenieren. Dort lernt er die Schauspielerin Verena Reichhardt kennen, und für sie schreibt er eine neue Fassung für nur eine Schauspielerin Vom Teufel mit den drei goldenen Haaren und inszenierte sie. Die Premiere fand 1991 in Göttingen statt. Es war der Beginn einer langen und inspirierenden Künstlerfreundschaft. Am 19. November können Sie alle diese Inszenierung mit Verena Reichhardt sehen. Ich verspreche Ihnen, sie hat auch heute, mehr als 20 Jahre nach der Premiere, nichts von ihrem Zauber verloren.

Gleichzeitig hatte Waechter mit dieser Arbeit eine neue Form gefunden: Das Erzähltheater. Heute mag vielen das als gar nicht mehr so bemerkenswert erscheinen, aber damals war es neu. Inzwischen bedienen sich selbst Figuren von Dea Loher und/oder Roland Schimmelpfennig einer solchen Erzählhaltung. Höhepunkt der Zusammenarbeit mit Verena Reichhardt war die Inszenierung am Staatstheater in Hannover von der Eisprinzessin, die im Oktober 1993 Premiere hatte und dort bis Mai 2009, also 16 Jahre lang auf dem Spielplan stand. Und die nach 2 Tagen im Vorverkauf immer ausverkauft war, wie mir noch 2008 Wilfried Schulz, der inzwischen dort Intendant war, versicherte.

In den Jahren von 1989 bis 1997 entstanden neben anderen Theaterstücken 10 Erzähltheaterstücke. Sie erschienen 1997 als ein Band in der Theaterbibliothek des Verlags der Autoren. Im Vorwort hierzu schrieb Waechter: „Ein einziges Requisit, ein Stuhl, ein Stock, ein Hut kann zum entscheidenden Mittel werden, mit dem der Erzähler spielend seine Geschichte anschaulich macht, ohne die Phantasie des Zuschauers durch eine allzu naturalistische Darstellung zu beengen.“ – In seinen Erzähltheaterstücken wird der Vorgang der Verwandlung – wie er ihn bei den gefundenen Objekten Ende der 80er Jahre entdeckt hatte – potenziert und auf die Spitze getrieben. Poesie und Theater treffen in ihrer reinsten Form zusammen. Des Teufels Großmutter verwandelt sich mit einem Blick über die Schulter in die Prinzessin und mit einer hochgezogenen Schulter in den Räuberhauptmann, mit fast Nichts also in 49 gänzlich verschiedene Personen. Aber das ist vor allem der Reiz der Erzähltheaterfassung Vom Teufel mit den drei goldenen Haaren. Jedes einzelne der 10 Stücke ist anders und besonders. Im Rahmen unseres kleinen Festivals können Sie am 15. November außerdem noch Der singende Knochen in der Inszenierung von Winni Victor sehen. Hier bedient sich der Erzähler eines Salzstreuers und einer Pfeffermühle, einer Streichholzschachtel und einer Kerze, eines Sherrygläschens, diverser Flaschen und einiger Würfel, um die ganze Welt des Märchens vor den Augen des Publikums entstehen zu lassen.

Die poetische Welt Friedrich Karl Waechters, die Welt des Spiels und die Verwandlung der Welt im Spiel führen Ihnen aber auch die beiden Musiker Olaf Pyras und Christiane Weghoff vor mit Gott Fritz und Der rote Wolf. Beide haben ebenfalls bereits zu Lebzeiten unter anderem am Staatstheater Hannover mit Waechter zusammengearbeitet. Pläne für weitere gemeinsame Projekte fanden durch den Tod Waechters ein abruptes Ende.

2003 bearbeitete Friedrich Karl Waechter noch einmal seine Ein-Personen-Fassung des Teufels für Michael Quast. Das Märchen wird nun nicht mehr wie 13 Jahre zuvor aus der Perspektive der Großmutter, sondern aus der des Narren erzählt. Und wieder – wie schon bei Verena Reichhardt – ist es der Schauspieler und seine Kunst, die ihn animiert, mit dem Text neue und unerwartete Volten und Kapriolen zu schlagen. Die neue Freundschaft zu Michael Quast wurde ebenfalls durch den zu frühen Tod Friedrich Karl Waechters beendet. Beendet hat sie aber nicht die Beschäftigung von Quast mit den Texten von Waechter. Ich bin besonders glücklich, dass er mit Ensemblemitgliedern der Fliegenden Volksbühne den Frankfurtern am 17. November erstmals Nach Aschenfeld zeigt. Es wurde 1984 am Bayerischen Staatsschauspiel in München uraufgeführt und verwunderlicherweise bis jetzt nicht in Frankfurt gespielt. Verwunderlich deshalb, weil es – wie keines seiner anderen Stücke – ein Stück für die Bankenstadt Frankfurt ist.

Bevor ich Ihnen allen viel Vergnügen bei der Entdeckung des „ganzen“ Friedrich Karl Waechter wünsche, möchte ich mich noch bei dem Literaturarchiv der Universität und vor allem bei Wolfgang Schopf für seinen unermüdlichen Einsatz bedanken.

Kommentare


Alfred Harth - ( 16-11-2012 05:34:10 )
"Die Reise nach Aschenfeld" war 1980 von uns - Fritz, den Schauspielern Altmann/Krähkamp, Heiner & mir - fürs Schauspiel Ffm kreiiert worden, war bereits mündlich vereinbart mit dem Frankfurter Theater, bis leider dieser Vertrag seitens der Schauspielleitung aus undurchsichtigen Gründen gebrochen wurde. So kam es dann 1984 zur Uraufführung in München.

Joachim - ( 16-11-2014 04:48:43 )
"Nach Aschenfeld", das war damals, 1984 in München, für mich eines meiner allerschönsten Theatererlebnisse, bis heute. Seither frage ich mich, ob es irgendwo davon eine Aufzeichnung gibt. Weiß jemand von Ihnen vielleicht etwas darüber?

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erstellt am 11.11.2012

F.K. Waechter, Foto Alexander Paul Englert
F.K. Waechter, Foto Alexander Paul Englert
EIN KLEINES FESTIVAL in Frankfurt

F.K. Waechter zu Ehren

Orte: Haus des Buches, Braubachstraße 16, Frankfurt
Museum für Komische Kunst, Weckmarkt 17, Frankfurt
Beginn: 20 Uhr

Noch nie Gehörtes, verblüffend Aktuelles, viel zu selten Gespieltes: F.K. Waechter als Theaterautor von überschäumender Kreativität.

14. 11. Das Nashorn schläft
Texte aus dem Nachlass: Theaterszenen, Drehbücher, Opernlibretti …
Mit Andrea M. Dewell, Holger Kraft, Michael Quast

15. 11. Der singende Knochen
Es braucht nur eine Pfeffermühle (König), ein Glas (Tochter des Königs) und zwei Weinflaschen (Bob und Flip) und schon geht’s los mit Herrscherwillkür, Brudermord und dem Kampf ums Glück!
Mit Thomas Karl Hagen, Theater Rotwelsch, Reutlingen

16. 11. Gott Fritz / Der rote Wolf
Musikalische Performance zu zwei Waechter-Büchern voller Witz und Poesie.
Mit Christine Weghoff (Tasteninstrumente), Olaf Pyras (Perkussion), Michael Quast (Stimme)

17. 11. Nach Aschenfeld
Stück für einen Banker, einen Penner und einen Musiker.
Mit Roland S. Blezinger, Matthias Scheuring, Michael Quast

18. 11. Wahrscheinlich kommt wieder kein Schwein
Hommage der Neuen Frankfurter Schule an F. K. Waechter
Mit Pit Knorr, Bernd Eilert, F. W. Bernstein, Hans Traxler, Hans Zippert, Oliver Maria Schmitt
Im Museum für Komische Kunst

19. 11. Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
Diese verblüffende Inszenierung ist eins der schönsten Beispiele für das Waechtersche „Erzähltheater“.
Mit Verena Reichhardt, Schauspiel Düsseldorf

Informationen und Karten:
Fliegende Volksbühne