Wie stellt man Literatur aus

Sieben Positionen zu Goethes Wilhelm Meister

Ist es ein Gewinn, Literatur nicht nur lesend sondern mit Hilfe einer Ausstellung zu entdecken? Im Goethe-Haus Frankfurt haben sieben international anerkannte Kuratoren- und Gestalter-Teams versucht, diese Frage zu beantworten. Sie zeigen auf je eigene Art wie Goethes umfangreicher Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“ medial vermittelt und so auch wandernd, tanzend oder sogar riechend erkundet werden kann.

Im Arkadensaal am Großen Hirschgraben wirkt die Vielzahl der Installationen, die den engen Raum bespielen, zunächst verwirrend. Es gibt keine festgelegte Wegführung, man kann frei der eigenen Neigung folgen und sich im Selbstversuch auf poetische, ironische oder provokativ erscheinende Zugangsweisen einlassen. Keine der Installationen hat zum Ziel, dem Roman in ganzer Fülle zu entsprechen. Man spürt die Disziplin, die notwendig war, auf engem Raum sieben individuelle Wege zu erschließen, die sich nicht bedrängen sondern ergänzen sollen. Die strengen Zuspitzungen machen jedoch gerade den Gewinn dieser Ausstellung aus.

Besonders ausdrucksstark wirkt im Innern des Goethe-Hauses eine Installation von Heike Gfrereis und Diethard Keppler. Das Gestalterteam, das u.a. am Konzept für die Marbacher Dauerausstellungen im Literaturmuseum der Moderne und im Schiller-Nationalmuseum beteiligt war, begreift Ausstellen von Literatur als „Übersetzen intimer Leseerfahrungen“. Dieser subjektive Zugriff prägt Wahl und Gestalt der inszenierten Textpassage. Ziel ist, sprachliche Schönheit erlebbar zu machen. Wie dies gelingen kann, zeigt die Installation „Mignon oder Goethes Kunst, Sätze zu bauen“. Auf einem langen, schwarzen Filzteppich ist eine der Schlüsselpassagen des Wilhelm Meister, Mignons Eiertanz, abgedruckt. Rhythmus gebende Satzzeichen wurden durch leuchtende, eierförmige Körper ersetzt, eine kleine Tafel am Teppichrand bittet die Besucher zum Tanz.

Wer sich lieber sitzend mit Goethes Meisterwerk beschäftigt, kann an einer langen Tafel Platz nehmen, an der Stuhllehnen unterschiedlicher Stilepochen angebracht sind. Auf den Tischen stehen schmale Bücher in Plexiglasschubern. Jedes Buch beschreibt anhand eines Aspekts der Buchproduktion, wie sich diese im Lauf der Jahrhunderte verändert hat. So können mit einem Griff interessante buchwissenschaftliche Vergleiche gezogen werden. Die strenge Methodik der Installation von chezweitz & roseapple (Berlin) führt jedoch auch zu skurrilen Ergebnissen. Wer das Buch zum Thema „Illustration“ aufschlägt, wird darin viele leere Seiten finden. Lediglich der Name der Edition, um die es auf dieser Seite geht, ist abgedruckt, denn Bilder kamen in dieser Werkausgabe nicht vor.

Zum Ausstellungsinventar gehört auch ein roter Backstein mit WM-Prägung. Er wurde von dem in Frankfurt lebenden Künstler Jean Luc Cornec als Einzelstück in eine Vitrine gelegt und mit provozierender Erhabenheit angereichert. Ein solcher Stein kann, so der Künstler, als Teil einer Mauer gesehen werden, die den Lebenskreis eines Menschen begrenzt oder auch an Steinwerfer der 68iger erinnern, die inzwischen selbst im Glashaus sitzen. Cornecs Backstein-Präsentation ergänzt als künstlerischer Beitrag die sieben Kuratoren-Positionen zum Wilhelm Meister und nimmt auch zur Außenwelt Bezug. Passanten begegnen WM-Backsteinen zurzeit auf dem Goethe-Platz. Hier hat Cornec rund um das Goethe-Denkmal eine Turmruine errichtet, die den Roman mit aktuellen Hochhausrealitäten in Verbindung bringt.

Auch die klassische Art, Literatur zu zeigen, kommt in der Ausstellung vor. Das Frankfurter Goethe-Haus verfügt über die einzige Originalhandschrift, die zum Wilhelm Meister überliefert ist. Das wertvolle Buch ist nur selten für die Öffentlichkeit zugänglich. Jetzt ist das vergilbte Buch, in das Goethe eigenhändig Anmerkungen eingefügt hat, in einer Vitrine ausgestellt und kann dort auratische Kraft entfalten.

Andrea Pollmeier

„Wie stellt man Literatur aus?
Sieben Positionen zu Goethes Wilhelm Meister“
bis 1.11.2010
Frankfurter Goethe-Haus/Freies Deutsches Hochstift
Großer Hirschgraben 23-25
Goethehaus

erstellt am 17.9.2010

Satzbaukunst
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Panoramabild
Manuskript aus dem „Wilhelm Meister"
Buchkörper
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Erinnerungsszene
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