Seit 20 Jahren beschäftigt sich der Schweizer Künstler Pavel Schmidt mit der David-Figur des Michelangelo: Indem er die Verkitschung einer kulturellen Ikone thematisiert, trägt er zur Metaverkitschung bei. In Schmidts Umgestaltung wird Michelangelos David zum Freak. 2008 waren Schmidt und seine Freak-David-Figuren Gäste im Garten des Jüdischen Museum Hohenems. Die Installation wurde jetzt in einem Buch dokumentiert, aus dem Faust-Kultur den Aufsatz des Museumsdirektor Hanno Loewy abdruckt.

Vom Helden zum Freak

Der Hohenemser David

Pavel Schmidts Freak im Garten der Villa Heimann-Rosenthal

Von Hanno Loewy

I.

Fragmente, Splitter und Verlorenes – die klassischen Helden kehren als Freaks wieder; als Hybride, als dreidimensionale Collagen. Sie haben ihre Unschuld verloren, ein ums andere Mal. Als Mythos haben sie die Zeit der großen Mythen überlebt. Und als Mythos von Mythen ihre Wiedererweckung in der Renaissance überstanden. Auch die Hybris der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts haben sie hinter sich – und die Auslöschung des Weltbürgertums im 20. Jahrhundert, die am Leib der Juden vollzogen wurde.
Am Ende sind sie im Baumarkt gelandet, Seite an Seite mit ihren Spottfiguren, den Gartenzwergen.

Pavel Schmidt befreit sie aus dieser Trostlosigkeit, aus ihrem Dasein als Untote mit Preisschild. Er befreit sie mit Gewalt und Zärtlichkeit. Mit Sprengstoff und Ironie. Er befreit sie aus den Lagern der Baumärkte und Nippeshändler und vollbringt das Unmögliche. Er verzaubert sie und haucht ihnen neues Leben ein. Er folgt damit scheinbar all jenen, die mit ihren Readymades versuchten, das zu re-auratisieren, was bloß noch Reproduktion war, automatisch vervielfacht, abgesunkene Kultur, wie so viele Künstler des 20. Jahrhunderts. Und doch verfolgt er dabei ganz eigensinnig seine persönliche Obsession, radikalisiert das Readymade zu einem Wechselspiel von Zerstörung und ironischer Wiedergeburt.
Hauchen seine Readymades Leben ein, wo nichts mehr zu retten ist? Oder ist genau diese Obsession – das Verlorene in der Gestalt von Freaks wieder auferstehen zu lassen – die einzige Rettung?
Hinter der augenzwinkernden Vermischung von Mythos und Markt, Tragödie und Trivialität, Museum und Vorgarten, biblischen Helden und Bodybuilding, antiker Schönheit und Gartenzwergen – lauert ein Abgrund, den Pavel Schmidt in seiner Arbeit immer wieder andeutet.
Was eindeutiger Spott zu sein scheint, wird mehrdeutiger, sobald man es anblickt. Und die Freaks aus Pavel Schmidts Sprengaktionen und seiner Werkstatt beginnen ihren Dialog mit der Welt.

II.

2008 waren seine Freaks im Garten der Villa Heimann-Rosenthal zu Gast. „Partikelgestöber“ wehte durch den „Vorgarten“ des großbürgerlichen Hauses, das heute ein Museum ist – das Jüdische Museum Hohenems. Die spätklassizistische Villa mit ihren Deckenbemalungen feierte noch den heiteren Geist der Renaissance, mit ihren Fabelwesen und mythischen Gestalten, bevor die Gründerzeit auch Hohenems heimsuchte.
Im Garten der Villa Heimann-Rosenthal spielten Pavel Schmidts Freaks Verstecken mit den Besuchern, grüßten am Eingang, verbargen sich hinter dem Haus, gaben Rätsel auf. Nur: wer ist es, der sich heute hier versteckt?
Von dem Leben, das hier einst gelebt wurde, von dem weltbürgerlichen Horizont und der provinzbürgerlichen Idylle – an der man festhielt, bis nichts mehr von ihr übrig war – haben sich die Spuren in die Welt zerstreut. Jedenfalls das, was nach der Vernichtung noch da war.
In Brüssel steht heute Clara Heimann-Rosenthals Spieluhr, groß wie ein Grammophon, eine Stahlplatte mit „Wiener Blut“ auf dem Teller, barocke Putten in den Deckel gemalt – die Gartenzwerge der Antikensehnsucht, von der Renaissance bis zum Historismus.
Die Spieluhr ist schon lange verstummt. Ihre Besitzerin wurde im KZ Theresienstadt zu Tode gebracht. 1936 hatte sie das Haus verkauft und darin eine kleine Wohnung bezogen, die ihren Ansprüchen genügte. 1940 wurde sie nach Wien zwangsumgesiedelt, bald darauf nach Theresienstadt deportiert.
Ihre Enkelin Jacqueline bekam sie nach dem Krieg von den neuen Besitzern der Villa ausgehändigt, die sie für sie aufbewahrt hatten. Als Kind hatte sie andächtig diesem Kultgegenstand der bürgerlichen Besinnung gelauscht. Jacqueline hebt sie auf, in ihrem eigenen kleinen Museum in Brüssel, ihrer Vitrine, die eine Vergangenheit beschwört, die sie nicht loslässt.
Auch das Museum in der Villa Heimann-Rosenthal beschwört die Freaks der Vergangenheit: Fragmente, Spolien, Hybride. Fantasiegestalten, von uns „Museumsmachern“ zusammengesetzt, melancholisch und manchmal bitter, ironisch und voller Neugier auf das Leben, auf dass unsere Fantasie neu beginnen soll.
Pavel Schmidts Skulpturen sind so ein neuer Anfang.

III.

Die Freaks sind weitergezogen. Doch David hat sich niedergelassen. Er war schon der David im Lindenegg, in Biel, wo er zeitweise sein Asyl fand. Nun bewacht er den Garten des Jüdischen Museums, schwingt seine Hanteln, ist da und zugleich nicht da, denn Pavel hat ihm einzelne Körperteile weggesprengt und sie ihm wieder zu Füßen gelegt. Und so schaut David, teils aus Kunststein, teils nur als unsere Vorstellung, „in die Luft geschrieben“ hinüber zu den Besuchern, die ins Museum kommen. Rätselt, was sie dort suchen.
Der jüdische Held gegen die Übermacht des Riesen, selbst also eigentlich ein Zwerg, ist von Michelangelo überlebensgroß und monumental zum Inbegriff menschlicher (und männlicher…) Entschlossenheit gestaltet worden. Vor 3000 Jahren vom Hirtenjungen aus dem Volk zum König aufgestiegen, ist David die wohl schillerndste Figur der biblischen Sagenwelt. Ob es ihn tatsächlich gegeben hat? Im Jahr 840 vor der Zeitrechnung taucht sein Name erstmals in einer historischen Quelle auf, in der die Könige Judas’ als zum Hause Davids zugehörig bezeichnet werden. Doch es gibt auch Quellen, in denen das Wort „Dawidum“ nichts weiter als „Heerführer“ bedeutet.
In jedem Fall hat man David, so er wirklich gelebt hat, einen unermesslichen Reichtum an militärischen und Liebesabenteuern, poetischer Gabe und – ja, auch Hinterlist – zugeschrieben. An seinen Hof soll Saul den jungen Sohn des Isais entweder wegen seines schönen Harfenspiels geholt haben, oder wegen seiner mutigen Tat, dem Riesen Goliath, der ihn verhöhnte, mit der Steinschleuder entgegen zu treten.
David soll bald die Eifersucht des Königs auf sich gezogen haben und musste fliehen. Er zog als Bandenführer durchs Land und bekämpfte als Lehnsmann der Philister Räuber in der Wüste. Gleich zweimal soll er schließlich König Saul beschämt haben, indem er ihm das Leben schenkte. Soviel Eigensinn und Stolz wurde belohnt. David wurde König von Juda, dann auch von Israel und eroberte die Stadt Jerusalem dazwischen, die er zum Zentrum des Reiches gemacht haben soll. Die Autoren der hebräischen Bibel haben keinen Zweifel daran gelassen: David ist nach Moses der Held des Gründungsmythos schlechthin. Ein Held voller Widersprüche, ein durchaus moderner Held.
David ist ein Mensch zwischen Zweifeln und herrischem Gehabe, lyrischen Anwandlungen und überschäumender Begierde, zwischen Demut und Eitelkeit. Er zürnt und lädt selbst Schuld auf sich, er geht fremd und schickt ins Verderben. Aber er geht nicht als tragischer Held unter. Er bleibt der Liebling Gottes. Nur den Tempel darf er nicht bauen. Für seinen Sohn Salomon muss ja auch noch etwas zu tun bleiben.

IV.

Dank einer Spende der Ars Rhenia Stiftung darf Pavel Schmidts David in Hohenems bleiben. Er selbst kommt immer wieder vorbei. Hohenems ist ihm ein ganz eigener Ort des Übergangs geworden, schon lange, bevor er wusste, dass es hier ein Museum gibt. Unterwegs zwischen Biel und München führt hier eine Brücke über den Rhein, von Österreich in die Schweiz, die 2012 den Namen Paul-Grüninger-Brücke erhielt. Eine Brücke, die am Weg liegt, wenn Pavel Schmidt unterwegs ist. Eine kleine unscheinbare Brücke, denn sie führt über den alten Rhein, ein Rinnsal zwischen Bade- und Baggerseen, die vom alten Flusslauf übrig geblieben sind, nachdem der neue Rhein seinen Lauf in den Bodensee beschleunigt hat.
Irgendwann hat Pavel Schmidt von der Geschichte dieser Flusslandschaft erfahren. 1938 spielten sich hier unzählige Flüchtlingsdramen ab. Österreichische Juden, über die der Terror der Nationalsozialisten und ihrer ehemaligen Nachbarn hereinbrach, flohen zu Tausenden in die Schweiz, oder versuchten es jedenfalls. Und an der Grenze zwischen Vorarlberg und dem Kanton St. Gallen gab es Schlupflöcher, vor allem zwischen Hohenems und Diepoldsau, Lustenau und Schmitter, entlang des alten, zu Fuß durchquerbaren Rheins.
St. Gallens Polizeikommandant Paul Grüninger hatte 1938 begonnen, seinen Anordnungen nicht mehr zu gehorchen – und den Flüchtlingen zu helfen, statt sie grundsätzlich abzuweisen. Wie viele es waren, denen er zwischen März 1938 und Januar 1939 über die Grenze half und in der Schweiz versorgte, wird nie zu klären sein. Anfang 1939 wurde er entlassen und ihm wurde der Prozess gemacht. Erst lange nach seinem Tod wurde er in der Schweiz rehabilitiert. Für Pavel Schmidt, den Schweizer aus Bratislava, den ein biografischer Zufall ins Land der Eidgenossen geworfen hat, klang diese Geschichte ganz eigensinnig in den Ohren, als in der Schweiz in den 1990er Jahren zum ersten Mal über „solche Dinge“, seine Dinge, seine eigene Geschichte, gesprochen wurde. Über eine Schweiz, die so tat, als sei sie ein „volles Boot“ und auch heute wieder so tut. Über Zivilcourage und Widerständigkeit, über Menschenschmuggler auf beiden Seiten der Grenze, die keine Angst vor „Überfremdung“ hatten, sondern vor der Borniertheit der Kleinbürger in ihren Vorgärten, die jederzeit zu Denunzianten werden konnten.
Auch Pavel Schmidt ist als Schmuggler unterwegs. Der Sprengstoff, den er mit sich führt, ist harmlos. Er sprengt Gartenzwerge mit ihm, den David und die Venus, wenn er wieder Einzelteile braucht, aus denen seine Freaks entstehen. Man darf ihm dabei zu sehen, wenn er sprengt. Es ist jedes Mal ein Fest. Pavel Schmidt dreht den Spieß um. Das Ganze ist tot, nur aus seinen Teilen entsteht etwas Lebendiges. Erst die Zerstörung schafft mit lautem Knall aus totem Kitsch wieder lebendige Zellen. Aber im lauten Knall bebt noch immer das Zittern der Geflohenen.

Aus: Pavel Schmidt – David Verwandlungen, Edition Clandestin, Biel

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erstellt am 09.11.2012

Pavel Schmidts David-Freak, Foto: Peter Loewy
Foto: Peter Loewy

Michelangelos Davidfigur wurde leitmotivisch zum Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeit von Pavel Schmidt .

Pavel Schmidts David-Freak, Foto: Peter Loewy
Foto: Peter Loewy
Pavel Schmidts David-Freak, Foto: Peter Loewy
Foto: Peter Loewy

Pavel Schmidt
David – Verwandlungen
mit Fotos von Peter Loewy
160 Seiten, € 33,-
ISBN 978-3-905297-41-6
Edition Clandestin, Biel
Erschienen im November 2012

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