Im September 1975 kündigte der SPIEGEL das Erscheinen einer neuen Zeitschrift mit dem Titel L 76 an, die von Heinrich Böll und Günter Grass herausgegeben werden sollte. Grass erklärte die Publikation zum Forum für „Autoren, die sich zum demokratischen Sozialismus äußern wollen“. Das gab dem Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst Anlass, die Beteiligten zu überwachen. Wie es dann weiterging, erzählt Thomas Rothschild als Beteiligter und Betroffener.

Zeitgeschichte

Günter Grass, Carola Stern und ich

Von Thomas Rothschild

In der Online-Wochenzeitung Kontext habe ich mich am 11.4.2012 zu dem allseits gescholtenen Israel-Gedicht von Günter Grass geäußert (siehe Grass-Bashing ) Ich habe diesen Beitrag geschrieben, weil er meiner Meinung entsprach und ich es für nötig hielt, der allgemeinen echten und gespielten Empörung zu widersprechen. Diese Meinung vertrete ich immer noch, und ich habe keine Ursache, meinen Standpunkt zu relativieren.

Inzwischen aber sind mir Tatsachen bekannt geworden, die ich der Vollständigkeit halber hinzufügen möchte. Erst kürzlich wurde mir ein Artikel zugespielt, den Andreas Förster am 17.3.2010 in der Berliner Zeitung und ähnlich in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht hat. Darin wird davon berichtet, wie Günter Grass dem Verdacht nachgegangen sei, dass er vom Verfassungsschutz und vom Bundesnachrichtendienst ausspioniert worden sei. Weiter heißt es:

L76

„Nach Recherchen der Berliner Zeitung gibt es tatsächlich ernsthafte Indizien dafür, dass Grass und einige seiner Schriftstellerkollegen Mitte der Siebzigerjahre von einem westdeutschen Geheimdienst ausgespäht wurden. Anlass war die erstmals im Jahr 1976 erschienene literarisch-politische Zeitschrift L76, zu deren Herausgebern neben Grass auch Heinrich Böll und die Publizistin Carola Stern gehörten. Im Nachlass des früheren tschechischen Stasi-Offiziers Jiri Stárek, der nach dem Prager Frühling 1968 in den Westen geflohen war und sich fortan bei den dortigen Geheimdiensten verdingte, finden sich jedenfalls Berichtskopien über Grass und das L76 -Projekt. Ob die in Deutsch abgefassten Berichte damals an den BND oder den Verfassungsschutz gingen, lässt sich allerdings nicht erkennen. Mitarbeiter beider Behörden aus jener Zeit, die wir mit den Stárek-Berichten konfrontierten, konnten oder wollten sich nicht daran erinnern. Sie schlossen es aber nicht aus, dass ihre Behörden Adressaten der Berichte gewesen sind, da der Inhalt ihrem seinerzeitigen Aufgabenspektrum entsprach. (…) Es spricht viel dafür, dass Stárek schon bald darauf von einem westdeutschen Geheimdienst als Quelle übernommen wurde. In dessen Auftrag machte er da weiter, wo er für den kommunistischen StB aufgehört hatte – er spionierte die tschechische Emigrantenszene im Westen aus. Seine neuen Auftraggeber interessierte aber zudem auch die linke Szene in Österreich und der Bundesrepublik, in der sich viele aus Prag geflohene Künstler bewegten. Einer der wichtigsten Informanten, die Stárek dabei anzapfte, taucht in seinen Berichten mit der Quellenbezeichnung '05' auf. Der Historikerin Marta Markova zufolge verbirgt sich dahinter mit großer Wahrscheinlichkeit Jiri Pelikan, der ehemalige CSSR-Fernsehdirektor, der ebenfalls nach dem Prager Frühling in den Westen geflohen war. Mit Pelikan, seinem langjährigen Freund, gründete Stárek 1971 in Rom die kurzlebige Literaturzeitschrift Listy, Nachfolgerin eines 1969 verbotenen tschechoslowakischen Magazins gleichen Namens. Fünf Jahre später sollte Listy erneut aufleben, diesmal in Deutschland. Unter dem Namen L76 erschien im September 1976 im damaligen DGB-Verlag Europäische Verlagsanstalt die erste Nummer der neuen Vierteljahresschrift. Das literarisch-gesellschaftspolitische Magazin sollte nach den Worten seines Mitherausgebers Grass ein Forum sein für 'Autoren, die sich zum demokratischen Sozialismus äußern wollen'. Zu den Autoren der Zeitschrift gehörten auch osteuropäische Schriftsteller insbesondere aus der DDR und der CSSR. Das Heft, an dessen Entstehung auch Jiri Pelikan mitwirkte, erregte offenbar das Interesse der westdeutschen Geheimdienste. Dank seiner Spitzenquelle '05', aber auch weil er selbst in der Entstehungsphase des Magazins direkt an Diskussionen mit Grass und Böll beteiligt war, konnte Stárek seinen neuen Auftraggebern dann auch recht umfassend Einblick geben in die politischen Standpunkte und Sichtweisen der am Projekt L76 Beteiligten. Das belegen die in seinem Nachlass überlieferten Kopien seiner Berichte. In einem von ihm, datiert vom 11. Juli 1976 und mit dem Titel 'Neue Vierteljahresschrift 'L76'' versehen, heißt es einleitend: 'Zu der umfangreichen vorhergehenden Berichterstattung wird der heutige Stand mitgeteilt.' Stárek weiß in diesem Bericht zu melden, dass die bisherigen L76 -Planungen 'nach der Ablehnung von zwei vorgeschlagenen linksradikalen leitenden Redakteuren' umgestürzt werden. Die Verantwortung sollen nun der Literaturkritiker Heinrich Vormweg, ein SPD-Mitglied, und Carola Stern, die 'Autorin der Biographie von Willy Brandt', wie Stárek schreibt, übernehmen. Es werde sich nun um eine 'völlig deutsche Zeitschrift handeln, in der Redaktion sind keine CSSR-Emigranten vertreten'. Vorangetrieben habe diese Umorientierung laut Stárek der Verlagsdirektor Tomas Kosta. 'Kosta begriff, dass L76 als eine Emigranten-Zeitschrift mit dem ursprünglichen Redaktionsplan bald negatives Aufsehen gegen seine Person hervorgerufen hätte, und so schritt er lieber zur Annullierung der gesamten ursprünglichen Planung', heißt es in dem Bericht. Laut Stárek habe sich lediglich Heinrich Böll gegen die neue Ausrichtung des Magazins gewehrt. 'Die anderen Beteiligten wirkten beim Zurückstecken der ursprünglichen Pläne aktiv mit. Bei Grass änderte sich die Haltung damit, dass Kosta seinen Sohn in den DGB-Verlag aufnahm', weiß der Agent zu berichten.“

Da komme ich ins Spiel. Denn einer der angeblich „linksradikalen“ Redakteure muss ich sein. Der andere ist vermutlich Antonín Liehm, der spätere Gründer von Lettre Internationale. Er ist, neben Jiri Pelikan, der zweite Tscheche, den Grass enteignet und aus seinem eigenen Projekt verjagt hat.

Durch Liehm, mit dem ich seit 1966 befreundet war, kam ich zu L76. Ich hatte auch während meines Studienjahres in Prag (1966/67) in den von ihm geleiteten Literární noviny veröffentlicht. Liehm fragte mich, ob ich L76 redaktionell betreuen wolle. Ich war dann eine Woche in Köln im Bund-Verlag, wo ich Tomas Kosta kennenlernte, um eine Null-Nummer vorzubereiten. Ich kann mich nicht erinnern, Grass oder Böll persönlich begegnet zu sein. Nach dieser „Probewoche” bekam ich einen Anstellungsvertrag vom Bund-Verlag, den ich unterschrieben zurück geschickt habe (eine Kopie ist in meinem Besitz). Danach habe ich nichts mehr gehört. Als ich deshalb brieflich bei Grass und Böll anfragte, bekam ich keine Antwort. Ich wusste bis kürzlich nicht, was damals gelaufen ist. Nun weiß ich es.

Ich wusste wohl, dass es einen Dissens gab zwischen den Herausgebern und dem DGB auf der einen Seite, die den „demokratischen Sozialismus” für die SPD in Anspruch nehmen wollten, und Liehm und Pelikan auf der anderen, die noch an das Prager Modell glaubten. Die Rolle, die Grass, Böll und Carola Stern dabei gespielt haben, blieb mir verborgen.
Aber auch über die Rolle von Carola Stern lässt sich nun mehr sagen. Sie hat meine Ausschaltung mitbetrieben mit der Begründung, ich hätte „als APO-Demonstrant für 'revolutionären Bücherklau' geworben“. Für diese absurde Behauptung gibt es einen zuverlässigen Kronzeugen: die allseits geschätzte Sozialdemokratin und Brandt-Verehrerin Carola Stern selbst! In ihren Memoiren findet sich ein Kapitel zu L76, in dem es heißt, dass sie aus dem genannten Grund „heftig“ gegen mich „protestiert“ habe.

Jetzt weiß ich also etwas mehr über mein Verhältnis zu Grass, Böll und Stern. Und es ergibt sich die bemerkenswerte Erkenntnis, dass ausgerechnet der Katholik Böll gegen eine „neue Ausrichtung“ war, für die der angebliche linksradikale APO-Demonstrant beseitigt werden musste, während die Sozialdemokraten Grass und Stern durch Protest und Intrige meine Anstellung verhindert haben. Es war angeblich auch Grass, der bei Heinrich Vormweg, den ich im Übrigen sehr geschätzt habe, mit Erfolg anfragte, ob er den Job nicht machen wolle, der mir zugesagt war.

Wahrscheinlich war das Motiv von Grass und Stern tatsächlich nur eine tiefe Abneigung gegen alles, was links von der Sozialdemokratie steht, also auch gegen Dubcek und den Prager Frühling. Wir erinnern uns daran, dass ausgerechnet Grass einst demonstrierende SDS-Studenten mit Nazitruppen verglichen hat. Im Ergebnis hat die Geschichte um L76 aber doch eine Pointe, die Grass und Stern hätten auffallen müssen, wenn sie nur ein wenig Sensibilität gegenüber historischen Zusammenhängen hätten, eine Sensibilität, die, wie wir heute wissen, auch der Gruppe 47 und ihrem Chef Hans Werner Richter fehlte. Ich habe Grass gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigt, und ich bleibe dabei: Seine Haltung zu Israel beweist in dieser Hinsicht gar nichts. Aber angesichts der Instinktlosigkeit, die Grass mit manchen Sozialdemokraten teilt, werde ich allmählich doch skeptisch. Dass sie, wenn sie tatsächlich Antisemiten sind, sich offen dazu bekennen, ist ja nicht zu erwarten. Noch nicht. Und wenn sie es nicht sind, dann bleibt doch, objektiv betrachtet, die Tatsache: das ehemalige Mitglied der Waffen-SS Grass und die ehemalige BDM-Gruppenführerin Carola Stern – pardon, das muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden – haben, mit Bedacht oder ohne Bedenken, für die Ausgrenzung eines Juden gesorgt.

Kommentare


Benkirane - ( 02-01-2013 04:16:06 )
Lieber Felix,ich kann Dir nur zustimmen. Was hatte ich mich angnafs abgemfcht, den Kurs verste4ndlich zu machen, ihn ne4herzubringen, die dcbungen zu erkle4ren, sogar ihn zu verteidigen usw. .Stille ist immer die einzige Antwort auf alles, was uns etwas anderes ffchlen le4sst, als absoluten Frieden.Sehr schf6nes Beispiel auch gestern abend. Mein Freund hatte starke Zahnschmerzen und ich wollte ihm irgendwie helfen. Er bat mich, ihn einfach nur in Ruhe zu lassen. Ruhe, das war das Stichwort. Ich ging in mein Zimmer, wurde still und machte meine Lektion. Was ich da erfuhr, war fcberwe4ltigend. Wir sind so sehr verantwortlich ffcr unsere Gedanken, dass auch die liebevollsten ffcrs o r glichen Gedanken eine Verletzung ffcr den anderen darstellen. Was gebe ich Dir was ist meine Entscheidung? Sorge, dass du deine Zahnschmerzen loswirst, dass es nicht schlimmer wird, dass du den Artz aufsuchen musst? das ist dem Schmerz zustimmendes Geplapper. Oder werde ich ruhig und sage stattdessen: Frieden und Freude biete ich dir an , werde dann still und bitte einfach um ein Wunder, welches ich nicht bestimme, wie es auszusehen hat. Heute morgen kam er zu mir und sagte, dass es ihm besser ginge und dass er sogar durchschlafen konnte. Da kann ich innerlich nur DANKE sagen.

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erstellt am 09.11.2012