James Bond 007 Skyfall by Adele

Filmkritik

Skyfall

Von Alban Nikolai Herbst

An sich muss über diesen Film nicht gesprochen, also auch nicht geschrieben werden. Er ist, kurzum, schlecht. Und dennoch verschuldet er nun einige meiner Sätze – nicht so sehr deshalb, weil Daniel Craig hier weniger untief als in seinen vorigen Bondfilmen wirkt, etwa in der kurzen Szene, in der er sich nach mal wieder wüstem Gekrache und Explodieren (und so dauernd weiter) aufrappelt und dann, das ist in der Tat gut-bond‘sch, seine Manschetten zurechtzieht, sich also wieder Form gibt, und weil er zugleich insgesamt brüchiger wirkt, fast ein bisschen wie Batman seit Beginn seiner Dekonstruktion; der ist meines Wissens der einzige Superheld des Comics, dem das je so ausgebig widerfahren ist und weiterwiderfährt.

Sondern tatsächlich stellt der Film die Altersfrage, vielmehr konstatiert den Verfall, und zwar nicht nur eines speziellen Menschen, sondern einer ganzen Ära. „Ein Knopf“, sagt der nach Bond-Kriterien ausgespochen gut gewählte Schauspieler des Bösen, Javier Bardem, „da drückt man drauf und man hat bereits mehr Schaden angerichtet als eine ganze Legion von 007s k ö n n t e.“ Dazu stellt Frau M. die Sicherheitsfrage ihrer Ministerin, die das alte Schlachtschiff in den Ruhestand schicken möchte. „Fühlen Sie sich sicher?“
Und Craig sitzt in der Gemäldegalerie vor einem Ölbild, das ein solches, aber nun nicht-metaphorisches zeigt, wie es von einem kleinen Schlepper auf seinen Schiffsfriedhof geschleppt wird. „Was sehen Sie?“ fragt der ebenso junge wie herablassende Computer-Nerd, der an Qs Stelle nachgewachsen ist, und macht Mr. Bond verständlich, seine, Bonds, Zeiten seien vorüber. Craig, guter Drehbucheinfall, stoisch: „Ich sehe zwei Schiffe.“ Von sämtlichen Dialogen war dies der zweifelsfreie Höhepunkt, und ich will ihn anerkennen. – Auch Bonds neue, nach einem freiwilligen Urlaub in vermeintlichem Tode, nötig gewordene Leistungsprüfung geht nicht gut für ihn aus: „Sie sollten sich zur Ruhe setzen, Ihr Leben genießen“, sagt Mallory, Frau M‘s filmendlicher Nachfolger, „das ist ein Job für junge Männer.“ Ich fühlte mich an den legendären Zweikampf John McEnroe / Boris Becker erinnert, 1987, glaube ich, hat er stattgefunden, Klugheit gegen Jugend. Und hoffe, dieses öffnet nun auch dieser Film – womit ich leider, erwartungserfüllungshalber aber, danebenliege; vielmehr stellt Bond vermeintlich alte Verhältnisse wieder her, worin es reicht, den John McClane zu geben -darüber weitere Worte nicht mehr außer eben: Peng, Knall, PengPeng, Wumm, PengPengPeng, Knatter, PengPengPengPeng, Krach, PengPengPengPengPeng, Feuerlodern – doch d a z u: dass der so ausgezeichnet gecastete Böse, dessen ehemaliger Agentenname ausgerechnet Silva ist, freilich nicht, obwohl es danach klingt, John, der den Spitznamen Barbecue trug, sondern anstelle Silvers ‚Wald‘ allein, – dass er die Frau M an entscheidenden Stellen der Handlung „Mutter“ nennt.

Dieses, dass sie seine Mutter gewesen, trägt das Motiv seines Hasses: sie hat dann nämlich, wenn das stimmt, ihren eigenen Sohn der Staatsraison geopfert und nicht nur seinen Tod in Kauf genommen, sondern ihn lange in chinesischen Gefängnissen foltern lassen, ganz furchtbar, wie Silva selbst erzählt, halb bereits in dem bondfilmtypischen Wahnsinn Dr. Mabuses, halb aber, aus tiefster Brust, anklagend.

Das, in der Tat, ist ein ungeheuerliches Thema, ebenso ungeheuerlich wie die Ablösung „menschlicher“ Kämpfe durch kybernetisch-maschinelle; dieses ist ein historisch neues, jenes ein uraltes, ja antikes: eines der Alten, das uns bleiben wird, so lange wir nicht aus Retorten kommen: ein Kulturerbe ist es. Den dramatischen Gipfel erreicht das Motiv, als Silva die Mutter umarmt, Wange an Wange legt und an ihren Schädel den Revolver: „Schieß, Mutter, du musst es tun, schieß durch unser beider Köpfe, dann wird uns Frieden sein.“ – Selbstverständlich erscheint Bond rechtzeitig, um uns solch ein antikes Ende zu verwehren, das ja Eingeständnis wäre der furchtbaren Schuld. Statt dessen, bevor sie dann aber, so dass Mr. Mallory nachrücken kann, einer anderen Schussverletzung erliegt, n o c h davor, hat Frau M den bürgerlichen Namen Silvas fallenlassen, einen, der auf eine Mutter-Sohn-Beziehung nicht schließen lässt – so dass das Motiv selbst vor seiner abgeschlossenen Durchführung im Losen hängenbleibt. Dennoch ahnen wir die Wahrheit, ahnen sie aber nur, dürfen auch nur ahnen, denn Mr. Bonds Loyalität soll begründet bleiben, und es versteht sich von selbst, dass er von Mr. Mallory trotz seiner schlechten Prüfungsergebnisse und seines Alters wieder neu in Dienst genommen wird. Schließlich möchte Daniel Craig noch einige Bondbusters mehr drehen. Ich möchte ihm, aber er, glaube ich, hört nicht auf mich, davon abraten. Denn hier, soweit man ihn ließ, hat er einige Male gezeigt, zu einem Schauspieler gereift zu sein, der auch Charaktere darstellen könnte, die, um sich anders als durch KRACH BUMM KRRRWUMMSKRRR durchzusetzen, unsere Aufmerksamkeit mit allem Recht verdienten.

Jedoch – wie nahezu immer für solche Streifen – war die Lautstärke der Tonspur viel zu hoch eingestellt, denn niemand mehr soll analytisch schauen können. Und eben auch nicht sehen, was in Daniel Craig wahrscheinlich tief noch drinsteckt. Sähe man es nämlich, klingelte nicht mehr, nach Millionen, die Kasse, seine nicht und nicht die der Verleih- und Produktionsfirmen. Und die Leute wären, so auf Probleme gestoßen, die unser aller sind, weniger glücklich. Da stört es denn auch nicht, dass eine misshandelte und abhängige Schöne mal so eben, bei einem, aber mit Glase, Wilhelm-Tell-Duell, weggeschossen wird. „Schade um den guten Scotch“, kommentiert das Bond.

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erstellt am 05.11.2012

Filmplakat
Filmplakat
Javier Bardem im Skyfall-Poster
Javier Bardem im Skyfall-Poster

James Bond – SKYFALL
Von Neal Purvis, Robert Wade und John Logan
Regie: Sam Mendes
Mit Daniel Craig, Judi Dench, Javier Bardem, Ralph Fiennes,
Naomie Harris, Bérénice Marlohe, Albert Finney, Ben Whishaw,
Rory Kinnear, Ola Rapace, Helen McCroy u.a.

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