Clemens J. Setz, Foto: Wolfgang Becker
Clemens J. Setz, Foto: Wolfgang Becker

Literatur inspiriert immer häufiger Theatermacher. Die Schauspielerin und Regisseurin Barbara Englert hat der dramaturgischen Seite in den Werken von Clemens Setz nachgespürt. Ein Gespräch mit dem Autor über seinen neuen Roman „Indigo“ führt von der Bühnenwelt über das Zonenspiel zu den Farbtönen von Zahlen.

Barbara Englert im Gespräch mit Clemens J. Setz

Die Null ist für mich schwarzgrau

BARBARA ENGLERT:
Indigo – beim Lesen des Buches dachte ich: Das ist wie Theater. Vor allem die Figur Robert. Es gibt die Szene, in der er den Schirm auseinander nimmt und eine Freundin über ihn herüber steigt, wortlos. Für mich ist diese Szene sehr gut nachvollziehbar. Es gibt auch auf der Bühne Momente, in denen man das Gefühl hat, dass man etwas Absurdes tun muss. Diesen Gedanken habe ich bei Deinen Texten besonders oft. Man handelt absurd nicht, weil es absurd ist, sondern, um sich zu konzentrieren und zu erkennen, welche Welt sich für mich auftut, wenn ich so einen Schirm auseinander nehme und sortiere.

CLEMENS SETZ:
Dies ist natürlich auch eine ganz intime Szene, die zugleich Normalität bedeutet. Sie steigt über ihn hinweg und er macht seine eigenartigen Abreaktionsrituale. Sie bastelt für ihn auch kleine Holzhäuschen aus Zahnstochern, die er dann kaputt machen kann. Mir hat jemand mal, als es mir gerade ganz schlecht ging, Origami-Schwäne gebracht, wunderschön und kunstvoll gestaltet. Ich sagte, leicht getröstet, „Danke schön, wunderschön…“ und sie sagte: “Nein, nein, die sind zum Kaputtmachen“ und ich: „Um Gottes Willen, ich würde die doch nicht kaputt machen…“ und sie: “Mach mal, das wirkt, mach sie kaputt, dann fühlst Du dich vielleicht besser.” Diese Grenzüberschreitung, etwas so Schönes, in dem so viel Energie und Zeit drin war, kaputt zu machen, kann einen tatsächlich aus einer zirkulären, depressiven Phase herausholen. So darf man sich ja normalerweise nicht verhalten. In Japan kann man zum Beispiel Hotelzimmer mieten, in denen man mit einem Baseballschläger die Einrichtung demolieren darf. Danach zahlt man eventuell 10.000 Yen und geht wieder weg. In Graz habe ich eine andere Beruhigungsform entdeck: Man nimmt das Ohrstück eines Handy-Headsets, hängt es sich ans Ohr, verbindet es aber nicht mit dem Handy und geht dann durch die Stadt und redet. Man beschimpft Leute, die vorbeigehen, oder beschimpft die Wolken, was auch immer. Man darf alles sagen, das ist sehr befreiend und niemand hält einen für wahnsinnig, weil man ja das Headset am Ohr hat, man könnte ja telefonieren. So kann man Menschen, die an einem vorbeigehen, einfach anschreien und sie ignorieren das, das ist sehr kathartisch und reinigend.

BE
Ja, ich kenne das gut, ich habe auch schon zehn Teller genommen und wasch, zerschmettert. Es muss gutes Geschirr sein, sonst lohnt sich das nicht.

CS
Schön ist es auch, Dinge anzuzünden, allerdings nicht, was wertvoll oder unwiederbringlich ist. Ich war als Kind sehr pyromanisch und bin es auch heute noch.

BE
Das Schöne am Theater ist, dass man das alles machen kann, ohne dass es wirklich Folgen hat, es hilft aber trotzdem. Nun gibt es in „Indigo“ diese wunderbare Szene in dem Heim, die beschreibt, wie die Menschen durch eine bloße Handbewegung voneinander Abstand halten und dass sie irgendwann nur über diese Bewegung den Luftraum spüren, der sie trennt.

CS
Ich nenne das Verhalten das Zonenspiel. Die Personen gehen aneinander und spüren, sie überlappen, das funktioniert wie ein Radius um den Menschen herum.

BE
Das ist sehr theatralisch, solche Bewegungen macht man sogar als Schauspielübung. Man klärt: Wie ist die Aura zwischen Dir und mir, wie viel Platz muss da sein und wann spüre ich, wenn ich zu nah komme. Wenn ich mich wirklich darauf konzentriere, merke ich, wann ich in Deinen Raum eintrete und dies dann schon ein Übergriff ist, selbst wenn ich noch einen halben Meter von Dir entfernt bin.

CS
Es gibt auch Suggestionstricks, die Bühnenmagier nutzen. Ich habe einmal überlegt – das ist eigentlich ein bisschen unfein – wie ist es, wenn ich mich mit einem Ticket für die zweite Klasse in die erste Klasse eines österreichischen Zugs setzte. Kann ich irgendetwas sagen, gibt es irgendeine Handlung, eine Geste, die bewirkt, dass ich da sitzen bleiben darf. Jemand, der Bühnenhypnose macht, sagte mir, dass man auf ungefährliche aber bestimmte Weise die Schutzzone von einer Autoritätsperson durchbrechen muss, ohne sie zu provozieren. Ich hab das ausprobiert und im Zug einfach gesagt: “Ich hab hier nur ein Ticket für die zweite Klasse, aber es ist in Ordnung, oder?” Und wie ich dann „es ist in Ordnung“ gesagt habe, habe ich zugleich eine horizontale Handkantenbewegung – einfach so eine um Aufforderung heischende aber auch irgendwie leicht bedrohliche Bewegung – auf den Schaffner zu gemacht und sehr nah an seiner Brust habe ich abgestoppt. “Ist das ok, ja?” Dann schaut der Schaffner auf die Hand und sagt: “Ja, ja, ok…”, im Moment ein bisschen überrascht und weiß nicht – ja man überrascht die Leute, indem man in ihre Sphäre eindringt. Das habe ich einmal gemacht und das hat funktioniert. Vielleicht wäre ich beim nächsten Mal dann zusammengeschlagen worden.
Die Zone um einen Menschen ist ja auch kulturell verschieden, aber ich glaube, es gibt keine Kultur, wo sie fast nicht da ist, es gibt nur Modifikationen ihrer Größe. Engländer und Nordeuropäer stehen weit entfernt meistens, Südamerikaner, sagt man, sind näher. Jeder hat einen Intimitätsraum. Ich denke, für Schauspieler ist es nicht nur wichtig zu wissen, wo der eigene Intimitätsraum endet, sondern wo das Publikum wahrnimmt, dass gerade eine Übertretung passiert ist, diese beiden Dinge müssen ja nicht kongruent sein.

BE
Das Besondere ist, dass man, wenn Du das beschreibst, diese Luft sieht. Gehst Du eigentlich durch diese Orte, wenn Clemens beispielsweise durch diese Wiese geht, wo die Häuser stehen? Wenn Du das schreibst, bist Du dann da?

CS
Ich erlebe die Szenen wie in einem Film, in Echtzeit. Ich höre auch die Dialoge sehr deutlich, die Stimmen sind sehr klar. Man hat sich als Autor einfach dieses zweite Gesicht, ein Filmbewusstsein, antrainiert. Oft kann ich nicht schnell genug mitschreiben und muss mit der Szene dann noch einmal von vorn anfangen. Die erste Buchfassung kann man kaum lesen, weil sie einfach nur mal den Film festhalten will, den Verlauf, den Rhythmus, den Takt. Der Laptop ist eine große Erleichterung, man kann ja auch diktieren, inzwischen kann man ziemlich perfekt den Text in den Computer einsprechen und der berechnet ihn dann um. Ich erlebe alles wie einen Film, spüre aber auch, was hinter mir passiert. Wenn ich nicht über mich selbst schreibe, wie in diesem Roman, bin ich eher ein Geist, der anwesend ist, der sogar auch die Zeit anhalten kann. Wenn ich aber über mich selbst schreibe, ist das noch extremer, ich spüre noch mehr den Rückenwind des Erzählens, man wird ein bisschen unfrei, wie ein Getriebener, das ist schwierig zu beschreiben.

BE
Auch das hat mit Theater zu tun, auf der Bühne ist es ja auch so: Du bist als Schauspieler dann zwar die Figur, aber Du stehst zugleich auch neben Dir und beobachtest Dich, das ist eben die besondere Gleichzeitigkeit.

CS
Wie ist das eigentlich, man spielt ja mehrere Abende hintereinander, man geht immer neu in die Figur herein, muss man jeden Abend nach dem Stück oder jeden Morgen wieder vergessen, dass man das ganze Drama einer Figur schon einmal durchlebt hat? Muss man sich wieder in einen jungfräulichen Zustand zurückversetzen oder ist der automatisch da?

BE
Der ist mit dem ersten Satz automatisch da. Wenn ich beim ersten Satz auch nur drei Seiten weiter denken würde, wüsste ich nichts mehr. Jeden Abend ist in dem Moment, im dem Du mit dem ersten Satz auf die Bühne trittst alles vollkommen jungfräulich, so, als hättest Du die Rolle noch nie gespielt. Wenn Dich jemand unterbrechen und fragen würde, wie das Stück endet, weißt Du es nicht.

CS
Ich habe noch nie Theater gespielt, nur einmal mit 16 Jahren Improvisationstheater.

FAUST-KULTUR
Wie anders erleben Sie diese Situation beim Schreiben, vor allem auch, wenn Sie sich selber schreiben?

CS
Ich weiß immer, wo ich am Anfang bin und auch wie das Ende auszusehen droht. Es gibt meistens so ein Wissen: „Aha, das steckt hier drin an Potential“ Die Geschichte steuert auf diese Katastrophe oder diese Versöhnung zu und ich muss schauen, wie ich dahin oder vielleicht auch weg davon komme. Das entspricht einer eingestürzten Brücke. Sie geht am Anfang ein bisschen über den Fluss, dann ist sie unter Wasser, und am nächsten Ufer kommt sie wieder heraus. Oder man kann an einen Menschen in der Badewanne denken, man sieht den Kopf und seine Zehen, der Rest ist unter Wasser. Meine Aufgabe ist es, das ganze Ding aus dem Wasser zu holen. Wenn man keine Ahnung hat, wo es hingeht, dann ist das zu viel Freiheit für mich. Ich brauche immer eine Idee von dem, wohin es hingeht. Das kann ganz abstrakt sein, es muss keine klare Szenenfolge sein.
In „Indigo“ habe ich gewusst, am Ende wird es die Szene geben, in der eine Mutter sagt: Hier ist eine Luftmatratze von meinem inzwischen toten Sohn. Die Atemluft, die er da rein gepustet hat, das ist der einzige Ort, an dem noch die ausgeatmete Luft meines Sohnes vorhanden ist, hier, in den Luftkammern dieser Luftmatratze. Ich wusste, das muss am Ende stehen. Ich habe nicht gewusst, was dieser Satz oder diese Szene eigentlich bedeutet und habe sie dann langsam erschrieben. Man muss sich das Ende auch irgendwie verdienen, die Szene, die man nicht erschreiben kann, hat man auch nicht verdient, nicht erobert.

BE
Jene Szene ist auch wunderbar, in der Clemens eine Frau im Hotel erschreckt und sagt: Mir ist so schlecht, können sie einmal meine Hand halten, die ist ganz kalt. Machst Du so etwas?

CS
Hier und da schon, ja. Nicht mit Hotelpersonal, sondern nur bei Leuten, von denen ich einigermaßen weiß, dass es sicher ist. Ich mag auch gern, wenn Leute zu mir kommen und mich ein bisschen anpieksen. Vor kurzem war ich bei einer Bekannten. Wir waren in ihrem Swimmingpool und plötzlich zieht sie sich nackt aus. Ich bin sehr schüchtern und sie hat das nicht gemacht, um mich zu verführen, sondern ganz im Gegenteil, um mich zu ärgern, um mich aus meiner Komfortzone herauszuholen. Es ist auch schön, so eine Art Ohrfeige zu bekommen. Ich bin dann schüchtern und verschämt in dem Wasser gestanden und wusste nicht, wohin schauen. Genau darum ist es gegangen, um das verschämte zu Boden starren, einfach, um vorzuführen, wie ich funktioniere. Ich mag ganz gern, wenn ich mit dem Stock angepiekst werde und mache das auch manchmal selbst, allerdings nicht bei völlig Fremden oder nur dann, wenn es um ein Publikum geht, das sich einlässt, vielleicht für ein Stück Eintritt zahlt oder ein Buch kauft und aufschlägt.
Man kann auch durch die Stadt gehen und Leute fragen: Wissen sie, wo das und das ist, und wenn sie dann in eine Richtung zeigen, zeigt man selbst in die andere Richtung, um sie ein bisschen zu verwirren und dann zu sagen: Können sie mir bitte einmal ihre Brieftasche geben. Die ersten fünf gehen irritiert weg und jeder siebte macht das dann, greift verwirrt in die Tasche und gibt automatisch wie in Trance die Brieftasche und geht weg.

BE
Ehrlich?

CS
Ja. Es ist nicht illegal. Ich gebe die Brieftasche anschließend sofort zurück und weise die Passanten darauf hin, dass sie mehr aufpassen müssen.

BE
Das hast Du gemacht?

CS
Ja, das machen viele. Das war so ein Hype, diese Aktionen waren auf Youtube-Clips zu sehen und ich wollte wissen, ob das funktioniert und habe festgestellt: es funktioniert! Ich verstehe auch genau den Zustand, dieses leicht überforderte, automatische Handeln. Man ist dann kurz unterwürfig und gängelbar. Ich nutze das nicht aus, wir gehen als Freunde auseinander, noch ist niemand wütend geworden.

Faust-Kultur
Stürzen Sie nicht auch in Ihrem Text den Leser in Verwirrung, setzen ihn auf eine falsche Fährte?

CS
„Falsche Fährte“ trifft nur in dem Sinne zu, das ich Erwartungen nicht einlöse, das ist ja die Definition von Humor, aber auch von Glück. Man erwartet das Glück ja nie. Plötzlich ist es da und man freut sich, das ist auch eine Art enttäuschte Erwartung, aber halt auf eine angenehme Weise

Faust-Kultur
Was bewegt Sie, der eine so freundliche und wohlwollende Ausstrahlung hat, bei dem man nichts Hinterhältiges vermutet, zu diesem Vorgehen. Der Hintergrund des Handelns ist nicht leicht zu verstehen.

CS
Ich bin viel allein, das bedeutet allerdings nicht einsam, ich leide nicht daran. Menschlicher Kontakt hat für mich immer eine Spur Ungewöhnliches, es ist ein nicht seltenes aber ungewöhnliches Vorkommnis, das doch irgendwie auffällt. Es ist nicht völlig selbstverständlich, dass ich ständig mit Menschen spreche. Ich bin eher für mich allein und einsiedlerisch. Also haben solche Kontaktaufnahmen das Potential, zu interessanten Ereignissen zu werden. Allein schon, wenn ich mir vornehme, jemanden anzurufen, dann ist schon der halbe Vormittag mit dem Planen, wie ich mich melden werde, verbracht. Kontakt mit Menschen ist vielleicht für mich nicht so selbstverständlich wie für Euch beide, oder alle anderen, das ist auch nicht schlimm, kein großes Handicap, aber ich merke nur, dass es mir irgendwie mehr Denkleistung abverlangt und wenn man in alltägliche Kontaktaufnahme mehr Denkleistung investiert, passieren halt auch so phantasievollere Spielarten. Ich habe dabei allerdings kein Manipulationsbedürfnis, ich löse die Situation immer sofort wieder auf. Außerdem bringe ich Menschen gern Dinge bei, das ist eine andere Leidenschaft von mir.

BE
Du bist ja auch ein Zauberer, kannst Löffel verbiegen…

CS
Ja, zum Beispiel habe ich Leuten den Uri-Geller-Trick beigebracht oder den Obertongesang. Jemand wollte wissen, was ist Schrödingers Katze und dann mache ich halt so eine kleine Vorlesung in Physik. Es ist sehr angenehm für mich, einem Menschen etwas beizubringen, nicht, weil ich davon ausgehe, dass ich das alles so gut kann, die Situation ist einfach schön. Mir ist das eigentlich die angenehmste Interaktion oder Transaktion zwischen Menschen, wenn der andere etwas mitnimmt, irgendetwas Neues kann.

BE
Für Dich haben ja Zahlen Farben.

CS
Genau, und Buchstaben und Silben haben auch Farben und Gesten.

BE
Für mich auch. Dein Buch hat für mich auch eine Farbe.

CS
Stimmt. Indigo steht drauf.

BE
Nein, das ist nicht gemeint, Indigo ist ja Blau.

CS
Es ist schwarz.

BE
Für mich ist das Gelb. Hast Du öfter gefroren, als Du das Buch geschrieben hast?

CS
Ja (zögernd), meistens, wenn es kalt und isoliert wird, eine Szene zum Beispiel, dann ist die Farbe, die ich damit assoziiere eine merkwürdig warme, in den Zähnen sich abspielende Farbe. Das ist eine Synästhesie, es gibt gewisse Wahrnehmungen in den Zähnen und manche sind in den Augen. Das sind einfach Assoziationen, die jetzt nicht erklärbar sind. Es ist witzig, Zahnschmerzen zum Beispiel spürt man zwar in den Zähnen, aber der Begriff „Zahnschmerz“ und auch die Schmerzart ist etwas, das bei der synästhetischen Wahrnehmung eher in der Brust sitzt, das hat keine metaphorische Bedeutung. Übrigens die Farbe des Buchcovers, das Schwarze, nennt man Wolkenmarmorpapier, das fand ich so sehr schön. Judith Schalansky hat das gestaltet.

BE
Als ich Indigo gelesen habe, war die dominanteste Farbe „Gelb“ …

CS
… und Gelb ist eine eher kühle, fröstelnde Farbe.

BE
Das finde ich nicht unbedingt, trotzdem – ich lese ja auch so, dass ich beim Lesen die Figur bin. Als Robert habe ich immer gefroren.

CS
Ja, stimmt. Robert hat tatsächlich etwas fröstelnd Schutzsuchendes, so wie diese Schopenhauer‘schen Stachelschweine. Wenn sie frieren, rücken sie nah aneinander, stechen sich und gehen dann wieder auseinander. Soziales Posaunespiel, immer vor und zurück.
Welche Farbe hat eigentlich die Null für Dich?

BE
Die Null ist für mich schwarzgrau.

CS
Für mich ist die Null ganz eigenartig, wie ein Blendfleck im Auge, sie hat so etwas, wie wenn man in die Sonne schaut. Die Farbe, die dabei entsteht, ist bei mir die Null, es ist eine Anti-Farbe, alle anderen Ziffern haben recht klare Farben.

BE
Was hat für Dich die sieben?

CS
Gelb

BE
Für mich grün

CS
Grün ist die drei bei mir, so ein erdig-grasiges Grün und sieben ist so transparent gelb, eine gelbe Brille

BE
Komisch, für mich ist das so ein ganz giftiges Grün.

CS
Verbunden mit dem Nasallaut im „ng“, ist auch „siebn“ ist alles synästhetisch, das eine Ding im Gehirn wird mit dem anderen zusammen angeschlagen, manche Gehirne funktionieren so, manche auch nicht.

BE
Gibt es noch ein Theaterstück, was Du in der Schublade hast?

CS
Ja, doch ist es noch nicht fertig. Ich arbeite an einem längeren Stück. Ich habe ja schon sehr lange einen Tinnitus. Das neue Stück handelt von einem Mann, der einen Tinnitus hat. Ich selbst habe ihn schon seit vierzehn Jahren, er geht inzwischen auch nicht mehr weg. Er wird also sicher bleiben. Jetzt erst, nach vierzehn Jahren, kann ich jedoch schreiben, wie es ist, an Tinnitus zu leiden. Denn jetzt leide ich nicht mehr, das Gehirn findet diesen Dauerton nicht mehr schlimm, jahrelang aber habe ich daran sehr gelitten. Ich habe die Phantasie, dass man während des ganzen Stücks, das eineinhalb Stunden dauert, vom Betreten des Theaters bis zum Ende einen Pfeifton spielt. Die Zuschauer hören zumindest eineinhalb Stunden, was ich seit vierzehn Jahren höre. Nach zehn Minuten würden sie bestimmt herausgehen, glaube ich, aber so ist die Idee. Man kann ja auch unspielbare Dinge konzipieren und sie dann von einem Regisseur bearbeiten lassen. Für den Regisseur ist das nicht schwer, man muss nur die Regieanweisung wegstreichen. Jede Inszenierung hat diese Freiheit. Sie ist wie ein Lektorat, dort wird auch weggestrichen oder neu verhandelt. Alle schimpfen immer auf die Regisseure, aber ein Lektorat lieben alle, dabei ist es eigentlich dasselbe.

BE
Ja. Es ist nur eine Auseinandersetzung mit dem Text.

CS
Wenn der Regisseur etwas ändert, ist es eine schmeichelhafte Sache, denn er will ja nur, dass das Stück auf der Bühne besser funktioniert. Ich freue mich über jeden Vorschlag, auch wenn es kein Vorschlag ist, sondern einfach gemacht wird.

Clemens J. Setz über seinen Roman »Indigo«

Barbara Englert
Redaktion: Andrea Pollmeier, Faust-Kultur

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erstellt am 02.11.2012

Barbara Englert, Foto: Alexander Paul Englert
Barbara Englert, Foto: Alexander Paul Englert

Clemens J. Setz
Indigo
Roman
Gebunden, 479 Seiten
Suhrkamp 2012

Buch kaufen

Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren. Er studierte Mathematik und Germanistik und lebt als Übersetzer und freier Schriftsteller in Graz. Für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes (Suhrkamp) wurde er 2011 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Für seinen neuen Roman Indigo ist er für den Deutschen Buchpreis 2012 nominiert.
indigo.suhrkamp