Über Österreich als generelle Standardvarietät

Lost in Migration

Von Andrea Roedig

Ich habe lange nicht begriffen, woran es wirklich lag. Wie wenn du auf einer unmerklich ansteigenden Straße dich fragst, woher die Erschöpfung kommt oder bei leichter Drift nicht weißt, was genau dir den Atem nimmt.

Klar zu werden begann es, als ich mich gegen Ende des ersten Monats in dem mit Gerümpel zugewachsenen Zimmer meiner Mitbewohnerin und Vermieterin Luise auf dem Boden niederließ, Rücken gegen eine Kommode, Blick zum ewig laufenden Fernseher, und jammerte, dass es vier geschlagene Wochen gebraucht habe, um in diesem Land (a) ein Bankkonto zu eröffnen und (b) einen Handyvertrag abzuschließen. Da sprang Luise, die zu der Zeit meist apathisch samt Kreuzbandrissschiene und Jogginganzug auf dem Bett lag, blitzartig von ihrem Lager auf, humpelte zum Schreibtisch, fischte aus dem unerfindlichen Chaos dort eine kreiselförmige Muschel, hielt die mit der Spitze nach unten dicht vor meine Nase und deklamierte: „Begreifst net, DES is Wien, des is wie a Wirbel, wie ein Milchrahm liegt des über der Stadt, der Selbstmord, die Depression, das Morbide – des is halt so.”

Ja, Wien ist eine zähe Braut und so starrköpfig wie Luises Freundin Daniela, die mit qualmender Zigarette durch die ganze Wohnung geht und in alle Zimmer einmal hineinpustet, nur weil ich sie gebeten habe, eventuell für zwei Minuten in der Küche das Rauchen zu unterdrücken, solange man isst. Mit Preussen kommt man hier nicht weiter. Gar nicht.

Man hatte mich gewarnt vor der Wiener Mentalität, zuckersüß und hinterhältig, und vor der grausam verunstalteten Sprache. Aber das ist es nicht. Mein Problem ist die Zeit, ich komme in keinen Rhythmus mit der Stadt, der Milchrahm hat eine verflixte Strömung, und ich schwimme offensichtlich dagegen. Zum Beispiel wenn ich in eine Bank gehe und sage: „Ich möchte ein Konto eröffnen, und zwar kein goldenes, silbernes oder diamantenes Konto mit irgendwelchem Schnickschnack, sondern einfach ein ganz normales Standardkonto, zu welchen Konditionen gibt es das bei Ihnen?“ dann sagt der Bankbeamte: „Ich drucke ihnen mal was aus.” Ich sage: „Ich möchte nichts ausgedruckt, das lese ich sowieso nicht, vielleicht sagen Sie mir einfach, was ein Girokonto kostet …“ Sagt der Bankbeamte: „Ich drucke ihnen mal was aus.”

Dann wieder frage ich auf der Post nach einer bestimmten österreichischen Sondermarke. Die Postbedienstete sieht mich sprachlos an. Ich wiederhole den Satz langsamer: „Hundertwasser hat einen Bahnhof gestaltet, den Bahnhof von Uelzen, und davon soll es eine Briefmarke geben, haben Sie die?” – „Nein” – Ich: „Es soll aber eine Briefmarke sein, die gerade in Österreich verwendet wird” – Sie: „Wir haben die nicht.” – Ich: „Wie kann man denn herausfinden, wo es die gibt?” Antwort: „Sie könnten bei der Post anrufen.“ Ach.

Widerstand ist zwecklos. Die Informationen, die ich im Kommunikationsversuch mit hiesigen Angestellten erhalte sind, gelinde gesagt, nutzlos, und das liegt, vermute ich, zum großen Teil an der Art und Geschwindigkeit, in der ich frage. Wie nennt sich eigentlich die „Telefonauskunft“ in Österreich und wie finde ich die im Internet? Welche Notrufnummer wird hier verwendet und wie lautet die Nummer der Polizei, für alle Fälle? Wo ist ein Schneider, ein Schuhmacher, ein Zahnarzt, und wo bekommt man die CO2 Kartuschen für den Soda Stream?

Wäre ich nach Japan ausgewandert, in die USA oder wer weiß wohin, ich wäre vorbereitet gewesen – aber hier trügt der Schein des Ähnlichen. Nein, österreichische Züge haben nicht zwei Fahrradabteile, eines vorne, eines hinten. Ja, einen Reißverschluss kauft man im „Zubehörladen“ (aber wo ist einer?), nein, es gibt kein großes Kaufhaus wie Karstadt oder Kaufhof. Spannriemen findet man nicht im Baumarkt. Ja, Schaffner sind freundlicher und drücken ein Auge zu, wenn die Fahrkarte nicht abgestempelt ist. Nein, die Polizei drückt kein Auge zu und verlangt 35 Euro von Ortsfremden, die gegen die Einbahnstraßenrichtung radeln. Ja, nach 19 Uhr sind die Geschäfte wirklich zu. Ja, am Ende des Krankenstandes muss man zum Arzt und sich wieder gesund schreiben lassen. Natürlich wird man am Naschmarkt beklaut, was denkst du denn, nein, dein deutscher Telefonstecker passt nicht in Luises Fernmeldebuchse.
Das Ähnliche ist mitunter fremder als das Fremde, denn es greift dich unvorbereitet irgendwo und immer von hinten. Ich habe aufgehört, Prognosen darüber abzugeben, wie lange in Wien die Dinge dauern oder ob etwas funktioniert, und es gibt einen schönen österreichischen Satz für diesen Zustand: „I kenn mi ned aus.“

Und dann eben die Sache mit der Zeit, oder wie der Pförtner einer internationalen Organisation mir zuraunte: „In Austria they say: If you get one thing done a day, you’re a happy person.“ Die österreichische Gemütlichkeit macht mich rasend, aber Ungeduld, gerade deutsche Ungeduld, ist nicht gern gesehen. Meine best gehasste Kassiererin bei Billa trägt ihre apathischen Augen mit Maskera umschmiert, und ihre sorgfältig gehüteten künstlichen Fingernägel machen das Tippen auf der Kasse zu einer wirklich heiklen Sache. Diese Person ist ein Gesamtkunstwerk unverschämt zur Schau getragener Langeweile, der Inbegriff dienstleisterischen Stupors. Jetzt gibt es irgendwelche Probleme mit dem Transportband, die sie träge zur Kenntnis nimmt, die Warteschlange wächst sich aus. Ich rufe „kann man nicht eine zweite Kasse öffnen?“, was auch geschieht, doch jetzt diskutiert die Kundin vor mir beim Bezahlen in elegischer Breite, ob die Lollies nicht doch 87 Cent kosten statt 1,09 Euro und wenn sie 1,09 kosten, dann nimmt sie sie nicht. Ich stehe und stöhne. Der Stau an der ersten Kasse hat sich, wie zum Hohn, in nichts aufgelöst, und meine Waren werden, als ich an der Reihe bin, frostig wortlos so schnell durchgescannt, dass ich mit dem Einpacken nicht nachkomme und mich irgendwie beschämt fühle.

Man fragt sich, wie ein Land funktioniert, in dem die besten Restaurants sonntags geschlossen haben und die Ampelphasen sich doppelt so lang anfühlen wie in Berlin. Wie überlebt der Buchladen mit der rachitischen Geschäftsführerin in orthopädischerer Corsage, die, rauchend, nicht grüßt, egal ob man etwas kauft oder nicht. Wie überlebt der kleine Fotoladen mit dem verschlafenen Herrn R., bei dem ich, immer wieder auf morgen vertröstet, an drei aufeinander folgenden Tagen vorbeischaue und nachfrage, ob meine digitalen Bilder endlich entwickelt sind, bevor er engelsunschuldig feststellt, dass er die Daten gar nicht erfasst hat. Wie überlebt der Trödler mit vollständig zugestaubter Auslage, hinter der im Dunkel ein paar Augen hausen? Wie überlebt der kleine Outdoorladen, dessen Besitzer einen ansieht, als würde man ihn beleidigen, wenn man die Qualität seiner Skiunterwäsche lobt? Österreich ist eines der wohlhabendsten Länder der Welt, 4,6 Prozent Arbeitslosigkeit und ein Wirtschaftswachstum von 3,3 Prozent. Sage keiner, dass das System nicht funktioniert.

Und natürlich hakt die Sprache. Mein Akzent ist unverkennbar deutsch, ich bin eine „Zugraaste“, und wenn ich versuche, den Dialekt zu imitieren, klingt das „wie a Preiß, der denkt, er red Bayrisch“. Don’t try to be nice – dass Deutsche Österreichisch nachahmen, finden die Menschen hier peinlich. „Ihr seid das Volk der Lappenputzer und Eimerträger“, wurde mir gesagt, denn hier heißt Lappen Fetzen und Eimer Kübel, ein Stuhl ist ein Sessel und den kann man tapezieren, eben polstern. Es heißt Türschnalle und färbig, es gibt Organanstrafverfügungen, Klagsandrohungen und Verlassenschaften, Fußgeher und Wissenschafter, man hat Sackerl, Pickerl, Weckerl, Schwammerl, Leiberl, und meine Vermieterin zieht immer ein „Gwand“ an. Alles ist billig im Abverkauf und man ersteht etwas um soundsoviel Euro. Gewogen wird auf dem Markt in Deka, das Eis gibt es in Tüten und man isst Melanzani, Karfiol, Paradeiser, Erdäpfel, Blunzen und Beuscherl. Besonders schön ist die Topfengolatsche, die man bei Ströck kaufen kann, und besonders blöd ist „Baba” für Tschüss. Das bringe ich wirklich nicht über die Lippen.

Das alles klingt beschaulich, ist es aber nicht. Der Migrationsblick hat, anders als der touristische, nicht die Gelassenheit, sich risikofrei erstaunen zu lassen. Das Fremde bekommt einen schärferen Geschmack, und ich fange an, über „Sie“ zu reden, „die Österreicher“, und „uns“, die Deutschen und kann zum ersten Mal nachempfinden, warum Migranten sich einer aufnehmenden Nation nicht vorbehaltlos an die mütterliche Brust werfen.
Umgekehrt gilt dasselbe. Die österreichisch-deutsche Beziehungskiste ist mehr als tricky, und in dem Satz „Ihr seid das Volk der Lappenputzer und Eimerträger“ steckt ein bissiger Unterton. Die Deutschen sind, vor Jugoslawen und Türken, die größte Zuwanderergruppe, und dass sich 8 Millionen Österreicher potentiell bedroht fühlen von 80 Millionen Deutschen, die Arbeitsplätze wegnehmen, in Wien ohne Numerus Clausus Medizin studieren, auf dem Donauradweg in der Wachau die Marillen klauen und sich überhaupt in diesem schönen Land breit machen, kann man, nicht nur aus historischen Gründen, irgendwie verstehen. Wir Deutsche gelten als großmäulig, ungeduldig und unfreundlich, als zu direkt und barsch, und wir gelten als arrogant. Dazu passt, dass die Österreicher uns in ihrem Land als Ausländer wahrnehmen, wir selbst uns aber nicht. Auch das hat böse historische Wurzeln, und es liegt daran, dass wir Deutsch reden, wovon das Österreichische, linguistisch betrachtet, nur eine „Standardvarietät“ ist. Das Vorurteil bildet sich in perfekter Gegenseitigkeit, denn siehe da: fand ich nicht selbst die Österreicher langsam, uneffizient und ein bisschen schwer von Begriff? Neulich sagte eine Einheimische zu mir: „Na, es sind ja so viele Deutsche die da (meint: hier) arbeiten, da wirst sicher bald Freunde finden.“ Warum sagt die das? Meint die, ich könnte mich nicht mit Österreichern anfreunden? War da wieder so ein Unterton? Und will ich mich mit Österreichern anfreunden? Um ehrlich zu sein, „I kenn mi ned aus.“

Wann kommt man an in einem Land? Wenn Dinge plötzlich funktionieren. Wenn man nicht mehr merkt, dass alles nur ähnlich, also im Grunde anders ist. Neulich ging auf dem Naschmarkt eine Gruppe von Touristen an mir vorbei und ich dachte: „die haben aber einen deutschen Akzent.“ Es fängt an. In Österreich, habe ich gelernt, kann man nichts beschleunigen, man kann die Dinge nicht geschehen machen – sie passieren einfach, irgendwann treibt der Milchrahmstrudel sie an einem vorbei. Widerstand zwecklos.

Andrea Roedig, Dr. phil., von 2001 bis 2006 leitende Kulturredakteurin der Wochenzeitung Freitag in Berlin. Seit 2007 lebt und arbeitet sie als freie Publizistin in Wien. Veröffentlichungen im Bereich Philosophie, Gender, Alltagsreportage und Kulturessay.

erstellt am 16.9.2010