Jack Smith (geb. 1932 in Tampa, Florida) ist ein Künstler-Künstler: ein Künstler, der von Künstlern verehrt wird, aber der Allgemeinheit weniger bekannt ist. Das Frankfurter Festival (Programm hier ) zeigt sein Werk in Bild, Film und Ton, diskutiert sein Œuvre und seinen Einfluss auch im Hinblick auf den filmgeschichtlichen Kontext und unter dem Vorzeichen der Queer-Kultur.

Jack Smith, Ohne Titel, 1958-62/2011
Jack Smith, Ohne Titel, 1958-62/2011
Jack Smith in Frankfurt

King of the Underground

Von Isa Bickmann

Kaum zu glauben, dass er am 14. November schon achtzig Jahre alt geworden wäre, dieser Jack Smith, Protagonist und Leitfigur des schwulen Underground! „The only person I would ever try to copy“, sagte Andy Warhol über ihn und ist damit nicht der einzige Verehrer seines Werkes. Lang ist die Liste jener, die er inspiriert hat: Lou Reed, den Glam-Rock und David Bowie, Regisseure wie Federico Fellini bis hin zu David Lynch, Ulrike Ottinger und Werner Schröter, Künstler wie Cindy Sherman, Katharina Sieverding, Michael Buthe, Nan Goldin, Matthew Barney oder Mike Kelley. Jack Smith drehte elegisch-schöne Drag-Szenerien fern jeder Konvention und überkommenen Filmsprache. Obwohl seine Filme mit dem schrägen Charme des Low-Budget daherkommen, sind sie doch gleichzeitig von einer genial anmutenden Rhythmik und beeindrucken ungemein mit ihrer Farb- und Kameraregie. Staunend sieht man heute diese Bilder und kann kaum glauben, dass z. B. der jüngst restaurierte Film „Yellow Sequence“ (1963-65) bald fünfzig Jahre alt ist.

Den Nachlass des 1989 im Alter von 57 Jahren in New York an den Folgen von AIDS Verstorbenen als Œuvre zu bezeichnen widerspricht eigentlich seinem künstlerischen Ansatz, der sich gegen den Kunstmarkt und die Kommerzialisierung der Kunst richtete – das thematisierte er auch in einer Performance auf dem Kölner Kunstmarkt 1974, dem Vorläufer der Art Cologne. Er lehnte einen Vertrieb seiner Filme ab, hatte keinen Verleiher und stellte sie überdies nie fertig, mehr noch, er schnitt noch während der Aufführungen daran herum, so dass sich das Ergebnis ständig veränderte. Er nannte das „live film“. So ist auch bis auf „Flaming Creatures“ (1962-63) – jener Film provozierte durch sexuelle Freizügigkeit und blieb im Staat New York bis 1970 verboten – kein Film mehr in seiner originalen Version vorhanden, gleichwohl ist alles inzwischen von Jerry Tartaglia restauriert worden.

Cinephil war Smith, hatte großen Spaß an den B-Filmen der Hollywood-Produktion der vierziger Jahre und solchen B-Stars wie María Montez, „der Königin des Technicolor“, deren Auftritte in ihrem trashigen Glamour seinen Bildern in nichts nachstanden. Die Musik der B-Filme, sinfonische Geigen, lustige Countryballaden oder hawaiianische Folkmusic verstärken das Süßlich-Untergründige.

Jack Smith wird in Frankfurt nicht mit einer Retrospektive im eigentlichen Sinne gewürdigt – das hätte seinem Werkansatz widersprochen und ist auch angesichts des zu sichtenden Nachlasses, der sich komplett in der New Yorker Gladstone Gallery befindet, in naher Zukunft nicht zu verwirklichen. Es werden daher verschiedene Formen der Schau seines Schaffens geboten, die sich in bemerkenswerter institutioneller Breite in Frankfurt auffächern. Das Projekt wurde angestoßen von der Initiative Kultur und Homosexualität und der Kinothek Asta Nielsen.

Im Museum für Moderne Kunst, das in einem kleinen Raum leider nur einen schmalen Einblick in das fotografische Werk des Künstlers bietet (2.11.12-13.1.13), erweist sich die Bilderserie einer Performance im Sonnenblumenfeld als ein frühes Beispiel künstlerischer Farbfotografie. Die 2011 von Negativen (nur ungefähr datiert zwischen 1958 und 1962) gezogenen Fotografien haben eine Farbfrische, die das Geschehen, eine Schmetterlingsjagd von bunt verkleideten Personen mit zu Totenköpfen geschminkten Gesichtern, zu einem fröhlich-makabren Spiel macht, das etwas von der Farbenpracht und tabulosen Ausgelassenheit des mexikanischen Totenfestes hat. Zwei Diaserien von Performances, die eine nach dem Theaterstück „Ghosts“ von Ibsen (1881), das selbst einmal aufgrund seines provokanten Charakters diskreditiert worden war, und einer Außenraum-Performance in Hamburg 1983, welche Smith im Nachhinein noch einmal mit Bildern der Reeperbahn und eines Jahrmarkts doppelbelichtet hat, werden über Karussell-Diaprojektoren an die Wand geworfen. Der Avantgardemusiker John Zorn hat aus der erhaltenen Plattensammlung Jack Smiths eine Kompilation komponiert, die den Ausstellungsbesucher über Kopfhörer einstimmt. Portikus und Städelschule setzen sich performativ mit Jack Smith auseinander (11. und 12. Dezember, 19 Uhr), während der Höhepunkt des Festivals zweifellos am 22. November 2012 im Mousonturm stattfindet: eine Ausstellung mit Fotos von Helmut Herbst, der Jack Smith bei seinem Hamburger Aufenthalt 1983 begleitete, dann ab 18 Uhr die Eröffnung des viertägigen Symposiums und ab 20 Uhr die Eröffnungsnacht mit den Stargästen Mario Montez, der in „Flaming Creatures“ mitspielte, und Agosto Machado, jene „Underground Superstars“. – Mario Montez sei „glamourös wie eh und je“, wie die Kuratorinnen des Filmfestivals Heide Schlüpmann und Karola Gramann betonen. Weitere Vortrags- und Film-Veranstaltungen im Mal Seh’n Kino und Performances im Mousonturm runden das Programm in Frankfurt ab. Es ist das große Verdienst der Organisatoren, diesem großartigen Performer eine dem Werk gemäße Gesamtschau zu geben und dabei das Vorbildhafte und Visionäre auch innerhalb der Zeitgeschichte und aus der heutigen Perspektive des Queer in den Mittelpunkt zu stellen.

www.jacksmith.extratrouble.de

Mousonturm

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- ( 12-03-2013 04:51:58 )
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- ( 13-03-2013 05:14:52 )
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erstellt am 02.11.2012

Jack Smith, um 1970
Jack Smith, um 1970

Flaming Creatures (1962-63), Ausschnitt

Normal Love (1963-65) mit Mario Montez (unvollständig)

Dokumentarfilm über Jack Smith von Mary Jordan, Tongue Press Productions, uraufgeführt auf dem Tribeca Film Festival 2006