Eunice de Souza, Foto: Clair Lüdenbach
Eunice de Souza, Foto: Clair Lüdenbach

Um sich die besondere Position der Lyrikerin Eunice de Souza zu vergegenwärtigen, müssten wir uns vorstellen, dass alle Kulturen Europas in einer Person und ihrem Werk sich gleichzeitig zu Wort melden. Das ist nahezu unmöglich. Als goanesisch-indische Autorin gehört sie einer schmalen, als englischsprachige Lyrikerin einer noch schmaleren Minderheit an und wirkt doch allein durch Herkunft und Lebenssituation in ihren Gedichten reicher als indische Schriftsteller repräsentativer Majorität.

Porträt der Lyrikerin Eunice de Souza

»Sind das Gedichte?«

Von Clair Lüdenbach

In Indien ist Englisch, infolge der langen britischen Kolonialherrschaft, die lingua franca. Seitdem sich im 19. Jahrhundert langsam ein Bildungsbürgertum nach westlichem Vorbild etablierte, gehört Englisch zu einer der Sprachen Indiens, die die vielen Sprachbarrieren zwischen Nord- und Süd-, dem Osten und Westen Indiens überwinden half. Nach der Unabhängigkeit des Subkontinents sollte die neue Nationalsprache Hindi diese Aufgabe erfüllen. Trotzdem fühlten sich manche Bürger, dank ihrer Ausbildung an christlichen Schulen und eines weltläufigen Elternhauses, weiterhin in der englischen Sprache mehr zu Hause, als in der jeweiligen Muttersprache. Vor allem die Minderheiten, die aus einer Mischung der Nationen entstanden, behielten Englisch als Hauptsprache. Dazu gehörten: Anglo-Inder, christliche Inder aus der vormals portugiesischen Kolonie Goa und Parsen, die vor tausend Jahren aus Persien einwanderten. Für sie und viele gebildete Inder aus allen Landesteilen war Englisch zudem eine Sprache, die half, in England und Amerika wahrgenommen zu werden.

Einige indische Lyriker sind inspiriert von der reichen poetischen angloamerikanischen Literatur. Andere wiederum holen ihre schöpferische Kraft aus den alten Epen und Mythen Indiens. „Wir können Dinge mit der Syntax anstellen, die die Sprache auf vielfältige und eigene Weise zum Leben erweckt“, schrieb der indischstämmige Dichter Agha Shahid Ali über die Vorzüge seiner Dichtkunst in englischer Sprache. Die Lyrikerin Eunice de Souza war acht Jahre alt, als Indien die Unabhängigkeit erlangte. Ihre Gedichte handeln nicht von den Konflikten einer jungen Frau im unabhängigen Indien, sondern von den Auseinandersetzungen mit der eigenen Identität als Christin mit hinduistischen Ahnen aus der portugiesischen Kolonie Goa. Die Vorfahren von Eunice de Souza gehörten ursprünglich zu einer Brahmanenfamilie. Auf Druck der Kolonialherren wurden aus Hindus Christen mit einem portugiesischen Familiennamen. Was Eunice de Souza in ihren Versen hinterfragt, ist eine Geschichte, die ihre Familie stolz als heroische Vergangenheit pflegt. Die englische Sprache und die portugiesisch-indische Kultur verbinden Eunice de Souza auf zweifache Weise mit Europa.

An jedem Schultag saß sie in den Pausen mit einer Zigarette in der Hand auf der Bank im offenen Rundgang des St. Xaviers College in Bombay. Jahre konnten zwischen unseren Treffen liegen. Wenn ich sie wieder sah, schien sie sich seit meinem letzten Besuch nicht von der Stelle gerührt zu haben. Als ich sie in den 70er Jahren kennenlernte, klang aus ihren Worten eine leicht feministische Aggression. Damals schenkte sie uns ihren ersten Lyrikband „fix“. Erst im Gespräch unter „Frauen“ verlor sie die abwehrende Haltung. Auch wenn wir selten länger als einige Stunden im College oder im Café Samovar miteinander sprachen, beeindruckte mich mehr und mehr ihre stille Beharrlichkeit, mit der sie auf ihre dichterische Inspiration wartete, hingebungsvoll unterrichte und sich in ihrer Single-Welt einrichtete.

Ganz ungeplant wurde sie zur Dichterin, erzählte Eunice De Souza:

O-Ton Eunice

Die Gedichte erschienen ganz einfach eines Tages. Ich schrieb sie alle auf, denn ich war damals krank. Dann schickte ich sie einem Dichterfreund mit einer kleinen Notiz: „Sind das Gedichte“? Denn ich war mir nicht sicher, ich hatte das nicht geplant. Er meinte, das seien Gedichte. So begann alles.

Mittlerweile ist sie eine pensionierte Collegelehrerin, die weiterhin schreibt und publiziert.
Seit einigen Jahren sind ihre Weggefährten zwei Papageien, die sie besitzen und ihr Befehle erteilen, als wären sie indische Schwiegermütter. Es sind ihre nie erwachsen werdenden Kinder, die ihre Laster und ihren Alltag beobachten, wie sie in einem Gedicht schreibt:

Manchmal vergleichen wir unsere Erfahrungen:
Ich spreche über meine Papageien
Sie spricht über ihre Kinder.
Sie sagt mir, der kleine K schreit nach Aufmerksamkeit
Wenn ich nach Anbruch der Dunkelheit nach Hause komme, erzähle ich ihr,
schauen sie mich mit traurig-vorwurfsvollen Augen an.

In der Dämmerung sind wir drei und
Die anderen drei melancholisch.
Beide wollen auf ihrem Schoß sitzen.
Beide wollen auf meiner linken Schulter sitzen.
Ich rauche und gieße einen Wodka runter.

Bald werde ich eine alte Whisky-Frau sein
Nuschle in mich hinein
Humple herum
Zwei Papageien in meinem Haar.

Eunice de Souza wurde 1940 in Poona geboren. Ihre katholischen Eltern stammten aus dem damals noch portugiesischen Kolonialstaat Goa. Sie selbst hat nie dort gelebt. Der Vater starb, als Eunice erst drei Jahre alt war. Sie studierte in Amerika und lehrte in England. Aber nach einigen Jahren kehrte sie nach Bombay zurück und unterrichtete bis zu ihrer Pensionierung als Leiterin der englischen Abteilung am St. Xaviers College. Die Zugehörigkeit zur Minderheit der englischsprachigen, katholischen Inder aus Goa machte Eunice de Souza von Geburt an zur Außenseiterin. Zur Rolle der englischen Sprache in Indien meint sie:

O-Ton Eunice

Wenn man Gedichte in englischer Sprache schreibt, dann wird häufig nicht das Gedicht selbst zum Gegenstand der Diskussion, sondern es entsteht ein ideologischer Kampf. Sollte man überhaupt auf Englisch schreiben?, denn es ist die Sprache der Kolonialmacht. Wenn man in einer der indischen Sprachen schreibt, dann ist das Werk automatisch besser. Es ist eine sehr romantische Idee, daß nur bestimmte Sprachen die Seele der Nation erfassen können. Das ist eine Idee aus dem 19. Jahrhundert, von der wir uns noch nicht verabschiedet haben.

Die Auseinandersetzungen mit dem konservativen Weltbild christlicher Familien aus Goa dominierten vor allem die frühen Gedichte von Eunice de Souza. Nicht zuletzt prägten sie die Erfahrungen als Studentin in den bewegten 60er Jahren, als sie in Amerika und England lebte. Sie ist für indische Maßstäbe eine unangepasste Frau, denn sie raucht in der Öffentlichkeit, trägt ärmellose Sariblusen – was immer noch eine kleine Provokation ist – und vor allem ist sie unverheiratet. Bei den Katholiken aus Goa gibt es nämlich nicht nur eine starke kulturelle Bindung zum Westen, sondern auch eine enge Verknüpfung mit der hinduistischen Gesellschaftsordnung.

O-Ton Eunice

Obwohl wir römisch-katholisch sind, haben wir den gleichen sozialen Hintergrund wie die Hindus. Viele Heiraten sind arrangiert. Wir achten auf das Kastensystem, in dem ein katholischer Brahmane keinen Katholiken einer anderen Kaste heiraten würde. Und die Hautfarbe spielt eine große Rolle.

Dieses soziale Wertsystem, – zum Beispiel als Mädchen vor der Heirat wie ein Tier auf dem Marktplatz taxiert zu werden, hat Eunice de Souza schon immer abgestoßen. In einem ihrer Gedichte schreibt sie:

Meine Cousine Elena
soll verheiratet werden.
Die Formalitäten
sind erledigt:
Die Familiengeschichte untersucht
nach Tb und Wahnsinn
ihr Vater für solvent erklärt
ihre Augen untersucht, ob sie schielt
ihre Zähne nach Löchern
ihren Stuhl nach dem möglichen
nicht brahmanischen Wurm.
Sie hat nicht ganz die richtige Größe
Und noch nicht die Fülle
(Kinder werden schon dafür sorgen)
Ihre Hautfarbe, so wurde entschieden
würde dafür entschädigen, hat sie doch gerade
des Richtmaßes
rechte Schattierung
um Gerechtigkeit zu üben an
Francisco X. Noronha Prabhu
guter Sohn der Mutter Kirche.

In diesem Gedicht erzählt Eunice de Souza, dass die rechte, also die richtige Schattierung der Hautfarbe der Braut den zukünftigen Ehemann, Francisco X. Noronha Prabhu, für alle anderen kleinen körperlichen Fehler entschädigt. Die zum Katholizismus konvertierten Einwohner Goas behielten das soziale Wertesystem ihrer hinduistischen Vorfahren bei. Doch haben sie kein Bewusstsein für hinduistische Spiritualität. Die Symbole der Götter sind ihnen heute völlig fremd. Der im folgenden Gedicht erwähnte Shivalingam ist ein, meistens in Stein gehauenes Phallussymbol, das aus einer ovalen, dem weiblichen Geschlecht nachgebildeten Form aufsteigt. Der Lingam des Gottes Shiva wird als Zeichen seiner Macht, zu erhalten wie zu zerstören, von den Hindus hoch verehrt. Die Ignoranz der Christen aus Goa gegenüber den Riten der Hindus brachte Eunice de Souza auf den Punkt.

Meine portugiesisch erzogene Tante
erstand eines Tages
einen Shivalingam aus Ton
und sagte:
Ist das ein Aschenbecher?
Nein, sagte der Verkäufer,
das ist unser Gott.

Eunice de Souzas frühe Gedichte hatten häufig sozialkritische Bezüge. Ein indischer Kritiker nannte das einen „ständigen Dialog zwischen drei wichtigen Identitätsmarkern; Geschlecht, Religion und Nation“. De Souza beschrieb in späteren Jahren auch Eindrücke von Reisen oder die Welt der kleinen Dinge, die sie umgibt. Ihre scharfzüngige Lyrik ist ein Provokation in der harmonieverliebten indischen Gesellschaft. Neben der Arbeit an eigenen Werken beschäftigt sich Eunice de Souza als Kritikerin und Herausgeberin mit dem lyrischen Schaffen ihrer Kollegen, die ebenfalls in englischer Sprache schreiben. So in dem Buch „Talking Poems“, Gespräche mit Dichtern von 1999. Zur Frankfurter Buchmesse 2006 erschien „Indische Dichter der Gegenwart“, eine Anthologie englischsprachiger Lyriker aus Indien, in der auch Eunice de Souza vertreten ist.
Im Jahr 2001 erschien ihr erster Roman „Dangerlok“, und 2003 folgte „Dev & Simran“. 2010 veröffentlichte sie ihre bisher letzte Gedichtsammlung unter dem Titel „A Necklace of Skulls“.

Seit einigen Jahren werden die eigenen Publikationen von Eunice de Souza seltener. Doch meldet sie sich wöchentlich in der Tageszeitung ihrer Geburtsstadt Pune zu Wort mit Buchrezensionen und kritischen Kommentaren zur Sprachkultur Indiens. Die Lyrikerin fand weniger Resonanz mit ihren späten Gedichten und den beiden Romanen. Doch immer wieder werden ihre frühen Gedichte zitiert, denn sie reflektieren einen Teil indischen Lebens, den die meisten Menschen im Vielvölkerstaat nicht kennen. Eunice de Souza ermöglicht mit ihren Texten Einblicke ins Intimleben einer konservativ-christlichen Gemeinschaft, die geprägt ist von den Spielregeln einer kolonialen Gesellschaft.

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erstellt am 31.10.2012

»Die Lyrikerin Eunice de Souza war acht Jahre alt, als Indien die Unabhängigkeit erlangte. Ihre Gedichte handeln nicht von den Konflikten einer jungen Frau im unabhängigen Indien, sondern von den Auseinandersetzungen mit der eigenen Identität als Christin mit hinduistischen Ahnen aus der portugiesischen Kolonie Goa.«

Begegnung auf einer Londoner Party

Aus: Fünf Londoner Stücke

Für eine Minute standen wir verlegen beieinander
Du fragst Dich in welcher Sprache Du mit mir sprechen solltest
reichst stattdessen eine eingelegte Zwiebel am Spieß.
Du bist jung und hast vielleicht vergessen
daß das Empire lebt
nur in den reinen Vokalen, die ich dir anbiete
über dem Lärm.

Miss Louise

Sie träumte sie schreitet
gewundene Treppen hinunter
ein zitternder Elfenbeinfächer
von Kindern in Matrosenanzügen
und Organzakleidern
bis der Traum ihre Eingeweide verdirbt
aber keiner wußte:
Eingeweide waren nicht gestattet
in ihrer Zeit.

Ihre ergrauenden Locken schüttelnd:
„Meine Liebe, weißt Du,
ich kann nicht mal in die Kirche gehen
ich verunsichere die Priester
völlig. Erst gestern
sagte der gut aussehende Pater Hans.
‚Miss Louise, ich fühle wie ein Pfeil
mein Herz durchbohrt.’
Aber keiner glaubt mir
wenn ich es ihnen sage. Es ist
immer dasselbe. Sie werden sagen,
‚Ja, Lousia, wir wissen, Professoren
liebten Dich in Deiner Jugend,
Richter in Deiner Lebensblüte.

Eunice de Souza, Foto: Clair Lüdenbach

»Die Gedichte erschienen ganz einfach eines Tages. Ich schrieb sie alle auf, denn ich war damals krank. Dann schickte ich sie einem Dichterfreund mit einer kleinen Notiz: ›Sind das Gedichte‹? Denn ich war mir nicht sicher, ich hatte das nicht geplant. Er meinte, das seien Gedichte. So begann alles.«