Seit 1990 über 180 Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt zwischen Nord- und Ostsee und Alpen. „Warum ist Deutschland nicht außer sich wegen seiner Neonazis?“ fragte Wilhelm Genazino in einer Rede im Jahr 1999. Dreizehn Jahre später beleuchten Walter Gerlach und Jürgen Roth als Herausgeber des Schwarzbuch Rassismus den Stand der Dinge – mit Erzählungen, Essays, Tagebuchnotizen, Gedichten, Satiren, autobiographischen Berichten, Songtexten, Cartoons und Fotos von über 60 Autoren, Zeichnern und Fotografen. Faust-Kultur veröffentlicht daraus den Beitrag von Phillip Mosetter.

Schwarzbuch Rassismus

Mein Rassismus

Von Phillip Mosetter

Nehmen wir zum Beispiel das Okapi. Das Okapi streift durch den afrikanischen Regenwald, zupft Blätter von den Bäumen und ist’s zufrieden. Sie ahnen bereits, worauf ich hinauswill. Das Okapi gehört zur Ordnung der Paarhufer, in weiterer Einteilung zur Familie der Giraffenartigen und bildet, korrekt formuliert, eine eigene Art. Für das Okapi ist die Ordnung kein größeres Problem, es muss sich beispielsweise nicht als Krönung der Wiederkäuer gerieren. Anderes Beispiel: der Nacktmull. Der Nacktmull gehört zur Ordnung der Nagetiere, zur Familie der Sandgräber und ist eine Art davon. So lässt sich auch der Mensch einordnen. Der Mensch gehört zur Ordnung der Primaten (Unterordnung Trockennasenprimaten), zur Familie der Menschenaffen und ist eine Art davon. Mehr nicht. In der Systematik der Biologie taucht der Begriff Rasse nicht auf. Ich spreche deshalb von der Biologie, weil sich der Rassenkundler – und in dessen Windschatten der Rassist – gern auf sie bezieht. Den Begriff Rasse gibt es, wie gesagt, aber gar nicht. Er dient dem gemeinen Xenophoben lediglich dazu, seiner von Angst und Wut geprägten Weltsicht eine wissenschaftliche Grundlage zu verschaffen. Aber je mehr sich der Rassist um wissenschaftliche Beweise für seine Weltsicht bemühte, um so dünner wurde die Beweislage. Letztlich bleibt die Erkenntnis, dass etwaige Unterschiede zwischen den Menschen keineswegs naturgegeben oder gar evolutionär, sondern vielmehr im individuellen Charakter zu suchen sind. Aus der Hautfarbe oder dem Blut lassen sich keine Vorteile (oder gar damit verbundene Rechte) ableiten.

Rassismus wollte Wissenschaft sein und entlarvte sich als politisches Instrument – wenn man denn bereit ist, Xenophobie überhaupt als „politisches Instrument“ sehen zu wollen. Nun, ich würde nicht so weit gehen, Edgar Rice Burroughs diesen Vorwurf zu machen, das nicht. Aber was man ihm vorwerfen muss, ist, dass Burroughs mit seinem Tarzan, der vor genau hundert Jahren, nämlich 1912, erstmals erschienen ist, ein rassistisches Idealbild entwarf, dessen naturgegebene Überlegenheit quasi die Matrix des Rassismus bildete – die Ikone des Rassismus, wenn man so will. Im Dschungel von wilden Tieren großgezogen, aber von edler Abstammung, zeigt dieser Tarzan („Tarzan“ heißt übrigens in der Affensprache, jedenfalls in jener, die Tarzan fließend spricht und die von Burroughs erfunden wurde, „weiße Haut“) die ganze Überlegenheit seiner Rasse (also nicht nur weiß, sondern auch edel von Geblüt), und zwar auf allen Gebieten. Löwen besiegte er mit bloßer Hand (Kraft), er wusste sich in jeder Lage einen Rat (Intelligenz) und rettete, was zu retten sich lohnte (selektiv sozial). Lediglich Jane musste er sich schließlich geschlagen geben. Tja, so ist das eben mit der Überlegenheit. Jede Überlegenheit muss sich früher oder später einer anderen Überlegenheit geschlagen geben. Oder anders gesagt: Wer sich als Krönung der Schöpfung versteht, darf sich nicht wundern, wenn er eines Tages die Krone aufgesetzt bekommt, die mit ihren Zacken doch sehr an Hörner erinnert, um schließlich als Hornochse zu enden.
Konsequenterweise wurde der Rassismus dann auch weltweit geächtet – und zwar im Jahre 1995. Ja, so lange hat es gedauert, bis die UNESCO höchstpersönlich auf einer internationalen UNESCO-Konferenz, abgehalten im österreichischen Stadtschlaining (das ist übrigens die Nachbargemeinde von Oberwart, jenem Ort, an dem im selben Jahr, im Februar 1995, vier Roma von Rassisten mittels einer Rohrbombe in die Luft gesprengt wurden), mit einer Erklärung den Rassismus offiziell und weltweit abgeschafft hat. Stadtschlaining ist ein kleines Dorf mit einer schönen Burg, der Burg Schlaining, dem Sitz der Europäischen Friedensuniversität (gegründet 1988). Hier wurde nicht nur die Ächtung des Rassismus besiegelt, von hier aus kann man auch bequem nach Ungarn hinüberschauen, wo der Rassismus heute wieder fröhliche Urständ feiert.

Um auf das Okapi zurückzukommen: Das Okapi tut sich natürlich leicht, es ist ein Einzelgänger. Ich aber, gewissermaßen als Massentier, muss mit einer solchen Ansammlung von Niedrig- und Widerlichkeiten zurechtkommen, dass jeder Versuch, hier nach Religion, Ethnie, Geschlecht oder gar sozialem Stand unterteilen zu wollen, ins Leere laufen muss. Der Ekel ebnet alles ein, der macht alle gleich. Auf der Straße macht es keinen Unterschied, ob das schwabbelnde und brustoperierte Tattoo aus dem Nagelstudio kommt oder aus der Marketingabteilung, ob der Testosteronumnebelte ehrverteidigend die Schwester meuchelt oder porschefahrend das Schulkind plattfährt. Es macht keinen Unterschied, ob der Prolet ein protziges Goldkettchen trägt oder den Mitgliedsausweis des Golfklubs, ob das Gesicht mit einem Kopftuch verschleiert ist oder von Botoxspritzen zerfratzt. Aber das war jetzt schon ein nahezu rassistischer Ausrutscher und ist vor allem ein anderes Kapitel.

So ist es am Abend ein glücklicher Moment, wenn ich, dem Nacktmull gleich, mich in meine Höhle zurückziehen kann und ob der Dunkelheit nicht die eigene Hässlichkeit erkennen muss.

Philipp Mosetter

Abdruck, mit freundlicher Genehmigung des Wallstein Verlags.

Kommentare


Malak - ( 02-01-2013 04:24:23 )
Afro-Futurismus ist dabei einem ste4rkeren Realismus gewichen. Die Videos und Texte von K’Naan wierkn so, als wollte dieser somalisch-kanadische Rapper unsere Seh- und Hf6rnerven fcberreizen: Da

Rainer Kühn - ( 05-11-2012 10:01:18 )
Ich hab das Buch gelesen. Ernstes Thema, schöne Texte: richtiges Konzept. - Was fürs Lindenblatt, wo wirklich die Literatur - hintenrum - verlegt ist. O.s.ä.

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erstellt am 31.10.2012

»Der Mensch gehört zur Ordnung der Primaten (Unterordnung Trockennasenprimaten), zur Familie der Menschenaffen und ist eine Art davon. Mehr nicht. In der Systematik der Biologie taucht der Begriff Rasse nicht auf.«

Schwarzbuch Rassismus
Herausgegeben von
Walter Gerlach und Jürgen Roth
328 Seiten mit 34 Abbildungen
ISBN: 978-3-8353-1252-4
Wallstein Verlag, Göttingen 2012

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Die Idee für die Anthologie hatte die Intiative:
Respekt! – Kein Platz für Rassismus