Tagebuch – Folge 2

Alissa Walser in Argentinien

32)
1. August
D. sagt, eine Stunde vor Abflug. Ein winziger Stadtflughafen. Wenige Schalter. Aber Hunderte in Schlangen. 7 Uhr. Eine Stunde vor der einen Stunde früher. Lasse meinen Koffer in Plastik einkleben, eine Art Kondom gegen Diebe, sagt man. Bin froh, ihn los zu sein. Oben vor der Sicherheitskontrolle wieder Schlangen. Auf meinem Ticket kein Gate. Das stehe nicht fest. Ich beginne eine eigene Schlange. 5 Minuten vor Boarding Time erscheint das Gate für den Flug nach Posadas auf dem Bildschirm. Jetzt bin ich plötzlich der Kopf der richtigen Schlange. Als wüsste ich, wo’s langgeht. Ich trete zur Seite. Keiner überholt. Als wollten sie unbedingt mir folgen. Bin also die Erste im Bus, der uns zum Flieger fährt. Und eine Gruppe japanischer Männer. Beneide sie um ihre Geselligkeit. Aber was weiß ich schon darüber, was in einem japanischen Männerkopf vor sich geht.

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Ankunft in Posadas, der Hauptstadt von Misiones im Nordwesten Argentiniens. Grelle Vormittagssonne. Das Land flach. Flache Häuser. Weitläufig hügelig. Ein grandios weiter Himmel.
Die Taxis haben keine Taxischilder, sondern gelbe Dächer. Wir fahren, und fahren ziemlich lange, und ich denke: Oh je, wo ist denn nun Posadas. Wo sollen denn bitte schön die 250.000 Einwohner sein? Alles sehr grün und sehr flach. Ebenerdig. Eigentlich eher Hütten mit Blechdach. Rostige Blechdächer. Hunde über Hunde. Keine Stadt.
Der Fluss: breit und entsetzlich blau. Ein Blau, das den Blick abschmettert. Blendendes Stahlblau. Die Erde: Rot.
Wir fahren und fahren, und ich hoffe inständig, es möge doch so etwas wie ein sichtbares Zentrum erscheinen. Eine Kirche, etwas Anderes, etwas Höheres. Eine Plaza. Schon über Werbung, gestehe ich mir ein, wäre ich froh.
Das erhebende Gefühl, an einem Supermercado vorbeizufahren.
Der Fahrer hält – tatsächlich – vor einem vierstöckigen Haus!
Das Haus der Brüder V.
Die vereinbarte Wohnung im vierten Stock ist erst morgen beziehbar.
Bevor ich mich schlafen lege, suche ich die Wohnung im ersten Stock nach Mücken ab und finde keine.

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2. August
Ziehe um. G., einer der zwei Brüder, fragt, ob ich Hilfe brauche mit dem Gepäck? Ja! Okay. Er verschwindet und kehrt kurz darauf mit einer kleinen, zierlichen Frau wieder. Sie werde mir helfen mit dem Koffer. Wir helfen uns gegenseitig.
Die Wohnung hat Kabelanschluß ins Internet und ist überhaupt sehr komfortabel. Große Terrasse mit Blick auf den Fluß. Hell. Nach Norden schießschartenartige Fensterchen mit Mückengittern.
G. sagt, er trinke Leitungswasser, es sei mit genügend Chlor versetzt, also nicht ungesund.
Ich gehe einkaufen. Wasser in Plastikflaschen.
Das Obst und Gemüse im kleinen Supermercado sieht alt und lasch aus. Auch die Maiskolben. Kein Ziegen- oder Schafskäse. Papaya auch nicht. Nur rote und grüne Äpfel. Manchmal gebe es gelbe. Auch die Mandarinen verschwänden. Überhaupt werde hauptsächlich Soja angebaut. Gentechnisch verändertes. Für den Export nach China und Europa.

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Auf der Suche nach dem Stadtzentrum. Ich finde die Kirche, die Plaza, die Shopping Mall, den großen Supermarkt: Zwei Wände lang nichts als Fleisch, die Miniatur einer Käse- und Gemüseabteilung.

Nachmittags bin ich mit G. verabredet. Bei ihrer Mutter, in der Avenida de Jujuy. Im Unterschied zu Buneos Aires sind die Blocks in Posadas nur 50 Meter lang.

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Die Gehsteige gehören zu den Häusern. die Hausbesitzer stellen ihr Stückchen Gehsteig nach eigenem Gutdünken her. Ein bunter Wechsel von Kacheln und Betonplatten und einzementierten Steinen in allen möglichen Formen und Farben. Stolpere ständig über unerwartete Stufen.

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Entlang der Straße wächst das, was ich als “Deutsche Zimmerpflanze” kenne. Verstörend üppige, großzügige Wohnzimmergefühle.
Ansonsten Bäume voller Epiphyten.

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Ich klingle an einer hölzernen Tür mit Fensterloch, durch das man in einen tropischen Garten schaut. G. lässt mich ein, begleitet mich durch den Garten zum Haus. Werde begeistert begrüßt von einem kniehohen Jagdhundmix mit einem kleinen weißen Herz auf der Stirn. Frau R. sitzt in einem Sesselchen neben dem Kanonenofen und gießt uns Tee ein. Hinter ihr führt eine großzügig geschwungene Holztreppe in die obere Etage. Draußen springen Hund und Katzen durch den Garten. Eigentlich hatte sie nur eine Katze, eine rotweiße. Aber dann habe jemand elf schwarze Katzen über die Mauer in ihren Garten geworfen. Die füttre sie jetzt eben mit. Ins Haus darf nur die rotweiße. Frau R. ist 91 Jahre alt, gesund und wach (Nur ein bisschen vergesslich, meint sie). Sie erzählt in perfektem Deutsch mit leicht schwäbischem Einschlag, wie ihr Vater, ein Architekt, sich 1922 von Süddeutschland nach El Dorado, einem Ort etwa 160 km nördlich von Posadas, auf den Weg machte, um Mate anzubauen. Ein paar Jahre später Mutter, Sohn und Tochter. Die Mutter litt unter der Hitze und den Mücken. Es habe diese Sandflöhe gegeben, die sich unter Finger- und Fußnägel gruben. 1928 verlassen Mutter und Tochter Argentinien in Richtung Deutschland. Frau R. geht also in Deutschland zur Schule, während ihr Bruder beim Vater in El Dorado bleibt. 1932 schickt der Bietigheimer Großvater Tochter und Tochtertochter wieder weg. Da sei doch der Mann, der Vater. Und das einzige, woran sie sich noch erinnern könne, sei eine sechsundzwanzigtägige Seekrankheit.
Vater und Sohn haben inzwischen die Plantagen ausgebaut – Tabak und Mate – und außerdem für die zu Wohlstand gelangten Immigranten Häuser gebaut. Das Klima ist wie es war, unerträglich. Wieder drängt es sie nach Deutschland zurückzukehren. Frau R.s Vater versucht zu verkaufen. Das Mobile, das Immobile. Als alles verkauft ist – 1939 –, beginnt Deutschland den Krieg. Eine Rückkehr ist unmöglich. Der Sohn hat noch ein kleineres Stück Land behalten und ein kleines Haus, direkt an der Hauptstraße El Dorados. Dorthin zieht die Familie. Wenig später stirbt die Mutter. Sie sah, dass eine Rückkehr nach Deutschland nicht mehr möglich war, sagt Frau R., und wollte nicht mehr.
Sie selbst habe nach einjährigem Briefwechsel einen aus Dresden eingewanderten Uhrmacher geheiratet, der eine Uhrenreparaturwerkstatt (später ein Schmuckgeschäft) in Posadas betrieb. Mit den beiden Töchtern habe sie immer Deutsch gesprochen.
Während sie erzählt, kommt eine hübsche junge Frau ins Haus und verschwindet die Treppe hinauf. Eine Studentin, sagt G. Die hier wohne, damit die Mutter nicht ganz allein sei in dem großen Haus. Wir erzählen noch ein bisschen, während Frau R. Holz nachlegt. Hund und Katze liegen aneinander geschmiegt dicht am Ofen.

Bin morgen um 10 Uhr zum Mate-Tee eingeladen. Freue mich auf weitere Geschichten.

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3. August
Heizung gibt es nicht. Mache mir heißen Tee. Ziehe mehrere Pullover übereinander an. Der Fliesenboden ist eiskalt. Eisfüße, dann Eishände. Es bleibt eisig, bis die Sonne hochsteigt.
Um 10 Uhr bei Frau R. Wir trinken Mate. Alle aus einem Becher. Durch ein silbernes Röhrchen.
Frau R. gießt immer wieder heißes Wasser aus einem Kessel nach. Sie zeigt auf ein Bild an der Wand: ihr Elternhaus in El Dorado. Das habe ihr Vater gebaut. Eigentlich als Tabakscheune. Später zur Wohnung umgebaut. Das Dach hunderte handgerissener Schindeln. Es sieht gemütlich aus. Mit Läden an den Fenstern. Und Hühnern im Hof. Und hier, sagt Frau R., diese Bananenstauden seien später durch Orangenbäume ersetzt worden. Es sei eine karge Zeit gewesen am Anfang.
Aber es gebe doch so viele Früchte, sage ich. Nein, sagt sie, das dauere alles zu lang. Ein Orangenbäumchen brauche drei bis vier Jahre. Schnell gingen nur Bananen. Und Maniokwurzeln habe es gegeben. Aber ihr seien Kartoffeln lieber. Und Bataten. Aber lieber Kartoffeln. Fleisch habe man einmal die Woche von einem vorbeifahrenden Händler gekauft. Hühner und Schweine habe man selbst geschlachtet. Das Fleisch geräuchert oder getrocknet. Und kein Wunder, dass die Mutter es nicht ausgehalten habe. Es habe so viele Insekten gegeben, die seien einem in Mund und Nase geflogen. Man habe dann breitkrempige Strohhüte getragen und feuchte weiße Tücher drüber gehängt, an denen seien die Insekten hängengeblieben.

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4. August
Vor dem Städtischen Museum Posadas der tägliche kleine Kunsthandwerksmarkt. Einer der Handwerker erzählt, dass der Markt früher auf dem großen Platz vor der Kirche stattgefunden habe. Es seien auch Guarani-Indianer dagewesen. Dann die Umsetzung an diesen abgelegenen Ort, den man erstmal finden müsse. Den Guaranis habe man einen Laden in der Stadt zugewiesen. Und nur dort könne man jetzt noch ihre Produkte kaufen. Assuntos de Guarani.

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Es gibt hier einen Baum namens Chapeau. Seine Blätter sind groß wie Elefantenohren. Er spendet Schatten. Überall aus seinem Stamm wachsen kleine feigenartige Früchte. Er sieht sehr fruchtbar aus oder wie von St. Exupéry gezeichnet.

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G. erzählt, in dem kleinen Supermercado hänge ein Schild im Fenster: “Am Monatsanfang rennt ihr alle zum großen Supermarkt und kauft euer Fleisch dort. Aber dann kommt am Monatsende bitte nicht hierher, um bei uns Fleisch auf Pump zu kaufen.”

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5. August
Treffe E., eine Tochter deutscher Einwanderer. Sie ist groß und blond und immer auf Achse für ihr Reiseunternehmen, für ihre Kinder.
Ihr Großvater habe damals ein Angebot bekommen aus Patagonien: eine Stelle als Verwalter auf einer Ranch. Er habe angenommen. Nur noch eine Frau gesucht. Dann habe er ein Bild von ihrer Großmutter gesehen, die in einem Mädchenpensionat lebte. Er wollte sie sofort heiraten. Er hielt um ihre Hand an und die Eltern waren einverstanden. Das Mädchen wollte gleich mit ihm mit. E.s Mutter ist also in Patagonien geboren. Später brachte die Großmutter sie nach Buneos Aires, als Au-Pair-Mädchen, damit sie ihr Deutsch übe. E.s Kinder sprechen kein Deutsch. Das, sagt sie bedauernd, habe sie versäumt ihnen beizubringen.

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Unten am Fluss steht noch das alte Hafengebäude – allerdings zur Hälfte unter Wasser. Der Wasserspiegel des Paranà ist in den letzten Jahren angestiegen, weil weiter oben am Fluss ein Staudamm gebaut wurde. Der Wasserspiegel soll weiter angehoben werden, damit der Staudamm angemessen genutzt werden kann. Das alte Hafengebäude soll geflutet werden. Viele haben durch den Staudamm ihre Häuser verloren.
Proteste, Entschädigungen, Proteste.
Inzwischen ist das ganze Gebiet am Ufer neu angelegt worden. Sauber und ordentlich. Nackt und kahl. Frisch gepflanzte Palmen. Eine Wiese, auf der noch mehr Bäume gepflanzt werden sollen. Unzählige kleine Restaurants und Bars.
Jogger, Spaziergänger, Studenten, die ihren Mate trinken.
Die Betreiberfirma des Staudamms hat die neue Costa Nera bezahlt.

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Von meiner Terasse sehe ich den Dauerstau auf der Brücke über den Paranà nach Paraguay. Die Argentinier fahren hinüber, um billig einzukaufen. Eine Hose, die hier 100 Pesos kostet, gibt es in Paraguay für 30. Also fahren die Leute über die Grenze und kaufen drei Hosen für 90 Pesos.

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6. August
Ein Morgenspaziergang zum Museum am Parque Paraguay. Schönes altes Gebäude. Tür steht offen. Ausgestellt: die Übrigbleibsel der Guarani-Indianer. Tontöpfe mit Schädeln drin (sie bestatteten sie darin sitzend.) Schmuck, Jagdutensilien, Ketten aus Tierzähnen. Ein paar Steine aus den Ruinen der Niederlassungen der Jesuiten in San Ignacio.
Neben dem Eingang eine kleine Bücher-Vitrine. Kaufe ein Buch von einem aus Deutschland Eingewanderten über die Guayakis. Die Guayakis seien die scheusten aller Indiander gewesen. Seien immer nur tiefer in die Wälder geflohen. Wollten nicht einmal sprechen mit den Weißen. Immer tiefer in den Atlantischen Regenwald hinein.
Die Guaranis wollten nichts zu tun haben mit den Guayakis. Die Guayakis nannten sich Aché, was soviel wie “wahrer Mensch” bedeutet. Die Guaranis aber nannten sie Guayaki. Das heißt in etwa “kleines Nagetier”. Die Guayakis wurden noch bis 1973 “gejagt”.

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Nachmittags bei Frau R. zum Tee. Ich will Plätzchen mitbringen. Gehe in die Bäckerei Ecke Cordoba/Corrientes, zeige auf die süßen Teigteilchen und sage: “acht”, (“ocho”), will heißen: acht Stück. Die Junge hinterm Tresen fängt an, eine Tüte zu füllen. Eine große Tüte süßer Blätterteigteilchen für acht Pesos. Auch gut.

47)
Früher, erzählt Frau R. hatten wir zwei Rehe. Die seien im Garten herumgerannt. Damals gab es die Mauer noch nicht. Nur einen Zaun. Eines der Rehe sei über den Zaun nach draußen gesprungen. Sie hätten es überall gesucht. Alle Nachbarn gefragt. Ein paar Tage später sei sie spazieren gegangen in der Stadt. Eine weite Runde. Da sei sie an einem Haus vorbeigekommen. Da sah sie ihr Reh hängen. An die Wand genagelt das noch blutige Fell. Das andere brachten sie dann in den Zoo.

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Ihr Mann, erzählt Frau R., habe eine Bibliothek gehabt. Möbel und Bücher seien damals mit dem Seilzug nach oben gehievt worden. Über die unfertige Terasse. Dann sei das Dach dichtgemacht worden. Jetzt seien die Möbel immobil. Naja, nicht die Bücher. Sie lacht.

49)
Fahre mit S. zur Placita. Eine alte, große Halle, voller kleiner Verkaufsstände. Waren aus Paraguay. Alles ist besonders billig. Elektronik, Textilien, Heilkräutern. Kaufe einen Rucksack. Bunt, wasserdicht und billig.
Damit werde ich noch weiter in den Norden fahren.
E. fährt mit mir, damit ich mir ein Ticket kaufen kann, zum Terminal de Autobus. Kaufe eines der Linie Horiensky.

50)
Esse mit E. in einem Restaurant an der Uferpromenade. Während der Fahrt erläutert sie die Spezialitäten. Ich bin Vegetarierin, sage ich und sehe, wie sie erschrickt. Um halb neun sind wir da. Das Lokal völlig leer. Ab 9 Uhr füllt es sich allmählich.
Das mit den Männern und den Frauen, sagt E. sei hier so. Damals, um 1800, gab es einen Krieg zwischen Paraguay, Brasilien und Argentinien. Die “Triple Allianz”. In diesem Krieg seien so viele Männer umgekommen, dass ein echter Frauen-Überschuss herrschte. Deshalb sei – damals! – von der Regierung erlaubt worden, dass jeder Mann zwei oder drei Frauen heiratete. Und sie habe den Eindruck, dass sich das gehalten habe. Sie kenne viele Paare, bei denen der Ehemann mit Wissen der Frau eine zweite Beziehung führe.
In Deutschland, sage ich, gebe es zunehmend Patchworkfamilien.
Sie lacht. Hier sage man das so: Deine Kinder – meine Kinder – unsere Kinder.

51)
Kaufe bei einem sehr netten, sehr hübschen Jungen eine Maniok-Wurzel. Er hackt sie mir in zwei Stücke und wickelt sie in Zeitungspapier ein. Zu Hause packe ich sie aus. Da klebt noch jede Menge dieser roten Erde dran. Die Wurzel selber ist ziemlich hart. Ich schneide sie in kleinere Stücke. Die Haut, ein ganz dünnes, braunes Häutchen, lässt sich fast abreiben. Bin versucht, ein Stück roh zu probieren, lasse es lieber. Lege sie ins Wasser und koche sie bis sie weich ist. Gehe ins Netz und suche ein Rezept.
Finde die Warnung: Die Maniok-Wurzel enthält Blausäure. Man muss sie erst einweichen, dann auspressen, dann kochen.
Ich bin entsetzt. Probiere dennoch ein Stückchen. Schmeckt nach nicht viel. Lasse sie liegen. Wegwerfen kann ich sie später.
Frage E., sie sagt, völliger Blödsinn, was im Netz stehe. Gebraten, sagt sie, schmecken sie am besten. Recht hat sie.

52)
Ihre Schwägerin, erzählt D., wohne in Spanien. In Barcelona. Die sammle dort die besten Sachen von der Straße auf. Jeans, richtig gute Marken. Hemden von La Costa. Asen und Skulpturen. Eine Skulptur, die dann 500 Euro wert war. Sie habe sie besucht und einiges abbekommen: eine lammfellgefütterte Jeansjacke. Ein schwarz in schwarz besticktes, glänzendes Top, eine tolle Jeans für ihre Enkel.

53)
Ich erzähle Frau R. vom Kreutzfeld-Jakob-Syndrom und vom BSE-Skandal in Europa. Frau R. ist entrüstet. Das geht doch nicht, sagt sie, dass man den Kühen Knochenmehl füttert. Des isch doch widernatürlich.
An diesem Punkt, sage ich, habe ich aufgehört, Fleisch zu essen. Deshalb, sagt D., sähe ich so gut aus. Wer Pflanzen esse, habe einen frischen Teint, Fleischesser einen gräulichen.

54)
Vor ein paar Tagen habe man zu den elf schwarzen Katzen auch noch eine kleine rote über die Mauer in den Garten geworfen. Und jeder, der jetzt in den Garten komme, finde die kleine rote Katze so süß. Zu den elf schwarzen sage keiner mehr etwas.

55)
Immer wenn ich gehe, sagt Frau R.: “Und kommen Sie mich doch besuchen. Ich bin doch sonst immer nur allein”. Aber immer, wenn ich sie besuche, sitzt mindestens schon eine Person da. Ich bin also nicht die Einzige, die gern bei ihr ist.

56)
Die Putzfrau ist da und putzt die Wohnung. Trage den Müll selber runter, um mein Gewissen zu entlasten. Lächerlich – mein Anteil an der Veränderung der Verhältnisse.

57)
E. wohnt in einem schönen Haus etwas außerhalb der Stadt. Zweite Reihe zum Fluss hin. Die Straßen des Viertels: in die rote Erde gebettete Basaltbrocken. Ihr Haus steht in einem großen Garten. Hohe Urwaldbäume darauf Orchideen, ein Avocado-, ein Mango- und ein Mandarinenbaum. Großer Pool und ein paar kleine Häuschen (Badehäuschen etc). Im Hintergrund mehrere Autos. Mit denen wird gehandelt. Vor den Autos sitzen, an Bäumen angebunden zwei Hunde. Eine Dogo Argentino und ein Deutscher Schäferhund.
Wir sitzen draußen im Garten unter einem strohgedeckten Dach. Es ist warm. G. hat Mate mitgebracht. Die beiden treffen sich jede Woche zum Mate-Tee-Trinken. Heute beraten sie beeindruckend lebhaft, wie sie mir helfen können, Eindrücke vom Leben in Posadas zu gewinnen.

58)
Wenn die Argentinier über Alzheimer sprechen, sagen sie, “Der Deutsche lässt grüßen”, oder “Da gab es doch diesen Deutschen, wie hieß er noch?”

59)
9. August

Busfahrt nach Puerto Libertad. Haltestelle steht nicht im Fahrplan. Um viertel nach fünf, heißt es, komme der Bus in Iguazú an. Davon solle ich etwa eine halbe Stunde abziehen.
Manchmal hält der Bus mitten auf der Strecke an, um jemanden rauszulassen.
Ich sitze oben, vorn. Die rote Erde: immer leuchtender, je grüner es wird. Statt Urwald: Kiefernplantagen, kilometerlang. Bäume wie Soldaten. Und die Straße: schnurgerade über die Hügel. Bis zum Horizont. Ab vier hat die Sonne diesen Untergangs-Touch. Fluche, weil der Bus viel zu spät dran ist. Ich soll abgeholt werden und habe die Hotelnummer vergessen.
Von Puerto Libertad nach Puerto Bemberg sind es wenige Kilometer auf ungeteerter Straße. Ehemalige Mate-Plantage eines reichen deutschstämmigen Brauereibesitzers aus Buenos Aires. Jetzige Besitzer betreiben das Hotel und rückverwandeln die ca. 265 Hektar in Atlantischen Regenwald. Der vom Aussterben bedrohte.

60)
10. August
Fahrt zu den Cataratas von Iguazú. Heißer Tag. Hinter dem Eingang ein Bahnhöfchen. Von dort mit dem offenen Turizug („Tren ecologico” – das Wort „ecologico” höre ich hier zum ersten Mal) zum Garganta de Diablo. Durch den Urwald. Man sieht kaum hinter die erste Baumreihe. Die Bäume überwuchert. Kletterpflanzen, Lianen, Epiphyten (Pflanzen, die auf andern Pflanzen wachsen, ohne ihnen die Nährstoffe zu entziehen). Grüner Raum aus Blättern und Licht. Töne, die ich nie gehört habe (manche erinnern an elektronisches Spielzeug – oder umgekehrt?!). Von der Endstation weiter zu Fuß. Über Gitterroste auf Betonpfeilern, Teil der bunten, mit Kameras gerüsteten Turiwalze, die sich auf die Schmetterlinge stürzt. Zitronengelb, leuchtend blau, orange, violett, schwarz, durchsichtig. Der berühmte 88er neben mir auf dem Geländer, zeigt mir seine Nummer. In der Ferne Dampf. Und plötzlich stehe ich vor dem Abgrund und von allen Seiten stürzt Wasser in die Tiefe. Wie ruhig es gerade noch war. Und jetzt diese Wucht stürzenden Wassers. Löst sich in Dampf auf, der nach oben steigt.
Nicht weit von der Bahnstation eine Raststätte. Fastfood, Restaurant, Sammelplatz. Massenhaft Leute. Ein Tier auf dem Tisch. Sitzt auf einem Tablett. Eine ziemlich lange Nase durchwühlt Plastik und Papier nach Essensresten. Zerbeißt hastig die Plastikteile und spuckt sie aus.
Schilder, auf denen steht, man solle die Nasenbären nicht füttern. Sonst fräßen sie keine Waldfrüchte mehr und verbreiteten die Samen nicht mehr durch ihren Kot. Und würden zunehmend aggressiv untereinander und den Touristen gegenüber. Also bitte: keine Empanadas, Sandwiches und Würstchen, keine Coca Cola an die Nasenbären.
Auf dem Weg zum Fluss: Eine dicke Frau in weitem blauen Shirt. In der Hand eine Plastiktüte, aus der sie den vor ihr auf den Hinterbeinen sitzenden Nasenbär füttert. Sie kann gar nicht so schnell werfen, wie der Nasenbär frisst. Je näher er rückt, desto mehr weicht sie zurück.
Am Ausgang sind Tische aufgebaut. Guaranis bieten ihre Handarbeiten an. Kaufe ein paar geschnitzte Tiere. Nasenbär, Tucan, Gürteltier.
Auf der Rückfahrt: der schönste Sonnenuntergang meines Lebens. Wintersonne bei Sommertemperaturen.

61.)
11. August
Wanderung durch den Atlantischen Regenwald mit E. (und: P & B). Um acht gehts los. Ein Pfad durchs einhüllende Grün. E. macht uns auf Vogelstimmen aufmerksam. Auf abgestorbenen Bambus. Er stirbt nach genau einunddreißig Jahren. Er höre den Red Manakin. Ein knallroter Vogel im Grün. Seine durchdringenden Töne. Er warte er auf Artgenossen. Wir finden Spuren von Gürteltieren und kleineren Katzen (kleiner als ein Ozelot). Später sehen wir einen bräunlichen Vogel mit roten Augen und langem Federschwanz. Warum, hat er so lange Schwanzfedern, ist doch unpraktisch? Wer weiß! Mit dem Tonband lockt E. einen Blue Manakin an. Dort drüben, wohne der Crested Hummingbird. Wir sehen Blätter. E. zeigt uns einen Baum aus der Familie Myrtacea. Wirft pausenlos seine Rinde ab. Und bleibt immer, auch in der tropischen Hitze, kühl. Noch eine Feigenart: Vögel fressen die Feigen und kacken die Samen auf anderen Bäumen aus. Die Samen auf den Bäumen keimen sofort. Wachsen nach oben und unten. Verwachsen mit dem anderen Baum. Das sei ein langsamer, sich über Jahrzehnte hinziehender Prozess.
Nach einem Tag Schauen und Sammeln (Jäger- & Sammlerin): einfach nur abschalten. Trinke ein Glas sehr guten argentinischen Rotwein. Die Masken a. d. Wand im Restaurant. Die mythischen Tiere. Maus, Ameisenbär, Eule, Nasenbär. Wie geschaffen, um abzuschalten. Lauter Grinsegesichter, die von bös nach gut kippen und vice versa.
Die Mücken: kein Problem. Erst abends im Zimmer. Reibe mich mit „Off” ein. Schlafe in Rollkragen und Kapuze. Werde rabiat. Erschlage alles, was sich bewegt. Ganz wie die Europäischen Einwanderer.
Aber, aber: Gäbe es nicht so viele Mücken, hätten die Vögel, die du so liebst, nichts zu essen.

62.)
13. August
Bootsfahrt auf dem Paranà. Fünf Touristen plus Bootsführer und J. Das Haus direkt am Fluss: das ehemalige Haupthaus des Anwesens. Nicht weit davon die Kapelle der Familie. Wir fahren schnell, stromaufwärts. Links Paraguay – Rinder und Kiefern, rechts Argentinien – das Reservat. Steile Ufer. Zuviele Strudel. Kein zum Schwimmen verlockender Fluss. Wir fahren in einen Seitenarm. Zu einem Wasserfall. Etwa 30 m hoch. Wir bleiben eine Weile. Wie kommt der Plastikmüll in die Baumkronen und Büsche entlang des Ufers? Durch die Flut. Wenn es mal regne, schwille der Fluss sofort an. Und bringe Müll mit.

63.)

Besuch der „Nursery”. Mit dabei ein Professor aus C. und seine Frau.
E. führt uns. Das Vergnügliche an einem Spaziergang mit einem Professor: He’ll do all the talking. Man erfährt die Fakten. Präzise Fragestellungen. Und: Oh, you are a writer – so you are here because of the feel of this place.
Das Schöne, sagt E., ist, dass hier einfach alles wächst. Fast all die tausend Baumarten Argentiniens kommen vor.
In der Baumschule werden Regenwaldbäume herangezogen. Die Besitzer sehen es als Aufgabe an, in der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Schönheit und Notwendigkeit der ursprünglichen Flora überhaupt erst zu schaffen. Die Einwanderer aus Europa haben den Regenwald abgeholzt, verbrannt, zerstört, wo sie nur konnten. Sie brachten eigene Pflanzen mit und versuchten, sie heimisch zu machen. Die Transportmaschine Mensch. Die Mehrwertmaschine. Wenn alles vom Mehrwert besetzt ist, beginnt die Maschine sich selbst zu fressen.

64.)
13. August
Besuch des Guarani Dorfes Guapoi („Strangler Fig”). Etwa fünfundzwanzig Familien. Vor zirka dreißig Jahren von der Regierung umgesiedelt. Sie bekommen etwa 100 Hektar Land. Und seit Frau Kirchner angeblich auch ein Geld. Ein bisschen. Das Land ist zu klein für die Jagd. (Die Guaranis sind die Einzigen, die noch jagen dürfen.) Sie stellen Fallen aus Holz und Lianen. Kein Metall, kein Plastik. Ein junger Guarani demonstriert wie gut sie funktionieren.
Viele Indianer haben Alkoholprobleme, erzählt E. Die Argentinier wollen mit ihnen nichts zu tun haben. Lachen über sie. Den Guaranis fehlt es an allem. Immer mehr Junge verlassen das Dorf.
Die Guaranis zählen einfach nicht. Weder hier noch dort.

Gehe jetzt anders um mit den Mücken. Nicht mehr diese panische Körperabdeckung mit dem Repellent. Und: kein Stich.

65.)
14. August
Rückfahrt nach Posadas über San Ignacio.
Besuch der Jesuiten-Missionen. An der Bushaltestelle: völlig unbeachtet ein Tier auf dem Boden. Eine Art Motte, so groß wie ein Vogel, liegt auf dem Rücken. Der kalte Wind löst schon winzige federartige Teilchen aus ihrer Brust, während Beine und Fühler noch schwach zucken.
Die Jesuiten-Missionen: Im 16. Jahrhundert kommen die Jesuiten. Bauen nach und nach riesige Kirchen mitten in den Urwald. Lernen die Sprache der Guarani. Bauen Dörfer. Insgesamt über dreißig im Dreiländereck Brasilien-Paraguay-Argentinien. Immerselber Grundriss. Große Kirche, großer Platz, drumherum in Reihen: Wohnhäuser. Nehmen Indianervölker bei sich auf. Ein Geschäft: Missionierung für den Schutz vor Sklavenjägern. Manche Stämme (Familien) halten es nicht aus. Kehren zurück in die Wälder. Es funktioniert, bis die Spanische Krone die Jesuiten vertreibt. In späteren Kriegen werden die Jesuiten-Niederlassungen bis auf die Grundmauern zerstört.
Im kleinen Museum vor Ort: Skulpturen. Tonbandaufnahmen der Musik, die die Guaranis gespielt haben. Die Tonbandaufnahmen der Guarani-Musik funktionieren nicht.
Laufe zwischen den Ruinen umher. Roter, aufeinander geschichteter Stein. Vor dem Tor: Guaranis, die ihre Produkte verkaufen. Und Kinder, die nach Dollars fragen.

66.)
15. August
Zurück in Posadas. Die deutschen Damen erzählen das erste Mal von den Konflikten in den deutschen Kolonien. Es habe viele Hitleranhänger gegeben. Pro und Contra zerstritten im Gleichgewicht. Junge Männer, die sich von Argentinien aus freiwillig an die Fronten des Zweiten Weltkriegs meldeten. Sie erinnere sich, sagt W., an zwei Schulen in derselben Straße, einander direkt gegenüber. Eine für Hitler, die andere gegen Hitler.
Ihr Vater, ein Pro, habe sie unpolitisch erzogen. Ihr Mann habe später versucht, den Vater aufzuklären. Vergeblich. Er sei als Nazionalsozialist gestorben.

erstellt am 16.9.2010

Fotos aus Argentinien von Alissa Walser

Argentinien
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Argentinien
Häuser und Baumgeäst
Argentinien
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Hochhäuser