Hätten in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts am Darmstädter Pädagog ähnliche Zustände geherrscht, wie sie die Missbrauchsskandale im Jahre 2010 an der Odenwaldschule und dem Canisius-Kolleg in Berlin nach jahrzehntelanger Vertuschung aufdeckten, dann hätte Georg Büchners literarisches Werk wohl kaum anders aussehen können, als es das tut. Was aus der Feder des Revolutionärs, Dichters und Wissenschaftlers floss, war weniger Politisch-Soziales, kein „Friede den Hütten! Und Krieg des Palästen!“, sondern auffällig Anstößiges – in beidem, den Hütten wie den Palästen. Auffällig ist darüber hinaus – und ein veritabler geisteswissenschaftlicher Skandal – dass die Forschung die pädosexuellen Motive in Büchners Werk nicht nur ignoriert, sondern explizit negiert. Büchners kulturbetriebliche Vermarktung als demokratiebringendem Helden und Personalunion von kritischem Denken, kreativem Schreiben und wissenschaftlichem Forschen hört das vermutlich nicht gerne, dem Dichter und Menschen Georg Büchner (der mit seinem Hessischen Landboten vielleicht weniger die Revolution herbeizuschreiben versuchte, als vielmehr in erster Linie die „freiwillige Verbannung“ ins benachbarte Straßburg) kommen die Entschlüsselungen des Woyzeck- Fragments und die Ergänzung seiner Biografie um bislang unter den Tisch gekehrte Daten indes zugute. Jedenfalls sollte man die Funde von Christian Milz diskutieren – und nicht zuletzt auch darüber, warum sie erst jetzt zur Sprache kommen. Zwei Auszüge aus seinem Buch über den Mythos Büchner finden sich hier.

Georg Büchner 2012/13

Mythos Georg Büchner

Von Christian Milz

Unter dem Motto „Geist der Freiheit – Freiheit des Geistes“ propagiert der hessische Kulturbetrieb im Rahmen des Doppeljubiläums zweier Gedenkjahre Georg Büchner light:

In einer Epoche, die durch Unterdrückung der Freiheitsrechte und desaströse soziale Verhältnisse bestimmt war, kämpfte Georg Büchner mit äußerster Leidenschaft für Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Mit seinen Werken, Briefen, der Flugschrift Der Hessische Landbote, die er zusammen mit Friedrich Ludwig Weidig verfasste, sowie der Mitbegründung der Gesellschaft der Menschenrechte hat Büchners Geist der Freiheit Spuren in der ganzen Region hinterlassen.

Die PR der „KulturRegion FrankfurtRheinMain“ spült den Revolutionär und Dichter weich und platziert denjenigen, der in seiner revolutionären Flugschrift den Palästen den Krieg erklärte, umstandslos im Zusammenhang der regionalen „Burgen, Schlösser und Paläste“.Die Werbung in Sachen Kultur und Region stülpt Büchner regelrecht um. Dessen Werke beschwören alles andere als die Freiheit des Geistes. „Was ist das, was in uns hurt, lügt, stielt und mordet“, lässt der Dichter des Revolutionsdramas seinen Danton fragen und feststellen: „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!“ In einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé stellte Georg Büchner Anfang 1834 die gleiche Frage, nur ließ er hier das „hurt“ weg. Sein Woyzeck gehorcht mörderischen inneren Stimmen, die geistige Tätigkeit seines Lenz ist Spielball von Impulsen, die eine unbeschreibliche Angst hervorrufen. Selbst der politische Georg Büchner hielt nicht unbedingt viel von geistiger Freiheit. Er schrieb Anfang Juni 1836 an seinen Verleger Karl Gutzkow:

Übrigens; um aufrichtig zu sein, Sie und Ihre Freunde scheinen mir nicht grade den klügsten Weg gegangen zu sein. Die Gesellschaft mittels der Idee von der gebildeten Klasse aus reformieren? Unmöglich! Unsere Zeit ist rein materiell . . . Sie werden nie über den Riß zwischen der gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen. Ich habe mich überzeugt, die gebildete und wohlhabende Minorität, so viel Concessionen sie auch von der Gewalt für sich begehrt, wird nie ihr spitzes Verhältnis zur großen Klasse aufgeben wollen. Und die große Klasse selbst? Für die gibt es nur zwei Hebel, materielles Elend und religiöser Fanatismus. Jede Partei, welche diese Hebel anzusetzen versteht, wird siegen. Unsere Zeit braucht Eisen und Brot – und dann ein Kreuz oder sonst so was.

Mit mehr Recht als die Apologeten der Freiheit des Geistes könnte sich der Dschihad auf Büchner berufen. „Ein Kreuz oder sonst so was“, das wäre gegebenenfalls auch Allah.
Der korrelative Blick auf die Gänze seines kurzen Lebens und sein Werk ignoriert unerwünschte Aspekte. „Ästhetische Vorstellungen, wissenschaftliche Erkenntnisse und politisches Handeln – bei Georg Büchner bilden sie eine Einheit“, heißt es in dem Katalog der Ausstellung des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt Georg Büchner und seine Zeit. Büchners Suche nach einem neuen geistigen Leben im Volke orientiere sich nicht am Fortschritt, nicht am Verstand und auch nicht an der Bildung, sondern schlicht am Menschenrecht. Mit dieser Auffassung habe Büchner unsere Gegenwart erreicht.

Der ehemalige Staatsfeind wird zum „praktischen Demokraten“ deklariert und zum „Literaten der Armen und Entrechteten“ stilisiert. Nur ist dieser Nimbus ohne eine Verfälschung und Entstellung der Dichtung Büchners nicht zu haben. Der Held Georg Büchner kostet den Dichter. Eine direkte Verbindung zwischen Moral und Kunst herzustellen, geht traditionell zulasten der Kunst.

Quelle (und Zitat)?

Man liest Büchners nachträglich zu Lese- und Bühnenfassungen bearbeitetes Dramenfragment vornehmlich als Antwort auf einen vermeintlichen Justizmord, als Büchners Verdikt der zeitgenössischen Justiz, stellvertretend für seine Kritik an der Gesellschaft, gegebenenfalls gar als Einkleiden seiner „sozialpsychologischen und psychopathologischen Studien in dramatische Form“. Aber es gibt im Woyzeck keinen Gerichtsprozess, keine gerichtspsychiatrische Begutachtung, kein Todesurteil, keine Hinrichtung eines männlichen Opfers eines unmenschlichen Justizsystems. Stattdessen wird ein weibliches Opfer, wie Grimm richtig feststellt, auf der Bühne erstochen, gestraft und gerichtet, „förmlich auf gleichsam rituelle Weise.“ Zudem sind Woyzecks Peiniger, der Hauptmann und der Doktor, Ergänzungen späterer Entwurfsstufen. Dort, wo gemordet wird, spielen sie keine Rolle.

Wenn Büchner wirklich Kritik an der Justiz und dem „System“ hätte üben wollen, dann hätte er die Woyzeck- Geschichte so nicht erzählen dürfen. Vielleicht aber hat ihn etwas anderes interessiert. Möglicherweise auch der relativ frühe Mutterverlust beziehungsweise die offenkundige Mutterersatzfunktion des fünf Jahre älteren Opfers, der Witwe Woost. Vor allem aber ein Aspekt der gutachterlichen Charakterisierung macht Woyzeck interessant und stellt ihn – allerdings in extrem kontrastierendem Kontext – neben eine am zeitgenössischen Bühnenhimmel thronende Figur: Hamlet. Clarus schreibt:

Der Inquisit hegt allerhand irrige, phantastische und abergläubische Einbildungen von verborgenen und übersinnlichen Dingen, denen bei ihm theils Mangel an Kenntniß und Erziehung, theils Leichtgläubigkeit zum Grunde liegt, und die durch Neugier, durch einen natürlichen Hang, über dergleichen Dinge nachzugrübeln, und durch die, in seiner hypochondrischen Stimmung begründete Scheu, sich mitzutheilen, genährt und unter halten worden ist . . . Eben dahin gehört ferner seine Vorstellung von der Wichtigkeit der Träume, von denen er glaubt, daß sie theils buchstäblich in Erfüllung gehen, theils eine allegorische Bedeutung haben, vermöge deren durch sie bald verborgene Dinge, zum Beispiel von ihm als sehr wichtig betrachtete Zeichen der Freimaurer, angezeigt, bald die Zukunft enthüllt werde. – Aus derselben Quelle entspringt endlich auch sein Glaube an die Möglichkeit materieller Wirkungen der Geisterwelt und selbst an Verkörperungen der Geister oder Geisterscheinungen.

„Die Zitate in Büchners Werk sind früh bemerkt und oft besprochen worden; die Büchner-Philologie ist zu einem guten Teil damit beschäftigt, sie wie entlaufene Hunde zurückzubringen, sie an ihre Quelle zu ketten und sich der Frage zuzuwenden, warum Büchner diese Zitate verwendet hat“, stellt Müller-Sievers fest.
Entsprechend akribisch listet man die Übereinstimmungen zwischen den Gutachten und dem Woyzeck- Fragment auf. Die postulierte Abhängigkeit des Dramas von der Fallgeschichte des historischen Woyzeck ist ein Produkt der Forschung des 20. Jahrhunderts.

Verschwiegenes aus Büchners Leben

Mit der Parole „Friede den Hütten und Krieg den Palästen“ ist Büchners literarisches Werk nicht auf den Begriff zu bringen. Weder herrscht Krieg im Palast noch Friede in der Hütte. Durchgängig nirgends. Und doch verfügt die Mythisierung Georg Büchners über solch eine hermeneutische Kraft, dass Feststellungen wie die folgende von Walter Grab auf dem Zweiten Internationalen Georg Büchner Symposion 1987 unwidersprochen das Bild des Revolutionärs und Dichters Büchner prägen:

Georg Büchners Gesamtwerk beruht auf den demokratischen Ideen der Französischen Revolution, die er während seiner Straßburger Studienzeit kennenlernte. Das Motto seines Hessischen Landboten: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ könnte als Motto über allen seinen Schöpfungen stehen. Der Hessische Landbote hat Büchners Leben bestimmt: Ohne diesen Aufruf, der die Bauern über die Ursache ihrer Misere aufzuklären und zum Aufstand zu bewegen suchte, hätte für ihn keine Notwendigkeit bestanden, nach Straßburg zu flüchten.

Der letzte Satz ist unfreiwillig doppelsinnig. Ohne diesen Aufruf zum Umsturz hätte für Büchner zwar gewiss keine Notwendigkeit bestanden, nach Straßburg zu flüchten, vor allem aber auch keine Möglichkeit, dorthin zu gelangen. Dieser Aspekt der Flucht wird nie thematisiert, er ist aber zu berücksichtigen, denn Büchner lebte und studierte keineswegs freiwillig und gern in Gießen. Mit dem Argument der Notwendigkeit glaubt man, die Fluchtgründe hinreichend erfasst zu haben. Was aber, wenn der Hessische Landbote weniger als Aufruf zum Umsturz zu verstehen wäre, denn als Hasspredigt und Publikumsbeschimpfung mit dem verdeckten Zweck, den politischen Eklatund damit das Exil zu erzwingen. Die Büchner-Rezeption liest den Hessischen Landboten mit der gleichen Brille der Voreingenommenheit als Werk eines Dichter-Revolutionärs, wie Büchners literarisches Werk.
Dass der Autor über eine Doppelstrategie verfügt haben könnte, wird nicht in Erwägung gezogen. Solche Überlegungen kommen in der Büchner-Forschung einem Tabubruch gleich, obwohl mehr Indizien dafür sprechen als dagegen.

Nicht nur die Fürsten, der Hof und der Staat bekamen im Hessischen Landboten ihr Fett weg, sondern auch die eigentlichen Adressaten, die Bauern. Über erstere sagte die Flugschrift: „Der Fürstenmantel ist der Teppich, auf dem sich die Herren und Damen vom Adel und Hofe in ihrer Geilheit übereinander wälzen – mit Orden und Bändern decken sie ihre Geschwüre und mit kostbaren Gewändern bekleiden sie ihre aussätzigen Leiber. Die Töchter des Volks sind ihre Mägde und Huren.“ Die Bauern und Bürger macht Büchner zu Gewürm, das Volk ist der Dünger auf dem Acker – der agitatorische Zweck war klar, aber gleichwohl las sich das nicht gerade schmeichelhaft. Ganz offensichtlich lag der eigentliche Wert der Adressaten in ihrer Masse:

Ihrer sind vielleicht 10,000 im Großherzogtum und Eurer sind es 700,000 und also verhält sich die Zahl des Volkes zu seinen Pressern auch im übrigen Deutschland . . . Das deutsche Volk ist Ein Leib und ihr seid Glieder dieses Leibs . . . Wann der Herr euch seine Zeichen gibt durch die Männer, durch welche er die Völker aus der Dienstbarkeit zur Freiheit führt, dann erhebet euch und der ganze Leib wird mit euch aufstehen. (aus: Der Hessische Landbote)

Büchner setzte mit der Flugschrift politisch alles auf eine Karte. Das war keineswegs strategisch klug. Wahrscheinlicher als ein politischer Erfolg des Hessischen Landboten – und hier kam nur ganz oder gar nicht in Frage – war die Aussicht, sich als Staatsfeind Nr. 1 zu profilieren. In diesem Fall blieben nur die Flucht und das französische oder schweizerische Exil. Der Autor wusste das, und er rechnete damit.

Christian Milz

Abdruck, mit freundlicher Genehmigung des Passagen Verlags Wien.

Kommentare


Ulrich Acker - ( 06-11-2012 05:28:24 )
Ich wundere mich über die sehr spekulative Einleitung in der Kurzfassung "pädofil", ohne dass dazu etwas folgt.

Gruß Acker

ANH - ( 13-11-2012 10:36:08 )
Darüber wüßte auch ich gerne mehr... also erst einmal: überhaupt etwas.
ANH
www.albannikolaiherbst.de

Franziska Lüdtke - ( 14-11-2012 08:55:14 )
Ich verstehe Christian Milz Interpreationen der Büchner-Zitate nicht ganz: Nur weil Büchner die Zustände in allen sozialen Schichten nüchtern beschreibt, heißt das noch nicht, dass er sie billigt. Anders als viele Zeitgenossen und viele Revolutionäre bis heute hat G.B. das «einfache Volk» eben nicht romantisch verklärt. Aber bloß weil man die Unterprivilegierten, bzw. «Ungebildeten» nicht zu engelhaft reinen Opfern stilisiert, muss man die Tatsache, dass es Unterprivilegierte gibt noch lange nicht gut finden. Man kann sich ohne romantische Illusionen womöglich sogar besser für sie einsetzen. Die Menschenrechte gelten für alle: das heißt auch für die Ungebildeten, Hässlichen, Bösen, Schmutzigen, Schwierigen und Religiösen. Büchner war eben einfach konsequent – ein nüchterner Beobachter von Menschen, dessen politische Folgerungen auf dem beruhten, was er sah und nicht auf dem, was er sehen wollte. Wie später ?echov …
Und wo war jetzt die Pädophilie?

Franziska Lüdtke - ( 14-11-2012 08:56:10 )
Ich verstehe Christian Milz Interpreationen der Büchner-Zitate nicht ganz: Nur weil Büchner die Zustände in allen sozialen Schichten nüchtern beschreibt, heißt das noch nicht, dass er sie billigt. Anders als viele Zeitgenossen und viele Revolutionäre bis heute hat G.B. das «einfache Volk» eben nicht romantisch verklärt. Aber bloß weil man die Unterprivilegierten, bzw. «Ungebildeten» nicht zu engelhaft reinen Opfern stilisiert, muss man die Tatsache, dass es Unterprivilegierte gibt noch lange nicht gut finden. Man kann sich ohne romantische Illusionen womöglich sogar besser für sie einsetzen. Die Menschenrechte gelten für alle: das heißt auch für die Ungebildeten, Hässlichen, Bösen, Schmutzigen, Schwierigen und Religiösen. Büchner war eben einfach konsequent – ein nüchterner Beobachter von Menschen, dessen politische Folgerungen auf dem beruhten, was er sah und nicht auf dem, was er sehen wollte. Wie später ?echov …
Und wo war jetzt die Pädophilie?

Franziska Lüdtke - ( 14-11-2012 08:56:10 )
Ich verstehe Christian Milz Interpreationen der Büchner-Zitate nicht ganz: Nur weil Büchner die Zustände in allen sozialen Schichten nüchtern beschreibt, heißt das noch nicht, dass er sie billigt. Anders als viele Zeitgenossen und viele Revolutionäre bis heute hat G.B. das «einfache Volk» eben nicht romantisch verklärt. Aber bloß weil man die Unterprivilegierten, bzw. «Ungebildeten» nicht zu engelhaft reinen Opfern stilisiert, muss man die Tatsache, dass es Unterprivilegierte gibt noch lange nicht gut finden. Man kann sich ohne romantische Illusionen womöglich sogar besser für sie einsetzen. Die Menschenrechte gelten für alle: das heißt auch für die Ungebildeten, Hässlichen, Bösen, Schmutzigen, Schwierigen und Religiösen. Büchner war eben einfach konsequent – ein nüchterner Beobachter von Menschen, dessen politische Folgerungen auf dem beruhten, was er sah und nicht auf dem, was er sehen wollte. Wie später ?echov …
Und wo war jetzt die Pädophilie?

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erstellt am 27.10.2012

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