Die Menschen in Stephan Thomes Romanen haben ihr Leben weder vor noch hinter sich. Sie stecken bereits mitten drin, sind dem Zerfall der eigenen Lebensentwürfe ausgeliefert. Meisterhaft beschreibt der Autor diese heikle Lebensphase und erweist sich, so Martin Lüdke, als legitimer Nachfolger Martin Walsers. Mit den Romanen Grenzgang (2009) und Fliehkräfte (2012) war Thome bereits zweimal auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis.

Stephan Thome liest im Zehnseiten-Video aus seinem neuen Roman Fliehkräfte.

Leseempfehlung

Helden wie wir

Einführung zu den beiden Romanen von Stephan Thome

Von Martin Lüdke

Der Autor ist, wie man da sagt, von Haus aus Philosoph. Seine Dissertation, „Die Herausforderung des Fremden. Interkulturelle Hermeneutik und konfuzianisches Denken“, bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt erschienen, scheint mir ein originärer Versuch zu sein. Plagiatsvorwürfe muss er, vermute ich, nicht befürchten. Eher darf er Respekt erwarten.
Doch, bitte sehr: Das alles muss man nicht wissen. Das muss man nicht einmal merken. Doch vielleicht wird man es spüren. An seiner Einstellung zum Leben.
Stephan Thome, 1972 in der nordhessischen Kleinstadt Biedenkopf geboren, studierte in Berlin Philosophie und Sinologie. Zehn Jahre arbeitete er wissenschaftlich, als Philosoph, wie es jetzt im Klappentext seines zweiten Romans „Fliehkräfte“ heißt, in Ostasien, davon sechs Jahre, bis 2011, in Taiwan. Dort, in also wahrhaft weiter Ferne, hatte er sein Debüt, „Grenzgang“, 2009, einen äußerst erstaunlichen Roman über seine nordhessische Heimat und über den Lebensentwurf seines Helden geschrieben, eines Historikers, dessen wissenschaftliche Karriere ins Stocken geraten war und der deshalb in sein nordhessisches Provinzkaff zurückkehrte.

Jetzt, drei Jahre später, liegt sein zweiter Roman vor: „Fliehkräfte“, der es wieder, wie schon sein erster, auf die Short-List zum Deutschen Buchpreis geschafft hat. Erstaunliche Erfolge, gewiss, doch keineswegs verwunderliche.
Der Held des neuen Romans, ein Philosoph, dessen Karriere-Wünsche sich zwar erfüllt haben, der aber doch unzufrieden mit seinem Leben und mit seiner Arbeit ist, nicht nur weil er, als alles nach Berlin strebte, in Bonn hängenblieb und mittlerweile, die Tochter aus dem Haus, auch seine Ehe auf der Kippe steht, sondern vor allem deshalb, weil er keine Perspektiven für sich, weder beruflich noch privat, mehr erkennen kann.
Die Prügelei, die er sich auf einem portugiesischen Autobahnrastplatz mit einem deutschen Wohnwagen-Touristen liefert, provoziert seinen portugiesischen Schwager zu der nicht unberechtigten Frage, ob man den handfest ausgetragenen Disput als „angewandte Philosophie“ verstehen dürfe?
Angewandte und praktische Philosophie dürfte zwar nicht unbedingt dasselbe sein, aber die Fragen, die sich der Philosoph Thome als Autor stellt, weit weg von allem akademischen Anspruch, zielen doch direkt auf unser (gegenwärtiges) Leben. Sozusagen praktische Philosophie in poetischer Gestalt.

Die Frage, ob das Leben misslingen kann, stellt sich uns allen, wenn auch erst nach einigem Vorlauf. Die Antwort bleibt (oft noch länger) offen. Von Menschen, die auf dieser Strecke mitlaufen und vorzeitig müde zu werden drohen, erzählt Stephan Thomes neuer Roman. Und genau davon erzählte bereits auch sein erster.
„Grenzgang“ wurde zu einer der größten Überraschungen des Jahres 2009. Ein schönes, ein trauriges, ein erstaunlich reifes und sogar ein großes Buch von all den Sehnsüchten und Hoffnungen, mit denen sich die Menschen auf den Weg machen, von den Enttäuschungen, die sie erfahren, dem kurzen Glück, das sie erleben. Und von der langen Einsamkeit, die dann oft kommt, und jener kleinen Chance, die manchmal bleibt. Es geht vorderhand um das Leben in der Provinz, die aber auch nicht mehr ist, was sie mal war. Ihre Grenzen scheinen durchlässiger, oder gar, wie durch das Internet, ganz aufgehoben. Damit verschärfen sich aber nur die Bedingungen, weil dort immer noch jeder jeden kennt und alle über alle alles wissen. Man sieht sich, beobachtet sich, kontrolliert sich. Vieles verläuft regelmäßig.
Tatsächlich handelt es sich hier um eines der Merkmale jener Katastrophe, die zum alltäglichen Leben geworden ist. Stephan Thome erzählt mit einer verblüffenden Souveränität. Bereits mit den ersten Worten ist die passende Tonart angeschlagen: „Trotz allem: denkt sie, der Garten ist ein Traum.“ So beginnt der Roman. Die versäumten Möglichkeiten, von dem er handelt, werden damit schon einmal angedeutet. In dem „Trotz allem“ erklingt das Leitmotiv des Buches. Das gesamte Geschehen scheint von einer zwar immer präsenten, doch oft kaum noch spürbaren Melancholie verhüllt. Die Figuren dieses Romans sind sich sicher, in einer komfortablen und dennoch „beschissenen Falle“ zu sitzen. Sie sind nicht mehr zwanzig, das Leben vor sich. Sie sind auch nicht siebzig und haben das Leben hinter sich. „Wir sind“, meint Kerstin, „Mitte vierzig und das Leben läuft an uns vorbei.“

In den „Fliehkräften“ stehen die Hauptfiguren, nun gut zehn Jahre älter, im Grunde vor den gleichen Problemen.
In beiden Büchern wird, wohlgemerkt, keine Midlife-Crisis gefühlsselig ausgebreitet, sondern an der Lebensgeschichte einer ganzen Reihe von Personen ein Prozess der Erosion von Lebensentwürfen beschrieben.
Am Ende der „Fliehkräfte“ fragt sich Hartmut Hainbach, an der portugiesischen Küste auf dem Wasser treibend: „Wonach hat er gesucht? Wovor ist er weggelaufen? Worin besteht dieses nicht fassbare, sich ständig wandelnde Etwas, das die Gestalt von Liebe und Ehrgeiz, von Sehnsucht wie von Lust annehmen kann und das beinahe alles zu können scheint außer einem: aufhören.“

Hartmut Hainbach war, um zu dieser Einsicht zu kommen, dreitausend Kilometer unterwegs gewesen. In Portugal endlich, hatte er sich zunächst mit seiner Tochter getroffen, dann, bei den portugiesischen Verwandten, kam schließlich auch noch seine Frau dazu. Ein Happy End?
Nicht unbedingt. Aber doch die Einsicht in die gegebenen Verhältnisse. Mag sein, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Es gibt aber – immerhin – Möglichkeiten.
Für mich ist Stephan Thome ein legitimer Nachfolger eines der großen Erzähler der alten Bundesrepublik, nämlich von Martin Walser.
Walser hatte einst, vergleichbar dem Amerikaner John Updike, in seinen frühen Romanen, angefangen mit den „Ehen in Philippsburg“, „Halbzeit“ bis hin zur der Novelle „Das fliehende Pferd“ und dem „Schwanenhaus“, etwas beschrieben, was er selbst die „Geschichtsschreibung des Alltags“ genannt hatte. Wer in hundert Jahren wissen will, wie es einmal zuging bei uns, in abseits gelegenen Kleinstädten, in den zu Tode reformierten Universitäten, in den Familien, die in diesen Verhältnissen und unter solchen Bedingungen leben, der kann sich an Walser halten, und ab jetzt an Stephan Thome.
Er wird einiges erfahren, vor allem aber wird er entdecken, dass da, wie einst der Lateiner zu sagen pflegte, auch seine Sache verhandelt wird.

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erstellt am 22.10.2012

Stephan Thome
Fliehkräfte
Roman
Gebunden, 474 Seiten
ISBN: 978-3-518-42325-7
Suhrkamp, 2012

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Stephan Thome
Grenzgang
Roman
Gebunden, 454 Seiten
ISBN: 978-3-518-42116-1
Suhrkamp Verlag, 2009

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