Nachbesprechung

»Bildung, Bildung, Bildung!«

Ludwig Büchner und die Frauenfrage im Literaturhaus Darmstadt

Von Jennifer Warzecha

Die weibliche Emanzipation, also die Gleichberechtigung der Frau, ist vielen nur im Zusammenhang mit der Frauenrechtlerin und Autorin Alice Schwarzer bekannt. In Darmstadt dagegen gibt es nicht nur Luise Büchner, nach der eine Gesellschaft im Literaturhaus Darmstadt benannt ist. Ein Mann, der die Interessen der Frauen und ihre verstärkte Partizipation in der Öffentlichkeit vertrat, war Ludwig Büchner: Bruder von Georg, Publizist (u.a. „Kraft und Stoff“, 1855) und Physiker. Über die Gedanken Ludwig und Luise Büchners zur Frauenfrage referierten zwei Vorstandsmitglieder der Gesellschaft, Peter Brunner und Agnes Schmidt. „Die Frau soll hinfort von keiner Art der Arbeit, sei sie mechanischer oder geistiger Natur, mehr ausgeschlossen sein, für welche sie ihre Befähigung tatsächlich erwiesen hat.” Dies forderte Luise Büchner 1870 (zitiert aus „Frauen und ihr Beruf – Von der Gastwirtin zur Politikerin”, in der Reihe Stadtrundgänge: Darmstadt aus Frauensicht 4). Ihr Bruder Ludwig (1824-1899), der Metaphysiker, Publizist, und laut Peter Brunner „einer der entscheidenden Sachbuchautoren des 19. Jahrhunderts, der die Erkenntnisse der Größen von Philosophie und Naturwissenschaft der Arbeiterbewegung wie Ludwig Feuerbach und Charles Darwin popularisiert dokumentiert und weiterverbreitet hat”, stimmt ihr zu: „Uebrigens gibt es bekanntlich so viele Zweige der menschlichen Thätigkeit, für welche die Frauen ebensogut, wenn nicht besser geeignet sind als die Männer, wie Landbau, Viehzucht, Gärtnerei, Uhrmacherei, Weberei, Stickerei und vergl. Schriftsatz, Postbetrieb, Buchführung (…)” (zitiert aus Ludwig Büchner: Der Mensch und seine Stellung in der Natur, Leipzig 1872). Was heute selbstverständlich klingt, barg damals gesellschaftlichen Sprengstoff. Zahlreiche Wissenschaftler postulierten, dass die Frau in der Gesellschaft eine untergeordnete Stellung einnehmen muss, weil ihr Gehirn kleiner sei als das des Mannes. Beide Geschwister dementierten das, indem sie betonten, dass nicht physikalische Faktoren, sondern das Maß an Bildung, Erziehung und Förderung der Frau zu besserem Ansehen und Gleichberechtigung neben der Position des Mannes verhelfen. Peter Brunner, dem die Freude und der Eifer über das Wirken des Autors ins Gesicht geschrieben stehen, zitiert Ludwig Büchner aus dem oben genannten Buch: „Stehen doch die Pflichten und Leistungen, welche das Weib im Organismus der menschlichen Gesellschaft zu erfüllen hat, weder an Wichtigkeit, noch an Schwierigkeit denen der Männer nach.”

Ludwig Büchner erkennt bereits im 19. Jahrhundert, dass Bildung Frauen den Zugang zur Welt verschafft. Wie Agnes Schmidt und Peter Brunner betonen, war es dennoch ein langer Weg, bis im Jahre 1918 in Deutschland das Frauenwahlrecht und damit eine neue Form der Beteiligung für Frauen, eingeführt worden ist. Es sei dabei verblüffend zu sehen, dass „wo Frauen früher an Unis zugelassen wurden, wie in Frankreich oder Zürich, später das Frauenwahlrecht eingeführt worden ist”, so Agnes Schmidt.
„Auch sonst wurde das 20. Jahrhundert nicht das Jahrhundert des Glücks und der Aufklärung, wie sich Ludwig Büchner das erträumt hat”, so Brunner. Die Arbeit an der Verbesserung der Welt bleibt mühsam.

Veranstaltungen wie diese könnten helfen, um nicht nur Georg Büchner, sondern auch die Ideen seiner Geschwister wieder ins Gedächtnis zu rufen – umso mehr, wenn sie nicht wie an diesem Abend so spärlich besucht sind.

erstellt am 21.10.2012

Ludwig Büchner

Ludwig Büchner, ein jüngerer Bruder von Georg Büchner.