Gustave Caillebotte Selbstporträt, um 1891-92

Gustave Caillebotte. Selbstporträt, um 1891-92. Öl auf Leinwand 40,5 × 32,5 cm. © Paris, Musée d'Orsay

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt etwa 500 Bilder, die einen Zusammenhang zwischen der Malerei von Gustave Caillebotte und der Fotografie beweisen sollen.

Ausstellung

Ein neuer Blick zwischen Malerei und Fotografie

Von Stefana Sabin

Zwar hat er immer wieder mit den Impressionisten ausgestellt, 1879 die vierte Impressionistenausstellung mitorganisiert und Bilder seiner Impressionisten-Freunde gesammelt, aber Gustave Caillebotte war, wie Magritte später feststellte, kein Impressionist. Und obwohl der legendäre Pariser Kunsthändler Durand-Ruel ihm schon 1888 eine Retrospektive widmete, verband man nach seinem frühen Tod 1894 seinen Namen meist mit dem Skandal um sein Vermächtnis.

Denn Caillebotte vermachte seine Sammlung von über sechzig Werken von Manet, Renoir, Pissaro, Degas, Sisley, Monet, Cézanne dem französischen Staat. Doch die verantwortlichen Kunstbeamten waren über das Geschenk alles andere als erfreut! Erst nach zähen Verhandlungen wurden einige der Meisterwerke ins Musée du Luxenbourg übernommen. Diese Auseinandersetzungen – typisch für die Haltung der staatlichen Kulturbehörden gegenüber der damals zeitgenössischen Kunst! – trugen dazu bei, dass der Millionär Caillebotte im Vordergrund und der Künstler Caillebotte im Schatten blieb.

Der Künstler schuf in seiner gerade mal zehn Jahre währenden Malerkarriere viele Bilder, die heute eher banal wirken und einige, die zu den Meisterwerken französischer Malerei gehören. Vielleicht wegen dieser ästhetischen Diskrepanz wird Caillebottes Werk selten eine eigene Ausstellung gewidmet. Zum 100. Todestag im Jahr 1994 war im Pariser Grand Palais eine große Retrospektive zu sehen, die sowohl die frühen Selbstporträts als auch die Hauptwerke – „Die Europabrücke“ von 1876, „Parkettabzieher“ von 1875 und „Straßen in Paris, Ein Regentag“ von 1877 – und die vielen dazugehörigen Vorstudien und Zeichnungen zeigte. Diese grandiose Ausstellung war der Beginn einer systematischen Beschäftigung mit Caillebotte, und tatsächlich haben seitdem mehrere Museen auf beiden Seiten des Atlantiks sein Werk ausgestellt.

Nun widmet sich die Frankfurter SCHIRN Caillebotte und deklariert ihn zum Pionier einer ästhetischen Symbiose zwischen Malerei und Fotografie. Dazu wurden 50 Gemälde von Caillebotte nach Frankfurt gebracht: viele belanglose Landschaften und Blumenbilder, aber auch ein wunderbares Selbstporträt und die Meisterwerke „Die Europabrücke“ und „Die Parkettabzieher.“ Das vielleicht bekannteste Gemälde, der „Regentag in Paris“, ist nur als Vorstudie vertreten und in einem Foto von Thomas Struth aus seiner Museumsserie – was der thematischen Ausrichtung der Ausstellung passend ist.

Gustave Caillebotte. Vier Vasen mit Chrysanthemen, 1893

Gustave Caillebotte. Vier Vasen mit Chrysanthemen, 1893. Öl auf Leinwand 54 × 65 cm. © Privatsammlung

Denn über 400 Fotografien umrahmen Caillebottes Gemäde: Stadtveduten von Charles Marville und Édouard Baldus, Bewegungsstudien von Muybridge, Straßenszenen von Moholy-Nagy sollen einen Zusammenhang zwischen der Fotografie und der Malerei in der Herausbildung eines neuen Sehens suggerieren.

Zwar haben Caillebottes Gemälde oft eine besondere Perspektive und man kann vielleicht behaupten, dass sie in dem weiten Bildausschnitt den fotografischen Blick vorweg nehmen. Aber Caillebotte hielt keine Momentaufnahmen fest, sondern ganze Szenen. Und weil ihm Struktur und Komposition wichtiger waren als Licht, war er Manet näher als Monet.

Die Ausstellung in der Schirn bestätigt den Eindruck, dass die impressionistische Lichtregie nicht Caillebottes Sache war; und trotz der beschwörenden Wandtexte kann sie einen gegenseitigen Einfluss zwischen seiner Malerei und der Fotografie nicht unzweideutig belegen.

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erstellt am 20.10.2012

Gustave Caillebotte. Boulevard Haussmann bei Schnee, 1879/1881

Gustave Caillebotte. Boulevard Haussmann bei Schnee, 1879/1881. Öl auf Leinwand 81 × 66 cm. © Musée du Château de Flers

Charles Marville. Boulevard Haussmann, 1877

Charles Marville. Boulevard Haussmann, 1877 Albuminabzug von einem Glasnegativ 26,2 × 36,9 cm © Bibliothèque historique de la Ville de Paris

Gustave Caillebotte. Trocknende Wäsche, 1888

Gustave Caillebotte. Trocknende Wäsche. 1888. Öl auf Leinwand 54 × 65 cm © Privatsammlung

Herbert List. Wäsche im Wind, Finkenwerder, 1934

Herbert List. Wäsche im Wind, Finkenwerder, 1934. Gelatineentwicklungspapier 11,5 × 10,3 cm © Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie

Gustave Caillebotte. Richard Gallo und sein Hund

Gustave Caillebotte. Richard Gallo und sein Hund Dick in Petit Gennevilliers, 1884. Öl auf Leinwand 89 × 116 cm. © Artattack Management Ltd.