Fotos: Dominik Mentzos
Fotos: Dominik Mentzos

Geht man durch Kaufhäuser, in denen bezahlbare Kleidung angeboten wird, wird einem schnell klar, dass der Mann „das ärmere Würstchen ist“. Während die Couturiers davon ausgehen, dass Frauen saisonal changierende Paradiesvögel sind, die sich längst von der anachronistischen Idee emanzipiert haben, dass Kleidung etwas mit Schutz vor klimatischer Unbill und mit Schönheit zu tun hat, scheinen Männer für sie Normreplikanten zu sein, deren Outfit nur eine Botschaft in die Welt trägt: Fesch ist, was langweilig ist. Die Frankfurter Modedesignerin Ruth Löffelholz verrät den Zusammenhang zwischen politischer Überzeugung und Bekleidungscode.

Ein Gespräch mit Ruth Löffelholz über Kleidung

Kleidung ist Kommunikation, die es in sich hat

Das, was Du machst, nennst Du, ich denke an den Stempel auf Deinen Aussendungen, Kleider. Damit ist Maßbekleidung gemeint. Wie kam es dazu?

Ich habe mit Siebzehn eine Schneiderlehre begonnen in einem alteingesessenen Atelier hier in Frankfurt, wohnte damals schon nicht mehr zu Hause, und man verdiente als Lehrling im ersten Lehrjahr damals 50 Pfennig die Stunde. Das hieß: einmal im Café frühstücken – wir machten das damals sehr gerne und es war ein Teil der Jugendkultur – und 1⁄4 des Monatslohns war futsch. Das war natürlich sehr schmerzhaft. Lehrling ist man ja, um irgendwann eine ordentliche Prüfung abzulegen: Knopflochstechen, eine Paspeltasche, ein Blusenärmel. Und dafür drei Jahre Lehre? Dafür war ich zu ungeduldig. Ich kündigte, frönte meinem Lebensstil, trat einen Job im Schulbuchverlag meines Vaters an und kaufte mir das Burda-Nähbuch (gibt es immer noch) und nähte und nähte, meistens Abends nach der Arbeit, schlug mir die späteren Nachtstunden in der Disco um die Ohren, schlief wenig, war aber im Flow. Mein erstes größeres Projekt war ein tailliertes Samtkostüm, mit samtgepaspelten Säumen, was so ungefähr das Schwierigste ist, was man sich aussuchen kann – ich wusste das nur nicht und es gelang mir. Dabei muss man im Kopf haben, dass in den trüben 80ern die Klamotten asymmetrisch geschnittene Fledermausformen hatten. Mit körpernahen Linien hatte die Mode damals nichts am Hut, ich bin bis heute bei der Taillierung geblieben. Es gibt da immer noch weiteres zu erforschen.

Es gab dann etliche Stationen: Ich brach zum Beispiel alle meine Zelte hier ab, kaufte einen Haufen Stoffe in den Stoffabteilungen der Kaufhäuser und zog kurzerhand mit einer Bekannten nach Ibiza, um dann dort eine Kollektion zu erstellen. Das war schon alles etwas dilettantisch. Wieder zurück in Deutschland versuchten wir die zu verkaufen, was natürlich fürchterlich scheiterte. Dann machte ich mit einem kleinen Atelier weiter, in einer eigentlich ganz hübschen Souterrain-Wohnung, die ich hier in Frankfurt bezog. Ich fertigte private Aufträge, was mich aber schnell unzufrieden werden ließ, denn viele Kundinnen kamen mit Bildvorlagen, und die hatten mit meiner Vorstellung von Kleidern recht wenig zu tun. Ich beschloss also diesmal wirklich eine professionelle Kollektion zu machen, das war 85, ich war so Anfang zwanzig, wollte die Silhouette der Kleidung erschaffen, meine Güte, wie war ich damals naiv. Damals war ja alles New Wave, ich war eher punkig-schräg drauf: bayrische Lederhotpants mit Kapitänsjacke und giftgrünen Lackschuhen. Die Mutter eines Freundes intervenierte dann und meinte, ich müsste bodenständige, verkäufliche Mode machen und stellte mir eine Bekannte von sich vor, die Bekleidungshersteller in Modedingen beriet. Raus kam dann eine furchtbar spießige Rockkollektion, die ich tapfer verteidigte, aber nie einen wirklichen Bezug dazu entwickeln konnte. Dabei war ich als ‚Teenagerʼ eher hippiemäßig drauf gewesen: mit langen karierten Hemden, Cordpumphosen und aufgestickten Frauenzeichen, weil ich mit der Frauenbewegung schon immer sympathisiert habe – meine Mutter hatte mit ihrem freiheitlichen Verhalten gute Vorlagen geliefert. Ich war in der Hausbesetzerszene unterwegs, ohne aber weiter daran beteiligt zu sein oder da gewohnt zu haben. Es wurde viel demonstriert, auf der Straße mit Leuten diskutiert und ich hatte mir immer geschworen, so spießig und eingefahren wie der Normalbürger werde ich nie! Irgendwann fand eine Party in einem der besetzten Häuser statt. Ich hatte Lust zu experimentieren und verkleidete mich. Ich weiß heute noch genau, was ich damals trug: eine Fechthose, die nur bis zum Knie ging, eine weiße Nylon mit schwarzen Punkten, einen Kunstpelzmantel, und hatte mir ein kleines zickiges Handtäschchen schräg über die Schulter gezogen. Die Haare hochgesteckt und geishamäßig mit Theaterschminke einen weißen Teint ins Gesicht geschminkt mit knallroten Lippen. Ich kam auf die Party und kein Mensch beachtete mich, geschweige denn redete mit mir. Das war unglaublich! Da entpuppten sich diese aufmüpfigen „andersdenkenden“ Leute für mich im Grunde als die gleichen Spießer wie die, mit denen ich auf der Straße diskutierte. Ich hatte einen wertvolle Hinweis bekommen: wie manipulativ Kleidung ist. Für mich wurde diese Erfahrung zu einer Art Initiationserlebnis. Mit und durch Kleidung, wie man erscheint, ist es möglich, etwas auszudrücken. Im Grunde wurde das zu so etwas wie meiner politischen Überzeugung bis heute: Wenn man schon nichts bewegen oder ändern kann, dann kann ich als Einzelne der Ausdruckskraft des anderen behilflich sein, so in etwa.

Mit dem Kollektionsprozedere rutschte ich zeitgleich ins Filmgeschäft. Eine Frankfurter Filmproduktion produzierte damals so eine Art Rahmenerzählung für die Rodgau Monotones, die Liedtexte wurden also verfilmt. Das waren die ersten Musikclips, die es damals ja noch gar nicht gab. Das machte viel Spaß, ich blieb dabei, machte meine Kollektion und stattete Filme aus, meistens das kleine Fernsehspiel – ich habe das insgesamt 18 Jahre lang gemacht, 1999 war ich beim Deutschen Filmpreis für das beste Kostümbild nominiert. Ich hab in der Zeit natürlich viel gelernt – und was ich da verdiente, half mir, meine eigene Linie durchzusetzen, ohne durch Nähaufträge, die nicht meiner Philosophie entsprachen, meine Miete verdienen zu müssen. Mit dem Film hab ich dann aufgehört, als meine erste Tochter zur Schule kam, um ihr selbst die Brote schmieren zu können.

Aber noch mal zurück: Mit meinen Kollektionen reiste ich damals durchs deutsche Land, ich glaube, keiner nahm mich wirklich ernst – ich war vielleicht viel zu jung. In der Folgezeit beschäftigte ich mich dann mehr damit, wie ich am besten produzieren könnte.

1990 eröffnete ich mein Geschäft in der Friedrichstraße, wo wir heute noch sind! Ich gab dann kurzerhand das Konfektionsgeschäft für andere Läden auf – weil ich es irgendwann unerträglich und unwahrhaftig empfand, Kleidung nur wegen des Umsatzes verkaufen zu müssen und das Frauen ein blaues Teil verkauft wurde, obwohl ihnen ein grünes viel besser gestanden hätte, nur weil eben kein grünes vorrätig war. Ich hatte, was die Produktionsmethode anbelangt, auch endlich den Ansatz gefunden, um dessen Perfektionierung es mir dann in den nächsten Jahren gehen sollte: nämlich die Kombination von handwerklicher und industrieller Verarbeitung. Daraus wurde dann erst einmal ein Maß-Konfektionssystem. Und weil alles, was man intensiv und wahrhaftig macht Zeit frisst, war das mit den Schulbroten dann auch so eine Sache …

Blick ins Atelier, Foto: Aziz Wakim
Blick ins Atelier, Foto: Aziz Wakim

Warum ‚Kleidungʼ für Frauen?

Tja, zuerst, weil ich diesem Geschlecht ja selber zugehörig bin und das Damenschneiderhandwerk gelernt habe. Es gibt da so etwas wie einen inneren Auftrag, daran forsche ich noch heute. Der Mann, der auch mit Bierbauch attraktiv zu sein scheint, die Frau, die sich zu bemühen hat, wo die Röllchen oder sonstige „Unzulänglichkeiten“ den Selbstwert antriggern, das passt mir nicht in die Erhabenheit des Seins. Es gibt zwar viel Mode, im übrigen meistens von Männern für Frauen gemachte, aber kaum den Support, wie sich die Frau darstellen kann als diejenige, die sie ist und was sie ist – und sich nicht verstellen muss. Ich würde sagen hier liegt der Grundimpuls für meine Arbeit. Obwohl … ich sehe da einen ähnlichen Bedarf für die Männer, beschäftige mich damit auch schon seit ein paar Jahren, aber wir machen offiziell erst seit 2010 auch Herrenbekleidung. Vielleicht ist der Mann im öffentlichen Leben das noch ärmere Würstchen, weil die Vorgabe seines Bekleidungscodes noch autoritärer ist: der Anzug, die Krawatte, das Hemd. Aber das männliche Bild wandelt sich heute mehr denn je. Einerseits hat ihn die Schönheitsindustrie gecasht, andererseits will er nicht mehr der Paradekrieger sein – sich selbst herausfinden hinter dem väterlich-gesellschaftlichen Leitbild. Und dann doch wieder ein Kerl sein, Geschäfte machen, Leittier und erfolgreich sein. Wir wenden uns diesem Thema zu, ohne den klassischen Herrenmaßanzug anzubieten, denn Schneider dafür gibt es ja. Bei uns gibt es den ‚weichgezeichnetenʼ Anzug für all diejenigen, die in Anzügen sonst eher verkleidet aussehen, gewissermaßen den Anzug statt Shirt oder Pullover.

Aber wieder zurück zur weiblichen Bekleidung: hier ist es ja in gewisser Weise umgekehrt, geht es um das, was dem Mann ohne viel Aufhebens Autorität verleiht, dem Weiblichen zuzuspielen, jedoch nicht im Sinne einer falsch verstandenen Emanzipation, in der das Weibliche das Männliche kopiert. Denn die Autorität der Frau ist – und bleibt – für mich ihre Weiblichkeit. Dafür schaffen wir zum Beispiel Module, durch die wir, natürlich immer nur individuell angepasst, Teile der männliche Bekleidungsattribute verwenden, wie Rückenschlitze, Einstecktaschen, Ärmelschlitze usw. und diese in die passend weibliche Kurve setzen; die Autorität des Herrenanzug persiflierend.

Sind die Entwürfe alle von Dir?

Sagen wir es mal so: Ich gehe nicht in Läden und kopiere, obwohl das in jedem Fall interessant und inspirierend ist, aber mir fehlt die Zeit dazu. Meine Herangehensweise? Ich versuche mich in das Zeitgeschehen zu vertiefen, mich in Zeitströmungen einzuklinken. Zum Beispiel: Wie sieht das ‚Kostümʼ zur Jahrtausendwende aus, oder wie nach der Bankenkrise? Das wird dann zum Teil recht delikat. Das taillierte ‚Kostümchenʼ zum Beispiel – Taillierungen ist unsere Profession, wir haben uns darauf spezialisiert – ist in ihrer Autorität zum Teil durchaus hoheitsvoll auf die ‚Sekretärinnenebene“ gewechselt. Aber wie sieht die führende, visionsweisende, sicher führende weibliche Person aus. Interessant ist, dass es plötzlich keine Schubladen mehr gibt. Mode als ein Allround-Vehikel wurde adaptiert. Und weil alles möglich ist, führt das – da es keinen Bekleidungsstil, sondern nurmehr Trends gibt, alle schauen, was die anderen tragen –, dann oft dazu, das etwas getragen wird, das man eigentlich gar nicht verträgt, das mit der eigenen Person gar nichts zu tun hat. Ich versteh mich darum vorrangig auch als Bekleidungsberaterin.

Es gibt natürlich die, die sagen: aber Bekleidung, das ist doch nur Oberfläche. Gewiss, aber eine, die es in sich hat. Meine Leitlinie ist eigentlich Kommunikation. Kommunikation findet ja nicht nur über Sprache oder Gesten statt. Genau genommen ist alles Kommunikation. Aber gerade in der Kommunikation erleben wir ja auch eine absolute Verohnmächtigung – zum Beispiel durch das Medienspektakel. Ich weiß nicht, was man da noch bewirken kann, aber ich glaube, was ich kann, das ist stärken. Das ist gewissermaßen meine Grundhaltung. Mode interessiert mich dabei wenig, und auch nicht das Rattenrennen in und um die Trends, obwohl ich natürlich ein Auge darauf habe. Aber Mode hat für mich keine Autorität, die ich anerkennen würde. Und dieses Moment stelle ich auch meinen Kundinnen und Kunden zur Verfügung. Wer will schon mit einer bestimmten Körpertiefe Hüfthosen tragen, zumal wenn man jenseits der 40 ist. Aber was soll man tun, wenn es nur solche gibt?

Wenn man die Kleider von damals sieht, dann sehen die ganz anders aus als heute. Was hat sich verändert?

Wenn ich an meine Kundinnen denke, dann ist mein Eindruck, dass sie heute ihren eigentlichen Bedürfnissen zugewandter sind, selbstbewusster gegenüber irgendwelchen (Mode)diktaten. Ich erlebe darum häufig Erleichterung, dass zum Beispiel eine bestimmte Rocklänge, die zur Zeit das Stangenrennen macht, bei uns außer Acht gelassen werden darf, ich den Fokus immer auf die Erscheinung der jeweiligen Frau, des jeweiligen Mannes lenke. Jeder wird willkommen geheißen, mit zu entscheiden bei dem, was gefällt. Das hat etwas wirklich Befreiendes und bezieht sich natürlich auf sämtliche andere Details und Formensprachen …; es mag für manche Leute absurd sein, welche Bedeutung, welche Wichtigkeit für uns jedes noch so kleine Detail der Kleidung hat, aber es geht da um etwas, das über die Kleidung hinausgeht: nämlich die konkrete Person, die da eingekleidet wird.

Hast Du damals damit gerechnet, dass Du damit Erfolg hast?

OK. Ich muss kurz lachen. Natürlich habe ich damit gerechnet, ich kann mich erinnern an die Gedanken ‚wo ich in 20 Jahren wohl binʼ. Da hatte man natürlich die allerhöchsten Erwartungen, die versponnensten Visionen. Aber jede Naht will erst einmal genäht sein …; ich denke, wir, also mein Team aus Schneiderinnen, die Besetzung wechselt immer wieder, haben etwas ganz Wundervolles geschaffen, nämlich eine Oase des Sehens, wenn man das so sagen kann. Wo die Person im Mittelpunkt steht, man gefragt und angesprochen, gemeint ist. Das empfinde ich heute als Erfolg und ich finde es interessant, dass ich die Frage vollkommen unabhängig von den Zahlen betrachte, wie ich gerade feststelle.

Die Fragen stellte Jue Löffelholz.

Jue Löffelholz, geb. 1962; lebt in Frankfurt am Main. Mehrere Bücher, unter anderem „Comment ne pas réellement parler” (2010), „The vex Chumps quickly In” (2011), „m c v” (2011) und „Inframince” (2012), über die Caroline Rupprecht vom Department of Comparative Literature des Queens College, New York, schreibt: „It is poetic but it is not poetry in the traditional sense.”

Kommentare


Tanja - ( 05-10-2015 02:50:22 )
Ruth, Du bist einfach authentisch! TOLL, WIE DU DEINEN WEG GEHST! Weiterhin viel Erfolg!

valentina - ( 23-10-2012 08:38:47 )
Schoen einen Teil deiner Atelier- Geschichte lesen zu koennen!!

Olivia - ( 27-11-2012 04:33:09 )
Toller Artikel. Tolle Frau! Tolle Erfolgsgeschichte! Ich liebe dich, Mama

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erstellt am 18.10.2012

Ruth Löffelholz, Foto: Annette Frick
Ruth Löffelholz, Foto: Annette Frick

Foto auf der Startseite: Tanja Backe

Foto: Aziz Wakim
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Atelier Löffelholz
Friedrichstraße 26, Frankfurt