Seit 1990 über 180 Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt zwischen Nord- und Ostsee und Alpen. „Warum ist Deutschland nicht außer sich wegen seiner Neonazis?“ fragte Wilhelm Genazino in einer Rede im Jahr 1999. Dreizehn Jahre später beleuchten Walter Gerlach und Jürgen Roth als Herausgeber des Schwarzbuch Rassismus den Stand der Dinge – mit Erzählungen, Essays, Tagebuchnotizen, Gedichten, Satiren, autobiographischen Berichten, Songtexten, Cartoons und Fotos von über 60 Autoren, Zeichnern und Fotografen. Faust-Kultur veröffentlicht daraus den Beitrag von Ulrike Obermayr, der Bildungsexpertin der IG-Metall.

Schwarzbuch Rassismus

Unter uns ein Untergrund

Von Ulrike Obermayr

Sachen gibt es, die normale Sterbliche nicht mehr nachvollziehen können. Der Verfassungsschutz stellt in seinem Jahresbericht 2011 eine Zunahme linksextremistischer Gewalt in Deutschland fest. Das hatte er auch vor einem Jahr behauptet. Seine Aufmerksamkeit will der Dienst hauptsächlich dem islamistischen Terror widmen. Von ihm gehe die größte Gefahr aus. Daneben gebe es eine größer werdende kleine Gruppe von potentiell gewaltbereiten Neonazis. Im Vorjahr hatte man die Existenz rechtsterroristischer Strukturen noch ausgeschlossen.
Der Präsident des Kölner Bundesamtes stellte den Bericht zum letzten Mal vor. Anfang Juli 2012 bat er um die Versetzung in den einstweiligen Ruhestand. Unmittelbar danach traten seine Länderkollegen vom thüringischen und sächsischen Verfassungsschutz zurück. Politische Beobachter meinen, auch der BKA-Chef werde bis zum Jahreswechsel aus seinem Amt ausscheiden. Derzeit sind vier parlamentarische Untersuchungsausschüsse mit dem Thema beschäftigt. Abgeordnete machen vor laufenden Kameras ihrer Empörung Luft, in der Öffentlichkeit wird von einem „Super-GAU“ der Sicherheitsorgane gesprochen. Dies alles wegen einer „kleinen“ Gruppe von „potentiell“ gewaltbereiten Neonazis? Das politische Beben hat die Verfassungsschützer erreicht, aber verändert hat sich nichts. Es lässt sie ungerührt.

Die Rede ist von der Zwickauer Zelle, vom Terrortrio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, die sich selbst den Namen NSU, Nationalsozialistischer Untergrund, gegeben haben. Mundlos und Böhnhardt wurden am 4. November 2011 nach einem Banküberfall in Eisenach von der Polizei gestellt. Sie setzten ihr Wohnmobil in Brand und erschossen sich. Zschäpe erhielt die Information sofort. Sie legte Feuer in der Zwickauer Wohnung der drei und flüchtete nach Bremen, bevor sie sich am 8. November in Jena der Polizei stellte. Zuvor hatte sie eine Bekenner-DVD mit den Taten des NSU verschickt. Hinzu kamen die Waffen, Computerfestplatten und anderes mehr, was die Polizei nach dem Löschen der Brände sicherstellen konnte. So wurde eine beispiellose zwölfjährige Verbrechensserie bekannt: Der Gruppe werden (bisher) zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und vierzehn Banküberfälle angelastet.

Erschüttert mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass es in Deutschland seit mehr als einem Jahrzehnt Naziterror gibt, organisiert, verdeckt, schwer bewaffnet und mit mörderischen Konsequenzen. Acht türkische und ein griechischer Kleinunternehmer sowie eine deutsche Polizistin wurden von der NSU-Zelle zwischen September 2000 und April 2007 ermordet; dreiundzwanzig Menschen wurden bei zwei Anschlägen in Kölner Geschäften teilweise schwer verletzt. Völlig willkürlich hatten die Mörder ihre Opfer ausgesucht: Enver Şimşek, Blumenhändler aus Schlüchtern; Abdurrahim Özüdoğru, Beschäftigter von Siemens in Nürnberg, der nach Feierabend noch als Schneider arbeitete; Süleyman Taşköprü, Gemüsehändler in Hamburg; Habil Kılıç, Gemüsehändler in München; Yunus Turgut, der an einem Dönerstand in Rostock arbeitete; Ismail Yaşar, Dönerstand in Nürnberg; Theodorus Boulgarides, Schlüsseldienst in München; Mehmet Kubaşik, Kiosk in Dortmund; Halit Yozgat, Internetcafé in Kassel. Sie alle hatten den Nazis nicht nur nichts getan, sie hatten keinerlei Berührungspunkte mit ihnen und lebten in vom Wohnort der Mörder weit entfernten Städten. Sie waren ahnungslos, wehrlos und schuldlos.

Gerade das war der Plan der Täter: Terror im wortwörtlichen Sinn. Indem sie ihre Opfer nach dem einzigen Kriterium, Ausländer zu sein, auswählten, wollten sie Angst und Schrecken unter allen verbreiten, die nicht deutscher Herkunft sind. Alle Migranten, ganz gleich, wo sie leben, wie sie leben und wie lange sie bereits hier leben, sollten sich bedroht fühlen. Dieser Plan und seine Ausführung müssen aber auch denjenigen, die deutscher Herkunft sind, Angst und Schrecken einjagen, hoffentlich auch Abscheu und Empörung – zeigen uns die Taten doch, was nationalsozialistischer Terror bedeutet. Ein unbekannter, unauffälliger Mann betritt einen leeren Laden und schließt die Tür. Der Ladenbesitzer begrüßt ihn und fragt: „Was wünschen Sie?“ Der Unbekannte greift wortlos in einen Plastikbeutel und schießt ihm mit einer schallgedämpften Pistole ins Gesicht. Er verlässt den Laden, fährt mit einem Fahrrad zu einem Wohnmobil in einiger Entfernung, verstaut das Rad und setzt sich zu dem anderen Uwe, der dort auf ihn gewartet hat.

So etwas passiert, wenn sich Leute als Angehörige einer überlegenen Rasse fühlen. So etwas passiert, wenn selbsternannte Arier, Herrenmenschen, Krieger ihren sogenannten Kampf, ihren sogenannten Mut oder ihr sogenanntes Heldentum Wirklichkeit werden lassen. Sie nennen es Ehre. Sie halten sich für stark. Sie tun es für eine Volksgemeinschaft, für ein deutsches Reich. Als nächstes rauben sie eine Bank aus. Dann setzen sie ihre Vorstellungen von Zucht und Ordnung in die Realität um: Sie treten in Heilbronn neben ein Polizeiauto und schießen zwei jungen Ordnungshütern, die gerade Mittagspause machen, unversehens in den Kopf.
Auch die beiden Bereitschaftspolizisten hatten keine Chance. Michèle Kiesewetter war sofort tot, ihr Kollege A. überlebte wie durch ein Wunder. Die Täter rissen den blutüberströmten Opfern noch die Dienstwaffen und Handschellen vom Leib und entkamen. Bei der in Heilbronn ausgelösten Ringfahndung wurde ein Wohnmobil registriert, aber nicht überprüft. Erst kürzlich stellte sich heraus, dass es sich um das Fahrzeug von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gehandelt hatte. In ihm wurden am 4. November 2011 die entwendeten Polizeiwaffen sichergestellt, während die Tatwaffen in der Zwickauer Wohnung der Zelle deponiert waren.

Den einzigen Anhaltspunkt für eine Erklärung der Tat in Heilbronn liefert der Geburtsort von Michèle Kiesewetter. Sie kam aus Oberweißbach im Thüringer Wald, ging 2003 nach Heilbronn, fuhr allerdings in regelmäßigen Abständen in ihre Heimat. In der am Rennsteig gelegenen Region ist die rechte Szene spürbar präsent: mal ein Feriencamp, mal eine NPD-Veranstaltung, auch in Oberweißbach. BKA-Präsident Jörg Ziercke sprach daher von der Möglichkeit einer „Beziehungstat“, wodurch er in Oberweißbach heftige Reaktionen auslöste. Kiesewetters Stiefvater dementierte Beziehungen der Tochter zu rechten Kreisen, der Bürgermeister forderte eine Entschuldigung des BKA bei der Familie. Doch dem liegt ein Missverständnis zugrunde. Mit dem kriminologischen Ausdruck „Beziehungstat“ soll der Polizistin keine persönliche Nähe oder politische Affinität zu Neonazis unterstellt werden. Anzunehmen ist allerdings, dass der jungen Frau die Anwesenheit oder das gelegentliche Auftreten dieser Leute in der Region nicht entgangen ist – so wie es wahrscheinlich ja niemandem in Oberweißbach entgangen ist. Anstatt sich entrüstet in Pose zu werfen, hätte der Bürgermeister lieber erklären sollen: Ja, wir unterstützen alle Ermittlungen, um diesen grausamen Mord aufzuklären. Ja, es fanden bisweilen Treffen von jugendlichen Rabauken in Springerstiefeln statt, bei denen auch Hakenkreuze gesehen wurden. Wir werden sie nicht mehr tolerieren. Schluss mit dem fahrlässigen Gerede von den netten Jungs aus dem Nachbardorf, die wir angeblich gut kennen. Wir stellen das ab. Wir sagen jetzt alle aus – und ich als erster.

Aber das sagte der Bürgermeister nicht – um sein Nest nicht zu beschmutzen. Folglich bleibt zweierlei hängen: zum einen, dass ihm das Schicksal der jungen Polizistin aus Oberweißbach dann doch nicht allzusehr zu Herzen geht. Das muss man leider in aller Deutlichkeit sagen. Zum anderen weiß er offenbar nicht, was Hakenkreuze und Nationalsozialismus bedeuten. Anders verhielt sich ein Patenonkel von Michèle Kiesewetter, ebenfalls ein Polizist. Eine Woche nach ihrer Ermordung sagte er bei einer Vernehmung aus, seiner Meinung nach gebe es einen Zusammenhang mit den „Dönermorden“ (so der damalige polizeiliche Begriff für die Morde an den türkischen und griechischen Geschäftsleuten). Er hatte also schon vor fünf Jahren die richtige Ahnung. Womöglich hatte ihm sein Patenkind von Vermutungen erzählt, die sie auf Grund der regelmäßigen Besuche in ihrer Heimat hegte. Es ist nicht nur denkbar, sondern sehr wahrscheinlich, dass Kiesewetter in ihrem alten thüringischen Umfeld damit konfrontiert war, dass sich einige über die „Dönermorde“ freuten und durchblicken ließen, dass sie „von unseren Leuten“ verübt wurden. Es ist obendrein denkbar und wahrscheinlich, dass vielen anderen im Thüringer Wald, im Vogtland, im Erzgebirge, in Franken derartige Äußerungen zu Ohren gekommen sind. Doch keiner sagt etwas. In ländlichen Regionen ist zwar nicht jeder mit jedem befreundet, aber man kennt sich von Kindheit an, und diejenigen, die man kennt, kennen andere, die man nicht direkt kennt.

Mit der Zeit findet man manche Leute seltsam, aber was soll’s?
Es ist möglich, dass sich Michèle Kiesewetter aus dieser Art von Zusammenhalt, aus der dörflichen Gemeinschaft gelöst hatte, und es kann sein, dass ihr das, in Verbindung mit irgendwelchen Zufällen, zum Verhängnis wurde. Sollte diese Vermutung stimmen, hieße das: Wäre sie nicht die einzige geblieben, die sich verabschiedet hatte, dann wäre sie noch am Leben. Es geht hier nicht darum, eine ganze Region zu brandmarken oder zur No-go-Area zu erklären. Es geht darum, welche Schlussfolgerungen man in der Region aus den Morden zieht – und ob man das überhaupt will. Immerhin scheinen die Aufgeregtheit und die Lautstärke, mit der das Stadtoberhaupt von Oberweißbach seine Empörung über einen Verdacht zum Ausdruck brachte, auf ein schlechtes Gewissen hinzudeuten. Ein kleiner Fortschritt? Ja, aber ein zu kleiner.
Der Bürgermeister ist beileibe nicht der einzige, der nicht wahrhaben will, was Nationalsozialismus bedeutet. Keine der polizeilichen Sonderkommissionen, die in verschiedenen Bundesländern zur Aufklärung der Verbrechen mit teilweise erheblichem Aufwand gebildet wurden, verfolgte eine Spur in der rechten Szene. Mag sein, dass das nicht für sämtliche Ermittler gilt, aber sofern es Minderheitenmeinungen gab, wurden sie unter Verschluss gehalten. Die Beamten verdächtigten ausländische Banden, die organisierte Kriminalität, die Mafia, das Drogenhändlermilieu. Sie suchten nach Anhaltspunkten im Leben der Opfer und befragten ihre Hinterbliebenen: Wurde Ihr Ehemann/Sohn/Bruder erpresst? Gehörte er irgendwelchen Gemeinschaften oder Gruppierungen an? Machte er nicht-legale Geschäfte? Hat er mit Drogen gehandelt? So wurde ein Teil des Verdachts den Opfern und ihren Familien zugeschoben. Im nachhinein betrachtet ist das ungeheuerlich. Aber war es vor fünf, sieben, zehn Jahren nicht genauso? Es ist und bleibt skandalös, dass Otto Schily, Innenminister der rot-grünen Koalition, unmittelbar nach dem Kölner Nagelbombenanschlag vom 9. Juni 2004 zu wissen glaubte, dass die Tat nicht von Rechtsextremisten verübt worden sei. Damit signalisierte er den Ermittlungsbehörden, wo sie nicht zu suchen bräuchten. Es ist nicht damit getan, dass sich Schily für diese katastrophale Aussage später entschuldigte. Not tut eine Erklärung – und dann eine Analyse.

Auf die Idee, diejenigen zu verdächtigen, die solche Taten bei jeder Gelegenheit befürworten, ankündigen und unaufhörlich „Ausländer raus!“ brüllen, kamen die Ermittler nicht. Oder sollte man besser sagen: Dieser Verdacht war tabu? War er tabu, weil es in Polizei und Justiz starke Kräfte gibt, die sich mit einer multikulturellen Gesellschaft nicht anfreunden können und selber der Meinung sind, dass in Deutschland zu viele Ausländer leben? Oder war er tabu, weil man Typen, die nach Blut und Ehre, nach Nation und Rasse rufen, nicht zu seinen Feinden zählt, sondern für Landsleute hält, die im Grunde etwas Richtiges wollen, leider aber meistens betrunken sind und über die Stränge schlagen?
Ausgerechnet in Deutschland, im Land des Nationalsozialismus, unterlaufen ausgerechnet den rechtsstaatlichen Institutionen solche Irrtümer. Jedermann weiß, dass sich auch die Nazis zunächst als Banden organisierten, die mordend und plündernd durch die Straßen zogen. Nachdem sie die Macht ergriffen hatten, erhoben sie das Terrorprinzip zur Staatsräson und schlugen tot, was sie für nicht-deutsch hielten, Juden, Roma, Behinderte, wahllos, erbarmungslos. Diese Art des Mordens ist nur allzu bekannt. So miserabel, wie gemeinhin angenommen wird, ist der Schulunterricht hierzulande nicht.

Für die Aufarbeitung seiner Geschichte hat Deutschland in der ganzen Welt Anerkennung gefunden. Es bleibt ein großes Rätsel, warum das Allgemeinwissen über den Nationalsozialismus in diesem Fall keine Wirkung zeitigte. Liegt es beispielsweise daran, dass der Unterricht bei der bloßen Wissensübermittlung stehenbleibt und sich nicht ausreichend mit der Vermittlung und mit Handlungsperspektiven beschäftigt? Auch die Medien übernahmen die Rede von den „Dönermorden“ und spekulierten über angebliche Drahtzieher „am Bosporus“. Eine Ausnahme bildeten nur die Initiativen und Netzwerke gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus sowie antifaschistische Gruppen. Sie waren die einzigen, die eins und eins zusammenzählten. Sie sind auch (beinahe) die einzigen, die weiter zählen als bis zehn und unablässig darauf aufmerksam machen, dass es seit 1990 über einhundertachtzig Opfer von Nazigewalt in Deutschland gegeben hat. Doch sie gelten als links, und die Familienministerin kürzt ihnen die ohnehin spärlichen öffentlichen Förderungsmittel.

Nachdem die Zwickauer Zelle aufgeflogen war, reagierte die Öffentlichkeit schockiert. Auch die Politik schien sichtlich darum bemüht, das Versagen der Sicherheitsbehörden zu korrigieren. Der Bundestag veranstaltete am 23. Februar 2012 eine Gedenkfeier für die Opfer, zu der die Angehörigen eingeladen worden waren, damit sie das Wort ergreifen konnten. Gewerkschaften und Arbeitgeber riefen zu einer Gedenkminute auf. Bundeskanzlerin Merkel bat die Familien für die falschen Verdächtigungen um Verzeihung. Die Mord- und Anschlagserie bezeichnete sie als „Schande für unser Land“. Eindringlich versprach sie, die Morde aufzuklären, die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Sie beteuerte: „Daran arbeiten alle zuständigen Behörden in Bund und Ländern mit Hochdruck.“

Zu diesem Zeitpunkt hatten Verfassungsschützer bereits mit Hochdruck daran gearbeitet, die Bundeskanzlerin Lügen zu strafen. Als die ersten Informationen über die toten Neonazis kursiert waren, hatten Verfassungsschützer im Bund wie in Thüringen und Sachsen ihre Aktenbestände durchforstet, um wichtige Unterlagen herauszufischen und zu vernichten. Auch im Bundesinnenministerium wurden Akten geschreddert. Sie betreffen eine sogenannte Operation Rennsteig. Erneut landen wir an jenem bekannten Höhenwanderweg, der durch den Thüringer Wald bis zu den fränkischen Wäldern führt und sechsmal die ehemalige innerdeutsche Grenze kreuzt. Und wieder registrieren wir die notorischen Reaktionen der Ortsansässigen. Sie beschweren sich über die Rufschädigung und sehen sich in ein Licht gerückt, in das sie nicht hineingehörten. Ein Vertreter des Verbandes Naturpark Thüringer Wald verstieg sich zu dem Satz: „Da hat man uns ganz schön ins Knie geschossen.“ Was ist wirklich schlimm? Eine gefährliche Naziszene, die sich dort gebildet hat und möglicherweise Terrorpläne schmiedet? Oder dass ebendas bekannt geworden ist? Der Untergrund – oder dass man auf ihn gestoßen ist?

Das wenige, was bisher über die Operation bekannt ist, deutet darauf hin, dass sie großangelegt gewesen sein muss. Zwischen 1997 und 2003 unternahmen das Bundesamt für Verfassungsschutz, die Landesämter von Thüringen und Sachsen sowie der Militärische Abschirmdienst (MAD) intensive Anstrengungen, über V-Männer in den rechtsextremen Thüringer Heimatschutz (THS) einzudringen. Da sammelten sich die militanten Nazis, da agierten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe, bevor sie 1998 abtauchten, sowie ihre Jenaer Kameraden, der NPD-Funktionär Ralf Wohlleben und der führende Neonazi André Kapke, die für sie Wohnungen und Fahrzeuge mieteten und ihnen ihre Pässe zur Verfügung stellten.
Mehr als fünfundzwanzig Anwerbungsversuche sollen die Verfassungsschützer unternommen haben. Zehn Personen willigten nach Einschätzung Thüringer Medien ein. Wie effektiv die Operation Rennsteig war, zeigt sich daran, dass sogar an der Spitze des THS ein V-Mann stand. Der Rudolstädter Tino Brandt arbeitete seit 1994 für den Verfassungsschutz, bis er 2001 als Agent enttarnt wurde. Insgesamt 200.000 DM soll er erhalten haben; eigenen Angaben zufolge will er sie für den Aufbau der rechtsextremen Strukturen verwendet haben.
Von ihm führt eine direkte Verbindung zur Zwickauer Zelle. Zumindest in den neunziger Jahren hatte er zahlreiche Kontakte zu den dreien, und er unterstützte sie durch verschiedene Hilfeleistungen. In der Umgebung von Heilbronn besaß er von 2004 bis 2008 ein Haus. Angeblich stand es während dieser Zeit leer. Ein Unterschlupf für das Trio? Oder eine Immobilie für geheimdienstliche Zwecke? Wurden Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe bereits vom Verfassungsschutz beschattet, während die Polizei noch am Bosporus fahndete?

Erwiesen ist, dass am 6. April 2006, als Halit Yozgat in seinem Internetcafé in Kassel erschossen wurde, ein Verfassungsschutzbeamter (also nicht ein V-Mann) anwesend war. Andreas Temme will angeblich weder einen Schuss gehört noch den leblosen Körper gesehen, noch die Blutflecken auf der Theke bemerkt haben, als er das Café kurz danach verließ. Temme war für das Führen von V-Leuten im Bereich Rechtsextremismus und „Ausländerextremismus“ zuständig und wurde in seinem dienstlichen Umfeld „Klein Adolf“ genannt. In seiner Wohnung stellte die Polizei Waffen und rechtsextreme Schriften sicher, ebenso ein Buch über Serienmorde. Zeitungen des Springer-Verlags meldeten, Temme sei bei drei beziehungsweise sechs Morden des NSU dabeigewesen. Auch das ist ein Teil des Untergrunds.
Der hessische Verfassungsschutz weigerte sich zunächst, den parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Berlin zu informieren. Erst nach starkem öffentlichen Druck gab Ministerpräsident Bouffier, der gleichfalls Mühe hat, die Worte der Kanzlerin zu verstehen, die Zusage, dass man die Akten zur Verfügung stellen werde. Sofern sie noch vorhanden sind.

Auf dem rechten Auge blind? Viele Kommentatoren bezweifeln das. Sie gehen eher davon aus, dass der Verfassungsschutz die Strategie einer „Bekämpfung durch Unterstützung“ verfolgte, oder sie sprechen sogar von regelrechter Kumpanei. Wie aber soll man die Mitwirkung des MAD an der Operation Rennsteig bewerten? Was hat das Ganze mit militärischen Aufgaben zu tun? Die Operation Rennsteig war von Anfang an verfassungswidrig.
Die neuen Bundesländer sehen sich wieder einmal mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sich das nationalsozialistische Gift bei ihnen leichter verbreite als im Westen. Er wurde schon nach der Wiedervereinigung erhoben, als Rechtsextremisten Flüchtlingsheime angriffen. Schon damals wusste man, von welchem Schlag der Untergrund ist. Pogromartige Überfälle fanden allerdings nicht nur in Hoyerswerda und Rostock, sondern auch in Solingen und Mölln statt. Der Virus kam aus dem Westen. Als die Mauer gefallen war, reisten sämtliche Führungsfiguren der westlichen Naziszene – der Bensheimer Holocaustleugner Manfred Roeder, der Hamburger Nazi und spätere NPD-Vize Jürgen Rieger, der Erlangener Wehrsportler Karl-Heinz Hoffmann und bereits vorher der Nationalsozialist Michael Kühnen – nach Osten, um Anhänger zu gewinnen und zu schulen. Jahre später randalierten Mundlos und Böhnhardt anlässlich eines Prozesses gegen Roeder vor dem Gerichtsgebäude. Hoffmann ging sogar für ein Jahrzehnt ins thüringische Kahla. Diese Führungsfiguren trafen im Osten nicht auf junge Leute, bei denen sie mehr Anklang gefunden hätten als im Westen, sondern sie trafen auf eine Gesellschaft, die sich in Auflösung befand. Dieser Umstand ist nicht zu unterschätzen – ebenso wie der spezielle Nationalismus sozialistischer Prägung, der bis heute nicht aufgearbeitet wurde.

Dies alles fand nicht nur unter den Augen der Sicherheitsbehörden, sondern auch unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Wer wollte, konnte es in Erfahrung bringen, konnte es sehen, konnte darüber lesen. Von wenigen und daher um so bedeutenderen Ausnahmen abgesehen, haben wir im Westen wie im Osten zugesehen. Wir sind vielleicht kurz erschrocken und haben es dann schnell verdrängt. Gegenseitige Schuldzuweisungen nützen nichts. Es gibt einen großen gemeinsamen Nachholbedarf, über das schmutzige Nest zu reden und die Zivilgesellschaft zu stärken.

Ulrike Obermayr

Ulrike Obermayr, geboren 1967, ist Bereichsleiterin Gewerkschaftliche Bildungsar- beit bei der IG Metall.

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erstellt am 18.10.2012

»Auch die Medien übernahmen die Rede von den ›Dönermorden‹ und spekulierten über angebliche Drahtzieher ›am Bosporus‹. Eine Ausnahme bildeten nur die Initiativen und Netzwerke gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus sowie antifaschistische Gruppen. Sie waren die einzigen, die eins und eins zusammenzählten.«

Schwarzbuch Rassismus
Herausgegeben von
Walter Gerlach und Jürgen Roth
328 Seiten mit 34 Abbildungen
ISBN: 978-3-8353-1252-4
Wallstein Verlag, Göttingen 2012

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Respekt! – Kein Platz für Rassismus