Erzählung

Besuch eines Kaufhauses

von Alban Nikolai Herbst

Es sei fast schon zu Verkaufsschluß geschehen. Er, Polst, habe auf der Rolltreppe gestanden. Da sei er sicherlich noch niemandem aufgefallen. Man bemerke einzelne Menschen an verkaufsfreien Samstagen sowieso nicht. Das ja gerade sei der Reiz, daß die Unterscheidungen zerflössen in Geräuschen und Farbe, Musik und Gerüchen. Geflattert durch die Säle seien die Stimmen zwischen Waren und Ständen und bunten Plakaten, ein ungeheures Vibrato aus Nylon und Stoffen. Alle die Beine, alle die Hüften! Er liebe das, sich durch Kaufhäuser schwemmen zu lassen. Den einen Fuß auf der nächsthöheren Stufe, dabei leicht eingeknickt in der Taille, so habe er, Polst, sich heben lassen. Ihm sei gewesen wie jemandem, der den Kopf durch den Himmel stößt. Lichter und Reklamefetzen hätten ihn gänzlich verzückt. Freilich wisse er, Polst, um die in solchen Räuschen lauernden Gefahren. Die junge Verkäuferin sei schließlich Zeugin gewesen. Die habe den Schrei ganz genau gehört.

Jedenfalls habe er sich in die Konfektionsabteilung spülen lassen. Hier hätten ihn die Eindrücke überscharf, schmerzhaft scharf, umströmt. Seine Sinne seien auf Wellen geritten, deren Grate Messerklingen sind. Er habe Augen, Ohren und Nase erst wieder ins Gleichgewicht bringen müssen; dann aber habe er sich, das wolle er ruhig zugeben hier, betrunken an den Sinnesreizen. Er sei geschritten wie ein Kind durch Märchenwelten. Einmal habe er nicht widerstehen können. Habe sich einen pelzigen Mantelärmel über die Wange gestrichen. Das wahrscheinlich habe die Verkäuferin auf den Plan gerufen. Sofort habe er vom Mantel abgelassen und auf dem Hacken kehrtgemacht.

Weshalb sind Se’nn auf’n zugegangen?
Na wissen Se, wenn da so einer annen Sachen rummacht, da meint man doch, dasser was ausfressen will. Und sehn Se, is’ ja so, dasse Bezahlung… ich mein’, ich mach’ das nich’ gern… Aber unsereins will auch leben.

Wie gehetzt sei der da weggerannt. Das nun sei ihr besonders verdächtig vorgekommen. Deshalb habe sie den im Auge behalten. Erst allerdings habe sie gedacht, nu isser weg, aber dann habe sie ihn hinter einer Garnitur brauner Wintermäntel wiederentdeckt. Dort habe er Luft geholt. Schweißperlchen hätten ihm um die Nasenflügel gehockt. Das habe so heftig geglitzt. Deshalb nur habe sie ihn gesehen. Dann habe aber auch er sie gesehen. Und habe sich geduckt und sei sofort rückwärts in die Mäntel. Sie habe schon gedacht, der werde verschwinden, und irgendwie hätte sie das schade gefunden. Sie habe einen öden Tag hinter sich gehabt, und der Rücken habe ihr wehgetan. Der Mensch habe sie von ihren Schmerzen abgelenkt, das habe sie aber erst nicht gemerkt, denn sie habe über ihn den Rücken völlig vergessen und ihre dauernde Müdigkeit auch. Schon habe er, zweidrei Reihen entfernt nur, wenn auch in der nächsten, nämlich der Abteilung für Damenwäsche, haltgemacht. Man könne sagen, er sei im Laufe angewurzelt stehengeblieben oder auch festgefroren im Sprunge. Als hätte er sie, die Verkäuferin, und die von ihr ausgehende Bedrohung unmittelbar vergessen. Da habe sie sich bestätigt gefunden, daß was nicht mit rechten Dingen zugeht. Tatsächlich sei er auf die Puppe erst zugeschritten, dann habe er eine Hand nach ihr ausgestreckt, dann eine Zeitlang zu ihr gesprochen. Schließlich habe er sich mit fliegenden Blicken umgeschaut und sie zu sich gewunken.
Sie wollen doch nicht behaupten, daß er sich mit der Puppe unterhalten hat?
Hat er, doch. Ich dacht’ erst, was red’t der denn da? Hab’ ich Lisi rangewinkt, dasse sich das auch mal anhört. War aber nix zu verstehn, nur Gemurmel. Und einmal, ich schwör’s, hat das Dings sogar geantwortet.

Er, Polst, habe, als er von der Verkäuferin so hartnäckig beäugt worden sei, sofort und verschreckt kehrtgemacht. Nur weg von hier!, sei alles gewesen, was er habe denken können. Plötzlich habe er geschwankt und sei sich vorgekommen wie einer, den man mit Faustschlägen aus der Hypnose holt. Seitlich an einem Rundgestänge habe er sich festhalten müssen. Klänge, Farben, Lichter hätten geschäumt. Aber das erste, was er, als er aus diesem Wahrnehmungsschaum wieder aufgetaucht sei, gesehen habe, sei sie gewesen. Von ihr habe er seit Jahren geträumt. Er meine das nicht im übertragenen Sinn, sondern sie sei ihm tatsächlich schon mehrmals im Traum erschienen und habe gerufen nach ihm. Aber immer, wenn er sich ihr zugewandt habe, sei sie vor seinen Augen geplatzt. Jedesmal habe ihr Todesschrei Minutenlang in ihm nachgehallt. Doch jetzt sei es die Wirklichkeit gewesen. Sich um die herumzudrücken, wäre erbärmlich gewesen. Zumal ihr stolz erhobener Blick nur ihm gegolten habe. Es sei nämlich durchaus kein liebevoller Blick gewesen, obwohl sie auf ihn, Polst, sei angewiesen gewesen, dennoch, liebevoll, habe sie ihn gelassen. Ohnedies habe Liebe mit „liebevoll“ nichts zu tun; im Gegenteil sei „liebevoll“ sogar das Gegenteil von Liebe. Das habe er da aber noch nicht gewußt. Nur immer versucht, sich zu fassen. Dann sei er langsam auf sie zugeschritten, die sich ihm aus dem Haufen Damenunterwäsche zugereckt habe. Es sei offenbar vergessen worden, sie zu bekleiden. So restlos ausgeliefert sei sie dem allgemeinen Begehren gewesen. Nie zuvor habe er solche Brüste gesehen. Die sei er versucht gewesen zu berühren und langsam über eine der mattroten Brustknospen zu streichen. Doch habe sich besonnen. Und habe bemerkt, wie fürchterlich verkrüppelt sie gewesen sei. Sie sei nämlich unterhalb der Taille mit einem dreibeinigen verchromten Metallstativ verschraubt gewesen. Nie habe er Grausameres in seinem Leben gesehen.
Und da also hat er Se gerufen.
Weiß nich, ob da. Aber gerufen hat er. Und Se wer’n’s nich glauben, hat gleich nach der ihrm Unterleib gefragt. Da hab ich erst garnich gewußt, ob ich nich lachen soll.
Jedenfalls ham Se Ihre Kollegin geholt.
Nee, die Lisi war da schon da. Sowas läßt sich doch die nich entgehn.

Dann habe sie sich gedacht, man müsse sich vorsehn vor dem. Der habe sich auch immer mit einer Faust in die Fläche der andere Hand gehaun. Dann habe er aus sich rausgestoßen: daß er die Puppe kaufen will. Das sei aber ziemlich komisch gewesen. Und die Lisi habe sich irgendwie nicht mehr in der Gewalt gehabt und gekichert. Da gehöre tatsächlich Charakter dazu, so Kunden dann auch ernstzunehmen. Sie aber, anders als die Lisi, könne das. Sie habe dem also ganz seriös erklärt, daß man die Puppen nicht verkaufe. Die seien Dekoration. Sie verkauften ja schließlich auch die Tresen, die Tische und Vitrinen nicht. Da habe sie der Mensch gedrängt. Regelrecht beschworen habe er sie. Habe immer wieder gestammelt, daß die Puppe seine Hilfe brauche. Da habe sich die Lisi gar nicht mehr eingekriegt, und sie habe sie, also die Lisi, vors Schienbein treten müssen. Da habe die Lisi aufgeschrien. Aber nicht deshalb. Sondern auch die habe die Puppe jetzt gehört, wie die Puppe nämlich gesagt habe: Helfen Sie ihm! Nur gebe die Lisi das jetzt nicht mehr zu. Sie, die Verkäuferin, habe das Mitleid bemächtigt mit dem Menschen. Sie habe ihn also zu beruhigen versucht. Und während die Lisi stumm und aschfahl dagestanden habe, sei sie selbst den Abteilungsleiter holen gegangen. Denn wenn hier jemand helfen hätte können, dann eben der.
WissnSe, wenn’s nach mir gegangen wär, hätt ich’m das Ding einfach mitgege’m. Aber zum ein’n kann unsereins nun wirklich den Job nich riskiern. Und dann: Der wär doch sowieso nich gegang’, ich mein’, der hat doch diesen Unterleib mitnehmen wolln!

Kaum jedenfalls habe sie sich umgedreht und sei davongestapft und habe immer wieder „Herr Rufus! Herr Rufus!“ gerufen, habe er, Polst, sich der Figur wieder zuwenden müssen. Wieder habe er seine Augen von den ihren nicht lassen können und sich mit einer Hand auf den Tisch gestützt, dabei die andre ihr zugestreckt und ihre Lippen mit dem Zeigefinger berührt. Er habe überhaupt nicht mehr mitbekommen, was um ihn herum vorgegangen sei. Obwohl sie ihn mehrmals gewarnt habe. Mehrmals habe sie gesagt, daß er jetzt nicht wegträumen darf, für Liebkosungen sei später noch Zeit. Sie wolle nicht küssen, sondern hier weggebracht werden. Aber ganz, nicht so verkrüppelt. Außerdem werde man bereits aufmerksam auf sie, und sie halte nichts von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit. Das habe etwas Widernatürliches, sie bitte ihn, sich endlich zu beherrschen. Tatsächlich hätten jetzt Leute hergeschaut und sich um ihn, Polst, und den Verkaufstisch geschart. Die hätten angefangen, sich lustig zu machen. Andere hätten ihn, wenn auch noch leise, beschimpft. Deshalb habe er, eine Hand am Metallstativ, die andre unter ihrer Schulter, die Figur herabgenommen und sie, um sie zu beruhigen, gewiegt. Er nehme sie jetzt mit, habe er ihr gesagt. Sie aber habe sich gesträubt und nichts wissen wollen davon. Er solle sich erst mal um ihren Unterleib kümmern. Ohne den verlasse sie dieses Gebäude auf gar keinen Fall. Kaum mehr halten habe er sie können; durchaus Gewalt habe er anwenden müssen. So sehr habe sie sich gewehrt.
Und plötzlich sei dieser kleine Mann dagewesen und habe geschnaubt. Er könne doch nicht einfach hier die Dekorationen durcheinanderbringen! Was denke er sich eigentlich dabei? Und habe sich aufgepflanzt vor ihm, dieses Männlein von einssechzig. Ob er wisse, was das sei? Sachbeschädigung sei das! – Aber er wolle die Figur ja kaufen. – Das gehe nicht, man sei ein anständiger Laden hier. – Das sei ihm, Polst, ganz wurscht. – Sie Perverser, Sie!, habe der Abteilungsleiter gerufen und sich an die gaffende Kundschaft gewandt: Was der denn glaube, wo er hier sei?! – Er, Polst, verlange, zur Geschäftsleitung gebracht zu werden. – Das komme nun schon gar nicht infrage! – Also habe er einen Schritte beiseite getan. Doch der Abteilungsleiter habe die Figur am Gestell zu fassen gekriegt und sie festgehalten und gezogen und wütend geschrien dabei: Er, Polst, sei doch krank, man müsse die Öffentlichkeit schützen vor solchen wie ihm. Und habe auch noch nach einem Arm der Puppe gegriffen. Weil er, Polst, es nun mit der Angst bekommen habe, der andere könne sie auseinanderreißen, habe er losgelassen. Da habe der Abteilungsleiter das Gleichgewicht verloren, und er sei rückwärts getorkelt. Dies wiederum habe er, Polst, sich zunutze gemacht, sei vorgeschnellt, habe zugepackt, die Figur an sich gepreßt und sei fortgehetzt. Doch habe die sich nun erst richtig gewehrt, sogar gebissen habe sie ihn, hier, man solle sich nur einmal seinen, Polsts, Unterarm anschaun, da sehe man die Zahnspuren deutlich. Er aber habe sich durchsetzen wollen und sei erst auf die Rolltreppe zugerannt, habe aber die Orientierung ein weiteres Mal verloren. Hinter ihm hätten die Leute schrecklich gejohlt. Da habe sich die Figur besonders schwer gemacht und ihre Fingernägel in seinen Nacken und Hals geschlagen. Wie von Sinnen habe er sich gefühlt. Es sei gewesen, als hätten jetzt auch Kleiderstangen nach ihm geschlagen. Vitrinen hätten sich ihm in den Weg geworfen und Lampen ihm ihre Lichtstöcke zwischen die Beine gesteckt. Da sei er zu Boden gefallen. Jemand habe ihn an der Wade gepackt. Er sei gleichwohl wieder auf die Füße gekommen, habe eingeprügelt auf den Mann und ihn mehrmals mitten ins Gesicht getroffen. Da sei der endlich umgefallen. Er aber, Polst, sei weitergehastet. Doch seinen es der Verfolger immer mehr geworden.
Und Sie sind auch hinter ihm hergerannt?
Na, war ja nu wirklich mal was los hier. Und nich nur die Lisi und ich, auch die Kunden, jedenfalls ‘n paar: Das war ne richtige Jacht auf den. Und, wissnSe, ich mach viel Sport so, Lauftreff sonntags, da hab ich dem annen Fersen geklebt. Deshalb war ich halt dabei und konnte alles hören.

Nämlich habe es der Mensch tatsächlich mit der Puppe hinausgeschafft. Zwar hätten ihm noch kurz vor dem Ausgang drei vom Wachschutz den Weg vertreten. Da sei der Mann zurückgeschleudert und habe denen einen Glaskasten vor die Füße gekippt. Parfumflaschen seien geborsten, es habe einen schecklichen Kladderadatsch und Geschrei gegeben. Sie, die Verkäuferin, sei dem Mann nun so nah gewesen, daß sie ihn hätte ihrerseits festhalten können. Aber sie habe sich nicht getraut. Außerdem habe er ihr ja auch leidgetan: Er habe der Puppe so seltsam in die Augen geschaut. Sich dann offenbar gefaßt, sei über den Splittersalat weg und auf die drei Männer zu, habe sich ihnen direkt entgegengeworfen und, wie sie, die Verkäuferin, das nur aus amerikanischen Filmen kenne, einem von denen die Faust in den Bauch gerammt, dem andren ins Geschlecht, und eh noch der dritte habe zupacken können, sei Polst hindurchgewesen. Schon habe er den Ausgang erreicht gehabt, sei indessen noch mit einem Kinderwagen kollidiert. Das Baby habe nun auch noch geplärrt. Sie, die Verkäuferin, habe sich an die Glaspfosten gedrückt, aber der Jubelruf, den der Mensch im Freien ausgestoßen habe, habe sie ganz eigenartig, im Allerinnersten, berührt. Er habe wieder und wieder Küsse auf das Gesicht der Schaufensterpuppe gedrückt, doch vor lauter Glück nicht auf den Verkehr geachtet. Sie, die Verkäuferin, habe ihn noch warnen wollen, habe ihm sogar zugerufen: Passen Sie auf! Der Bus! Aber es sei schon zu spät gewesen. Als der Fahrer gehupt habe, sei der Mensch schrecklich erschrocken. Er habe zwar grad noch zur Seite springen können, aber dabei habe sich das Stativ vom Oberkörper der Puppe gelöst. Jedenfalls sei der Mann, das dreibeinige Gestell an sich drückend, längs gegen den Bordstein gefallen. Die Puppe jedoch sei unter das linke Vorderrad des Busses gerollt und mit einem so menschlichen Aufschrei geplatzt, daß sie das niemals wieder vergessen werde. Sagte die Verkäuferin.

Alban Nikolai Herbst

Vorabdruck aus:

Alban Nikolai Herbst
AZREDS BUCH
Geschichten und Fiktionen
ANH, Gesammelte Erzählungen II
Kulturmaschinen, Berlin 2010
ISBN 978-3-940274-25-0

Kulturmaschinen

erstellt am 16.9.2010