„Daisies“-Table Dancing (1966)

Filmkritik

Tausendschönchen

Von Guido Rohm

Tausendschönchen ist kein Film, der mit den Kategorien, die man üblicherweise anlegt, gemessen werden kann. Begriffe, die man mühsam von außen in diesen Filmkosmos schleppt, müssen zwangsläufig auf der Strecke bleiben, weil, hat man den visuellen Garten Tausendschönchen betreten, alle Wege verlassen werden, die einen sonst am narrativen Garn durch die Fremde führen sollen. Man wird sich verirren müssen, weil es kein Ziel gibt, wohl aber ein Meer aus Möglichkeitstropfen, in die man blickt.

Szenenfoto

Marie und Marie sind Schwestern, sind Filmmaterial, kinetisch aufgeladene Puppen, die sich im Takt der Montage bewegen, deren Atemzüge die Scherenschnitte des Filmrhythmus bestimmen. Alles lotet sich hier selbst aus, Film wird zum Rohmaterial für sich selbst. Rotfilter, Blaufilter, die Augen werden zum ungebremsten Zug, der durch diese Symphonie aus Bildern, Farben, Tönen, Bewegungen, Schnitten rast, um so letztendlich zum Sinnfüller schlechthin zu werden. Alles wird moralisch und erzählerisch entleert, um es mit Film aufzuladen, in Bildern, die aus den Annalen schöpfen, bis der letzte Historienkanal erschöpft scheint.

Man wird den Verstand fallen lassen müssen, unter den Tisch kehren, um mit den Sinnen wahrzunehmen, weil Tausendschönchen nicht begriffen – auch wenn dies hier verzweifelt versucht wird – werden kann, sondern erfühlt werden will, mit den Augen wie mit den Ohren; Nase und Haut müssen außen vor bleiben, auch wenn Marie und Marie, die beiden Chaosstifterinnen, dazu einladen, ihnen auf den Exkursionen ihrer kleinkindlichen Geburtstagsschreckensfeier zu folgen, die sich in den Hallen der allmächtigen Menschheitsfantasie austobt.

Spuren werden gelegt, Äpfel in diesen irren Garten Eden geworfen, die verschlungen werden, wie sich in diesem Film alles verschlingt, weil es kein Heil geben soll. Schlachten mit Speisen werden gefochten, Kronleuchter zur Himmelsschaukel, bis es schließlich dem Film zu genügen scheint und er die Schwestern zu töten trachtet, wenn die alte Ordnung, die eine Ordnung der Realität ist, nicht wiederhergestellt wird.

Realistisches Kino, das zeigt Tausendschönchen, kann es nicht geben, weil alles, was schneidet, zerlegt, bestimmt und aufzeigt, den Gesetzen einer jeweils bereits vorhandenen eigenen Ideologie folgt.
Marie und Marie springen an der Hand eines unsichtbaren Schnittmeisters von Möglichkeit zu Möglichkeit, von Deutungsanarchie zu Deutungsanarchie, um uns zu zeigen, dass Kino ein Arsenal unendlicher Traumspiele sein kann.

Fast, so möchte man behaupten, finden wir mit Tausendschönchen Kino in seiner natürlichsten Form vor, aber das wäre ein Trugschluss, nur ein weiterer Beweis, dass man diesem Film auf den Leim gegangen ist, der vor allem schön ist, der wie ein junges wildes Mädchen von einem Baum vor unsere Füße springt und uns auffordert, ihr zu folgen, damit sie uns das Sehen und Schmecken, das Riechen und Fühlen zeigen kann, bevor es zu spät ist, bevor die Bomben der Realität das Filmmaterial im Flammen aufgehen lassen.

Szenenfoto

Tausendschönchen ist ein unbedingter Appell die Grenzen der Vernunft zu übersteigen, um dorthin zu gelangen, wo Oben und Unten, wo Schwere und Leichtigkeit Begriffe sind, die man essen und auf denen man schaukeln kann, die Spielzeuge unseres Hirns sind, nicht mehr.
Welch ein Film, welch ein Angriff auf die Gewohnheiten des Gewöhnlichen, welch eine Feier des Absurden, der Fantasie und des Chaos, das geschaffen wurde, um sich darin zu verlieren, nicht um zu verlieren, wohl aber Filmneufundland zu entdecken.

Welch ein Film, dem es gelang, mich in die Wolkenschichten meines Hirns zu entführen, auch wenn es nur etwas über eine Stunde währte.
Dem Nachhall aber fühle ich mich verpflichtet.

Guido Rohm

Siehe auch:
FILMKRITIKEN

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erstellt am 18.10.2012

Zwei Jahre vor dem Prager Frühling entstanden und in Zeiten der CSSR verboten, ist in Tausendschönchen sicherlich auch ein Maß an Systemkritik identifizierbar. Dennoch ist Vera Chytilovas experimenteller Spielfilm, der als Hauptwerk der Nova Vlna, der Tschechischen Neuen Welle der 1960er Jahre, gilt, wohl zuvorderst ein Spiel mit Elementen des Surrealismus und Dadaismus. Das Label Bildstörung hat nun Tausendschönchen zur deutschen Veröffentlichung gebracht. Neben Blu-ray und DVD werden zudem limitierte Sondereditionen inklusive der Soundtrack-CD erscheinen.

TAUSENDSCHÖNCHEN
SEDMIKRÁSKY
Ein Film von Věra Chytilová
Tschechien 1966  – 73 Min.

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