Rettungsschirme gegen den Geldregen hat auch Jean-Claude Wolf nicht zu bieten. Der bekannte Theoretiker der Tierrechtsbewegung, der an der Schweizer Universität Fribourg Ethik und politische Philosophie lehrt, hat sich in seinem Vortrag Das Geld und das Böse mit dem Wesen unserer Zahlungsmittel in Zeit und Raum, im Guten und im Bösen beschäftigt, mit Macht und Prostitution, Wert und Bedeutung. Seine ethischen Reflektionen suchen Besinnung in der Inflation der entwerteten Worte. Faust-Kultur veröffentlicht zwei Auszüge.

Reihe »Geld und Geist«

Das Geld und das Böse

Von Jean-Claude Wolf

Was das Geld ist, bleibt schwer fassbar, doch seine Beziehungen zu Raum und Zeit, zur Schuld, zur Lust und zur Macht, zum Sparen, zur Arbeit und zum Spiel machen es zum Spiegel für die Natur des Menschen, im Guten und im Bösen. Der Mensch hat es gemacht, aber es gerät auch außer Kontrolle: Das Geld macht etwas aus dem Menschen, wirft ihn in eine verkehrte Welt, stellt die Liebesordnung auf den Kopf.

Recht und Liebe

Geld hat etwas zu tun mit Rechtsverhältnissen, doch hat es auch etwas zu tun mit Liebe? Schulden lassen sich durch einen Akt der Gnade vernichten. Ich kann eine Schuld erlassen, weil ich das Geschuldete nicht brauche oder nicht will, oder weil mir der Schuldner leid tut – aus Mitgefühl. Ich kann aber auch auf meinem Recht bestehen, ob ich das Geld brauche oder nicht. Das Recht ist ein Freiheitsrecht, nicht ein Bedürfnisrecht. Ein Freiheitsrecht ist ein Vorrecht zur Gestaltung einer Rechtsbeziehung. Als Kreditgeber bin ich in einer überlegenen Position. Ich habe nicht nur einen Rechtsanspruch, sondern auch eine Vollmacht, diesen Rechtsanspruch selber frei zu gestalten, insbesondere Schulden zu erstrecken oder zu erlassen. Umgekehrt – und das ist nun die wichtige Asymmetrie – kann der Schuldner nicht durch Winseln und Jammern und Appelle ans Mitleid der Schuldenfalle entkommen. Sitze ich tief im Schuldensumpf, kann ich mich nicht durch eine freie Rechtsgestaltung aus dem Sumpf herausziehen; ich werde vom Schuldner zum Schuldigen. Handelt es sich dabei um ein moralisches oder nur um ein rechtliches Verschulden? Wird der Schuldner auch moralisch schuldig?

Nach Kant ist es ein besonders hässliches moralisches Vergehen, Schulden einzugehen, von denen ich im voraus vermute oder geradezu weiß, dass ich sie nicht zurückzahlen kann – Kant nennt dies das lügenhafte Versprechen. Der Lügner spekuliert im voraus mit dem Vergessen oder dem Mitgefühl jener Menschen, die er um ihr Geld erleichtert. Genau genommen ist es immer moralisch problematisch, Schulden einzugehen, denn ich kann nie mit absoluter Sicherheit wissen, ob ich sie zurückzahlen kann. Doch hat Kant mit seiner rigorosen Verurteilung lügenhafter Versprechen nicht übertrieben? Stellt er nicht die Rechtsverhältnisse über die Liebesverhältnisse, über jene Verhältnisse, welche den mitfühlenden und gnädigen Schuldenerlass erlauben, vielleicht sogar vorschreiben, wie das biblische Gleichnis vom „Schalksknecht“ (vgl. Mt. 18, 21-35) suggeriert?

Richard Hare hat in seinem Buch Freedom and Reason (Hare 1963, Kapitel 6.3) in Anlehnung an dieses Gleichnis eine (bewusst vereinfachte) Auffassung von einem moralischen Argument vertreten, die Mitleid vor Recht gehen lässt. Diese Auffassung verlangt, dass ich mich in alle von meinem Handlungen Betroffenen versetze und erst dann ein moralisches Sollen akzeptiere, dass universal und präskriptiv gilt. Obwohl ich meinem Schuldner am liebsten ins Gefängnis stecken möchte, kann dies nicht meine moralische Pflicht sein. Niemand möchte für Schulden, die er nicht (rechtzeitig) zurückzahlen kann, ins Gefängnis geworfen werden. Jeder würde das, wenn er es am eigenen Leib erfahren würde, als grausam und unfair erleben. Niemand außer vielleicht ein rationaler Fanatiker findet es richtig, wenn man ihn büßt oder bestraft für etwas, was er nicht vermeiden kann. (Den Fall des rationalen Fanatikers behandelt Hare im Kapitel 9; es handelt sich um jemanden, der auch gegen sich selber hart und ohne Milde ist und denkt: „Wenn es mich treffen sollte, dann muss auch ich büßen, ob ich es mag oder nicht, ob ich es dann richtig oder falsch finde.“) Im Unterschied zum rationalen Fanatiker glauben wir: Wenn jemand seine Schulden nicht zurück bezahlen kann, ist es unmoralisch oder unfair, ihn dafür leiden zu lassen.

Diese Auffassung scheint das Kreditwesen auszuhöhlen. Wer ist noch motiviert, Geld zu leihen, wenn er überzeugt ist, dass er zum Mitgefühl und zur Nachgiebigkeit gegenüber (schuldlos) säumigen oder zahlungsunfähigen Schuldner moralisch verpflichtet ist? Eigentlich nur noch der Legalist, der darauf beharrt, dass Recht Recht ist – ohne Rücksicht auf moralische Schuldfähigkeit.

Geld und Liebe, Geld und Freundschaft, Geld und Lieblosigkeit, Liebesverrat und Entfremdung der menschlichen Verhältnisse – dies sind die großen Leitmotive der religiösen, sozialistischen und anarchistischen Kritik des Geldes. Sie sind uns bekannt und werfen Licht und Schatten auf die Ambivalenz der Gefühle, etwa in der Besiegelung einer Liebe durch ein Versprechen und einen Ehe- oder Partnerschaftsvertrag, als Versicherung oder Absicherung gegen die Auswirkungen künftiger Schwankungen, das Umschlagen der Liebe in Hass oder das Erkalten der Liebe.

Ist gekaufte Liebe unechte Liebe? Lassen sich nur sexuelle Dienstleistung ohne Liebe kaufen? Sind gekaufte Freunde falsche Freunde? Wenn es etwas an Liebe und Freundschaft gibt, das man nicht kaufen kann, ist dann Geld etwas, was die Liebesordnung (ordo amoris) stört und durcheinander bringt und damit alle Anzeichen des Diabolischen an sich hat? Sollte man Liebe und Geld nicht vermischen und völlig voneinander trennen? Ist das möglich, wünschenswert, klug? Oder steckt hinter dieser Forderung eine asketische Reinheitsvorschrift, ein Ideal des reinen Herzens? Gelegentlich wird auch eine radikale Form von Inkommensurabilität geltend gemacht: Liebe und Freundschaft seien Werte, die sich durch Geldwerte nicht ausdrücken, messen oder aufwägen lassen.

Spargedanken

Die Politik der Krise ist die Sparpolitik. Sie wird als „Sachzwang“ dargestellt. Eine „vernünftige“ Politik, so wird suggeriert, kann gar nicht anders als sparen, d.h. Defizite korrigieren, Schulden abbauen. Der sog. „Sachzwang“ wird zum Vorwand, das „Unwichtige“ zu streichen. Die ganze Aggression der Sparpolitik richtet sich gegen das „Zweitwichtigste“. Das Unwichtige und „Zweitwichtige“ sind „die Unwichtigen“, z.B. Minderheiten. Es wird bei den Minderheiten gespart, damit „genug übrig bleibt“ für die Mehrheiten.

„Unwichtig“ sind an Schulen und Universitäten die musischen Fächer – Zeichnen, Tanzen, Musik. An den Universitäten sind die „unwichtigen“ Fächer die sog. „Orchideenfächer“: Jüdische Philosophie, Islamwissenschaften, Religionswissenschaften, Frauenstudien, Fächer, die als „entbehrlich“, „unexakt“, „unwissenschaftlich“ (gemessen an den Standards der Mathematik oder einiger Naturwissenschaften) oder „unnütz“ (gemessen an den technischen und ökonomischen Wissenschaften) eingestuft und herabgestuft werden. Gespart wird an jenen Gruppen, die keine lautstarken und geldstarken Lobbys haben: Gelder für Kinder, Jugendliche, Behinderte, Betagte, die „Stillen im Lande“ werden gestrichen. Sparübungen werden zu Verteilungs- und Vernichtungskämpfen. Die Logik des Sparens wird zur Logik des Verdrängens. Was „unwichtig“ oder „unnütz“ ist, soll verschwinden.

Die Ansprüche der „Unnützen“ und „Unwichtigen“, der „Außenseiter“ und die „Privilegierung der Fremden“ (das Asylrecht ist seinem Selbstverständnis nach eine erwünschte Privilegierung einiger besonders verfolgter und gefährdeter fremder Menschen) werden als Quelle der Krise gedeutet. Der Spargedanke vermischt sich mit dem Sündenbockmechanismus: Wer hat uns in diese Lage gebracht? Die Emigranten? Die Drogenabhängigen? Sie sollen dafür bezahlen, zurückzahlen, sich einschränken, das Land verlassen usw.

Wie im Gedanke der Bereicherung liegt im Gedanke des Sparens eine Logik der Steigerung und Übersteigerung, ein Umschlagen der klugen haushälterischen Umsicht in Zerrbilder des Geizes und der Grausamkeit. Dabei werden nicht nur „Sachzwänge“ befolgt, sondern fragwürdige Entscheidungen und Bewertungen vorgenommen. Die Rede von „Sachzwängen“ und „Sparzwängen“ führt zur verdeckten und problematischen oder sogar schuldhaften Entscheidung und Wertung.

Der Spargedanke manifestiert sich auf der abstrakten Ebene der Werttheorien. Bei der akademischen Diskussion von Wertetafeln, etwa der von Martha Nussbaum vorgeschlagenen Liste von zehn objektiven Werten, werden meist die Werte des Spielens attackiert. Die Liste der Werte wird aus vermeintlich wissenschaftlichen Gründen eingeschränkt; angeblich überflüssige Werte werden gestrichen. Regelmäßig kehrt die Frage wieder: Gehört das Spiel zu den Grundwerten? Der Sparzwang und der Sparwahn richtet sich gegen einen solchen Wert wie das Spiel. Das Spiel als „zwecklose Freude“ wird entweder ganz verdrängt oder strikt umfunktionalisiert, als bloßes Mittel zum Zweck. Das Spiel wird „nur noch als“ Mittel betrachtet, als Mittel der Erziehung von Kindern zu reifen Menschen, als Mittel der Menschen zu guten Staatsbürgern. Sogar Martha Nussbaum, die den Wert des Spiels vehement verteidigt, lässt sich dazu hinreißen, das Spiel und die Kultivierung der musischen Fähigkeiten fast ausschließlich als Mittel und Medium zur staatsbürgerlichen Erziehung, zur Anleitung zum Weltbürger, zu funktionalisieren. Diese indirekten Ziele oder erfreulichen Nebenwirkungen der Übung und Erweiterung von Phantasie und Mitgefühl werden als direkte Ziele betrachtet – Spiele werden als Mittel der Konditionierung und Manipulation instrumentalisiert, pädagogisiert und degradiert.

Der Gedanke, dass der Mensch nur dort ganz Mensch sei, wo er spielt, wird verdrängt, nicht mehr zugelassen. Auch die Pause, die Muße, die Ferien werden nur noch als Mittel zur Wiederherstellung der Arbeitskraft bewertet und gebilligt – so als wäre der Mensch nur dort ganz Mensch, wo er arbeitet, und zwar als Lohnarbeiter, oder als Erzeuger und Vermehrer von Geldwerten. Der Spargedanke richtet sich gegen die Wesensbestimmung des Menschen als homo ludens. Das Spielen wird zur „nützlichen, aber vorübergehenden Phase“, zur „Vorstufe“, zur „Nebenbeschäftigung“, zum „Hobby“, zur „Ablenkung“ und zum „Zeitvertreib“ herabgesetzt. Die fundamentale Fehlentscheidung, die besagt, dass Spiele „nutzlos“ und „zwecklos“ seien, wird in das ideologische Repertoire der Sparzwänge aufgenommen; dies verleitet zum Fehlschluss, dass die Zeit zum Spielen Zeitverschwendung sei, oder dass die Ausbildung zu musischen Spielen kein Geld kosten darf.

© Jean-Claude Wolf
Jean-Claude Wolf (* 1953) ist Professor für Ethik und politische Philosophie. Seit März 1993 hat er den Lehrstuhl in Fribourg (CH) inne. zuletzt erschienen: Das Böse. De Gruyter, Berlin/Boston 2011

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 17.10.2012