Die Idee der Teilhabe am öffentlichen Gespräch und damit am öffentlichen Geschehen beruht eben nicht auf der Parteilichkeit, wie man uns gerne weismachen möchte, sondern auf der Parteinahme. Nicht Parteisoldaten und Fraktionszwänge gehören zu den Voraussetzungen einer funktionierenden Gesellschaft, sondern die Selbstdenker. Und weil der Literaturwissenschaftler, Autor und Journalist Thomas Rothschild zu ihnen gehört, muss er den Vorwurf, mit einer Äußerung den Beifall von der falschen Seite zu bekommen, als infam empfinden.

Zeitkritik | Kurzessay

Beifall von der falschen Seite

Von Thomas Rothschild

Der Vorwurf des möglichen Beifalls von der falschen Seite ist erpresserisch. Er dient dazu, die Äußerung einer Wahrheit, zumindest aber einer Meinung zu verhindern. Und da schon die Möglichkeit dieses Beifalls ausgeschlossen werden soll, muss gar nicht erst bewiesen werden, dass der Verdacht begründet ist. Wer das Risiko vermeiden will, wird es gar nicht erst drauf ankommen lassen. Die Prävention unterbindet mit tatsächlich missbrauchbaren Aussagen auch solche, die der vermeintlich „richtigen“ Seite unbequem sind.

Nun ist es ja nicht ungewöhnlich, dass man an Menschen, Gruppen, Ideen, die einem grundsätzlich nahe stehen, etwas Kritikwürdiges entdeckt, dass man aber nicht deren Gegner unterstützen möchte, zumal wenn man sie selbst auch als Gegner betrachtet. Die eigene Kritik hat andere Voraussetzungen, andere Gründe als die Kritik jener „Feinde“, auch wenn sie zunächst ähnlich lauten mag, und man will sich nicht mit ihnen gemein machen.

Werden wir konkret. Man kann der Ansicht sein, dass das Regietheater in eine Krise geraten ist, dass die Einfälle nicht mehr, wie noch vor einer Generation, auf Analyse beruhen und den Text erklären, sondern sich verselbständigt haben und dem Diktat der Originalität folgen. Man muss aber deshalb nichts gemeinsam haben mit jenen konservativen Verfechtern der Werktreue, die vom verstaubten Theater der fünfziger Jahre träumen. Ihnen möchte man auf keinen Fall den Rücken stärken. Wie also kritisiert man das Regietheater, ohne den „Beifall von der falschen Seite“ zu riskieren?

Ähnlich verhält es sich in politischen Dingen. Man kann als Linker manche Torheit der Linken, als Feministin manche Dummheit von Feministinnen, als Jude manche Gemeinheit von Juden, als Schwuler manche Provokation durch Schwule zur Sprache bringen wollen. Aber man will sich auf keinen Fall gemein machen mit Rechten, mit Patriarchen, mit Antisemiten, mit Homophoben. Soll man also den Mund halten? Soll man das Feld der Kritik dem Gegner überlassen? Darf man als Linker keine Bedenken gegen die Brüssler Bürokratie äußern, weil auch Rechte, wenngleich aus anderen Gründen, dagegen sind? Wird eine Wahrheit dadurch unwahr, dass Reaktionäre sie – und sei es heuchlerisch und mit taktischer Absicht – aussprechen? Wer den Erfolg der Nationalsozialisten bei Arbeitern, auch bei vormaligen Sozialdemokraten und Kommunisten begreifen und nicht einfach leugnen oder auf Opportunismus zurückführen möchte, muss sich verdeutlichen, wie viele sozialistische Positionen sie in ihrer Propaganda, zumindest in den frühen Jahren, übernommen hatten. Sollten nun also die Sozialisten auf diese Positionen verzichten, weil sie (scheinbar) auch jene der Nazis waren? Hat Wolfgang Thierse mit seiner Einschätzung des Urteils gegen „Emmely“ als „barbarisch“ und „asozial“ Unrecht und soll er sie unterdrücken, bloß weil auch Horst Seehofer und BILD es nicht verstehen, „wenn einer Kassiererin wegen 1,30 Euro gekündigt wird und Manager, die Milliarden verscherbelt haben, noch im Amt sind“? Das wäre jedenfalls ganz im Sinn einer Justiz, die meint, die Gerechtigkeit für sich gepachtet zu haben, und wie eine beleidigte Majestät oder wie der Papst reagiert, wenn man an einer ihrer Entscheidungen zweifelt.

Die Verwalter von Ideen, die Funktionäre, die in mehrfacher Hinsicht davon leben, dass ihre Ansichten und Bestimmungen als richtig erscheinen, wollen genau dies: das kritiklose Einverständnis der Anhänger, zumindest nach außen hin. Diesem Ziel dienen Parteidisziplin und Fraktionsverbot. Wer es in Frage stellt, wird abgemahnt mit dem Vorwurf, dass er dem Gegner nütze.

Es stimmt schon, das will überlegt sein. Man kann von der Wirkung seines Redens ebenso wenig absehen wie von der seines Handelns. Die gute Absicht entschuldigt nicht jede Schludrigkeit des Denkens, nicht jede fahrlässige öffentliche Äußerung. Aber ehe man sich nun die Solidarität um jeden Preis, auch die Solidarität mit dem als falsch oder gar schädlich Erkannten vorschreiben lässt, sollte man abwägen. Ist der Schaden, den der Beifall von der falschen Seite anrichtet, tatsächlich größer als der Schaden, den die unkritisierten Fehler der eigenen Seite verursachen? Die Geschichte kennt Beispiele dafür, dass die Furcht vor dem Applaus der Gegner Verbrechen erst ermöglicht oder zumindest erleichtert hat.

Die eine richtige Antwort gibt es nicht. Die Abwägung muss in jedem Fall erneut stattfinden. Die bedingungslose Vermeidung des möglichen Beifalls von der falschen Seite kann ebenso verheerend sein wie die leichtfertige Inkaufnahme von Instrumentalisierungen an sich berechtigter Kritik durch einen böswilligen Gegner. Es gibt, in der Kultur und erst recht in der Politik, keine Standardregeln, die das Individuum von der Mühe des Denkens befreiten.

Auszug aus dem Band: „Bis jetzt ist alles gut gegangen. Fälliger Dank und mürrische Zwischenrufe.“ © Klever Verlag, Wien 2012

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erstellt am 17.10.2012

»Die Geschichte kennt Beispiele dafür, dass die Furcht vor dem Applaus der Gegner Verbrechen erst ermöglicht oder zumindest erleichtert hat.«

Das Verfallsdatum von Zeitkritik wird von den Zuständen bestimmt, die jene ins Visier nimmt. Daher bleibt sie, wie Rothschilds Texte beweisen, leider meistens aktuell.

Thomas Rothschild
Bis jetzt ist alles gut gegangen
Fälliger Dank und mürrische Zwischenrufe
232 Seiten
ISBN 978-3-902665-51-5
Klever Verlag, Wien 2012
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