Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Von Thomas Rothschild

13.4.2016

Schmids Erzählungen

Der Noch-Landeschef der SPD in Baden-Württemberg Nils Schmid hat der „Stuttgarter Zeitung“ ein Interview gegeben. Darin antwortet er auf die Frage, ob er Anlass habe, um die grün-roten Reformen zu bangen: „Wenn ich mir das Wahlprogramm der CDU anschaue: ja. Es wird darauf ankommen, ob die Grünen zu dem gemeinsam Erreichten stehen, oder ob sie um den Preis des Machterhalts bereit sind, bei zentralen Fragen wie etwa in der Bildungspolitik unsere gemeinsamen Reformen zu verraten.“ Und auf die Suggestion des Interviewers, die, wie so oft, eine Frage ersetzt – „Es liegt in der Natur von Koalitionen, Kompromisse einzugehen“ – entgegnet Schmid: „Es gibt aber auch keinen Zwang zu Koalitionen um jeden Preis. Wir wollen mal sehen, wie weit die Grünen da gehen. (…) Ich fürchte: Mit Grün-Schwarz droht die Koalition der Spießbürger.“ Auf die Frage, woran er das festmache, ergänzt der SPD-Politiker: „Wenn ich sehe, wie geschmeidig die Grünen zu den Konservativen überwechseln und lauter Anknüpfungspunkte sehen, dann frage ich mich schon, was das für das Bildungssystem oder etwa die Sozialpartnerschaft bedeutet. Will man etwa zurück zu einem Wirtschaftsministerium als reinem Unternehmerministerium oder ist das Wirtschaftsministerium weiterhin ein Ressort, das für Unternehmer und Beschäftigte zuständig ist? Wie geht es weiter mit Integration und Weltoffenheit?“

All das ist sympathisch. Man kann Schmid eigentlich nur zustimmen und die dramatischen Stimmenverluste seiner Partei bei der jüngsten Wahl bedauern. Ehe Nils Schmid aber zu den richtigen Erkenntnissen gelangt, formuliert er einen Satz, der deutlich macht, wie weit sich die SPD von ihrer einstigen Klientel entfernt und dass sie ihre aktuelle Katastrophe selbst verschuldet hat. Nils Schmid erteilt seiner Partei das folgende Rezept: „Die SPD muss wieder zu einer Erzählung finden, die die Menschen erreicht. Soziale Sicherheit gehört dazu, aber die Erzählung muss größer sein.“

Nun könnte man darüber lächeln, wie sich ein smarter Politiker da eine Modevokabel zu eigen gemacht hat. Gerade, dass er sich noch das Wort „Narrativ“ verkneift. Aber auch die „Erzählung“ ist in diesem Zusammenhang verräterisch.

Das Wort „Erzählung“ benannte, ehe es zu einem alles, also nichts bezeichnenden Begriff verkam, eine literarische Gattung sowie den Akt der sprachlichen Wiedergabe eines Geschehens. Ein Märchen kann man erzählen, „Das Kapital“ von Karl Marx nicht. Die Erzählung ist in der zweiten Bedeutung (die erste kommt für Schmids Statement nicht in Betracht) eine sprachliche Handlung ohne Wahrheitsanspruch. Die Redewendung „Du kannst mir ja leicht etwas erzählen“ zeugt davon. Die SPD braucht keine Erzählung, sondern ein Programm und vor allem: Taten. Das mag schwer zu begreifen sein in einer Zeit, in der Politiker, Kretschmann nicht um einen Deut weniger als Schmid, nur darüber spekulieren, wie man Wahlen gewinnen, nicht aber, wie man eine als richtig erkannte Politik durchsetzen könne.

Solange sie sich nur Erzählungen ausdenkt, und wären sie noch so groß, wird die SPD weiterhin Stimmen verlieren. Zu Recht und selbstverschuldet.

17.3.2016

Beredtes Schweigen

Manchmal sagt Schweigen mehr aus als Reden. In den vergangenen Tagen wartete man vergeblich auf Äußerungen, die einiges hätten klarstellen können. Aber sie blieben aus, und dass sie ausblieben, ist die eigentliche Aussage.

Der Wahlerfolg von Winfried Kretschmann und den Grünen in Baden-Württemberg wurde von den Medien und von den Gewinnern selbst als Sieg gefeiert. Aber war es ein Sieg für Winfried Kretschmann oder für die politischen Ziele, die die Grünen anstreben oder jedenfalls lange anzustreben vorgaben? Ist das Deputat zum Regieren, sind die Teilhabe an der Macht und die damit verbundenen Posten und Privilegien schon das Ziel, oder kommt es darauf an, was man mit dieser Regierung politisch realisieren kann? Wird es in der Koalition mit der CDU, wie sie sich zurzeit abzeichnet, leichter oder schwerer sein, die angestrebten politischen Inhalte umzusetzen, als mit der SPD, und wenn es schwerer werden sollte – worin liegt dann der Sieg? Sollte es aber leichter werden, darf man sich wohl fragen, was die Grünen als Grüne auszeichnet, wenn sie der CDU so nahe sind und sich der Verdacht erhärtet, dass Kretschmann im Grunde nicht mehr ist als ein grün lackierter Christdemokrat. Davon hören wir nichts. Selbst Jürgen Trittin hat es nach der Wahl die Rede verschlagen. Dieses Schweigen verrät mehr als der Siegestaumel in der Wahlnacht.

Über Jahrzehnte hinweg haben uns Feministinnen beteuert, dass es um die Welt, den Frieden und die Menschlichkeit besser stünde, wenn Frauen das Sagen hätten. Zu Frauke Petry aber schweigen sie ebenso wie zu Marine Le Pen. Ein klärendes Wort wäre schon hilfreich. Wenn Petry und Le Pen und viele mehr nicht nur ein Betriebsunfall sind, mögen die genderfixierten Frauen und ihre männlichen Epigonen doch wenigstens eingestehen, dass sie Unsinn geredet haben und dass es unter den Frauen ebenso viele Idioten, Rassisten und Reaktionäre mit oder ohne Binnen-I gibt wie unter den Männern und dass eine humane Politik nicht vom Geschlecht abhängt.

Unter vielen Linken ist es schick geworden, Putins Russland gegen jede Kritik zu verteidigen. Mit hörbarem Schweigen aber reagieren diese Russlandversteher auf sehr ähnlich lautende Bekundungen von Seiten der AfD oder solcher Konvertiten wie Jürgen Elsässer. Nun kann man sich nicht immer aussuchen, mit wem man in einer Front steht, aber ein Wort der Klärung dürfen wir schon erwarten. Was unterscheidet die Liebe von Linken zum heutigen Russland von jener der äußersten Rechten, die, wie es scheint, vom offiziellen Russland erwidert wird? Solche Koalitionen schaffen noch mehr Verwirrung als die zwischen Grünen und CDU. Dürfen wir etwas dazu erfahren?

Oder ist das Schweigen schon die Botschaft?

15.1.2016

Die Abschaffer

In den vergangenen Jahren hat eine Perversion mehr und mehr um sich gegriffen. Nicht, wer eine ihm anvertraute Institution stärkt, stabilisiert, erweitert, gilt als erfolgreich, sondern wer sie möglichst effektiv zugrunde richtet und dann abschafft. Die pure Präsenz macht die Manager der Vernichtung zu begehrten Fachleuten.

Hartmut Mehdorn erhielt ein lukratives Angebot nach dem anderen, weil er erst die Deutsche Bahn, dann Air Berlin und danach den Flughafen Berlin Brandenburg in die Bredouille geführt hat. Hermann Fünfgeld wurde zum Intendanten des Süddeutschen Rundfunks gemacht, um diesen abzuwickeln. Sein Kollege Peter Boudgoust löst als Intendant des aus der Fusion von SDR und SWF hervorgegangenen Südwestrundfunks ein Symphonieorchester auf, statt für dessen Erhalt zu kämpfen, und wird für diesen Beweis von Tüchtigkeit zum Präsidenten des ARTE-Vorstands gewählt. Fürsorgepflicht als Gegenleistung für die nach wie vor abverlangte Loyalität der Mitarbeiter ist aus der Mode gekommen. Dass Arbeitsplätze zerstört werden, ist für die Betroffenen schlimm, sehr schlimm. Aber manchmal ist das wegen der technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nicht vermeidbar. Die Einsparung von Stellen in den öffentlich-rechtlichen Anstalten war vermeidbar. Ihre Vernichtung war politisch gewollt, asozial und mutwillig. Die gedungenen Abschaffer haben das dreckige Geschäft der Politik ausgeführt und wurden dafür gut entlohnt.

Chefredakteure von Zeitungen profilieren sich heute, indem sie die Abschaffung von Redaktionen zu einem Glücksfall umstilisieren. Je geschickter sie das machen, desto eher können sie ihre eigene Position verbessern. Ein Theaterleiter, der Tschechow als „Kunstkacke“ bezeichnet, müsste sich, sollte man meinen, für seinen Beruf disqualifiziert haben. Das Gegenteil ist der Fall. Matthias Lilienthal, dem wir diese Erkenntnis verdanken, spielt in der ersten Liga der Intendanten. Dass er das schwächste „Theater der Welt“ der vergangenen Jahrzehnte zu verantworten hatte, hat an seinem formidablen Ruf nicht gekratzt.

Mehdorn und Konsorten sind nur Profiteure einer Unfähigkeit, die ihrerseits Unfähigkeit honoriert. Die Abschaffer im Kulturbetrieb aber haben eins gemeinsam. Es verbindet sie unter dem Deckmantel der Kulturförderung eine massive Kunstfeindlichkeit. Was sie nicht vollends vernichten und beseitigen können, ersetzen sie durch allerlei Schnickschnack, der alles sein darf, nur nicht ein Ausblick auf und eine Realisierung von wirklichkeitsüberschreitenden Utopien. Sie sind die Neopositivisten des Kulturbetriebs, die Statistiker des Status quo. Ästhetische Kategorien sind ihnen so fremd, wie ihnen Verwaltung und Selbstdarstellung vertraut sind. Sie sind noch nicht einmal „Ingenieure der Seele“ (Stalin), sondern Ingenieure des Marktes, Beamte der Bestandsaufnahme und der Verwertung.

Es wäre ja nichts einzuwenden gegen die Propagierung von szenischen Experimenten, die mit Journalismus und Fernsehformaten mehr zu tun haben als mit Rollenspiel, Verstellung, Fantasie, mit Schauspielkunst also (Peter Weiss oder Heinar Kipphardt waren da schon weiter), wenn sie nicht einher ginge mit einer aggressiven Ablehnung überlieferter Theaterformen, mit deren Diffamierung als altmodisch, verstaubt, überholt, kurz: als verzichtbar oder gar schädlich durch die neuen Akteure und ihre rezensierenden oder kommentierenden Anhänger. Sie erledigen, gewollt oder ungewollt, das Geschäft der Abschaffer in den Gremien der Kommunen, Länder und des Bundes. Denn Kunst kostet Geld. Und das investiert man lieber in die Bahn und in Flughäfen, zu deren explodierenden Kosten man zuvor durch Unvermögen beigetragen hatte.

12.1.2016

Unterscheidungen

„Nach den Silvesterangriffen auf Frauen zeigt sich die grün-rote Landesregierung offen für mögliche Gesetzesverschärfungen. Mit Blick auf Flüchtlinge unter den mutmaßlichen Tätern sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Dienstag in Stuttgart: 'Wer straffällig geworden ist, hat sein Bleiberecht verwirkt. Soweit gesetzliche Änderungen dazu notwendig sind, wird sich die Landesregierung dem nicht verschließen.' Grundsätzlich müssten Straftäter abgeschoben werden – es sei denn, es drohe ihnen in ihrer Heimat Folter oder Tod.“ (Stuttgarter Zeitung vom 12.1.2016)

Nach dem Ende der Nazi-Diktatur haben zahlreiche Länder Massenmördern Zuflucht und Bleiberecht gewährt. In Deutschland hätte ihnen weder Folter noch Tod gedroht, sondern allenfalls Gefängnis. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) wird uns hoffentlich erklären, was es ist, das eine strengere Bestrafung von syrischen oder marokkanischen Busengrabschern und Taschendieben rechtfertigt, als deutschen Kriegsverbrechern zuteil wurde. Wenn er den Unterschied nicht begründen kann, dürfen wir ihn wohl einen Rassisten nennen.

20.12.2015

Der abgestürzte Kronleuchter. Eine Erleuchtung

Anatol, Wien
Die Feen, Paris
Ein Fest für Boris, Salzburg
Ein Fest für Boris, Salzburg
Macbeth, München
Macbeth, München
Maß für Maß, Salzburg und Berlin
Maß für Maß, Salzburg und Berlin
Mitridate, rè di Ponto, München
Mitridate, rè di Ponto, München
Sommernachtstraum, Zürich
Sommernachtstraum, Zürich
Tartuffe, Nürnberg
Tartuffe, Nürnberg
Wiener Blut, Darmstadt
Wiener Blut, Darmstadt

20.10.2015

Stiefel statt Shakespeare

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19.10.2015 hält Andreas Platthaus ein Plädoyer für die politische Literatur, für „die Möglichkeit, miteinander zu streiten und dabei an wunde Punkte zu rühren, die keine schnelle Heilung erwarten lassen, aber bei Vernachlässigung unsere Gesellschaften vergiften“: „Insofern ist die kurzfristig aufgeflammte Debatte um die Berechtigung des Literaturnobelpreises für Swetlana Alexijewitsch, die sich darin erschöpfte, deren Büchern den literarischen Gehalt abzusprechen, weil es sich darin um Dokumente von Zeitzeugenschaft handelt und nicht um Fiktion, eine typisch deutsche Groteske. Schublade auf, Schublade zu – das ist einfacher, als die betreffenden Bücher zu lesen, sich Gedanken zu machen über formale Aspekte, literarische Traditionen oder gar die Notwendigkeit von Genregrenzüberschreitung in Fragen von solch archaischem Charakter wie Gewalt und Glaube.“

In seinem Eifer freilich streitet Platthaus nicht, sondern unterstellt: dass Kritiker des diesjährigen Literaturnobelpreises die Bücher der Preisträgerin nicht gelesen hätten. Dass ihre Kritik gerade auf einer Lektüre und auf Gedanken über formale Aspekte beruhen könnten, kommt nicht in Betracht.

Swetlana Alexijewitsch hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten, den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis und schon 1998 den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung – alle mit den besten Gründen. Auch für den Friedensnobelpreis wäre sie eine würdige Kandidatin gewesen. Wenn ihr aber nun der Literaturnobelpreis verliehen wurde, so sagt das weniger über sie als über das Literaturverständnis des Nobelpreiskomitees und auch, wie man sieht, eines stellvertretenden Feuilletonchefs der F.A.Z. Aus.

Die forsche Mahnung von Platthaus hätte in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihre Legitimation gehabt. Heute gibt es keinen Mangel an politischer Literatur. Platthaus selbst nennt Beispiele. Hingegen haben es die Künste in einem emphatischen Verständnis immer schwerer, sich gegen die Vereinnahmung für andere als künstlerische Zwecke zu wehren. Man mag bedauern, dass es keinen Nobelpreis für Journalismus gibt. Wenn man aber Journalismus und Literatur in eins setzt, dann gibt man jenen ein Signal, die Kunsthaftigkeit für überflüssig halten.

John Steinbeck war ein hervorragender Reporter. Den Literaturnobelpreis hat er, zu Recht, für „Die Früchte des Zorns“, „Die Straße der Ölsardinen“ und „Jenseits von Eden“ bekommen. Joseph Roth war ein grandioser Reporter. Den Literaturnobelpreis, den er nicht bekommen hat, hätte er für den „Radetzkymarsch“ verdient. Wolfgang Koeppen war ein begnadeter Reporter. Den Literaturnobelpreis, den er nicht bekommen hat, hätte er für „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ verdient. Wollen wir solche Unterscheidungen leichtfertig aufgeben? Wollen wir die Grenzen aus Angst vor Schubladen, die man auch, weniger salopp und weniger polemisch, Kategorien oder Gattungen nennen kann, verwischen?

Kunst unterscheidet sich nach der Definition des tschechischen Literaturtheoretikers Jan Muka?ovský von anderen Kommunikationsformen dadurch, dass die ästhetische Funktion gegenüber der darstellenden, expressiven und appellativen Funktion Vorrang hat. Die Bücher von Swetlana Alexijewitsch wollen in erster Linie informieren und zum Handeln auffordern. Dass sie darüber hinaus auch eine ästhetische Dimension haben, leugnen vernünftige Kritiker der Nobelpreisentscheidung eben so wenig wie das Vorhandensein anderer Funktionen als der ästhetischen in Kunstwerken im eigentlichen Sinne. Grundsätzlich aber darf Literatur im engen Verständnis Nutzlosigkeit für sich beanspruchen. Sie verweist auf sich selbst, nicht auf etwas, was außerhalb von ihr existiert. Sie sperrt sich gegen Indienstnahme, und sei es für noch so edle Zwecke. Genau das will die politische Literatur, wie Alexijewitsch, das Nobelpreiskomitee und Andreas Platthaus sie verstehen, nicht.

Die Entscheidung, die Platthaus so vehement verteidigt, setzt auf dem Gebiet der Literatur fort, was das Theater seit einiger Zeit verfolgt: die Verdrängung des Artifiziellen durch das Dokumentarische, der Fiktion (für Platthaus „eine typisch deutsche Groteske“, was schon dadurch als Unsinn widerlegt wird, dass es englische und amerikanische, nicht deutsche Buchhandlungen sind, die konsequent zwischen „Fiction“ und „Non-Fiction“ differenzieren) durch „Experten der Wirklichkeit“. Fiktion ist aber immer auch ein Ort der Utopie, der Erinnerung daran, dass, was ist, so nicht sein muss, und dass anderes vorstellbar ist. So gesehen sind die Angriffe auf die angeblich unpolitische Literatur in Wahrheit selbst antipolitisch, nämlich gegen ein Denken gerichtet, das nicht nur das Vorhandene (und Bekannte) abbildet und reproduziert, sondern Alternativen benennt. Wie weit waren doch die Romane von Jules Verne, als er sie schrieb, von der Erfahrungswirklichkeit entfernt, und wie viel hat ihre Fantasie vorweggenommen, was erst später Realität wurde.

Der Literaturkritiker Dmitrij Pisarev meinte, ein Paar Stiefel sei nützlicher als Shakespeare. Diese utilitaristische Sicht auf die Künste, die unter den Verhältnissen im Russland des 19. Jahrhunderts sogar nachvollziehbar ist, wurde später in der Sowjetunion im Zeichen des Sozialistischen Realismus übernommen. Die Künste sollten dem Aufbau des Landes, der Erziehung des Menschen, also kunstfremden Zielen dienen. Noch in den sechziger Jahren gab es eine lebhafte Diskussion, ob Belletristik nicht durch Naturwissenschaften ersetzt werden sollte (und diese Debatte hatte bekanntlich sogar im Westen ihre Ausläufer). Es ist nicht ohne Ironie, wenn die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die nur Spott für diese Auffassung übrig hatte, als die Sowjetunion existierte, heute einen Standpunkt vertritt, der so weit davon nicht entfernt ist. Was wünscht sich Andreas Platthaus: eine Literatur, die etwas „politisch zu leisten versteht“. Stiefel statt Shakespeare.

Vorerst könnte ja die F.A.Z., also der Journalismus ausschöpfen, was Platthaus der Literatur verschreibt: „die Möglichkeit, miteinander zu streiten und dabei an wunde Punkte zu rühren, die keine schnelle Heilung erwarten lassen, aber bei Vernachlässigung unsere Gesellschaften vergiften“. Es braucht dafür nicht unbedingt einen Nobelpreis.

7.10.2015

Ach Henryk

»Ich war im Frühjahr in Armenien. Dort würde niemand auf die Straße gehen und schreien: Armenien muss bunter werden. Nationalstolz und Nationalbewusstsein sind dort ganz selbstverständlich vorhanden. Ganz anders in Deutschland. Da gibt es eine sonderbare Form der Selbstverachtung, die andere Nationen nicht haben. Auch diese merkwürdige Freude der Deutschen daran, dass andere Nationen sie angeblich besonders schätzen und mögen.«
Henryk M. Broder in einem Interview mit Spiegel Online

Abgesehen davon, dass der letzte Satz in dem Zusammenhang keinen Sinn ergibt, dass er den vorausgehenden Satz gerade widerlegt: muss man ausgerechnet Henryk M. Broder daran erinnern, dass die Armenier, im Gegensatz zu den Deutschen, in ihrer Geschichte Opfer eines Genozids waren? Nationalstolz und Nationalbewusstsein haben nicht in jedem Kontext den gleichen Stellenwert. Man muss auch einen armenischen Nationalismus nicht sympathisch finden, aber er ist historisch verständlich. Umgekehrt spricht es für die Deutschen, wenn sie – falls das zutrifft – sensibler und kritischer sind gegenüber nationalistischen Anwandlungen. Vielleicht haben sie doch mehr aus der Geschichte gelernt, als ihnen gemeinhin unterstellt wird. Im Übrigen sind solche Pauschalaussagen, die seit Jahren zu Broders Repertoire gehören, ebenso richtig wie ihr Gegenteil.

Das alles weiß Henryk M. Broder natürlich. Weil wir ihm unsererseits nicht unterstellen mögen, er wolle sich deutschen Nationalisten anbiedern, müssen wir annehmen, dass er um jeden Preis auffallen und provozieren möchte. Man könne das mit einem Schulterzucken hinnehmen, wenn solche Eulenspiegeleien nicht so gefährlich wären. Sie sind tatsächlich gefährlich. Wegen jener Teilgruppe der gefährlichen, nicht nur gefährdeten Deutschen, die sich darauf berufen. Seht mal, selbst der Jude Broder empfiehlt den Deutschen mehr Nationalstolz. Als ob wir keine anderen Sorgen hätten.

3.9.2015

Gedränge in der Mitte

„Die FPÖ – das zeigt jede Wahl – ist längst in der Mitte angekommen.“ Die Presse (Wien)

„Die Grünen sind in der bürgerlichen Mitte angekommen.” SWR (Baden-Baden)

„Regierungsmehrheiten gewinnt man, wenn man in die Mitte geht.“ Winfried Kretschmann (Stuttgart)

Und da steht sie nun in der Mitte, die Ursula Stenzel, einstmals Fernsehmoderatorin und in Österreich weltbekannt, als Kandidatin der FPÖ für den Bezirksvorsteherposten in der Wiener Innenstadt, den sie eben noch als ÖVP-Politikerin innehatte, den sie aber, zugunsten eines Urneffen des legendären Leopold Figl von ihrer langjährigen Partei ganz grauslich im Stich gelassen, zu verlieren drohte. Hinter der Überläuferin steht die in der Mitte angekommene FPÖ von Herrn Strache, und gegenüber stehen die ebenfalls angekommenen Grünen, die sie eigentlich gar nicht mag, die Ursula Stenzel. Aber in der Mitte ist halt nicht so viel Platz, da tritt man sich auf die Zehen.

Sie stehen alle herum in der Mitte, zwischen ihnen steht Ursula Stenzel – aber wofür steht sie eigentlich? Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder die ÖVP, der sie noch vorgestern angehört hat, vertritt die gleichen politischen Ziele wie die FPÖ; oder Ursula Stenzel ist charakterlos und wechselt ihre politischen Ansichten wie die Unterhosen. Sie sei nicht machtgeil, erklärt Ursula Stenzel im Beisein von HC Strache, der als Kavalier der Dame sekundiert: „In der Sache waren wir oft einer Meinung.“ Ja wenn es nicht die Macht ist, die Stenzel anstrebt, dann müssen es wohl die politischen Ziele der ÖVP – pardon, der FPÖ sein, die sie durchsetzen will.

Wenn man ganz vorsichtig die Befürchtung äußert, solche hurtige Wandlungsfähigkeit von Mandataren könnte die Politikverdrossenheit der Bevölkerung fördern, wird man als einer beschimpft, der genau diese Verdrossenheit verschulde. Der Bote, nicht die Botschaft. So kann man Ursache und Wirkung verwechseln. Wie all die feschen Burschen, die sich, mit Damen, versteht sich, in der Mitte tummeln.

28.8.2015

Kunst und Leben

TV-Serie „The Wire“, Staffel 2, Folge 2: Griechischer Wein (Collateral Damage)
„Um Geld für die Hafenarbeiter-Gewerkschaft aufzutreiben, lässt sich Frank Sobotka von Kriminellen wie dem ‚Griechen‘ schmieren. Doch nachdem dreizehn illegale Einwanderinnen in einem Frachtcontainer erstickt sind, macht Sobotka seinem Geschäftspartner bittere Vorwürfe. McNulty sorgt inzwischen dafür, dass auch der Fall der Toten aus dem Container in Colonel Rawls’ Abteilung landet.“

Kronen Zeitung vom 27.8.2015
„Unvorstellbares Drama auf der A4: Am Donnerstagvormittag sind auf der Ostautobahn zwischen dem burgenländischen Neusiedl und Parndorf in einem abgestellten Schlepper- Lkw bis zu 50 Flüchtlinge tot aufgefunden worden (inzwischen ist von 71 Toten die Rede, Th.R.) – die vermutlich aus Syrien stammenden Menschen dürften in dem Fahrzeug erstickt sein. Innenministerin Johanna Mikl- Leitner sprach von einem 'dunklen Tag'. Wie Hans Peter Doskozil, Burgenlands Landespolizeidirektor, am Abend bei einer Pressekonferenz bekannt gab, wurde der Lkw in eine Halle nach Nickelsdorf gebracht. 'Aufgrund der Situation kann man nicht ausschließen, dass auch Kinder und Frauen unter den Toten sind.'“

„Das Leben ahmt die Kunst weit mehr nach als die Kunst das Leben.“ Oscar Wilde

25.7.2015

Das Gartenfest

Ich habe eine Vision. Es ist der 21. August 2015. Der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann hat zum traditionellen Sommerfest gebeten. Der Abend bricht an, und der SPÖ-Oberste betritt erwartungsvoll den Garten. Gleich wird ihn der Applaus der mehr als 2000 geladenen Gäste empfangen. Aber was ist das? Kein Muckser zu hören, kein Mensch zu sehen – außer den Leibwächtern, die sich in geziemendem Abstand auf dem gepflegten Rasen positioniert haben. Der Bundeskanzler ist verwirrt. „Sind die Russen einmarschiert, wie vor 47 Jahren in Prag?“ Die Leibwächter schauen verlegen in den Himmel und lauschen den Knöpfchen im Ohr. Der Bundeskanzler macht ein paar Schritte, traurig und enttäuscht von diesem Liebesentzug wie Selim Bassa, einsam und auch ein wenig verärgert über die Kosten für den Wein und die Brötchen, die ansonsten reißende Abnehmer fanden und nun an das Personal verfüttert werden müssen. Kein Kanzlersommerfest, noch nicht einmal ein Gartenfest à la Václav Havel wie einst in Prag.

Was ist geschehen? Das Natürlichste von der Welt, das der Bundeskanzler freilich nicht ahnen konnte: All jene, die mit der Koalition der SPÖ und der FPÖ im Burgenland nicht einverstanden sind, vielleicht sogar dagegen protestiert haben, verweigern Werner Faymann die Gefolgschaft. Anstand und Selbstachtung verbieten ihnen, das Fest eines Politikers zu besuchen, der gegen diese Koalition nichts einzuwenden hat. Sie wollen ihm die Ehre nicht erweisen, seine Person nicht durch Anwesenheit aufwerten. Sie lassen ihn, mit oder ohne Regen, allein im Garten stehen, einen trostlosen Versager, und freuen sich am nächsten Morgen, wenn sie in den Spiegel schauen, dass sie nicht zu den rückgratlosen Opportunisten gehören, die für ein Glas Wein oder auch zwei ihre Gesinnung verscherbeln.

Leider wird meine Vision eine Vision bleiben. So wird es nicht kommen. In Österreich verkauft man seine Gesinnung für weniger als ein Glas Wein. Und Werner Faymann wird bedrängt werden von Gästen, die mit ihm anstoßen wollen. Prost, und Freundschaft, Genosse!

Siehe auch http://www.kontextwochenzeitung.de/debatte/222/nicht-wehrlos-aber-ehrlos-2987.html

30.1.2015

Auch mit Gewalt lässt sich unser Verhältnis zur Gewalt nicht verbindlich klären. Oder bewerten wir den Tyrannenmörder nicht anders als den Kindermörder? Thomas Rothschild ist auf eine bemerkenswerte Differenzierung der religiös motivierten Gewalt gestoßen.

Schon gar nicht

Am 27. Januar erschien in mehreren österreichischen Zeitungen die folgende Anzeige des Republikanischen Clubs – Neues Österreich und der Israelitischen Kultusgemeinde Wien:

Die Anschläge vom 7., 8., 9., Januar 2015 galten nicht nur der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, sondern auch den jüdischen Kunden eines koscheren Supermarktes.

Gewalt darf in unserer Gesellschaft keinen Platz haben.

Schon gar nicht aus Gründen der Konfession.

Lasst uns wachsam bleiben.

Lasst uns Menschen bleiben.

An der guten Absicht der Initiatoren kann es keinen Zweifel geben. Was stutzig macht, ist die Ergänzung: „Schon gar nicht aus Gründen der Konfession.“ Abgesehen davon, dass sich keineswegs mit Sicherheit feststellen lässt, dass die jüdischen Kunden eines koscheren Supermarktes wegen ihrer Konfession und nicht wegen der Unterstützung der israelischen Politik durch die meisten französischen Juden Opfer eines Anschlags wurden: Was impliziert das „schon gar nicht“? Dass Gewalt aus Gründen des Geschlechts, der Zugehörigkeit zu einem Stamm, des Terrorismusverdachts, der Religionskritik weniger bekämpfenswert ist als Gewalt aus Gründen der Konfession? Einmal mehr drängt sich der Verdacht auf, dass es nicht um die Verhinderung von Gewalt geht, wo auch sie auftritt und gegen wen auch sie sich richtet, sondern um partikuläre Interessen. Da die Initiatoren des Inserats sich gegenüber solchen Einwänden stur verhalten, sei hier ein Rundschreiben von John Ralston Saul, dem Präsidenten des Internationalen PEN, veröffentlicht. Es bedarf keines Kommentars:

Last week in Paris I went to the site of the Charlie Hebdo murders with Emmanuel Pierrat of French PEN, Jarkko Tontti, Carles Torner and Sarah Clarke from our Secretariat. We placed flowers and a message on your behalf. We then took part in a large emergency meeting of journalists, editors and others pulled together by UNESCO.

Beyond condemnation of the violence and solidarity, there was already confusion over what happens next. Can journalists be better protected? How are we to deal with the differences of culture over the shape of satire, even within Europe. After all, nothing is a local as humour. And what does local mean in an era of intense communications and immigration?

As one of the opening speakers – and the only one from a grassroots and international organization of writers – I put forward PEN’s views. These seemed to find a lot of support.
The biggest risk today is that many people – political, security and others – are already trying to take advantage of the shock and fear; to use the situation to their advantage. Security services are lined up for more money and power; lobbying for more surveillance powers. Extremists on all sides are agitating for hatred and various types of violence.

This is exactly the kind of atmosphere that obscures reality. For example, of the 200 or so journalists killed every year, the vast majority die for reasons that have nothing to do with religious extremism, Islamic or other. Most journalists and other writers are assassinated or imprisoned for offending power – state, criminal or corporate, or a combination of the three. Sometimes power hides behind faith. But corruption – the outcome of alliances between the state, criminals and corporations – is a bigger problem than religion.

As for hands on protection, journalists aren’t in government. They don’t work in groups or in state buildings. They don’t travel in protected convoys. Investigation, reporting, stating opinions, mocking power, is all about being on a risky front line.

The single most important cause of danger to writers is impunity. Most people who kill journalists are not investigated, tried or imprisoned. Punishment is so rare around the world that impunity amounts to incitement to murder.

In most countries this situation could be changed – Mexico, Russia, Honduras, Brazil, for example. When it comes to prison, think of Turkey or China. All these countries have political, economic and/ or military partners who turn a blind eye when it comes to free expression. That is a conscious choice. A cynical and, frankly, cowardly choice.

The first way to protect journalists and other writers is through a serious push against impunity. That means honest and effective police and court systems which follow broad standards of free expression set by treaties.

As for the obsessing of security forces with the continual expansion of their surveillance rights, this has more to do with their own power and their discomfort with human rights regulations, slowly put in place over 150 years, than it does with protecting citizens. There is no reason to be surprised by this sort of posturing. Shocked perhaps, but not surprized. For example, we all saw the front rows of the massive march in Paris. The march itself was remarkable for the way in which citizens of all backgrounds and beliefs came together in solidarity. Many members of French PEN were there, as was Per Wästberg, one of our Presidents Emeritus. But those first few rows included many representatives of regimes which play a central role in violence, imprisonment and impunity when it comes to writers.

One example: Saudi Arabia was there, among the most important international missionaries of religious extremism. And, for precisely anti-free expression reasons, that government is currently flogging Raif Badawi every Friday, fifty lashes at a time, until 1,000 have been suffered. This brutality may well be a sentence to death.

Among the more troubling reactions in the West has been the political and populist desire to declare war on religious extremism. It sounds so simple. So logical. Except that a few decades ago the same set of countries declared war an organized crime. It was worse than a failure. Then they declared war on drugs, which turned into a tragicomedy. After the horror of September 11th, they declared war on terrorism, which has been a counterproductive failure. Perhaps the biggest outcome has been the explosion in security services everywhere in the world. The practical outcome has been a continuing reduction in the free speech of citizens living in democracies – a remarkable victory for the terrorists.

Already there are calls for more laws. More limitations. More money for security walls and surveillance.

And, as has been noticed throughout Africa, a few days later, there was virtual indifference in the West to the Baga Massacre of hundreds of innocent people by Boko Haram.

The most encouraging difference this time is that more and more people, including writers, are asking fundamental questions about causes and about the sort of solutions which involve social reforms, a rethinking of education structures, the isolation of immigrant communities. All reasons for alienation.

None of which lessens our sense of tragedy and outrage, our sense of irredeemable loss after the Paris murders. What we know, from our experience around the world, is that we must insist on a calm, tough, careful response, which focuses on the reality of causes, on hypocrisy in public policy and on the large problems – such as impunity – which must be addressed.

Kommentare

Kommentar eintragen









12.10.2014

Geduldeter Betrug

Eine Regelung zu den Fluggastrechten, die 2004 von der EU verabschiedet wurde, verpflichtet Fluggesellschaften innerhalb der EU zu Erstattungen, wenn Flüge mit einer Verspätung, die je nach der Strecke des Fluges gestaffelt ist, am Ziel ankommen. Diese Regelung soll demnächst, zum Nachteil der Fluggäste, geändert werden. Noch aber hat sie ihre verbindliche Gültigkeit nicht verloren.

Wenn man, zum Beispiel mit airberlin, mit einer Verspätung von 13 Stunden an seinem Ankunftsort eintrifft und danach die fällige Erstattung fordert, erhält man ein Schreiben des folgenden Inhalts:

Wir bedauern, dass Ihnen durch die verspätete Beförderung Unannehmlichkeiten entstanden sind und bitten dafür um Entschuldigung.
An dieser Stelle möchten wir Ihnen versichern, dass die airberlin alle Anstrengungen unternimmt, Verspätungen auf ein Minimum zu reduzieren.
Unsere Flugzeuge werden gemäß den strengen Regeln des Luftfahrtbundesamtes überwacht und gewartet, um störungsfreie Abläufe zu gewährleisten. Im Fall einer unvorhergesehenen Störung bemühen sich unsere Mitarbeiter schnellstmöglich um Behebung oder eine Neuorganisation der Flugdurchführung.
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir im Falle eines solchen Ereignisses nicht immer frühzeitig eine verlässliche Prognose der erwarteten Abflugzeit vornehmen können. Dies gilt besonders, wenn der Flugzeugeinsatz schließlich entgegen den Erwartungen neu geplant werden muss.
Verspätungen entstehen darüber hinaus auf Grund von Bedingungen, die außerhalb unseres Einflussbereiches liegen. Selbstverständlich bemühen wir uns auch in diesen Fällen um eine umfassende Betreuung unserer Gäste und schnellstmögliche Beförderung zum Zielort.
Bitte gestatten Sie uns den Hinweis, dass die Verordnungen der Europäischen Union im vorliegenden Fall keine Erstattung vorsehen.

Ähnliche vorfabrizierte Antworten bekommt man auch von anderen Fluglinien in vergleichbaren Fällen. Wenn man sich aber an einen Anwalt wendet, der einen Brief an die Fluggesellschaft schreibt, reagiert diese postwendend. Sie sagt, ohne Widerspruch, zu, die Erstattung zu überweisen. Mit anderen Worten: Sie weiß ganz genau, dass sie im Fall eines Prozesses keine Chancen hätte, dass die Verordnungen der Europäischen Union im vorliegenden Fall durchaus eine Erstattung vorsehen und dass sie im Unrecht ist. Sie hat in Kenntnis des Tatbestands einen Betrug versucht. Offenbar lohnt sich das für die Fluggesellschaften. Viele Anspruchsberechtigte lassen sich einschüchtern und scheuen den Weg zum Anwalt. Das ist ein Fehler.

Im Übrigen sind selbst Interventionen von Anwälten oft erst einmal erfolglos. Die Fluggesellschaft sagt eine Zahlung zu und führt sie dann einfach nicht aus. Auskunft der Anwälte: „Leider kommt es manchmal vor, dass die Airline die Zahlung avisiert und dann die Überweisung nicht tätigt.“ Die Dreistigkeit kennt keine Grenzen. Erst nach einem halben Jahr, nach weiteren Schritten des Anwalts, bezahlte airberlin im aktuellen Fall die Ausgleichsleistung, zu der sie von Anfang an verpflichtet war.

Die Fluggesellschaften gehen bei ihrem Betrugsversuch kein Risiko ein. Sie werden dafür nicht zur Verantwortung gezogen. Die Anwaltskosten klagt kaum jemand ein. Die Flugfirmen zahlen, wozu sie verpflichtet sind, erst wenn ein Prozess droht oder gar eingeleitet wurde. Ansonsten missachten und verhöhnen sie einfach die Europäische Verordnung. Und der Staat schaut zu. Die Fluggesellschaften verhalten sich wie ein Schwarzfahrer, der, nachdem er erwischt wurde, keine Strafe, sondern lediglich die normale Fahrkarte bezahlt, oder wie ein Ladendieb, der, nachdem er ertappt wurde, die Ware wieder ins Regal legt. Der bleibt allerdings nicht unbehelligt, sondern wird der Polizei übergeben.

Jeder Kleinkriminelle weiß, dass nicht erst das erfolgreiche, sondern schon das versuchte Verbrechen strafbar ist. Versuchter Betrug liegt nach § 263 des StGB vor, wenn jemand „in der Absicht, sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt, dass er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält“. Genau dieser Fall liegt vor, wenn eine Fluggesellschaft wider besseres Wissen behauptet, dass die Verordnungen der Europäischen Union in einem bestimmten Fall keine Erstattung vorsehen. Was aber für den Kleinkriminellen gilt, scheint im Geschäftsleben, und keineswegs nur bei Fluggesellschaften, außer Kraft gesetzt zu sein. Gesetzliche Bestimmungen und Verordnungen werden täglich massenhaft mit betrügerischer Absicht missachtet, und der Betrug bleibt selbst dann ungeahndet, wenn er aufgedeckt wird. Wie soll sich daran etwas ändern, wenn der versuchte Betrug nicht mit einem Risiko verbunden ist?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Eigentum besser geschützt ist als Leben, in der dem Profitstreben keine Grenzen gesetzt werden. Kann man sich über die grassierende Staatsverdrossenheit wundern, wo der Staat die Rechte der Kunden nicht ebenso schützt, wie die Rechte der Verkäufer; wo er nicht dafür sorgt, dass der Bürger auch ohne den Gang zum Rechtsanwalt vor Betrug geschützt wird? So lange das nicht der Fall ist, können sich die Anwaltskanzleien nur über säumige Fluggesellschaften freuen: Der Fluggast zahlt die Anwaltsgebühren, und die Fluggesellschaften haben keinen Schaden. Sie zahlen nur die Erstattung, zu der sie ohnedies verpflichtet waren. Sie haben versucht, sich darum herum zu schwindeln. Ist schief gegangen. Ohne Gebühr.

Sie stehen, wie gesagt, nicht allein da. Die Deutsche Bahn, zum Beispiel, darf im Zusammenhang mit Stuttgart 21 die Kostenvoranschläge zu Lasten des Steuerzahlers massiv überziehen, ohne dass das jene Folgen hätte, die jeder Bürger für eine Vertragsverletzung zu tragen hat. Das sähe anders aus, wenn die Verantwortlichen für jeden Euro, den sie zusätzlich verlangen, persönlich haftbar gemacht, für Vertragsverletzungen gerichtlich belangt würden wie ein Mieter, der seine Miete nicht bezahlt. Dass die Kostensteigerungen bei Stuttgart 21 oder beim Berliner Flughafen, bei der Elbphilharmonie oder bei der Sanierung des Stuttgarter Staatstheaters lediglich eine Folge der Unmöglichkeit seien, die Kosten genau zu berechnen, wäre erst dann glaubwürdig, wenn sie im Schnitt ebenso oft und um ebenso große Beträge zu gering angesetzt würde, wenn also statistisch unter der Summe der Mehrkosten und der Einsparungen eine Null stünde. Wenn das nicht der Fall ist, muss von kriminellen Falschangaben bei Angeboten ausgegangen werden.

Genauer besehen, darf einen das Verhalten der Wirtschaft nicht wundern. Sie folgt lediglich dem Beispiel der Politik. Gegen Frankreichs ehemaligen Präsidenten Sarkozy wird ermittelt, der ehemalige italienische Ministerpräsident Berlusconi steht unter teilweisem Hausarrest und muss nach einem Gerichtsbeschluss Sozialarbeit leisten, zahlreiche deutsche Politiker stehen unter Verdacht, gegen Gesetze verstoßen zu haben. Wer die Repräsentanten von Wirtschaft und Politik kriminell nennt, wird es nicht schwer haben, den Wahrheitsbeweis anzutreten. Bertolt Brecht oder die Regisseure italienischer Politkrimis konnten nicht ahnen, wie sehr ihre Fantasie von der Wirklichkeit übertroffen werden sollte.

5.9.2014

Fürsorge für den Verein

Wir alle kennen das Phänomen der „overprotective mother“, wenn nicht aus dem wirklichen Leben, dann wenigstens aus amerikanischen Fernsehserien oder aus der jüdischen Folklore. Sie ist eine tragische Figur, denn sie will immer nur das Beste, in ihrer Selbstwahrnehmung opfert sie sich auf, aber sie erntet dafür statt Dank nur Aggression. Was als Fürsorge beabsichtigt ist, wird als Bevormundung wahrgenommen. Wenn die übersteigerte Fürsorge auch noch mit Hyperaktivität verbunden ist, geht die Wohlmeinende ihrer Umwelt nur noch auf die Nerven.

Auch Vereine haben ihre „overprotective mother“, und sie muss nicht weiblichen Geschlechts sein. Das Kind, das sie behütet, ist der Verein. Ihm gilt ihre Sorge. Wie die eigentliche „overprotective mother“ nur das Beste für ihr Kind will, so will es die metaphorische „overprotective mother“ für ihren Verein. Deshalb ist sie ständig betriebsam und fällt Entscheidungen. Die Vereinsmitglieder erfahren im Nachhinein, was über sie und nur in ihrem Interesse, versteht sich, verfügt wurde. Das jedoch wollen sie ebenso wenig wie die Tochter oder der Sohn einer fürsorglichen Mutter. Sie wollen informiert, zu eigenständigen Entscheidungen befähigt werden und diese auch selbst fällen.

Der Vereinschef aber als „overprotective mother“ behält das Wissen, das seine Herrschaft untermauert, für sich oder teilt es allenfalls, wenn es denn nicht anders geht, mit einem engen Vorstand, dem Vorteilannahme nicht selten als Kitt über diverse Zerreißproben hinweg hilft. Die Beteiligung der Vereinsmitglieder, gar von diesen ausgehende Initiativen werden bloß in Grundsatzreden erbeten, sind aber in Wahrheit unerwünscht, werden als störend empfunden, und in der Tat erleichtern sie meist nicht die Entscheidungsfindung, sondern machen sie komplizierter. Demokratie ist umständlicher als Diktatur oder Oligarchie. Vorstände haben die Tendenz, sich gegenüber den „normalen“ Mitgliedern abzuschotten. Sie sind in der üblichen Vereinsstruktur der Gegenpol zur großen Zahl der Karteileichen. Dazwischen aber befinden sich jene Mitglieder, die gerne mitreden würden, die aber nicht gefragt werden und nicht gehört, wenn sie von sich aus, ungefragt, den Mund öffnen.

Wie Menschen oft nur, weil sie daraus ein Gefühl der Befriedigung und der Belohnung beziehen, also aus egoistischen Motiven, Gutes tun, das Ergebnis ihrer Handlungen aber effektiv erfreulich und lobenswert sein kann, so können die Folgen einsamer Entscheidungen von Vereinshäuptern durchaus positiv zu bewerten sein. Aber ihr Zustandekommen bleibt undemokratisch und birgt ein Risiko in sich. Denn es entzieht sich der Kontrolle und deckt, einmal als Prinzip eingeführt, auch schädliche Beschlüsse. Der Vereinschef, der die Mitglieder nicht an Entscheidungen beteiligt, mag ein guter Diktator sein – aber er bleibt ein Diktator. Deshalb tut er alles, was in seiner Macht steht, um Neuwahlen oder zumindest einen Gegenkandidaten zu verhindern.

Der Funktionär dient dem Verein, aber der Verein dient auch dem Funktionär. Ohne ihn wäre er nichts. Der Verband verleiht seinem Funktionär eine Bedeutung, die er ohne ihn nicht hätte. Er verschafft ihm eine in Geiselhaft genommene Zwangsöffentlichkeit bei den Generalversammlungen und eine publizierte Öffentlichkeit, wobei er nicht als Person, sondern ausschließlich als Sprecher des Vereins wahrgenommen wird, der über jenes Prestige oder jenes allgemeine Interesse verfügt, das ihm fehlt. Er besorgt ihm Einladungen und Abendessen mit Vertretern der Politik und anderer Vereine, die schon am nächsten Tag seinen Namen vergessen haben.

Die „overprotective mother“ als Vereinsfunktionär benötigt die Funktion als permanente Selbstbestätigung. Kommt ihr diese Funktion abhanden, dann verliert sie den Verein und die Mitglieder, wie eine reale Mutter ihre Kinder verliert, wenn diese ihrer Protektion überdrüssig werden und gar nicht so selten real oder symbolisch fliehen. Wie diese nicht verstehen kann, warum sich ihre Kinder von ihr lossagen, so kann der fleißige Vereinschef nicht begreifen, dass seine Alleinherrschaft nicht kritiklos hingenommen, dass er gar abgewählt wird: er hat, wie die Mutter, doch alles für seine „Kinder“ hingegeben.

Im Übrigen hat jeder Verein die Funktionäre, die er verdient. Zu den elementaren Spielregeln der Demokratie gehört, dass sie für alle gleichermaßen gelten, das sie also Regeln im strengen Wortsinn sind. In ihren Satzungen halten Vereine fest, welche Bedingungen man erfüllen muss, um Mitglied zu werden. Wenn es aber hart auf hart geht, liegen immer wieder Bewerbungen vor von Kandidaten, die die Aufnahmekriterien nicht oder nicht vollständig erfüllen. Dann tritt mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Freund, eine Freundin des Bewerbers auf und erläutert mit viel Schwung, warum man in diesem Fall eine Ausnahme machen, nicht auf den Regeln bestehen soll. Was sie nicht begreifen, ist, dass Regeln wertlos sind, wenn man sie nach Lust und Laune oder eben aus Gründen der persönlichen Freundschaft durchbrechen und verletzen darf. Deshalb ist es erstaunlich, mit welcher Gleichgültigkeit die Schaffung von Präzedenzfällen hingenommen wird. Es gibt kein demokratisches und auch kein moralisches Argument, mit dem man in der Folge anderen verweigern kann, was man einem Menschen bewilligt hat. Es ist so etwas wie die Anwendung von Kants kategorischem Imperativ. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Dass die Demokratie, also die Gleichbehandlung in Frage gestellt wird, wo man, und sei es „ausnahmsweise“, für ein Individuum beansprucht, was anderen vorenthalten bleibt, scheint deshalb so schwer zu begreifen, weil derjenige, der diese Zumutung fordert, in seiner Selbstwahrnehmung aus Freundschaft handelt – und das kann doch nicht böse sein. Er begreift nicht, dass in der Demokratie die Egalität ein höherer Wert sein muss als Freundschaft oder gar Dienste auf Gegenseitigkeit. Wenn dieses Prinzip missachtet wird, sind der Willkür Tür und Tor geöffnet. Über den Verein hinaus, auf das Gemeinwesen übertragen, erübrigen sich dann Gesetze, die das Zusammenleben regeln. Wozu sollen sie gut sein, wenn jemand – auf Grund welcher Qualifikation eigentlich? – erklären darf, dass, was für die Allgemeinheit gilt (das Meineidverbot, das Diebstahlverbot, das Tötungsverbot), für einen spezifischen Gesetzesübertreter keine Geltung haben soll. Dass genau dies des öfteren der Fall ist, etwa wenn Steuerhinterzieher oder Soldaten straffrei ausgehen, dass zum Beispiel das Begnadigungsrecht diesen Fall einschließt, macht ihn noch nicht akzeptabel. Es beweist nur, was wir ohnedies wissen: dass die Demokratie auch außerhalb von Vereinen entwicklungsbedürftig ist. Freundschaftsdienste sind in der Tat von Übel, wenn sie all jene, die nicht in ihren Genuss geraten, benachteiligen, zu Menschen zweiter Klasse machen. Sie sind, auch wenn man sie nicht Nepotismus oder Protektionismus nennt, Überbleibsel einer vordemokratischen Gesellschaft. Darüber sollte man sich auch durch blumige Rhetorik oder durch den „guten Diktator“ an der Spitze des Vereins nicht hinweg täuschen lassen.

16.8.2014

Scotts letzte Fahrt

In meiner Jugend gab es in dem Wiener Bezirk, in dem ich aufgewachsen bin, fünf Kinos: das Roxy, das Ideal, das Olympia, das Universum und das City. Hier hat meine filmische Sozialisation begonnen. Hier habe ich „Scotts letzte Fahrt“ mit John Mills gesehen, den DDR-Film „Das kalte Herz“ und „Herz der Welt“ mit Hilde Krahl als Bertha von Suttner. Das mögen nicht die Spitzen der Filmkunst sein, aber sie haben meine Begeisterung für das Kino geweckt.

Von den fünf Kinos gibt es längst kein Einziges mehr. Sie sind Supermärkten und Geschäften für Badezimmereinrichtungen gewichen. Jugendliche, die heute ins Kino gehen wollen, müssen eine Straßenbahnfahrt von einer halben Stunde in die Innenstadt in Kauf nehmen. Das tun sie nicht. Sie werden mit dem Fernsehen groß oder mit DVDs. Man kann darob mit den Schultern zucken. Man kann es auch für einen Verlust halten.

Das muss nicht so sein. In der mittelgroßen deutschen Stadt, in der ich jetzt lebe, gibt es immerhin vier Kinos, davon zwei Programmkinos, obwohl diese Stadt nur etwas mehr Einwohner hat als der kinolose Wiener Bezirk und nur sechzehn S-Bahn-Minuten von einer Großstadt entfernt ist.

Wir befinden uns in einer Situation, in der es den Theatern ähnlich ergehen könnte wie den Kinos meiner frühen Jugend. Ihr Tod wird herbeigeredet von Zeitgenossen, die, mit unterschiedlichen Interessen, behaupten, dass das Theater verstaubt und überflüssig sei. Sie zwingen ihre eigene Interessenlosigkeit der nachwachsenden Generation auf. Sie erledigen die Dreckarbeit für die Politiker, die sparen wollen, und zwar immer zunächst bei der Kultur. Wenn die Theater erst einmal geschlossen sind, wenn sie zu Banken oder Lagerhallen „umfunktioniert“ wurden, werden sie nicht mehr auferstehen, wie die Kinos im Wiener Bezirk.

Wer diese Demontage befürwortet und befördert, soll sich zumindest der Verantwortung bewusst sein, die er trägt. Die leichtfertige Zerstörung von Kultur ist, genauer besehen, ein Verbrechen. Wer unter Menschen leben will, die nur noch in Kategorien von Immobilienpreisen und Aktien denken, möge weitermachen. Mir graut davor. Aber ich erinnere mich gerne an Scotts letzte Fahrt und an die Erschütterung, die der Tod des Antarktisfahrers in mir ausgelöst hat.

6.6.2014

Hass und Vergebung

So hat man sie gern, die Juden, die Überlebenden des Holocaust, deren Familien ausgerottet wurden und die nun in Schulklassen oder Stadtbüchereien versichern, sie empfänden keinen Hass gegen die Deutschen. Wohlgemerkt: sie meinen nicht allein jene verhältnismäßig kleine Zahl von Deutschen, die im Dritten Reich Widerstand geleistet haben, und auch nicht die Nachgeborenen, die in der Tat keine Schuld trifft, sondern auch die Mörder ihrer Mütter, Väter, Schwestern und Brüder. Devot haben sie zu sein, die Juden, friedfertig, nicht rachsüchtig wie der blutrünstige Shylock.

Wenn ein Kind vergewaltigt und umgebracht wird, hat jeder Verständnis für den Hass der Mutter, ja selbst für ihren Versuch, den Täter zu erschießen. Der einzige, der es mit Genugtuung vermerkte, wenn sie Verzeihung predigte, wenn sie ihm also Absolution erteilte, wäre der Sexualmörder selbst. Es wäre Balsam auf sein (hoffentlich) geplagtes Gewissen. Was also hat es zu bedeuten, wenn Deutsche, auch junge Deutsche so publikumswirksam dankbar sind für jedes versöhnliche Wort von Holocaust-Überlebenden? Offenbar identifizieren sie sich eben doch so sehr mit den Tätern, dass es ihnen wohl tut, wenn jenen und somit auch ihnen das Schuldgefühl ausgeredet wird. Das Verständnis, das sie für den Hass der Mutter des missbrauchten Kindes aufbringen, geht ihnen ab, wenn es sich um Juden handelt, die sei Jahrzehnten mit dem Bewusstsein leben müssen, dass ihre Liebsten auf unvorstellbar brutale Weise umgebracht wurden – möglicherweise mit Wissen und im Beisein von inzwischen greisen Menschen, denen sie beim Einkauf im Supermarkt oder abends im Konzert begegnen.

Die Einforderung (und Honorierung) eines alles verstehenden Verzeihens hat etwas Unmenschliches. Es verniedlicht das Unrecht und verschiebt die Verantwortung einmal mehr vom Täter auf das Opfer. An ihm, dem Opfer, liegt es, durch Verzicht auf Hass jene Leistung zu erbringen, die die Täter niemals erbracht haben. Schon wahr: wer hasst, schadet nicht nur dem Objekt des Hasses, sondern auch sich selbst. Aber nicht jeder hat die Wahl, seine Gefühle zu beherrschen – nicht jede Mutter eines vergewaltigten Kindes und auch nicht jeder Jude, dessen Familie im Holocaust umgekommen ist. Soll er nun den Schwarzen Peter zugesteckt bekommen, weil er nicht, wie einige Vorzeigejuden in Schulen und Stadtbibliotheken, frei zu sein vorgibt von Hass und Ressentiment?

Wären die jungen Deutschen heute dort, wo sie 1968 bereits waren, nämlich bei der Erkenntnis von der Überdimensionalität des Verbrechens, das der von Menschen durchgeführte Holocaust bedeutet hat, dann teilten sie den Hass der Opfer gegen die Täter, statt ihnen ein pathetisches Bekenntnis zur Vergebung abzuverlangen.

Kommentare


Gert Heidenreich - ( 05-10-2014 05:58:53 )
Ungeteilte Zustimmung.
Mit herzlichem Gruß,
Gert Heidenreich
ps Was sucht das Postauto in der "Kontrollfrage"???

Kommentar eintragen









26.5.2014

Sprüche

Die Sprachverschluderung, das gedankenlose Geplapper, das uns die Medien seit Jahren vormachen, hat längst den Alltag erreicht. Sprachliche Versatzstücke verbreiten sich wie der Schnupfen während einer Epidemie, und niemand macht sich die Mühe, über ihren (Un-)Sinn nachzudenken. Zum Glück gibt es auch noch einige Wenige, die Sprache mit Bedacht verwenden. Beginnen wir also mit einem positiven Beispiel, beginnen wir mit Marcel Ophüls.

Bei einem Podiumsgespräch antwortete der Befrager auf ein Statement des großen, inzwischen 87jährigen Filmemachers: „Ich möchte Ihnen ja nicht widersprechen, aber…“ Worauf Ophüls entgegnete: „Widersprechen Sie mir ruhig. So entsteht ja erst ein Gespräch.“

Wie wahr. Die Angst vor dem Widerspruch, hinter der sich eine anerzogene Konfliktscheu verbirgt, befördert die Abschaffung eines Gesprächs, das diesen Namen verdient. An seine Stelle sind Bekundungen getreten, die auf Einverständnis hoffen, denen man also nur stillschweigend oder auch mit Beifall zustimmen kann. Es ist, in Miniaturform, das totalitäre Modell. Einer sagt was, und alle anderen fühlen sich bestätigt und bestätigen ihrerseits, was ihre nicht unbedingt atemberaubenden Einsichten zu beglaubigen scheint. Schon wahr, es gibt auch den Typen der aus Prinzip widerspricht, der, je nach der Ansicht, auf die er trifft, jede Position einnehmen kann: Hauptsache sie opponiert. Dieser Typ ist nicht weniger ermüdend als der Gegentyp, der „ja nicht widersprechen möchte“, der sich anbiedert, statt, wie Marcel Ophüls richtig bemerkt hat, einzubringen, was ein Gespräch – und damit, weiter gedacht, Öffentlichkeit, Demokratie – erst gewährleistet.

Nun aber der dümmste Spruch der Woche. Der Woche? Man hört ihn leider ständig. Was ihn nicht klüger macht. Er lautet: „Leistung muss bezahlt werden.“ Seine Implikation: Was nicht bezahlt wird, ist nichts wert. Das Geld ist das Maß aller Dinge.

Die diesen Satz so locker auf den Lippen führen, meinen in der Regel nur sich selbst. Was sie allgemein formulieren, soll heißen: Ich will für meine Leistung bezahlt werden. Das ist ein legitimer Wunsch. Ich will manchmal Walnusseis, aber ich bekomme es nicht. Soll ich nun behaupten: „Walnusseis muss verfügbar sein“? Die Dummheit dieser Redeweise besteht darin, dass sie als universal gültiges Naturgesetz ausgibt, was ein meist eigennütziges Postulat ist. Was bezahlt wird, gar bezahlt werden muss, ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Konvention, die sich historisch verändert. In unserer Gesellschaft hier und jetzt wird die Erziehung der eigenen Kinder nicht, die Erziehung fremder Kinder aber doch bezahlt. Unterscheidet sich die Leistung? Die Leistung, die ein Wehrpflichtiger erbringt, wird nicht oder jedenfalls sehr schlecht bezahlt, die gleiche Leistung von einem Berufssoldaten hingegen wird entlohnt. Der Hobbyhandwerker erbringt ohne Bezahlung die gleiche Leistung wie der Profi für teures Geld. Und die Prostituierte wird für eine Leistung angemessen bezahlt, die Ehefrauen über Jahrhunderte hinweg für die gleiche Gegenleistung, nämlich die ökonomische Absicherung, oft mit nicht weniger emotionaler Hingabe als die Prostituierte, ohne Bargeld erbracht haben.

Was in einer Gesellschaft als bezahlenswert gilt, kann in einer anderen als soziale Verpflichtung, als erwartbarer Beitrag zum Zusammenleben gewertet werden. Wer unbezahlte Leistung ausschließt, verhöhnt all jene Freiwilligen, die karitative Arbeit, die Nachbarschaftshilfe leisten. Das Bild einer Gemeinschaft, in der ohne Bezahlung keine Leistung mehr erbracht wird, entspricht dem Bild einer Gemeinschaft, in der es keine Gespräche mehr gibt. Nicht einmal über den Begriff Leistung muss Einigkeit bestehen. Ist ein Auftragsmord, der bezahlt wird, eine Leistung? Ist also ein Verbrechen eine Leistung? Und muss sie dann bezahlt werden? Dann sollten die Strafgefangenen in den Justizvollzugsanstalten ihre Hand aufhalten: „Leistung muss bezahlt werden.“

Kommentare

Kommentar eintragen









12.5.2014

Es bleibt spannend

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Menschen die Fiktion eines Kriminalromans oder eines Kriminalfilms mit der Wirklichkeit verwechseln. Aber auch das Gegenteil begegnet uns tagtäglich, wenn wir Radio hören oder das Fernsehen einschalten: dass Moderatoren die Wirklichkeit mit einem Krimi verwechseln.

Karl Kraus hat 1921 in seiner „Fackel“ die Glosse „Reklamefahrten zur Hölle“ veröffentlicht. Darin geißelt er den Zynismus jener Zeitungsleute von den Basler Nachrichten, die Kaffeefahrten zu den Schlachtfeldern von Verdun veranstalten, die Schamlosigkeit der „Presspiraten“, „die aus dem Tod einen Spott und aus der Katastrophe ein Geschäft machen und den Abstecher zur Hölle als Herbstfahrt besonders empfehlen“.

1963 hat Wolfgang Neuss, der unübertroffene Meister des deutschen Nachkriegskabaretts, den sonntäglichen Fernseh-Frühschoppen von Werner Höfer so gekennzeichnet: „Südafrika! Was sagen Sie denn dazu? Grässlich! Und Sie? Schrecklich! Je nu, da sind wir uns wohl alle hier am Tisch einig: das Blutbad, was dort auf die Welt wartet…na denn Prost, Ihr Werner Höfer!“

Im Jahr 2014 berichtet der Rundfunkkorrespondent aus Donezk von massiven Behinderungen beim Plebiszit und von blutigen Ausschreitungen, von Folter und Gewalt. Und der Moderator, wie kommentiert er die Auskunft? „Es bleibt spannend.“

Wenn irgendwo Wahlen anstehen, die darüber entscheiden, ob eine faschistische Junta an die Regierung kommt, erklärt der deutsche Rundfunkmoderator: „Es bleibt spannend.“ Wenn in einer Region ein Krieg auszubrechen droht: „Es bleibt spannend.“ Wenn sich Freischärler gegenseitig und zugleich die Zivilbevölkerung, Frauen und Kinder ausrotten: „Es bleibt spannend.“ Als handelte es sich um einen Krimi, den sich irgendein Schreiberling ausgedacht hat. Es ist aber die Wirklichkeit.

Hätten wir nicht die Zeugnisse von Karl Kraus und Wolfgang Neuss, würden wir das vielleicht für eine Ausgeburt unserer Zeit halten. Neu ist er nicht, aber er hat sich vervielfacht: der Typus des Medienmenschen, der entweder herz- oder hirnlos, wahrscheinlich aber beides ist, der den Ereignissen auf der Welt mit einer rohen Gleichgültigkeit begegnet und dem alles, was geschieht, zum Material gerinnt, zur Story, die nur langweilig oder spannend sein kann, im Glücksfall aber karrierefördernd ist.

Kann es noch schlimmer kommen? Haben wir den Tiefpunkt der journalistischen Moral noch nicht erreicht? Ist die Bankrotterklärung der Medien nicht längst abgegeben? Es bleibt spannend.

Kommentare

Kommentar eintragen









29.4.2014

Grazer Dreiervorschlag

Der Vorgang ist ebenso skandalös wie exemplarisch. Die Intendantin des Grazer Schauspielhauses Anna Badora wird 2015 nach Wien ans Volkstheater wechseln. Wahrscheinlich beißt sie sich, wie man in Österreich sagt, in den Arsch. Als sie sich um die Leitung des – nicht nur wegen seiner Unterfinanzierung – schwierigen Hauses am Weghuberpark bewarb, konnte sie nicht ahnen, dass bald darauf die Stelle des Burgtheaterdirektors zur Disposition stehen würde.

Mittlerweile wurde ihre Position in Graz ausgeschrieben. 28 Kandidaten bewarben sich um die Nachfolge Anna Badoras. Aus ihnen stellte eine Findungskommission zunächst einen Zehner-, dann einen Dreiervorschlag zusammen. Anfang Mai sollte die neue Intendantin oder der neue Intendant feststehen.

Nun aber hat einer der drei Kandidaten aus der engeren Wahl zwei Tage vor dem endgültigen Hearing seine Bewerbung zurückgezogen. Daraufhin hat die Jury beschlossen, keine Empfehlung abzugeben. Es sei zu befürchten, so die Kommission, dass eine Fortsetzung der bisherigen erfolgreichen künstlerischen Arbeit am Schauspielhaus Graz nicht gewährleistet sei. Jetzt soll die Stelle erneut ausgeschrieben werden.

Die Aussage der Jury lautet im Klartext: nicht nur bei den übrigen 25 Bewerber, auch bei den auf dem Dreiervorschlag verbliebenen zwei Kandidatinnen oder Kandidaten ist “zu befürchten, dass eine Fortsetzung der bisherigen erfolgreichen künstlerischen Arbeit am Schauspielhaus Graz nicht gewährleistet” ist, kurz, dass sie für die Leitung eines Theaters nicht geeignet sind. Was aber hat zum Gesinnungswandel der Jury geführt? War der vorgebliche Dreiervorschlag, wie so oft, lediglich Täuschung, ein camouflierter Einservorschlag? Die Tageszeitung „Der Standard“ vermutet mit Blick auf den – warum wohl? – abgesprungenen Bewerber: „Offenbar war genau dieser Kandidat der Favorit der Findungskommission.“

Schön wäre es, wenn sich die Bewerber outen würden. Dann nämlich müsste die Jury begründen, warum diese was nicht zu gewährleisten verdächtigt werden. Nicht ihr Ruf wäre beschädigt, sondern der der Kommission. Der Sinn öffentlicher Ausschreibungen und der Einsetzung von Findungskommissionen ist die Stärkung demokratischer Umgangsformen. Wo Dreierlisten nur zum Schein erstellt werden, wo man in Wahrheit einen einzigen Bewerber für kompetent hält und die anderen nur als Pappkameraden missbraucht, wird die Demokratie verhöhnt.

Das ist skandalös, aber wie gesagt: exemplarisch.

Kommentare

Kommentar eintragen









8.4.2014

Vom Hausruck ins Logentheater

In einer Welt, in der Entfernungen noch in Kilometern und nicht in Kilogramm gemessen werden und Temperaturen in Grad und nicht in Dezibel, hätte man annehmen dürfen, dass die Salzburger Festspiele Matthias Hartmann den Regieauftrag für „Die letzten Tage der Menschheit“ entziehen. Der „Lumpazivagabundus“ vom vergangenen Jahr ließ Schlimmes erwarten und hat lange vor den aktuellen Ereignissen die Zweifel verstärkt, dass der Ex-Burgtheaterdirektor, dessen Humor mit seinem Selbstbewusstsein nicht Schritt halten kann, ausgerechnet für diese Besetzung eine gute Wahl war. Aber Hartmann wurde nicht aus künstlerischen Gründen geschasst. Der Auftrag wurde ihm entzogen, weil er nicht mehr Direktor der koproduzierenden Anstalt ist – aus Gründen, die mit seiner Eignung für diese Aufgabe so viel zu tun haben wie die Halskette der Bundeskanzlerin mit ihrer Außenpolitik. Und deshalb wird Sven-Eric Bechtolf trotz der fast einhelligen negativen Kritik an seiner „Così fa tutte“ von 2013 heuer wie vorgesehen „Don Giovanni“ inszenieren. Nicht künstlerische Maßstäbe bestimmen, wem in Salzburg eine Regie zu- oder aberteilt wird, sondern seine Position innerhalb der veranstaltenden Betriebe, sein Status. Und so verliert man seinen Auftrag nicht wegen künstlerischer Inkompetenz, sondern weil die Kasse nicht stimmt. So deutlich sind die Kriterien noch selten zutage getreten, nach denen im Kulturbetrieb die Entscheidungen fallen.

Die Salzburger Festspiele aber und das Burgtheater waren unter Zugzwang. Die Zeit drängte. Es musste ein Ersatz für Hartmann gefunden werden, das singuläre Werk von Karl Kraus ist für ein Festival unverzichtbar, das sich 1914 zum Leitthema gewählt hat, und nicht nur ist es besonders schwierig – es gehört auch nicht zu jenen Repertoirestücken, die zahlreiche Regisseure in petto haben. In einer zügigen, ebenso überraschenden wie klugen Entscheidung hat man Georg Schmiedleitner aus dem Ärmel gezogen.

Der 1957 in Linz geborene Georg Schmiedleitner zählt nicht zu jenen bei jeder offenen Stelle kursierenden Namen, die einem sofort einfallen. In den vergangenen Jahren hat er an vielen Theatern unterschiedlicher Größe gearbeitet. Das Spektrum der inszenierten Stücke ist breit, wenngleich vorwiegend am “klassischen“ Kernbestand orientiert, aber die österreichische Dramatik von Grillparzer, Raimund, Nestroy über Horváth bis Franzobel bildet einen auffälligen Schwerpunkt.

Im Zusammenhang mit den „Letzten Tagen der Menschheit“ jedoch lohnt es sich, einen Blick auf ein Projekt zu werfen, das abseits von den Zentren der Kulturberichterstattung realisiert wurde und in dem sich Schmiedleitners besondere Begabung offenbart hat. Im Hausruck, einer Hügellandschaft nordwestlich seiner Heimatstadt Linz, hat er von 2005 bis 2010 zusammen mit Chris Müller und dem Autor Franzobel an ungewöhnlichen Orten Theater gemacht, das sich mit der jüngsten Geschichte der Region auseinandersetzt. Ariane Mnouchkines Kollektivarbeiten haben da ebenso Pate gestanden wie Rimini Protokoll.

Interessant ist nun, dass Schmiedleitner für dieses Projekt aus dem Theatergebäude auszog, in neu erschlossene Spielstätten, die einerseits historisch mit den Stoffen zu tun hatten, andererseits Spielweisen Möglichkeiten eröffneten, die der Guckkastenbühne vorenthalten bleiben. Bemerkenswert übrigens, dass das Hausruck-Stück von 2009 den Titel „A HETZ oder Die letzten Tage der Menschlichkeit“ trug: Schon lange vor dem unvorhersehbaren Salzburger Auftrag wurde da auf Karl Kraus angespielt. Wenn Schmiedleitner nun ausgerechnet mit den vielfach als unaufführbar geltenden „Letzten Tagen der Menschheit“, die Karl Kraus „einem Marstheater zugedacht“ hat, in das Landestheater Salzburg einzieht, so erweckt das den Verdacht der Resignation – just zu einer Zeit, da die Tradition des Stadttheaters heftig, aber ohnedies unpräzise und mit teils eigennützigen Motiven, teils modischen Zugeständnissen kritisiert wird, zugunsten jenes Modells, das auch Schmiedleitner im Hausruck gepflegt hat. Der Salzburger Bau des berühmten Theaterarchitektengespanns Fellner & Helmer ist geradezu die Karikatur eines Logentheaters, in dem es mehr darauf ankommt, gesehen zu werden als zu sehen. Von den Seitenplätzen am Balkon hat man nur auf die halbe Bühne freie Sicht.

Nun kann man von Georg Schmiedleitner nicht erwarten, dass er ein Angebot der Salzburger Festspiele ablehnt. Solch eine Chance lässt man sich nicht entgehen. Aber man kann sie nutzen. Man könnte sich denken, dass der neu akquirierte Regisseur darauf besteht, dass die überwältigende Szenenfolge von Kraus auf der Pernerinsel, wo sie mit Sicherheit besser hin passte als ins Landestheater, oder an einer noch ausfindig zu machenden Location präsentiert wird. Auch Hans Hollmann hat in seiner legendären Basler Inszenierung der „Letzten Tage der Menschheit“ von 1974 und in der Rekonstruktion für die Wiener Festwochen ein paar Jahre später den Theaterraum verlassen. Den umgekehrten Weg beschritt Helmut Qualtinger, indem er allein alle Rollen sprach und den Raum der Fantasie der Zuhörer überantwortete.

Wenn Georg Schmiedleitner den Wünschen der Salzburger Festspiele allzu widerstandslos nachgibt, könnte er sehr schnell zu einem traurigen Exempel dafür werden, wie der künstlerische Anspruch und die politische Einsicht auf dem Weg nach oben verloren gehen. Die Aporien der Karriere. Sven-Eric Bechtolf hat im „Jedermann“ den Teufel gespielt. Dem verkauft man bekanntlich seine Seele. Wenn er sich darauf einlässt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Schmiedleitner wegen der Finanzen Schlagzeilen macht und nicht wegen der Kunst. Es wäre schade. Warten wir's ab.

Kommentare

Kommentar eintragen









31.3.2014

Karin Bergmann, Franz Morak und die Bücher

Karin Bergmann, die amtierende Intendantin des Burgtheaters, war weder Regisseurin, noch Dramaturgin. Sie hat weder Theaterwissenschaft noch Literaturwissenschaft studiert. Karin Bergmann stammt aus einer Bergarbeiterfamilie im Ruhrpott und hat das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg abgelegt. Wenn Karin Bergmann berichtet, was ihr in ihrer Jugend Bücher bedeutet haben, dann kann man eigentlich nur Wut empfinden gegen jene, die das Privileg der Bildung geringachten und schmähen.

Schon die ersten Interviews, die Karin Bergmann seit ihrer Amtsübernahme gegeben hat, beweisen, dass sie mehr vom Theater versteht als die meisten Akademiker.

Franz Morak, zuvor ein Star des Burgtheaters, hat in seiner Eigenschaft als zuständiger Staatssekretär gegen zahlreiche Warnungen Matthias Hartmann zum Direktor des renommierten Hauses gemacht. Im Gegensatz zur Bergarbeitertochter Bergmann oder zum kürzlich verstorbenen Bäckersohn Gerard Mortier versteht Morak offenbar nichts vom Theater. Aber niemand nennt zurzeit seinen Namen. Niemand zieht ihn zur Verantwortung für den Schaden, den er mit der Berufung Hartmanns angerichtet hat – aus Unfähigkeit, die wir zu seinen Gunsten unterstellen wollen, da wir sonst Korruptheit voraussetzen müssten.

Man muss nicht studiert haben, um sich ein Urteil bilden zu können, um zu erkennen, wer ein begabter Regisseur und wer ein Scharlatan ist, wer zu den genialen Schauspielern und wer zum Mittelmaß gehört, was ein gutes Stück und was bloße Mode ist. Das ist das eigentlich Erfreulichste an der Bestellung Karin Bergmanns zur Burgtheaterdirektorin: dass hier ausnahmsweise einmal die Fähigkeiten, nicht die soziale Herkunft und der formale Bildungsweg zählen. Ich kenne jede Menge Professorinnen und Professoren der Literaturwissenschaft und der Theaterwissenschaft, aber auch Theaterleiter und Dramaturgen, die niemals freiwillig ins Theater gehen, an ihrem Wohnort nicht und erst recht nicht anderswo, um zu erfahren, was außerhalb des eigenen Bezirks passiert. Das beklagte Karussell der immer gleichen Namen im Kulturbetrieb verdankt sich dem Fehlen von Erfahrungen aus erster Hand. Was Gerüchte verbreiten, was man lediglich vom Hörensagen zu wissen meint, wird als Einsicht weitergegeben, und die Kritiker, die Medien haben leider ihren Anteil daran. Man lese nur nach, wen die Zeitungen alles in der Woche nach der Kündigung Hartmanns als neuen Burgtheaterdirektor angekündigt haben. Man wusste nichts, tat aber so als ob. Der Bluff ist die Technik, die die Medien und die Universitäten verbindet.

Nein, hier wird nicht dem Dilettantismus das Wort geredet. Karin Bergmann ist so professionell, wie man es im Theater nur sein kann. Aber ihre Professionalität weist sich nicht durch einen Doktortitel aus, sondern durch ihre Taten. Klar, die jahrelange Praxis in diversen Funktionen an mehreren Theatern war auch so etwas wie eine Universität, nein: war, was eine Universität sein könnte, wenn sie nicht von Schwindlern bevölkert wäre. Aber auch diese Praxis hätte nicht ausgereicht ohne den Hunger nach Bildung, den Hunger der Bergarbeitertochter nach Büchern und Schönheit. Die müde Arroganz derer, denen die Möglichkeit zum Studium in den Schoß gefallen ist, die Bücher nur noch langweilig und das gegenwärtige Theater verstaubt finden, konnte sie sich nicht leisten.

Karin Bergmann ist eine energische Frau. Hoffen wir, dass sie durchhalten wird. Nicht um ihret-, um unseretwillen.

20.1.2014

Offenlegung

Die Schriftstellerverbände empfehlen ihren Mitgliedern, für Lesungen ein Mindesthonorar von 350 Euro zu fordern. Das bedeutet: 350 Euro für das einstündige Vorlesen eines vorhandenen Textes.

Der Reclam Verlag, der fast ohne Werbung auskommt, weil sein an den Lehrplänen orientiertes Programm mit dem Absatz an Schüler und Studenten rechnen kann, zahlt Autoren für einen Beitrag von fünf Druckseiten 60-75 Euro. Das macht, wenn man eine schnelle Arbeitsweise voraussetzt, bei Berücksichtigung der Zeit für Recherchen einen Stundenlohn von maximal 50 Cent (die Kosten für Fahrten zu Bibliotheken oder Leihgebühren nicht eingerechnet).

Die übliche Erklärung für die skandalöse Bezahlung von wissenschaftlichen Texten lautet, deren Autoren bezögen ja für ihre Forschung bereits ein Gehalt. Abgesehen davon, dass keineswegs alle Wissenschaftspublizisten eine bezahlte Anstellung haben, bedeutet das nichts anderes, als dass die Universitäten, also die Steuerzahler, die privaten Verlage subventionieren. Ich rede nicht von den Klein- und Kleinstverlagen, die selbst ständig am Rand des Bankrotts arbeiten und tatsächlich die Verbündeten der Autoren sind. Ich rede von großen Wirtschaftsunternehmen, die die Tatsache schamlos ausnützen, dass Wissenschaftler um ihrer Karriere willen veröffentlichen müssen (oder zumindest sollten).

Autorenschaft als Broterwerb stirbt aus. Nicht nur wegen des Niedergangs der Printmedien. Nun könnte man ja durchaus darüber diskutieren, dass Schreiben und andere schöpferische Tätigkeiten nur noch als Steckenpferd betrieben werden sollen wie Sport oder Gartenpflege. Aber warum mutet man das lediglich den Autoren zu? So lange Buchhändler, Drucker, Lektoren, Verleger für ihre Arbeit bezahlt werden, gibt es kein überzeugendes Argument dafür, dass just Autoren Verzicht üben sollen.

Die unbezahlte Autorenschaft im Journalismus findet vorzugsweise online statt. Viele Veranstalter aber behandeln den Online-Journalismus als zweitrangig. So auch die Berliner Festspiele, deren Intendant Thomas Oberender eben erst erklärt hat, dass Autoren im Theater an Bedeutung verloren hätten. Bei der Verteilung von Pressekarten werden Online-Medien erst nach den Printmedien und den umworbenen Rundfunksendern berücksichtigt und gehen dann oft leer aus. Und manche Veranstalter verlangen unumwunden eine Vorberichterstattung, also kostenlose Werbung, um Pressekarten zu vergeben und so eine unabhängige Kritik zu ermöglichen. Man kann verstehen, dass sich Organisatoren vor Hochstaplern schützen müssen, die sich in diversen Blogs tummeln. Aber jeder kennt auch die größenwahnsinnigen Schwindler von den Printmedien und den Rundfunkanstalten, die Pressemeldungen abschreiben oder die Antworten bei Pressekonferenzen als Interviews verkaufen. Der unprofessionelle und manchmal sogar betrügerische Journalismus lässt sich ebenso drucken und senden wie ins Netz stellen.

Die Verachtung und Diskreditierung der Autorenschaft, die sich in ihrer schlechten Bezahlung manifestiert, ist nicht nur blanke Ausbeutung, sondern ein Beitrag zur kulturellen Barbarei und sollte so auch beobachtet und kommentiert werden. Wenn man eine Gesellschaft der Manager und Verkäufer will: weiter so! Es geht auch anders, aber so geht es auch.

Kommentare

Kommentar eintragen









9.11.2013

Fragen über Fragen

Seit Jahren verstärkt sich, kaum wahrgenommen, eine Tendenz, die das Verständnis von Kulturkritik in ihr Gegenteil verkehrt. An die Stelle der Rezension, der kritischen Auseinandersetzung mit dem kulturellen Produkt – und „kritisch“ muss nicht negativ, kann durchaus zustimmend heißen, schließt aber die Forderung von Distanz ein – ist die Präsentation der Produzenten getreten. Die verkleidet sich manchmal als Interview, ist aber in Wahrheit einzig und allein PR.

In dem Maße, in dem sich Journalisten zu Erfüllungsgehilfen des Absatzes, in dem sie sich zu Sprachrohren der Verkäufer haben machen lassen, die mit ihren Interviews deren Interessen zu Diensten sind, haben sie das Fragen verlernt. Nicht nur der kritische Verstand ist ihnen abhanden gekommen, sondern auch die Neugier. Sie sind erbärmliche Stichwortgeber, nicht mehr.

Man kennt die Gespräche in den audiovisuellen Medien und auf den Podien. „Sie sind dannunddann dortunddort geboren worden und haben dasunddas studiert“, beginnt der „Moderator“ den Dialog, der keiner werden kann. Denn dem derart nur scheinbar Befragten bleibt nichts anderes übrig, als die bei Wikipedia gesammelten Daten zu bestätigen. Dann soll zum Beispiel über ein Buch, einen Film gesprochen werden, dessen Autor oder Regisseur Gast des Abends ist. Aber der Moderator, die Moderatorin in ihrer Bescheidenheit stellen keine Fragen. Vielmehr erzählen sie jenem, der es eigentlich besser wissen muss als sie, was in deren Buch steht, wovon deren Film handelt. Sie wollen beweisen, dass sie sich gut vorbereitet und auch halbwegs begriffen haben. Nur erfahren wollen sie nichts. Und das Publikum, das die Selbstdarstellung des Moderators erdulden muss, darf auch nichts erfahren, denn dem Gast wird keine Gelegenheit gegeben, irgendeine Neugier zu befriedigen. Sie wird nicht artikuliert, weil sie nicht vorhanden ist.

Es gab ja in der jüngeren Geschichte Interviewer, von denen man lernen könnte. Zum Beispiel Marcel Ophüls, der mit scheinbar naiven Fragen aus seinen Gesprächspartnern herauskitzelt, was diese lieber verbergen würden. Er weiß mehr, als er zugibt. Indem er es zurückhält, indem er fragt, statt zu behaupten, bringt er Wahrheiten an den Tag, die erst Gewicht haben, wenn der Befragte, nicht der Befrager sie äußert.

Zum Beispiel Günter Gaus. Seine Gespräche „Zur Person“ haben im Fernsehen keine Nachfolge gefunden. Dass sich Gaus meist nur von hinten im Bild zeigte, ist Ausdruck einer Haltung. Nicht er, sein Gegenüber hatte Auskunft zu geben. Und Gaus bekam sie ebenso wie Marcel Ophüls, obwohl sein Ton ein ganz anderer war, trocken, sachlich, ironiefrei.

Zum Beispiel Georg Stefan Troller. Seine Spezialität war die kolloquiale Frage, nicht ausformuliert wie bei Gaus, sondern wie improvisiert, aus dem Augenblick geboren, und doch stets präzise. Sogar sein leichter Sprachfehler war dabei hilfreich. Er verringerte die Distanz zwischen den Gesprächspartnern.

Zum Beispiel der in Paris lebende tschechische Publizist und Begründer von „Lettre International“ Antonín J. Liehm. Er begann seiner legendären Gespräche mit Filmemachern, Schriftstellern und Politikern oft mit einer beiläufigen Alltagsfrage und arbeitete sich von der Peripherie zum Kern vor. Und wie alle guten Interviewer wusste er nicht vor dem Gespräch, was dabei herauskommen würde, sondern überließ sich seiner Neugier.

Zum Beispiel Alexander Kluge. Er fragt umständlicher, auf Umwegen. Er bevorzugt tatsächlich das Gespräch gegenüber der Befragung. Er zeigt in seinen Interviews sein immenses Wissen. Aber er lässt Lücken, spricht in Fragmenten und Rätseln, die den Partner zur Ergänzung, zur Erweiterung, zum Widerspruch reizen. Kluge bringt mit seinen Repliken einen Stein ins Rollen, und wie ihm das jedes Mal gelingt, ist ein Abenteuer. Er redet seinem Gegenüber nicht nach den Mund, sondern zwingt ihn zur Anstrengung des Denkens. Er geht auf das ein, was gesagt wird, und zieht sich nicht auf vorbereitete Notizen zurück. Seine Interviews sind – sagen wir es mit einem schlichten Wort – halt intelligent. Und auch er zeigt sich, wie Gaus, kaum im Bild. Seine Eitelkeit hat ein anderes Format.

Sie alle könnten, ob mit norddeutschem Zungenschlag wie Gaus und Kluge, ob österreichisch wie Troller, als Vorbilder dienen. Vorausgesetzt, man wollte etwas erfahren und nicht nur sich bestätigen lassen. Ob wir das noch erleben? Ich frage ja nur.

30.10.2013

Überwunden?

All das, was im Theater schon längst überwunden sei, sei in der Oper konserviert worden, sagte Navid Kermani kürzlich bei einem Symposium an der Deutschen Oper Berlin. „Alles ist artifiziell, aber das Spiel tut so als sei es natürlich.” Das ist schon als Befund in dieser Verallgemeinerung nicht zutreffend. Die Operninszenierungen etwa von Achim Freyer oder Robert Wilson tun keineswegs so, als wäre, was da auf der Bühne zu sehen ist, „natürlich“.

Aber was steckt hinter dem Wort „überwunden“ für eine Konzeption von Theatergeschichte? Die Syphilis konnte man überwinden und die Überzeugung, dass sich die Sonne um die Erde drehe, weil sie schädlich oder falsch waren. Niemand wünscht sich vernünftigerweise die Rückkehr einer Krankheit oder die Rehabilitierung einer widerlegten Ansicht. Aber in den Künsten gibt es keine Entwicklung vom Schädlichen zum Nützlichen, vom Falschen zum Richtigen. Der Chor des antiken Theaters wurde durch sein Verschwinden ebenso wenig „überwunden“ wie der Vers durch die Prosa, das Pathos durch die Sachlichkeit, das realistische durch das absurde Theater, Meyerhold durch Peter Brook, Artaud durch Brecht (oder umgekehrt). Ältere Formen des Spiels auf der Bühne oder in alternativen Räumen wurden ebenso wenig durch neuere Formen „überwunden“ wie das Naturgedicht durch die konkrete Poesie, wie die gegenständliche Malerei durch die abstrakte Malerei, wie der narrative Film durch „Letztes Jahr in Marienbad“ oder das New American Cinema. Nicht einmal die Tonalität wurde durch Schönberg, Webern und Berg „überwunden“, obwohl es starke Argumente dafür gibt, dass sie in der Musik so etwas wie eine Revolution ausgelöst haben. Nach diesem einfachen Strickmuster findet die Evolution in den Künsten nicht statt. Es existieren vielmehr diverse Möglichkeiten nebeneinander, von denen zu bestimmten Zeiten die einen, zu anderen Zeiten die anderen im Vordergrund stehen. Dabei spielen Moden eine beträchtliche Rolle. Und wenn sich diese erschöpft haben, besinnt man sich sehr oft auf Formen, die als überholt, als „überwunden“ galten. Sie kehren, verändert, variiert, in neuer Gestalt wieder. Man hat ja nicht nur den Originalklang wiederentdeckt, sondern auch, zum Beispiel, Alexander von Zemlinsky oder Mieczys?aw Weinberg. Sind sie heute nicht mehr modern genug? Hat sich die Wiederentdeckung nicht gelohnt?

Für die Oper heißt das, dass die Richtung, die sich, vereinfacht formuliert, von Walter Felsenstein herleitet, die also, in Kermanis Worten, so tut, als wäre das Spiel natürlich, sehr gut neben hochartifiziellen Darstellungsformen existieren kann. Hier wie dort kommt es auf die Durchführung an. Es gibt gutes und schlechtes mimetisches (Musik-)Theater, und es gibt gute und schlechte experimentelle Formen. Es wäre ein Verlust, wenn man sich für oder gegen Peter Konwitschny, Jossi Wieler, Hans Neuenfels, Stefan Herheim oder eben Achim Freyer entscheiden müsste, nur weil irgend jemand meint, sie seien nicht „aktuell“ (was immer das jenseits der Welt des Konsums heißen mag). Das einzige, was wirklich überwunden werden sollte, ist der Dogmatismus, die Verschreibung einer einzigen richtigen Lehre. Das gilt, trotz Syphilis, sogar für die Medizin. Erst recht gilt es für die Künste.

3.10.2013

Die Stunde der Schleimscheißer (und -scheißerinnen)

Im „Freitag“ kommt die Literaturkritikerin Ursula März anlässlich des Todes von Marcel Reich-Ranicki zu allgemeinen Schlussfolgerungen: „Ein bisschen was von der Lautstärke Reich-Ranickis, von seiner kämpferischen Schärfe täte unserer Literaturkritik gut. Ihre gegenwärtige Tendenz zur affirmativen Nettigkeit ist mir bisweilen unheimlich, und ich befürchte, diese Tendenz hat auch mit der – natürlich begrüßenswerten – Verweiblichung der Kritik zu tun. Ich habe noch nie erlebt, dass sich zwei deutsche Kritikerinnen eine echte Debattenschlacht lieferten, wie die Männer der Reich-Ranicki-Generation das nun mal taten und riskierten.

Keine Frage: So ein intellektuelles Gezänk ist für Frauen heikel. Sie kommen schnell als Zickenkriegerinnen rüber. Aber wenn wir schon Quote und Gleichberechtigung wollen, dann müssen wir auch die Hälfte der unangenehmeren Aufgaben übernehmen. Dazu gehört der Transport von Plutonium. Dazu gehört auch jene Art kritischer Debatte, die ohne ein Element persönlicher Feindschaft nicht zu haben ist. Ich war keine Verehrerin von Marcel Reich-Ranicki. Aber ich habe Hochachtung vor seiner Bereitschaft, nicht nett gefunden zu werden.“

Was Ursula März bedauert, den Verlust von kämpferischer Schärfe, die mangelnde Bereitschaft, nicht nett gefunden zu werden – und mit ihrer Diagnose hat die ZEIT-Mitarbeiterin, die selbst nicht den Eindruck erweckt, als wolle sie nicht nett gefunden werden, gewiss recht –, dürfte weniger ein Problem des Geschlechts als der Generation und der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung sein. Es gibt ja durchaus streitbare Frauen, die sich selbst eher als der öffentlichen Wahrnehmung treu sind, Jutta Ditfurth zum Beispiel oder Sahra Wagenknecht, oder, aus dem engeren Bereich der Literaturkritik, Reich-Ranickis Kontrahentin Sigrid Löffler. Aber Aufmüpfigkeit wird ja nicht gerade honoriert, bei Männern ebenso wenig wie bei Frauen. Wer allzu intellektuell zankt, gilt als schwierig und wird, zumal in den Medien, marginalisiert. Im besten Fall macht man sich herablassend über sie und ihn lustig, klopft dem „armen Narren“, der „armen Närrin“ paternalistisch auf die Schultern, im schlimmeren Fall diffamiert man sie. Fällt es denn niemandem, auch Frau März nicht auf, dass etwa Otto Köhler, ein begnadeter kritischer Debattierer und einst immerhin prominenter Mitarbeiter der großen deutschen Medien, aus der Öffentlichkeit verschwunden ist. Das war nicht seine Entscheidung. Er lebt noch. Aber wie.

Reich-Ranicki hat man seine „kämpferische Schärfe“ und seine „persönlichen Feindschaften“ durchgehen lassen, weil es außer den Betroffenen niemandem weh tut, wenn er einen Günter Grass oder einen Martin Walser attackiert. Im Gegenteil: für die Zaungäste hat das den Unterhaltungswert der Schadenfreude. Otto Köhler aber oder Jutta Ditfurth haben stets politisch gekämpft. Das kann nicht geduldet werden. Da lassen sich die „Feinde“ gar nicht erst auf eine Debatte ein: sie greifen zu wirksameren Mitteln, zur Repression. Denn sie haben die Macht.

Wer heute „Karriere“ machen will, als Literaturkritiker oder gar als fest angestellter Redakteur, tut gut daran, sich anzupassen, nicht zu laut und nicht zu kämpferisch, auf alle Fälle aber nett zu sein – egal ob weiblich oder männlich. Die Chefs haben schon lange bei der Einstellung und bei der Beförderung die braven Langweiler den anstrengenden Individualisten vorgezogen. Erst in Nachrufen wird das Wort „Querdenker“ zu einem Lob. Und die abnehmende Zahl von Arbeitsplätzen und Aufträgen erleichtert es den Entscheidungsträgern, den Spreu vom Weizen zu trennen. Das ist die Stunde der Schleimscheißer. Das wissen die jungen Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Entsprechend gerieren sie sich. „Es scheint mir überhaupt, dass jetzt wieder ein besseres Geschlecht heranwächst, – mehr Haltung und weniger Geist“, sagt Sala in Arthur Schnitzlers „Einsamem Weg“. Was würde er heute sagen? Wäre ihm die Lust zur Ironie abhanden gekommen? Die, übrigens, verträgt sich nicht mit Lautstärke.

Siebzig Kilometer von Ungarn entfernt

Wo Barbara Coudenhove-Kalergi irrt

In Österreich kennt man Barbara Coudenhove-Kalergi. Das liegt wohl auch an dem Namen, den sie mit ihrem berühmten Onkel teilt, mit Richard Coudenhove-Kalergi, dem Gründer der Paneuropa-Bewegung, und dass ihre Mutter eine Pálffy war, also dem ungarischen Hochadel angehörte, weiß und schätzt man in einem Land, von dem Hans Weigel einmal sagte, die Republik habe sich zwar bewährt, aber nicht eingebürgert. Aber ihre Bekanntheit verdankt sich durchaus eigenen Leistungen. Als Journalistin, Korrespondentin und Kommentatorin, zunächst in diversen Zeitungen, dann beim Österreichischen Rundfunk, erlangte sie, zumal als Kennerin Osteuropas, hohes Ansehen.

Barbara Coudenhove-Kalergi ist eine kluge Zeitgenossin. Sie ist eine moralische Autorität. Was sie sagt und schreibt, hat Gewicht. Sie wäre, wie übrigens auch Robert Jungk, für das Amt des Bundespräsidenten eine weitaus passendere Besetzung gewesen als alle Bundespräsidenten, die Österreich tatsächlich hatte. Bei einer Salzburger Gedenkveranstaltung zum Tag der Bücherverbrennung hielt sie jedoch eine Rede, in der folgende Überlegung vorkam:

„Gewiss, der Antisemitismus ist, bis auf wenige Ausnahmen, Geschichte. Eine jüdische Großmutter zu haben ist sogar ganz schick. 'Saujud' sagt man nicht mehr. Aber 'Scheißtürke'? Oder 'Scheißtschusch'? Das kann man gelegentlich sehr wohl noch hören.
Der Antisemitismus von heute heißt Antiislamismus. Auf Juden zu schimpfen hat man sich abgewöhnt, das kann einen möglicherweise auch in Schwierigkeiten bringen. Aber auf Muslime? Gegen die kann man ungestraft pöbeln und damit sogar Politik machen. Das gilt als Kavaliersdelikt, wie im vorigen Jahrhundert der gepflegte Alltagsrassismus, der sich gegen die Juden richtete.“

Barbara Coudenhove-Kalergi hat Recht, wenn sie die Ausländerfeindlichkeit und den Antiislamismus von heute brandmarkt. Und es gehört zu den bittersten Absurditäten der Geschichte, dass sich Juden, die es besser wissen müssten, am Antiislamismus beteiligen. Vergessen, dass Jahrhunderte der Verfolgung, dass die Pogrome in Russland und die Gaskammern in Auschwitz auf das Konto von Christen gingen, dass es islamische Länder waren, die den Juden eine Heimat boten, als sie 1492 vor der Inquisition und der Zwangschristianisierung fliehen mussten. Es hat etwas Tragisches, wenn Juden glauben, die ständig drohende Gefahr von ihren Häuptern abwenden zu können, indem sie sich an Christen anbiedern durch den Hinweis auf einen gemeinsamen Gegner, der als Projektionsfläche dient für alle Verbrechen, die Christen seit dem Mittelalter begangen haben. Aber heißt das, dass der Antiislamismus den Antisemitismus ersetzt hat? Ist dieser verschwunden, weil jener angeblich seinen Platz eingenommen habe? Antiislamismus und Antisemitismus gehen sehr gut zusammen. Man kann die Muslime, die Türken und „Tschuschen“ ebenso verachten, beschimpfen, aus der Nachbarschaft weg wünschen wie die Juden – und eben deshalb sogar zugleich Israel idealisieren.

Mag sein, dass es in der Umgebung, in der sich Barbara Coudenhove-Kalergi bewegt, schick ist, eine jüdische Großmutter zu haben. Aber wer nicht nur am Kaffeehaustisch mit einer jüdischen Großmutter kokettiert, die er offenbar erst herbeizitieren muss, weil man sie nicht vermutet hätte, sondern wem man ansieht, dass er mehrere jüdische Großeltern hatte oder vielmehr nicht hatte, weil sie „natürlich“ noch vor seiner Geburt auf unnatürliche Weise zu Tode gekommen waren, der trifft in der Regel kaum auf eine Einstellung, die das schick findet. Wenn sich Barbara Coudenhove-Kalergi über die Gegenwart des Antisemitismus informieren wollte, müsste sie nur ab und zu die anonymen Leserbriefe in den Online-Ausgaben jener seriösen Tageszeitungen goutieren, die ihre Salzburger Rede abgedruckt oder zitiert haben. Und das ist nicht nur Angelegenheit einer lumpenproletarischen Minderheit. Das reicht mitten in die Gesellschaft. Barbara Coudenhove-Kalergi weiß doch ganz genau, dass ihr 1979 verstorbener jüdischer Mann Franz Marek, bis kurz vor seinem Dissens mit der Partei in der Folge der militärischen Niederschlagung des „Prager Frühlings“ Politbüro-Mitglied der KPÖ, außerhalb des Ghettos, in dem er einen großen Teil seines Lebens verbracht hat, in Österreich keine seinen Qualitäten entsprechende berufliche Chance gehabt hätte. Wie kommt es wohl, dass in meiner Generation – ich bin drei Jahrzehnte jünger als Franz Marek und ein Jahrzehnt jünger als Barbara Coudenhove-Kalergi – sämtliche jüdischen Schul- und Studienkolleginnen und -kollegen ins Ausland gehen mussten, wenn sie an einer Hochschule arbeiten wollten? Dass die unverblümt antisemitische Äußerung des Vorarlberger FPÖ-Politikers Dieter Egger, der sich unter dem Beifall seiner Klientel das Beschimpfen von Juden offenbar keineswegs abgewöhnt und sich zum Ziel Hanno Loewy, den Leiter des Jüdischen Museums in Hohenems, ausgesucht hat, diesem besondere Schwierigkeiten eingebracht hätte, ist nicht bekundet. Dieter Egger wurde, im Gegenteil, für seinen Antisemitismus bei den kurz danach abgehaltenen Wahlen mit 50000 Vorzugsstimmen belohnt. Das ist nicht ferne Vergangenheit, sondern Österreich im 21. Jahrhundert.

Der Antisemitismus ist in Österreich nichts weniger als Geschichte. Wer das suggeriert, verstärkt die Chance, dass er in seiner aggressiven Form aufersteht wie im Nachbarland Ungarn. Der Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit und Antiislamismus sollte Vorrang haben. Es ist in Österreich ungemütlicher, Muslim zu sein als Jude. Aber wer da meint, der Antisemitismus sei erledigt, sitzt einer Täuschung auf. Es erweist sich einmal mehr: Es ist ein Unterschied, ob man etwas, selbst als moralisch über jeden Zweifel erhabener, als integrer und engagierter Beobachter beurteilt, oder ob man von einem Missstand betroffen ist. In dem amerikanischen Dokumentarfilm „We Were So Beloved“ berichten nach New York eingewanderte Juden, dass sie, Hitlers Holocaust entflohen, die Diskriminierung der Schwarzen in den USA nicht wahrgenommen haben. Es ist bekannt, dass sich die Mehrzahl der Juden innerhalb und außerhalb Israels leider nicht durch Empathie für Palästinenser auszeichnet. Immerhin bezeugt die Rede von Barbara Coudenhove-Kalergi, dass sie die Not der Muslime, der Türken und Südslawen nicht nur registriert, sondern anprangert, obwohl sie selbst keine Muslimin ist. Sie sollte sich nicht von jenen Freunden in die Irre führen lassen, die eine jüdische Großmutter schick finden. Das wäre auch dann die falsche Konsequenz, wenn einem gelegentlich Personen auf die Nerven gehen, die einen Antisemitismus mutmaßen, wo keiner ist. Dass Frauen ihre Benachteiligung manchmal für das Ergebnis von Frauenfeindlichkeit halten, wo sie sich nur mangelnden Fähigkeiten verdankt, heißt nicht, dass es nicht tatsächlich Frauenfeindlichkeit und patriarchalische Machtausübung gibt.

Ich weiß nicht, ob man am Stammtisch, an dem weder ich noch Barbara Coudenhove-Kalergi ihren Platz haben, tatsächlich „Saujud“ seltener hören kann als „Scheißtürke“. Aber selbst wenn das so sein sollte, selbst wenn das durch den Genozid an den Juden errichtete Tabu noch gelten sollte (in Österreich hat man es nie allzu streng beachtet): Was nicht gesagt wird, kann dennoch gedacht werden. Schon in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts brachte es die österreichische Tageszeitung mit der zweitgrößten Auflage, der „Kurier”, auf den Begriff der Schlagzeile: „85 Prozent der Österreicher sind gegen offenen Antisemitismus.” Das impliziert: gegen verdeckten Antisemitismus haben sie nichts einzuwenden. Genauer lässt es sich nicht formulieren. Der verdeckte Antisemitismus gehört zum österreichischen Alltag wie Wiener Schnitzel und Grüner Veltliner. Er hat eine lange Tradition, und was sich so gründlich bewährt hat, will man sich nicht von ein paar penetranten Aufklärern rauben lassen. Woran sollte man sich orientieren, wenn einem jede Sicherheit geraubt wird, an die man sich halten kann? Wie kurz jedoch der Weg vom Denken zum Sagen ist, beweist wiederum die jüngste Entwicklung in Ungarn. Und vom Sagen zur Tat ist es auch nicht weit. Diese Erfahrung mag Geschichte sein. Nur ein Träumer wird behaupten, sie könne sich nicht wiederholen.

Über die Unabhängigkeit der Kulturkritik

Es ist kein Geheimnis: Manche Zeitungen machen die Besprechung von Büchern eines Verlags davon abhängig, dass dieser Verlag eine Anzeige schaltet. Das heißt: der Verlag finanziert auf Umwegen die Besprechung. Dass das auf den Inhalt der Rezension Einfluss haben könnte, wird natürlich jeder Redakteur mit Ehrgefühl bestreiten, und es stimmt wohl auch in der Regel, dass sich der Rezensent um Anzeigen nicht kümmert. Aber die Sache hat, wie es bei den Schwaben heißt, ein G'schmäckle, und tatsächlich ist es auch schon vorgekommen, dass eine gelieferte Buchbesprechung spurlos verschwunden ist, weil sie über ein Buch, für das der Verlag eine bezahlte Anzeige gekauft hatte, negativ urteilte. Dass Publikationen aus kleineren Verlagen, die sich Anzeigen nicht leisten können, bei diesem Verfahren die Verlierer sind, kann jeder überprüfen, indem er sich einmal eine Buchmessenbeilage unter diesem Gesichtspunkt durchsieht. An die innere Zensur, die der Handel forciert, wollen wir hier gar nicht erst erinnern.

Manche Medien nehmen sich bei Deals dieser Art kein Blatt vor den Mund. Eine Monatszeitschrift, die von sich verkündet, dass sie „kompetent und unabhängig aus der internationalen Opernszene“ informiere, erklärt den Repräsentanten einzelner Häuser unverblümt, dass deren Produktionen nur besprochen werden können, wenn sie ihrerseits eine bezahlte Anzeige bestellen. Wer nicht wirbt, also dafür zahlt, ist gleich doppelt nicht vorhanden. Es ist nicht weit her mit der Unabhängigkeit.

Die Mannheimer BB Promotion GmbH gehört zu den größeren Konzertveranstaltern im süddeutschen Raum. Auf die Bitte um Pressekarten, die zum Standard einer unabhängigen Berichterstattung gehören – Spesen für die Anfahrt, gelegentlich auch für die Übernachtung müssen freie Mitarbeiter der zum Sparen gezwungenen Medien seit längerem ohnedies fast immer selbst bezahlen –, antwortet diese Agentur mit einem Formbrief:

„Liebe xxx,

vielen Dank für Ihr Interesse an unserer Veranstaltung!

Generell ist es so, dass wir nur Medien für Pressekarten berücksichtigen können, die uns regelmäßig unterstützen und insbesondere bei der angefragten Veranstaltung auch bereits im Vorfeld unterstützt haben. Ist zur Veranstaltung von Ihrer Seite aus schon etwas erschienen? Wenn ja, benötigen wir immer ein Belegexemplar bzw. bei Webseiten den Link zum Artikel.

Bitte lassen Sie mir oben genannte Informationen zukommen, dann können wir schauen, ob wir Ihnen aus unserem Kontingent noch eine Pressekarte zur Verfügung stellen können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Liebe Grüße,

Alisa Findling

Public Relations“

Wenn Sie also in Ihrer Zeitung, aus Ihrem Radio eine Besprechung einer Veranstaltung dieses Unternehmens lesen oder hören oder auch nicht lesen oder hören, sollten Sie wissen, welche Voraussetzungen dafür erfüllt werden mussten – es sei denn, der Kritiker hätte eine Kaufkarte erworben. Das kommt, glauben Sie mir, nicht allzu oft vor. Das Zeilenhonorar deckt kaum die Kosten für die Eintrittskarte.

Dass solche Zustände von vielen Menschen, auch innerhalb der Medien, inzwischen für normal und richtig gehalten werden, ist das eigentliche Problem. Denn sie stellen die Unabhängigkeit der Kritik in Frage. Das ist eine Form der Zensur, mögen jene, die daran beteiligt sind, dieses Wort auch ablehnen. Auf jeden Fall ist es ein Betrug an der Öffentlichkeit. Und die ist, wenn wir uns recht erinnern, notwendige Bedingung von Demokratie. Ist man bereit, diese leichtfertig aufs Spiel zu setzen? Antworten werden gegen angemessene Anzeigengebühr ins Netz gestellt.

Nichts Neues unter der Sonne

Das Erste, was einem heutzutage von einer Institution in die Augen springt, ist die Verpackung. Design, Grafik, ein Logo – all das, was die Corporate Identity einer „Firma“ blitzartig erkennbar machen soll, ist längst wichtiger als der Inhalt. So auch bei der Spielplanpressekonferenz des Staatstheaters Stuttgart. Ehe der künftige Intendant des Schauspiels Armin Petras auch nur einen Titel seines Programms verkündet hatte, ließ er jenen Mitarbeiter vom Leipziger Spector Bureau zu Wort kommen, das ab nun für Plakate, Programmhefte, das äußere Erscheinungsbild eben zuständig ist. Weg ist sie, Hasko Webers zugleich kämpferische und literarische geballte Faust, verabschiedet das vertraute Giftgrün, es muss alles anders werden – jedenfalls auf der Hülle.

Wer freilich genauer hinschaut und ein Gedächtnis hat, das ein paar Jahre zurück reicht, erlebt ein Déjà-vu. Diese Typografie, dieses Spiel mit unterschiedlichen Schriftgrößen, diese Aufteilung auf der Fläche, diese Schwarz-Weiß-Schwelgerei – das kennen wir doch? Richtig: Gunter Rambows Poster aus den siebziger Jahren, zum Beispiel für das Schauspiel Frankfurt. Und dann die Filmplakate von Hans Georg Hillmann, namentlich für die Neue Filmkunst von Walter Kirchner und den Atlas Filmverleih. Es ist ja keine Schande, wenn man so eindrucksvolle Künstler zum Vorbild hat, sie auch nachahmt. Aber in die überschwängliche Begeisterung von Armin Petras für seinen Designer wollen wir doch diese Erinnerung an vergangene Tage einstreuen. Es gibt wenig Neues unter der Sonne, aber die Grafiker, die für den Tag schaffen, haben ein Recht darauf, als die Künstler im Gedächtnis aufbewahrt zu bleiben, die sie tatsächlich sind. Für das Theater- oder Filmplakat in Deutschland, das ganz allgemein mit Plakaten etwa aus Polen nicht konkurrieren konnte, sind Rambow und Hillmann nicht weniger bedeutend als van Gogh für die Malerei. Das wollten wir nur erwähnt haben. Und nun, viel Glück auf den Weg, Armin Petras und Spector Bureau.

Wie in Österreich der Antisemitismus entsorgt wird

In der österreichischen Tageszeitung Der Standard hat der Historiker Kurt Bauer an den Antisemitismus des christlichsozialen Politikers Leopold Kunschak erinnert. Darauf antwortete Franz Schausberger mit eine Reihe von Zitaten aus dem Schatzkästlein des sozialdemokratischen Antisemitismus.

Zum Beispiel Karl Renner, in der Zwischenkriegszeit Staatskanzler, Befürworter des Anschlusses Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich und nach dem Zweiten Weltkrieg erster Bundespräsident Österreichs. Schausberger: „Wann immer er konnte, verband Renner die Begriffe „jüdisch” oder „Juden” mit negativen Konnotationen. Es ging ihm nicht um die Schleichhändler in Wien generell, es waren immer die „jüdischen Schleichhändler”, die er anklagte. Es ging ihm nicht um das Großkapital und die Banken, es ging ihm um das „jüdische Großkapital”, um die „jüdischen Banken”.(…) Nachdem die Nationalratswahlen 1920 eine Mehrheit für die bürgerlichen Parteien gebracht hatte, forderte Renner die neue bürgerliche Regierung zum Handeln auf: „Sie werden jetzt Gelegenheit haben, die Judenfrage zu klären.” Die christlichsoziale Partei habe, als sie in Wien an der Macht war, nichts dagegen getan, dass die Juden immer reicher wurden. „Während sie (die Juden) in unserer Jugend, Herr Kollege Kunschak, noch bescheiden in der Leopoldstadt wohnten, haben sie jetzt Mariahilf und alle Bezirke überschwemmt, sie sind gediehen unter Ihrem glorreichen antisemitischen Regime”. Er forderte die neue bürgerliche Regierung auf: „Leben Sie sich aus auf diesem Gebiete! Wir sind begierig, was Sie tun werden… Wir haben auch gar nichts dagegen, dass Sie den Herrn Kollegen Kunschak als Minister ohne Portefeuille für die Judenfrage einsetzen”. Er will Kunschak auf der Regierungsbank für „ein Amt, das endlich das uralte Programm des Judenpogroms erfüllt, einen Spezialminister für Judenfragen.” (…) Renner warf 1921 dem christlichsozialen Bundeskanzler Ignaz Seipel dessen jüdischen Finanzberater Gottfried Kunwald und dem christlichsozialen Finanzminister Gürtler dessen Experten und jüdischen Volkswirtschaftler Wilhelm Rosenberg vor. Damit habe sich als richtig erwiesen, dass die Sozialdemokratie 1920 aus der Regierung gegangen war, denn Seipel sei es gelungen, „die Unterordnung des ganzen Kleinbürgertums unter die Führung des jüdischen Großkapitals zur Tatsache zu machen … indem Sie endlich auf den Thron unserer Finanzen das edle Paar gesetzt haben: Christ und Jud, Doktor Gürtler und Dr. Rosenberg.” Letztlich – so Renner – sei auch die Genfer Sanierung nichts anderes als eine Unterwerfung unter das jüdische Großkapital, wodurch die besitzenden Klassen immer mehr landesfremd, nämlich jüdisch, würden. Renner bezeichnete Seipel als „Judenliberalen in der Soutane” und als „Vorkämpfer des jüdischen internationalen Großkapitals”: „Ich sage Ihnen, wenn der arme Dr. Lueger jedes Mal, wenn Sie gegen seinen Geist sündigten, sich nur einmal im Grabe umgewendet hat, so müsste er in diesen zwei Jahren schon zu einem Perpetuum mobile, zu einem Windrade geworden sein.“

Das Pech für Schausberger: der gelernte Historiker war ÖVP-Politiker und Landeshauptmann (Ministerpräsident) des Landes Salzburg. Grund genug, sich mit seinen Argumenten nicht auseinanderzusetzen, sondern sie mit dem Hinweis auf die Parteizugehörigkeit zu entsorgen. So läuft das eben in Österreich. Die Parteizugehörigkeit des Autors ist seinen politischen Gegnern peinlicher als das, wovon er schreibt. Fairerweise muss man dazu sagen: so reagieren umgekehrt auch die Konservativen auf Vorwürfe seitens der SPÖ. Freilich, solange niemand Schausberger widerlegen kann, gilt: der aggressive Antisemitismus innerhalb der Sozialdemokratie wird nicht dadurch besser, dass es auch in der ÖVP und bei ihren Vorläufern Antisemiten gab. Und dass die SPÖ ihr Parteiinstitut ohne ein Zeichen der Scham nach wie vor nach Renner benennt, bleibt ein Skandal. Dafür ist nicht Schausberger verantwortlich, was immer er sonst für Fehler haben mag. Der Verdacht liegt nahe: man greift Schausberger hier an, weil man im Grunde denkt wie Renner, Helmer und andere. Und hat, mit Hinweis auf Schausbergers Parteizugehörigkeit, keinen Anlass, an der eigenen Parteigeschichte und der uneingeschränkten Renner-Verehrung etwas zu korrigieren, aus dem nachgewiesenen Antisemitismus in der eigenen Partei irgendwelche Konsequenzen zu ziehen. Stattdessen erklärt die sozialdemokratische Historikerin Johanna Gehmacher, wiederum im Standard, auf die Frage nach dem Antisemitismus in der Sozialdemkratie: „Auch deren Propaganda nahm zum Teil die antisemitische Stimmung in der Bevölkerung auf. Aber es ist ein Unterschied, ob man programmatisch antijüdisch ist oder ob man das propagandistisch aufgreift.“ Damit wäre die SPÖ wieder einmal aus dem Schneider. Sie kann sich weiterhin auf Karl Renner berufen, sie kann weiterhin stolz sein auf ihre massiv antisemitischen Ahnen Oskar Helmer oder Adolf Schärf, weil deren Antisemitismus ja nur propagandistisch, nicht programmatisch gewesen sein soll.

Die Christlichsozialen und Deutschnationalen sowie ihre Nachfolger sagen, in einem christlichen oder deutschen Staat seien Juden nicht tolerierbar, und diskriminieren sie. Die Sozialdemokraten verzichten auf diese Begründung und diskriminieren Juden trotzdem. Für die Diskriminierten läuft es auf das Gleiche hinaus: Sie bleiben draußen. Der Vorteil des programmatischen Antisemitismus ist, dass er überschaubar ist: Programme kann man nachlesen. Aber ob Programm oder Propaganda: in Österreich ist niemand an der Aufarbeitung oder gar der Beseitigung des Antisemitismus interessiert. Er leistet zu gute Dienste. Und so schlagen sich ÖVP-Politiker und SPÖ-Politiker öffentlich und vorwiegend vor Wahlen gegenseitig auf die Köpfe, werfen einander den Antisemitismus der angeblichen Gegner vor, ehe sie in den Couloirs der Parlamente von der Großen Koalition träumen und auf die Perspektiven anstoßen, die ihnen Lueger, Kunschak, Renner, Schärf und Helmer gewiesen haben. Sie kommen gut mit einander aus, genau genommen war auch Jörg Haider ein toller Hecht.

Auf der Strecke bleibt die Wahrheit. Nicht einmal die Historiker interessiert sie. Auch sie sind in Österreich Parteisoldaten. Und was der eigenen Partei schadet, wird entschuldigt, bemäntelt, unterschlagen. Ab und zu gibt man vor, das zu bedauern. Am Ende gilt aber, was Franz Josef Degenhardt über seinen „alten Sozialdemokraten“ sang: „bloß ändern das will er nicht“. Die Probe aufs Exempel für das Gegenteil, wäre die laute Forderung der SPÖ-Historiker und aller redlichen Parteimitglieder, dass jetzt, nachdem der Dr.-Karl-Lueger-Ring endlich in Universitätsring umbenannt wurde, das Dr.-Karl-Renner-Institut endlich umbenannt wird – zum Beispiel in Josef-Hindels-Institut. Wer Josef Hindels war? Tja, wenn man ihn nicht kennt, wohl aber Adolf Schärf, der ihm einst empfahl, in das Land seines Exils zurückzukehren, dann ist das ein Teil der beschriebenen Tragödie.

Diskretion und Vertuschung

Nun steht es also fest: Die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf eröffnet ein Verfahren zur Überprüfung des Plagiatsvorwurfs gegen die Bundesforschungsministerin Annette Schavan. Falls sich der Vorwurf als begründet erweist, verliert Schavan nicht nur ihren Doktortitel, sondern wahrscheinlich auch ihre politischen Ämter. Nun kann man über den Zusammenhang von akademischem Grad und Eignung für die Politik verschiedener Meinung sein, man kann darüber diskutieren, ob für eine Wissenschaftsministerin besonders strenge Kriterien zu gelten haben – aber darum geht es hier nicht.

Annette Schavan selbst fühlt sich durch die Plagiatsvorwürfe zu Unrecht angegriffen und lehnt alle Rücktrittsforderungen ab. Das ist, wenn sie ein reines Gewissen hat, verständlich. Wir wollen auch nicht verheimlichen, dass in dieser Affäre massiv geheuchelt wird: Die Parteifreunde Schavans spielen sie herunter, und die politischen Gegner bauschen sie auf. Ein bisschen kategorischer Imperativ täte auch der politischen Ethik gut. Man sollte sich an verbindliche Maßstäbe halten, die an „Freunde“ ebenso angelegt werden wie an „Feinde“. Aber die Doppelmoral, die Freunderlwirtschaft als Treue, Kesseltreiben als Gerechtigkeitssinn und Taktik als Wahrheitssuche ausgibt, ist leider allgegenwärtig.

Was in diesem Zusammenhang befremdet, ist Schavans schon einen Monat vor Einleitung des Verfahrens öffentlich erteilte Mahnung an die Universität Düsseldorf, dass zu einem fairen Verfahren Diskretion gehöre. Wenn sie nichts zu verbergen hat, wenn sie sich nichts zuschulden hat kommen lassen, müsste sie doch größtes Interesse an Transparenz, also an der Herstellung von Öffentlichkeit haben.

Wir erinnern uns: als Gorbatschow neben dem Schlagwort „Perestrojka“, auf deutsch „Umbau“, ein weiteres Schlagwort verkündete, jubelte die Welt. Es lautete „Glasnost“, und das heißt auf deutsch just „Transparenz“ oder auch „Öffentlichkeit“. „Glasnost“ erschien den westlichen Kommentatoren die Garantie dafür, dass sich Russland auf dem Weg zur Demokratie befinde. Ob sie damit recht hatten, ist eine andere Frage. Jedenfalls bestand darüber Konsens. Ist dieser Konsens über Transparenz als notwendige Voraussetzung für Demokratie verflogen, wo es nicht um Russland, sondern um Deutschland geht?

Es steht zu befürchten, dass Annette Schavan „Diskretion“ sagt und „Vertuschung“ meint. Zur Vertuschung bekennen kann man sich kaum – sie praktizieren sehr wohl. Sie scheint geradezu zur Staatsraison zu gehören. Gorbatschow wird zurück gepfiffen. Nicht Glasnost, ihr Gegenteil, die Vertuschung ist das Standbein jener Demokratie, in der Annette Schavan ihr Ministeramt nicht aufgeben möchte.

Kürzlich verstärkte sich der Verdacht, dass die explodierenden Kosten bei Großbauprojekten wie Stuttgart 21, dem Berliner Flughafen Schönefeld oder der Hamburger Elbphilharmonie keineswegs überraschend kamen, sondern den Zuständigen seit langem oder sogar von vornherein bekannt waren. Die Rede ist von Lügen und von bewusster Fälschung der Zahlen in den Voranschlägen. Und die Verantwortlichen erröten nicht. Sie brauchen sich auch nicht zu ängstigen. Denn die Aufdeckung ihrer „Diskretion“ hat keinerlei Folgen. Jeder Taschendieb hat mehr zu befürchten als die Großkriminellen in Politik und Wirtschaft oder auch die Banken, die den Steuerzahler um Milliarden betrügen. Im schlimmsten Fall landen die Betrüger und ihre Hehler mit einer satten Abfindung auf Mallorca statt im Gefängnis, wo sie hin gehörten. Heinrich Steinfests gedanklich wie stilistisch vorbildliches Plädoyer für ein Moratorium in Sachen Stuttgart 21 in der Online-Wochenzeitung „Kontext“ vom 26.12.2013 enthält lediglich einen Irrtum. Steinfest zitiert Ingeborg Bachmanns Diktum „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“. Er übersieht, dass jene, die sich einem Moratorium verweigern, von Anfang an dem Grundsatz gefolgt sind: „Die Lüge ist dem Menschen zumutbar.“ Daran halten sie fest.

Nach dem Stand der Dinge muss man im Jahr 2013 feststellen: Das eigentliche Verdienst des Kampfes gegen Stuttgart 21 ist nicht, dass er das Projekt verhindert hätte – das ist ihm bekanntlich (bis heute) nicht gelungen. Sein Verdienst ist es, dass er die permanenten und sich häufenden Lügen der Projektmacher und -profiteure ans Licht gebracht hat. Es vergeht ja kein Tag, an dem in diesem Zusammenhang nicht neue vorsätzliche Lügen aufgedeckt werden, so dass selbst frühere Befürworter von Stuttgart 21 inzwischen zu Gegnern geworden sind. Ohne den Widerstand gegen Stuttgart 21 hätten die Deutsche Bahn und die Politik weiterhin mit der gleichen Schamlosigkeit gelogen, mit der sie von Anfang an mit gefälschten Zahlen und Zusicherungen an öffentliche Gelder gelangt sind. Sie haben kein schlechtes Gewissen haben, weil ihr Verhalten den Gepflogenheiten in Politik und Wirtschaft entspricht. Man darf alles tun, nur nicht sich erwischen lassen. Man baut auf Diskretion. Der Begriff der Geschäftsehre ist aus dem Vokabular der Bosse und der Banker verschwunden, deren einer in Andres Veiels „Himbeerreich“ bekennt: „Wir hatten immer gefragt, wo wird Geld gebraucht und es dann dort hingegeben. Heute fragen wir nicht, wo wird es gebraucht, sondern wo bringt es den höchsten Ertrag.“ Lüge und Betrug gehören zum Unternehmeralltag – bei Fluglinien, die Erstattungen für Verspätungen und Annullierungen, zu denen sie gesetzlich verpflichtet sind, einfach nicht auszahlen, bei Versicherungen, die Rechnungen nicht begleichen, stets im Vertrauen darauf, dass die Geschädigten den Weg zum Anwalt und die damit verbundenen Kosten scheuen.

Darf man sich angesichts solcher Zustände über das wachsende Misstrauen wundern, das den Banken, der Wirtschaft und der Politik begegnet? Und muss man nicht von Glück sprechen, wenn dieses Misstrauen nicht in eine rechte Opposition mündet, der jedes antiparlamentarische Ressentiment willkommen ist?

Es ist gut, wenn der Staat gegen jene Großverdiener vorgeht, die ihre Vermögen diskret, aber unversteuert auf ein Schweizer Konto verfrachtet haben. Aber es ist die Spitze eines Eisbergs. Der Staat handelt nicht ohne eigene Interessen. Wo die Behörden nicht, wie bei der Überführung von Steuerhinterziehern, auf einen Gewinn hoffen können, sondern, wie etwa bei den Bauvorhaben des Bundes, der Länder und Kommunen, mit der Wirtschaft in einem Boot sitzen, ist auf Glasnost nicht zu hoffen. Da erledigt man die Angelegenheit diskret. Es hat sich bewährt.

Der Jude Strauß als Alibi

Zum Streit um die Wiener Philharmoniker

Die österreichischen Grünen haben den Wiener Philharmonikern Geschichtsfälschung vorgeworfen. „Noch immer deutet Orchester-Vorstand Clemens Hellsberg die Entstehung des Neujahrskonzerts im Jahr 1939 auf der offiziellen Website zu 'einer sublimen Erinnerung an Österreich' um und interpretiert diese sogar zu einer Art Widerstand“, heißt es in einer Stellungnahme des Grünen Abgeordneten und Historikers Harald Walser. Und weiter: „Dabei haben Historiker nachgewiesen, dass das Konzert 'das Ergebnis einer nationalsozialistischen Kulturpolitik' ist.“ Die Grünen fordern die Einsetzung einer unabhängigen Historikerkommission: „Bis heute sind die Verantwortlichen bei den Wiener Philharmonikern nicht dazu in der Lage, den in den NS-Konzentrationslagern ermordeten Mitgliedern des eigenen Orchesters ein ehrendes Gedenken zu widmen. Gleichzeitig aber stört es sie nicht, dass sie einem verurteilten Kriegsverbrecher wie Baldur von Schirach noch 1966 einen Ehrenring verliehen haben.“

Im Internet überschlugen sich die Zuschriften zu dieser Meldung. Die Empörung richtete sich nicht gegen die Philharmoniker, sondern gegen die Grünen. Wo Leser etwas gegen die Philharmoniker einzuwenden haben, ist es nicht deren Umgang mit der Geschichte, sondern die Tatsache, dass sie eine Hochkultur pflegen, die an sich schon von Übel sei. Selbst der Redakteur des Standards Thomas Trenkler, der sich durch seine kontinuierlichen Bemühungen um die Aufarbeitung von Unrecht im NS-Staat als unkorrumpierbar ausgewiesen hat, nennt Walser einen Geiferer und weist darauf hin, dass Clemens Krauss, ein Intimus von Goebbels, zwar das Neujahrskonzert 1939 dirigiert habe, dass die Nazis aber die „nichtarische Abstammung“ des Walzerkönigs Strauß verschleiern mussten.

Was auch Trenkler übersieht, ist dies: Es geht doch nicht darum, den Philharmonikern von 1939 oder gar von heute Vorwürfe zu machen. Es geht allein um eine aufrichtige Geschichtsschreibung. Warum sollten ausgerechnet die Philharmoniker gegenüber dem Nationalsozialismus kritischer gewesen sein, als es die übrigen Österreicher in ihrer großen Mehrheit waren? Warum sollten sie weniger anfällig gewesen sein für die Ideen eines Regimes, dem sie Privilegien verdankten und das unliebsame Konkurrenz beseitigte, als es angeblich von Natur aus unpolitische Musiker oder Schauspieler im gesamten Deutschen Reich waren? Dass die heutigen Philharmoniker dazu neigen, auch ihre Vorgänger zu entlasten, ist Ausfluss jener Überidentifikation mit dem Arbeitgeber, die man überall beobachten kann, bei den Salzburger Festspielen ebenso wie bei den Großkonzernen, bei Künstlern ebenso wie bei Universitätsprofessoren, bei Bankangestellten ebenso wie bei Kassiererinnen im Supermarkt. Warum muss man sich mit einer Institution und in Österreich gleich mit dem ganzen Land derart identifizieren, dass man deren Vergangenheit idealisiert? Clemens Hellsberg unterscheidet sich in nichts von jenen österreichischen Politikern, die zumindest bis zum Fall Waldheim 1986-88 (!) Österreich als das erste Opfer Hitlers und nicht etwa als an den NS-Verbrechen beteiligt dargestellt haben. Clemens Krauss hat Strauß ja wohl kaum als Konterbande ins Konzert geschmuggelt. Die Probe aufs Exempel wäre die Überprüfung der Frage: Was haben die Philharmoniker 1945 unternommen, um die verjagten Orchestermitglieder zurück zu holen? Welcher Geiger, welcher Trompeter, der noch im Jahr davor eifriges Mitglied der NSDAP war, hat von sich aus, aus Einsicht oder aus Scham, seine Stelle einem jener jüdischen Kollegen angeboten, gegen deren Vertreibung ins Exil er nichts einzuwenden gehabt hatte? Darüber würden wir gerne etwas auf der Website der Wiener Philharmoniker lesen. Das wöge mehr als Hellsbergs Versicherung, dass das Archiv der Wiener Philharmoniker jedem Historiker offenstehe. Das ist, mit Verlaub, nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit.

Dabei wäre es mit keinerlei Mühe verbunden, die Geschichte der Wiener Philharmoniker auf der eigenen Website wahrheitsgemäß darzustellen. Die Vorarbeiten sind geleistet. Der Schweizer Fritz Trümpi hat 2011 eine umfangreiche Dissertation veröffentlicht, die unter dem Titel Politisierte Orchester gewissenhaft und detailverliebt die jüngere Geschichte der Wiener Philharmoniker mit der der Berliner Philharmoniker vergleicht. Dabei wird die einzigartige Neigung der Wiener zum Nationalsozialismus auf sarkastische Weise widerlegt. Sie haben sich nämlich dem Austrofaschismus genau so bereitwillig angepasst wie ein paar Jahre später dem Nationalsozialismus. Sie waren keine besonderen Nazis, sondern besonders beflissene Opportunisten. Darin freilich unterschieden sie sich nicht von ihrer Umgebung. Der Herr Karl muss kein Hausmeister sein, er kann auch Philharmoniker sein. Bleibt die Frage, ob die österreichischen Grünen das Kapitel des Austrofaschismus aussparen, weil dessen Erben potentielle Koalitionspartner sind. Jedenfalls beginnt die Schönfärberei nicht mit dem Neujahrskonzert von 1939.

Wirtschaftspartei SPÖ

Eine knappe Nachricht informierte die Öffentlichkeit über einen Vorgang, der kein Aufsehen erregt, weil er längst zur alltäglichen Normalität gehört: Ein ehemaliger führender sozialdemokratischer Politiker erweitert seine Machtstellung (und sein Einkommen, versteht sich) in der Wirtschaft. Alfred Gusenbauer, vor gar nicht so langer Zeit Bundeskanzler der Republik Österreich und Bundesparteivorsitzender der SPÖ, setzt sich für die Interessen derer ein, deren Bekämpfung einst oberstes Ziel der Arbeiterbewegung, also auch der Sozialdemokratie war. Nun ist er Mitbesitzer der Firma Karl Backhausen & Co, die seit der Märzrevolution im 19. Jahrhundert Hotels, Theater und Schlösser mit Dekorstoffen ausstattete. Gusenbauer sitzt auch in zahlreichen Aufsichtsräten innerhalb und außerhalb von Österreich. Sein Jahreseinkommen wurde schon 2010 auf mehr als eine halbe Million Euro geschätzt.

Unbekannt dürfte diese Karriere auch in Deutschland nicht sein. Erinnern wir uns: Die Empörung in der SPD war groß. Erst als Wolfgang Clement, einst auf dem SPD-Ticket Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit, dazu aufrief, in Hessen nicht die SPD zu wählen, wetterte der Thüringer Vorsitzende Christoph Matschie: “Wolfgang Clement sollte selbst so konsequent sein und sagen, wessen Interessen er vertritt. Und das sind nicht die der SPD.” Dass Clement die Interessen der Energiewirtschaft wahrnahm, störte die Genossen weit weniger. Heute ist er, konsequent, bei der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft gelandet. Jeder CDU- und FDP-Politiker kann ihn nur beneiden.

Demgegenüber hat Clement die lautere Wahrheit gesagt, als er schon seinerzeit erklärte: “Ich habe die Positionen beschrieben, für die ich ein Leben lang gekämpft habe, und dabei bleibt es.” Gegen diese Position hatte und hat man in der Partei nichts einzuwenden, solange sie nicht die Posten der Funktionäre in Frage stellt. Die Position Clements heute wie ehedem lässt sich mit der einfachsten Antwort auf Matschies Frage bestimmen: Er vertritt die Interessen der Wirtschaft. Für die er ein Leben lang gekämpft hat.

Dass es zwischen den Interessen der Wirtschaft und den Interessen der Lohnabhängigen einen Gegensatz gibt, hat die Sozialdemokratie seit langem verdrängt (die Grünen haben sie gar nicht erst bedacht). Sie kennt nur noch die Interessen der Partei, nicht die ihrer einstigen Klientel. Deshalb jault sie erst auf, wenn einer ihrer prominenten Repräsentanten gegen die Partei auftritt. Dass er immer schon die Interessen der arbeitenden Menschen verraten hat, nahm sie nicht einmal wahr.

Clement ist kein Kuriosum, sondern der Normalfall. Es ist kein Versehen, dass fast alle Spitzenfunktionäre der SPD, wenn sie aus der Politik ausscheiden (müssen), gut gepolstert bei der Wirtschaft landen. Volker Hauff war Minister im Kabinett Helmut Schmidt, später Oberbürgermeister von Frankfurt am Main. Danach arbeitete er unter anderem in leitender Position für das Wirtschaftsberatungsunternehmen KPMG Deutsche Treuhand-Gesellschaft und für den Axel Springer Verlag, dessen Nähe zur SPD bislang unbekannt geblieben ist. Björn Engholm war Minister im Kabinett Schmidt, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, kurzfristig sogar Bundesvorsitzender der SPD. Gleich nach seinem Rücktritt wurde er Berater des Energiekonzerns PreussenElektra. Dieter Spöri war in den Jahren der Großen Koalition Mitglied des Kabinetts Erwin Teufel in Baden-Württemberg. Von dem SPD-Genossen wurde gesagt, er sei „der beste Wirtschaftsminister, den die CDU je gehabt hat”. Aus der Regierung ausgeschieden, machte er sich die Interessen von Daimler zur Lebensaufgabe. Und dann gab es doch auch einen Gerhard Schröder, dessen gegenwärtiger Einsatz für die Interessen der Arbeitnehmer ein gut gehütetes Geheimnis bleibt.

Aber in Österreich, an dessen englische Version immer noch der historische Begriff „Austromarxismus“ erinnert, sind Sozialdemokraten besonders schamlos bei der Vertretung der Wirtschaftsinteressen. Der einstige österreichische Bundeskanzler Viktor Klima ließ sich gleich nach seiner „Entlassung“ von seinem Freund Gerhard Schröder an den VW-Konzern empfehlen. Und Caspar Einem, Minister in mehreren Ressorts und von Anhängern wie von Gegnern aus unerfindlichen Gründen für einen Linken gehalten, nahm, aus der aktiven Politik und den damit verbundenen Ämtern ausgeschieden, die Interessen der JetAlliance wahr, die „in allen Bereichen der gewerblichen Luftfahrt erfolgreich tätig“ ist und „ihren Kunden eine umfangreiche Palette von Luftfahrtprodukten“ anbietet. Wahrscheinlich strömte das Prekariat ins Büro von Caspar Einem, um die Dienste des Genossen in Anspruch zu nehmen. Mittlerweile ist JetAlliance in die Pleite geraten. Caspar Einem gelang noch rechtzeitig der Absprung. Es handelt sich um jenen Caspar Einem, der noch kurz vor seinem offenen Einsatz für die Interessen der Wirtschaft getönt hatte: „Es geht darum, ob wir ein neoliberales Gesellschaftsmodell wollen, in dem es in erster Linie um die Wohlhabenden und Reichen geht, oder eines, in dem es ein Mindestmaß an praktizierter Solidarität und Geborgenheit für alle Menschen gibt. Wer nicht weiterhin Schüssel will, muss SPÖ wählen – da gibt es keine Alternative.” Er hat damals zur Wahl der SPÖ aufgerufen. Er hat den Interessen der Partei nicht geschadet. Welche Positionen er in Wahrheit, jenseits platter Rhetorik, vertritt, bleibt Nebensache. Im Kabinett, im Parlament, in europäischen Gremien und bei der JetAlliance. Irgendwann, weit zurück in der Geschichte, betrachteten die Industriellen die Sozialdemokraten als ihre Feinde, die es zu bekämpfen galt. Heute sind sie ihre Erfüllungsgehilfen, die ihrerseits „ein Leben lang“ für die Interessen der Wirtschaft kämpfen.

Die Ex-Staatssekretärin Brigitte Ederer von der SPÖ zum Beispiel ist als Mitglied des Siemens-Vorstands die Top-Managerin in München. Andreas Rudas wechselte 1997 in die Politik. Unter Bundeskanzler Viktor Klima war er SPÖ-Bundesgeschäftsführer. Von 2000 an war er im Vorstand von Magna tätig, bei jenem Unternehmen also von Frank Stronach, der kontinuierlich Politiker aller Parteien eingekauft hat und heute mit einer eigenen Partei gegen die Sozialdemokraten antritt, um den Schilling auferstehen zu lassen. Rudas derweilen übernahm führende Positionen bei der WAZ-Mediengruppe und bei RTL.

Zur Zeit heißt der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann. Er gehört der SPÖ an. Er wird nicht ewig Bundeskanzler bleiben. Wollen wir eine Wette abschließen, womit er sich danach sein Brot verdienen wird? Dass er sich um eine Stelle bei der Gewerkschaft bewerben wird, scheint eher unwahrscheinlich.

Plädoyer für die einkanalige Kommunikation

Neue Technologien schaffen sich ihre eigene Ideologie. Sie entstehen keineswegs stets, um ein Bedürfnis zu befriedigen, um ein vorhandenes Problem zu lösen. Sehr oft wird das Bedürfnis, wird das Problem erst konstruiert, wenn es gilt, eine Neuerung zu rechtfertigen – zumal wenn mit dieser Profite gemacht werden können. Ehe es den Farbfernseher gab, bestand kein großes Gefühl des Mangels, weil Bilder nur schwarz-weiß übertragen werden konnten. Ehe das Handy erfunden war, empfand man es nicht als frustrierend, dass man nicht immer und überall erreichbar war. Ob es für den Menschen von Vorteil ist, dass er sich nun nicht mehr einfach „abmelden“ kann, ist zumindest fraglich.

Das Internet hat die Möglichkeiten der Kommunikation, zumindest deren Schnelligkeit grundlegend verändert. Jeder kann ohne besonderen Aufwand und nahezu ohne Kosten mit jedem Kontakt aufnehmen, sich mehr oder weniger beliebig ausführlich öffentlich äußern und auf eine Reaktion in Echtzeit hoffen. Kaum waren diese technischen Möglichkeiten realisiert, meldeten sich die Welterklärer zu Wort, um uns einzureden, dass die universelle Partizipation an der öffentlichen Kommunikation eine gewaltige demokratische Errungenschaft bedeute. Die Verbreitung von Ansichten ist nicht mehr einer (finanzkräftigen) kleinen Minderheit vorbehalten. Jeder darf nicht nur, er kann auch sagen, was er will. Der Freiheit sind keine Grenzen gesetzt.

Das klingt auf den ersten Blick plausibel. Was dabei übersehen wird, ist dies: die rein quantitative Vermehrung von Meinungsäußerungen bedeutet noch nicht eine Vermehrung von Demokratie. Es kommt darauf an, ob und wie die Rezipienten vom Angebot Gebrauch machen und welchen qualitativen Ansprüchen es genügt. Die längst eingetretene Unübersichtlichkeit der veröffentlichten Äußerungen führt möglicherweise dazu, dass man mit der Auswahl zeitlich und systematisch so sehr überfordert ist, dass man resigniert. Die unüberschaubare Menge von verbalem Schutt wird zum Rauschen im Kanal.

Gewiss ist es demokratischer, wenn jeder im Prinzip das Recht und die Möglichkeit hat, auf Äußerungen zu antworten, ihnen zu widersprechen, als wenn ein großer Teil der Bevölkerung dazu verdammt ist, zu akzeptieren, was einige Wenige ihnen predigen. Paul Sethes berühmter Ausspruch von 1965, „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“, ist durch das Internet endgültig obsolet geworden, und das ist, ohne Zweifel, ein Gewinn für die Demokratie. Aber das heißt ja nicht, dass man um der Demokratie willen zu allem, was irgendwer irgendwo sagt oder schreibt, seinen Kommentar abgeben muss. Das Internet ist weder ein Garant, noch ein Hindernis für die Demokratie. Es ist eine neutrale Technologie, das so oder so benutzt werden kann. Wenn es in totalitären Staaten Informationen zugänglich macht, die ansonsten zensiert würden, dann dient es der Demokratie. Wenn es Informationen manipuliert, den Eindruck von Aufklärung vermittelt, wo es Täuschung bewirkt, dann schadet es der Demokratie.

Das Internet ist ein Ort des hilfreichen Austauschs von Informationen. Aber es ist auch ein Spielfeld für Neurotiker und Selbstdarsteller. Es übt eine offenkundige Verlockung aus auf Menschen, die nicht etwa „mehrkanalig“ kommunizieren, also auf Informationen reagieren wollen, sondern unfähig oder nicht willens sind, auf andere Menschen einzugehen. Ihre „Antworten“ haben nichts mit den Signalen zu tun, auf die sie zu reagieren scheinen. Sie kreisen immer nur um sich selbst, um ihre eigenen Themen, ihre eigenen Besessenheiten. Ein großer Teil der „Diskussionen“ in den zahlreichen Blogs sind in Wahrheit Anhäufungen von Monologen. Ein „Gespräch“ kommt nicht auf.

Angesichts dieser Situation möchte man für die Rückkehr zur einkanaligen Kommunikation plädieren – zumindest ab und an. Die stille Lektüre eines Buchs ist das klassische Modell der einkanaligen Kommunikation. Niemand hat den Leser je gehindert, zu seiner Lektüre Stellung zu beziehen, kritisch oder auch zustimmend. Aber es bestand keine Notwendigkeit, diese auszusprechen. Kein intelligenter Leser empfand es als Mangel, wenn er dem Autor nicht mitteilen konnte, was beim Lesen in ihm vorgegangen ist und möglicherweise auch noch, was er von Abtreibungen, der Genmanipulation und dem Gendermainstreaming hält. Der intelligente Leser überließ dem Autor ein Monopol – vorübergehend, bis zur Kündigung. Und er fühlte sich bereichert. Denn er konnte zuhören. Ist es wirklich demokratiepolitisch bedenklich, hoffnungslos konservativ, wenn man – vorübergehend, versteht sich – darauf verzichtet, seinen Senf abzugeben und sich der Kompetenz, dem Wissen, der rhetorischen Kraft eines anderen zu überlassen? Muss wirklich jeder Fachmann, jede Fachfrau so tun, als könne der Laie qualifiziert mitreden, nur um dem Vorwurf der undemokratischen Meinungsherrschaft zu entgehen?

Die Tugend des Zuhörens ist abhanden gekommen. Und die Schwätzer, die sich noch als die besseren Demokraten fühlen dürfen, wenn sie die mehrkanalige Kommunikation verkünden und in Anspruch nehmen, bestimmen unsere Gegenwart. Noch gibt es Freizonen. Noch wird im Konzert nicht mitgesungen, wenn das Orchester Beethoven oder Schostakowitsch spielt. Noch. Gequatscht wird immer hemmungsloser, auch während des Konzerts. Die Demokraten setzen auch hier allmählich die mehrkanalige Kommunikation durch. Sehr zum Leidwesen jener autoritären Banausen, die der Musik gerne lauschen würden. Ihre Zeit ist abgelaufen.

Kommentare

Kommentar eintragen









Sigrid Löfflers Hass und die Logik

Sigrid Löffler kann lieben. Und Sigrid Löffler kann hassen. Beides tut sie mit Konsequenz und Leidenschaftlichkeit. Wen sie in ihr Herz geschlossen hat, der wird ihrer Liebe nicht entgehen. Doch wen sie hasst, der hat wenig zu lachen. When she was good she was very, very good. But when she was bad she was horrid.

Gleich nach Erscheinen hat Sigrid Löffler im Kulturradio des RBB Vea Kaisers Debütroman Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam besprochen. Der Sender kündigt die Rezension mit folgenden Worten an: „In ihrem Debütroman entfaltet Vea Kaiser mit großer Verve und unwiderstehlichem Witz die Welt des abgeschiedenen alpenländischen Bergdorfes St. Peter am Anger und erzählt die Geschichte einer Familie, die über drei Generationen hinweg auf kuriose Weise der Wissenschaft verfallen ist.“ Das ist entweder eine böswillige Irreführung der potentiellen Hörer, oder aber man muss davon ausgehen, dass die PR-Leute von RBB die Sendungen nicht kennen, die sie bewerben. Denn von der begeisterten Tonlage der Ankündigung ist in Löfflers Besprechung nichts zu entdecken.

Die ist, im Gegenteil, ein veritabler Verriss. Nun ist es das gute Recht jedes Kritikers, also auch Sigrid Löfflers, eine Autorin oder ein Buch, also auch Vea Kaiser und Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam, nicht zu mögen, und wenn es Gründe gibt, darf diese Abneigung auch mit scharfen, unter Umständen sogar mit verletzenden Worten formuliert werden. Der Kritiker ist dem Leser, nicht dem Autor verpflichtet, und wenn es der Wahrheitsfindung dient, muss die Autorin auch Blessuren einstecken können, zumal wenn sie, wie Vea Kaiser und sehr zum Missfallen Sigrid Löfflers, von den meisten Rezensenten mehr als nur Streicheleinheiten annehmen durfte.

Also unbedingt und ohne Abstriche: Freiheit für den Verriss! Aber die Kondition bleibt: wenn es Gründe gibt. Das Irritierende an Sigrid Löfflers Rezension von Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam ist, dass die Logik die ohne Zweifel intelligente und kenntnisreiche Kritikerin in ihrem Hass diesmal vollkommen im Stich gelassen hat.

Sie beginnt ihre Rezension mit zwei Sätzen, die einen Gedanken paraphrasieren – eine rhetorische Technik, die Sigrid Löfflers Artikel seit je eignet. Man merkt: es sind ihr zu einem Tatbestand zwei Formulierungen eingefallen, und sie will auf keine der beiden verzichten. Also heißt es: „Als Retro-Trend macht er sich seit einigen Jahren bemerkbar – ein neu erwachter Hang zum Provinzroman. Heimatromane, besonders Dorfromane haben Konjunktur.“

Nun geht es zur Sache. Der angebliche Trend wird beschrieben: „Nachdem die Provinz lange Zeit nur als verhockte Hinterwelt bösartiger und tückischer Dörfler dargestellt wurde, die es literarisch vor Gericht zu stellen galt, hat sich der Trend deutlich gewendet. Statt das Dorf als Quell und Hort alles Bösen, Dumpfen und Rückständigen zu entlarven, lassen die neuesten Heimatromane die Provinz im Licht herzlichen Einverständnisses erstrahlen – als Schutzzone und Rückzugsort gutnachbarlicher Zutraulichkeit und Verbundenheit, in der die gesellschaftlichen Übel der Gegenwart einfach nicht vorkommen. Die Restauration des Provinziellen ist in vollem Gange, die Heimat wird wieder heimelig. Allenthalben wird das Lob des naturnahen, einfachen Lebens auf dem Lande gesungen – als freundliches Gegenbild zur Entfremdung und Kälte der Städte.“ Und weiter: „Die junge österreichische Autorin Vea Kaiser, Jahrgang 1988, hat die Heimat-Kuschelei nun auf die Spitze getrieben. Ihr Erstlingsroman Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam kommt treuherzig und putzmunter als Ehrenrettung des Dorfes daher. Das Buch ist eine alpenländische Dorfchronik, die voll heiteren Biedersinns ein Hohelied der Harmlosigkeit auf die herzensguten, drolligen Dörfler anstimmt. Dass der Verlag im Vertrauen auf das Wohlgefallen des Lesepublikums diesem Debütbuch allen Marketing-Aufwand angedeihen lässt, sagt Einiges aus über die derzeitige Stimmung im Lande. Die Feier des Hinterwäldlerischen scheint sehr angesagt.“

Das könnte einleuchten, auch wenn das Modewort „angesagt“, gar noch durch ein „sehr“ gesteigert, zusammenzucken lässt. Aber da steht plötzlich im übernächsten Absatz: „Blasmusikpop beginnt mit dem Anspruch und der Aussicht auf eine klassische Außenseiter-Geschichte. Die Protagonisten sind der Dorf-Arzt und Bandwurmforscher Gerlitzen und sein Enkel Johannes. Der Großvater imprägniert den Enkel mit seinem Wissensdurst und seiner Weltneugier, was beide zu Außenseitern in der Dorfgemeinschaft stempelt. Die Dörfler blicken mit Misstrauen und Geringschätzung auf alle 'Hochg'schissenen' – auf Bücherleser, Bildungshungrige und Hochdeutsch-Sprecher – und grenzen sie aus. Dass der begabte Schüler Johannes sich fortsehnt in eine zivilisierte Welt und mit einem Stipendium aufs Stifts-Gymnasium unten im Tal geht, wird im Dorf ganz übel vermerkt. Auf dem Gymnasium schließt sich Johannes einem elitären Schüler-Zirkel an, dem 'Digamma-Klub', der dem Ideal der griechischen Antike huldigt und die ungebildete grobe Gegenwart hochmütig verachtet.“ Moment! Ist das ein Bild der Provinz „als Schutzzone und Rückzugsort gutnachbarlicher Zutraulichkeit und Verbundenheit, in der die gesellschaftlichen Übel der Gegenwart einfach nicht vorkommen“?

Sigrid Löffler erzählt im Weiteren mit eigenen Worten nach: „Diese erste Begegnung mit der Außenwelt (nämlich mit dem FC St. Pauli) öffnet den Dumpf-Dörflern die Augen und macht sie erstmals zugänglich für Fortschritt und Veränderung. Man beginnt nun allen Ernstes an eine touristische Nutzung des Ortes zu denken. Nachdem Johannes die Matura im zweiten Anlauf doch noch bestanden hat, geht er nicht, wie beabsichtigt, zum Studium nach Wien, sondern bleibt als Chronist im Dorf, mit dem Ziel, durch gerechte Beschreibung Ausgleich und Frieden zwischen Zivilisierten und Bergbarbaren zu stiften. Dieser Triumph der Anpassung an die Biederkeit gipfelt im völlig ironiefreien Lobpreis des Dorfes, in dem doch alle so nett zusammenhalten und so brav zusammen helfen: 'Was kann da noch schiefgehen!'“

„Dumpf-Dörfler“, „Bergbarbaren“ – wie um alles in der Welt passt das zur angeblichen treuherzigen und putzmunteren Ehrenrettung des Dorfes? Hat Sigrid Löffler das „Dumpfe“ nicht gerade als Charakteristikum des kritischen Heimatromans genannt, den die im Trend liegende „Heimat-Kuschelei“ abgelöst habe?

Sigrid Löffler attestiert Vea Kaiser ein „positives, gänzlich unproblematisches Heimatbild“, das „sie sich nicht trüben (lässt), auch nicht dadurch, dass ihre Dörfler alle Erscheinungsformen der urbanen Moderne ablehnen. Eine kritische oder auch nur ironische Distanz der Erzählerin zur Zivilisations- und Bildungsfeindlichkeit der Dörfler ist nirgends bemerkbar. Im Gegenteil. Es herrscht ein wohliger Ton heiteren und behaglichen Einverständnisses mit jedem noch so plumpen Zeichen der demonstrativen Rückständigkeit der Dörfler.“

Ironie lässt sich bekanntlich nur identifizieren, wenn man über die eigentliche Denkweise des Sprechers Bescheid weiß. Es steht zu befürchten, dass Sigrid Löffler Vea Kaisers Haltung entweder völlig falsch einschätzt oder selbst über keinen Sinn für Ironie verfügt. Schon wahr: die junge Schriftstellerin denunziert die Dörfler nicht wie Sigrid Löffler mit Vokabeln wie „Dumpf-Dörfler“ oder „Bergbarbaren“. Aber dass sie keine ironische Distanz zu ihnen hätte – nun, der Leser möge entscheiden, ob die Starkritikerin mit dieser Behauptung Recht hat.

Weiter in Löfflers Text: „Für eine akademisch gebildete 24-Jährige ist Vea Kaisers Erzählhaltung erstaunlich altmodisch, geradezu anachronistisch. Voll Verständnis beschreibt sie, wie sehr ihre Dorfjugend neumodischem Kram wie Internet oder Facebook misstraut und wie schwer sie sich damit tut, Kommunikationstechniken wie SMS oder Twitter zu begreifen. Dass die örtliche Blasmusik-Kapelle erstmals Pop-Musik einstudiert, wird wie eine Kulturrevolution beschrieben. Nur durch ihre alles überrumpelnde Erzählfreude kann Vea Kaiser die fundamentale Unglaubwürdigkeit ihrer Dorfgeschichte in Schach halten. Wer sich nicht willig auf ihren treuherzigen Erzählton einstimmen mag oder kann, dem wird so viel ostentative Naivität bald auf die Nerven gehen.“ Was hier als allgemeine Sentenz am Schluss steht, bedeutet im Reintext: Sigrid Löffler geht, was sie für ostentative Naivität hält, auf die Nerven. Wiederum: das ist ihr gutes Recht oder vielmehr kaum zu verhindern, wenn es denn zutrifft. Aber hat nicht gerade Sigrid Löffler an anderer Stelle gegen den modischen Jugendjargon polemisiert? Täuscht die Erinnerung? So oder so: reichen die Attribute „altmodisch“ und „anachronistisch“, um eine Erzählhaltung zu desavouieren? Wenn Löffler in diesem Zusammenhang Vea Kaisers Alter erwähnt: ist die Lizenz für bestimmte Erzählhaltungen an ein bestimmtes Alter gebunden? Sigrid Löffler scheint damit ein Problem zu haben. Zu oft wirft sie Kontrahenten ihr Alter oder ihre Jugend vor, als dass man das als Argument akzeptieren könnte.

An anderer Stelle beklagte Sigrid Löffler, Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam habe „derzeit die Kritikfähigkeit der gesamten Branche lahmgelegt“. Dass Löffler die Tendenz hat, ihr Urteil für das einzig Gültige und alle Andersdenkenden für bösartige und tückische Dörfler oder so etwas in der Art zu halten, ist bekannt. Im aktuellen Fall steht zu befürchten, dass sie eine junge Nachwuchsautorin geprügelt und ihre kritikunfähigen Branchenkollegen gemeint hat. Dass ihr dabei die Pferde durch- und die Argumente ausgegangen sind, ist bedauerlich. Man könnte Mitleid mit Sigrid Löffler empfinden. Dann aber überwiegt doch das Mitleid mit Vea Kaiser. Sie muss sich den Panzer erst erwerben, den die Kritikerin anzulegen Zeit hatte.

Vea Kaiser liest im Zehnseiten-Video

Kommentare


Dr. Ilona Pichler - ( 23-06-2014 01:45:03 )
Lieber Herr Rothschild, Ihre Behauptung, dass Frau Löffler unlogisch argumentiere, ist für mich nicht nachzuvollziehen. Als Beispiel führen Sie an, dass ja Vea Kaiser selbst in ihrem Buch beschreibe, wie den "Dumpf-Dörflern" die Augen für den Fortschritt geöffnet würden. Das schließt aber überhaupt nicht die grundsätzlich Sympathie der Autorin für eine rückwärtsgewandte Lebenshaltung mit großem Misstrauen gegenüber allem Neuen aus. So jedenfalls verstehe ich Sigrid Löfflers Urteil über die Autorin. Dann wird alles wieder vollkommen logisch.
Freundliche Grüße
Ilona Pichler

Kommentar eintragen









erstellt am 15.10.2012