Stephen Bambury (*1951 in Christchurch) lebt und arbeitet in Auckland. Er ist einer der bekanntesten Künstler Neuseelands. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist er auch als Kunstvermittler aufgetreten, hat Ausstellungen europäischer Künstler (Karin Sander, John M. Armleder) in Neuseeland kuratiert, darunter auch das Ausstellungsprojekt „Necessary Correction“ gemeinsam mit Colin McCahon and Helmut Federle in der Auckland Art Gallery, Auckland. Stephen Bambury ist ein höchst kenntnisreicher, intelligenter und lebendiger Gesprächspartner. Seine Ausstellung in der Frankfurter Galerie Olschewski & Behm läuft noch bis zum 20. Oktober 2012.

Gespräch mit Stephen Bambury

Parfümierte Vertrautheit

Sind Sie das erste Mal in Deutschland?

Oh, nein, ich komme schon seit vielen Jahren hierher. Ich bin von diesem Land vollkommen fasziniert. Ich habe in den späten Achtzigern drei Jahre in der Champagne, Frankreich, gelebt. Ich hatte ein Stipendium. Es war das erste Mal, dass ich nach Europa kam. Ich bin vorher viel durch Nordamerika gereist. Als ich hierher kam, war ich 40, d.h. ich komme jetzt seit 20 Jahren regelmäßig.

Was fasziniert Sie an Europa bzw. Deutschland?

Für mich ist es die Ausstrahlung und Stärke der nichtgegenständlichen Kunstkultur, auch in ihren historischen Ausprägungen, verstehen zu können, was in der nordamerikanischen Kunst nach 1945 praktiziert wurde, mit der ich aufgewachsen bin. In Europa wurde es mir möglich, z.B. die Schriften von Donald Judd besser zu verstehen, weil mir die kunstgeschichtlichen Referenzen zur europäischen nichtgegenständlichen Tradition, die er zog, nun vor Augen waren. Ich bin völlig davon überzeugt, dass man der Kunst direkt gegenüber stehen muss, um sie zu begreifen. Schlechte Kunst kann man verstehen, wenn man sie noch nicht einmal angesehen hat. Gute Kunst muss erfahren werden, sie ist emotionell, visuell, intellektuell, all diese Dinge.
Ich versuche stets, zum Produktionsstandort zu reisen, denn immer dann habe ich auch neue Aspekte des jeweiligen Werks verstanden. z.B. Mondrian, die Kunst der Niederländer u. s. w., die Nachkriegskunst, Joseph Beuys, besonders Blinky Palermo, der sehr wichtig für mich wurde. Wir hatten in den Achtzigern und Neunzigern in Neuseeland einen Untergang des Modernismus. Es war wirklich brutal, da war Blut auf dem Boden. Niemand wollte „Modernist“ genannt werden. Es ist lustig, heute findet man keine Postmodernisten mehr, sie sind im Dickicht verschwunden, wissen Sie, was ich meine? Ich denke, sie müssen gefunden werden, man muss die Fackel für sie hochhalten. (lacht) Ich sage das mit einem gewissen Humor, denn wenn man nicht lacht, weint man. Doch die moderne Tradition ist viel stärker als das. Ich denke, dass Aspekte der Postmoderne schon viele Jahrhunderte vor ihrer Sichtbarwerdung in den Achtzigern und Neunzigern vorhanden waren. Sie liegen in den Genen. So sind meine Werke Überlegungen über die Übertragungen zwischen dem Ort, an dem ich mich befinde, geografisch gedacht, und den Traditionen, auf die ich mich berufe, meine eigenen Traditionen in Neuseeland inbegriffen sowie den grundlegenden Traditionen der letzten 20 Jahre, den Kämpfen zwischen den verschiedenen Ausprägungen der Moderne, Postmodernismus und Modernismus. Der Modernismus ist weit davon entfernt, abgeschlossen zu sein.

Die Europäer wissen wenig über die neuseeländische Kunst. Wie könnte man die Identität der neuseeländischen Künstler beschreiben? Sehen Sie Leitlinien?

Das ist eine sehr komplexe Frage! Sie wäre für mich völlig anders, wenn ich Maori wäre oder pazifischer Inselbewohner oder ein neuangekommener chinesischer Immigrant. Ich lebe in Auckland, der größten polynesischen Stadt der Welt. Das ist wirklich ein vibrierender Platz der Kulturen, die ineinandergreifen und sich mischen. Und alle diese Kulturen bringen etwas ein. Ich ziehe viel aus der Europäischen, bin mir zugleich sehr bewusst über gewisse Entlehnungen aus der Maori-Kultur oder Bezügen darauf oder wie ich sie verstehe. Das alles interessiert mich, aber zu sagen, das ist „Neuseeland-Kunst“ halte ich für problematisch. Ich zeige meine Arbeiten nicht als Neuseeländer. Natürlich bin ich Neuseeländer, das ist Fakt. Aber meine Werke wurden hier schon lange vor der Buchmesse oder anderen Veranstaltungen ausgestellt. Ich glaube, das, was ich an Kultur in mein Werk einbringe, ist eher eine Art Parfum. Es ist Teil dessen, was ich bin, wie ich die Dinge sehe, wie ich die Welt sehe, wie ich Ideen transportiere. Es gibt keinen Zweifel, dass die Leute, die meine Ausstellung sehen, etwas Vertrautes wahrnehmen, aber ich drücke auch oft aus, was ungewohnt ist. Also ist es diese parfümierte Vertrautheit, die im Kern meiner Pakeha-Position innewohnt.

In Ihrem Werk sind Kreuzformen, das Miteinander von Raum und Form zu entdecken. Wie ist das Wechselspiel von Form und Bedeutung im Rückgriff auf die Kunstgeschichte – Konzept-Kunst, Color Field Painting, Suprematismus, Minimal Art – zu verstehen?

Dinge müssen nicht sichtbar sein. Wenn man die Leitern, ein Motiv meiner Bilder, als Beispiel nimmt: Die Maori haben eine große Sprachkultur. Wenn ich in ein Haus gehe, muss ich ein Mihi haben, man muss sagen, woher man kommt, wer die Vorfahren sind, zu welchem Stamm man gehört, die Hauptsprecher, die älteren, haben einen Stab, einen Whakapapa, der ihre Abstammung versinnbildlicht. Und ich sehe meine Arbeiten als Stäbe der Genealogie. Mein Interesse an Rot, Schwarz und Weiß ist stark verbunden mit den Maori-Farben, die diese Farben für viele Dinge gebrauchen. Auch interessiere ich mich sehr für das postkoloniale Neuseeland und das präkoloniale Neuseeland. Diese Farben kamen postkolonial. Das Gemeindehaus ist eine postkoloniale Einrichtung, die es vorher nicht gab. Es interessiert mich sehr, in die Sozialgeschichte tiefer einzudringen. Die Maori-Flagge zeigt das Koru [sich entfaltendes Farnblatt] und rot, weiß und schwarz. Das sind auch die Hauptfarben im Suprematismus. In beiden Fällen werden sie für einen revolutionären Zweck genutzt. Es geht also nicht nur um das Erfahren der Farben, sondern auch um den semantischen Aspekt der Farben. So sind Rot, Schwarz und Weiß für mich „notwendige Korrekturen“. Und das hat damit zu tun, wie ich versuche, niemals meinen Platz als Pakeha -Neuseeländer zu vergessen. Ich fühle keine Verbindung zu meiner englischen Herkunft. Es hat mehr mit einer Selbstfindung zu tun. Meiner Identität. Man ist Teil einer Art Diaspora als ein weißer, mittelalter Pakeha der Mittelklasse. Identität ist der Schlüssel zu meinem Werk. Alle meine Werke sind Selbstportraits.

Wie ist die künstlerische Ausbildung in Neuseeland organisiert? Gibt es Unterschiede zur Ausbildung in Europa und den USA?

Unglücklicherweise wird die Ausbildung akademischer, man hat inzwischen Promotionsstudiengänge für Künstler eingerichtet. Meine Vorbilder haben alle keine Doktortitel, manche noch nicht einmal einen Universitätsabschluss, Ich denke, ein Künstler sollte nicht zu viel Zeit an der Uni verbracht haben. Als ich vor Jahren Imi Knoebel traf, fragte er mich, wo ich lehre, Ich sagte: „Imi, ich lehre nicht. Und ich habe nie gelehrt.“ Er sagte: „Come on, come on, ein freier Künstler, wie ich es bin?“
Absolut entscheidend ist das Reisen. Selbst als ich noch kein Geld hatte, bin ich oft nach New York gefahren. Vor einem Kunstwerk kann man drei Jahre Studium in drei Sekunden durchlaufen. Man lernt in Lichtgeschwindigkeit vor einem Gemälde, daher habe ich das Reisen immer bevorzugt.

Wie finanziert sich ein neuseeländischer Künstler? Gibt es staatliche Unterstützung?

Neuerdings macht man ja seinen Doktor … Ich denke, besser ist es, einen Teilzeitjob zu bekommen und sich dabei ein bisschen wie ein Außerirdischer zu fühlen. Wir haben keine große finanzielle Unterstützung, es gibt aber viele Kunstankäufe. Ich male jetzt fast 40 Jahre, und 20 Jahre war das ohne finanziellen Gewinn, und sogar jetzt macht man sich von Zeit zu Zeit Gedanken und denkt: „Mein Gott, ich bin 61 und denke immer noch übers Geld nach.“ Ich glaube nicht, dass es Aufgabe des Staates ist, die Künstler zu unterstützen. Dafür müssen die Künstler selbst sorgen, dann ergibt sich die beste Kunst, denke ich.

In einem Interview für urbis haben Sie gesagt, dass es ein „unglaublich lebendiges und interessiertes Kunstpublikum“ in Neuseeland gebe. Liegt hier ein Unterschied zu Europa? Wir haben diese Frage übrigens im letzten Jahr auch den isländischen Künstlern gestellt.

In gewisser Weise ähneln sich Island und Neuseeland. Ich war nie dort, aber ich traf einige isländische Künstler, hier in der Galerie und vor ein paar Jahren, als Leonhard Emmerling [der Kurator der Ausstellung „Contact.“ im Frankfurter Kunstverein, Anm. der Red.], die Ausstellung „IS | NZ“ im Kunstverein Ludwigsburg kuratierte. Das war ein interessantes Konzept über Malerei, die Künstler aus dem nördlichsten Land und dem südlichsten in einer Ausstellung vereinte. Ich denke, Isolation fördert intensive Neugier. Neuseeländer reisen viel. Ich kann nicht für die Isländer sprechen, aber wir in Neuseeland sind hungrig.

Das Gespräch führte Isa Bickmann

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erstellt am 15.10.2012

Stephen Bambury

Stephen Bambury

1951 geboren in Christchurch, Neuseeland
lebt und arbeitet in Auckland, Neuseeland
1972-75 Elam School of Fine Art, University of Auckland (NZ)
Graduated Dip. F.A. (Hons)
1979 Queen Elizabeth II Arts Council Grant, Neuseeland
1980 Studienreise in die USA
1983 Queen Elizabeth II Arts Council Grant, Neuseeland
1984 Reisen in die USA
1987 Artist in Residence, Victoria College, Prahran Campus, Melbourne (AUS)
1988 Inaugural Moët & Chandon New Zealand Art Fellowship
Studien und Reisen in Europa
Atelier in Avize (F)
1989-92 Atelier in Paris (F)

Stephen Bambury

Stephen Bambury, Ausstellungsansicht Galerie Olschewski & Behm, Frankfurt, 2012

Stephen Bambury, Ausstellungsansicht
Galerie Olschewski & Behm, Frankfurt, 2012

Stephen Bambury, I am still alive on Kawau, 2011, Siebdruck, 50 x 35 cm

Stephen Bambury,
I am still alive on Kawau, 2011,
Siebdruck, 50 × 35 cm