Buchkritik

Die Töchter des Zeus

Zeitschrift »die horen« präsentiert »Dichter über Dichter«

Von Martin Lüdke

Nach diesen Göttertöchtern des Zeus hatte einst Friedrich Schiller seine Zeitschrift benannt und seinerzeit am Ufer der literarischen Landschaft hohe Wellen geschlagen. Das ging damals nicht lange gut. 1955 erst wurden die horen von Kurt Morawietz neu gegründet und in den letzten zwei Jahrzehnten von Johann P. Tammen herausgegeben. Mit hoher Reputation, aber geringer Publizität. Mit im Boot saß seit einiger Zeit schon der Literaturwissenschaftler und Kritiker Jürgen Krätzer, der in diesem Jahr nun ganz das Ruder übernommen und neuen Schwung, einen neuen Kurs und auch einen neuen Verlag für seine Zeitschrift gefunden hat: Wallstein, in Göttingen. Schwerpunkt seines ersten Heftes, Nummer 246 „‘Die eigene Rede des andern …‘ Dichter über Dichter“, zusammengestellt von Jürgen Krätzer und der Dichterin Kerstin Preiwuss. Alles, was in der gegenwärtigen deutschen Dichtung Rang und Namen hat, ist hier vertreten: Kathrin Schmidt, Nico Bleutge, Ulf Stolterfoth, Monika Rinck, Marcel Beyer, Norbert Hummelt, Katja Lange-Müller, Uwe Kolbe, Christoph Meckel, Elke Erb, Sarah Kirsch und Ann Cotton. Usw, usw. Es ist der Versuch, eine Privatgalerie poetologischer (Selbst)Auskünfte zusammenzustellen, augenzwinkernd aufschlussreich, wenn etwa Hans Thill ein vermeintliches (?) Naturgedicht von Gregor Laschen weit ausschwingend deutungssuchend umkreist –

Der Rote Sand

Dieser strahlende Punkt,
diese ausgezeichnete Einsamkeit,
um die sich sehr ungeregelt
die sich sehr ungeregelt
die Form der Welle, eine
vorbeikommende Bewegung
kümmert, läßt alles
um sich und tief darunter
geschehen.

und uns am Ende auch noch wissen lässt, dass der Leuchtturm, um den es sich hier handelt, „Roter Sand“ genannt, nicht nur unter Denkmalsschutz steht, sondern sogar käuflich zu erwerben ist, wenn auch nur als Briefmarke. Katja Lange-Müller wiederum befasst sich so sym- wie empathisch und wahrlich nicht ohne Witz mit einem Gebilde von Uwe Kolbe. „Sommerfeld. Erstes Gedicht“. Sie schreibt dazu: „ein schönes, ein magisches Wort; es zu lesen oder auch bloß zu denken bewirkt, dass ich die Augen schließe und schon erscheint mir ein sommerliches Weizen- oder Roggenfeld, eines von DDR-sozialistischer Dimension, und über ihm, am wolkenlos blauen Firmament, steht die Sonne im Zenit. Es ist still und so heiß, dass ich riechen kann, wie die Ähren reifen.“ Bevor ihr diese üppige Idylle vollends überläuft, bremst sich KLM und hilft den Freunden Uwe Kolbes „auf die Sprünge“. Dieses Sommerfeld ist nämlich auch ein Ort nahe der Kleinstadt Kremmen, am Beetzer See, in dem bis 1964 eine Lungenheilstätte beheimatet war, von den Ortsansässigen „Tuberkulösenheim“ genannt. Katja Lange-Müller schafft es auch hier, das Sommerfeld so umzupflügen, dass uns die Furchen das Fürchten lehren.

Am Ende dieser Ausgabe findet sich noch ein wortreich bunter „Blumenstrauß“ für den alten Herausgeber. Im Ganzen also: ein Einblick in die gegenwärtige Szene, „Dichter über Dichter“, wie es dichter wirklich kaum geht.

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erstellt am 12.10.2012

»Die eigene Rede des andern …«
Dichter über Dichter

Zusammengestellt von Jürgen Krätzer und Kerstin Preiwuß
Reihentitel: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik (Hg. von Jürgen Krätzer)
Bandnummer: 57. Jahrgang, 246