Christopher B. Balme wurde 1957 als Kind der vierten Generation in Neuseeland geboren. Er studierte Germanistik, Theaterwissenschaft und Kulturanthropologie in Auckland, Otago und München. An der Ludwig-Maximilians-Universität leitet er heute als Direktor das Institut für Theaterwissenschaft. Seine Forschungsarbeiten zum postkolonialen Theater sind international wegweisend. Eckpunkte zur Entwicklung des Maori-Theaters und Prozesse der Assimilierung beschreibt er im folgenden Gespräch

Theater – Neuseeland

Maori-Tänze gehören zur Schauspiel-Ausbildung

Gibt es ein Maori-Theater in Neuseeland?

Seit Ende der 80er Jahre gibt es ein professionelles Maori-Theater, Anfang der 90iger Jahre entstand sogar ein Theaterhaus, das speziell auf Maori-Theater ausgerichtet war. Es nannte sich damals Taki Rua Depot, inzwischen hat sich daraus jedoch ein Wandertheater entwickelt. Ein eigenes Haus existiert zwar nicht mehr, doch gibt es einige Maori-Theatergruppen, die teilweise nur auf Maori inszenieren. Beim New Zealand Arts Council, also der wichtigsten Förderorganisation Neuseelands, gibt es ein eigenes Förderprogramm für Maori-Theater und polynesisches Theater. Das Maori und Pacific Island-Theater entwickelt sich stetig und ist ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Lebens in Neuseeland.

Hatte das Maori-Theater während ihrer Theaterausbildung in Neuseeland schon diesen Stellenwert?

Nein. Ich bin zwischen 1975 und 1979 zur Universität gegangen, damals hat es keine Rolle gespielt. Die entscheidende Wendung kam in den 80iger Jahren, in der sogenannten Maori-Renaissance. Diese Entwicklung hatte sich bereits in den 70iger Jahren auf der politischen Ebene abgezeichnet. Die Maori besannen sich auf ihre Sprache, wurden politisch viel aktiver. Im Theater hat beispielsweise mein Bruder, der die staatliche Schauspielschule in Wellington in den 80iger Jahren besuchte, große Auseinandersetzungen über die mangelnden Maori-Inhalte bei der Schauspielausbildung unmittelbar miterlebt. Er musste beispielsweise Maori-Tänze und die Sprache lernen, das ist inzwischen fester Bestandteil der Schauspielausbildung.

Jeder neuseeländische Schauspieler lernt heute Maori-Tänze und –Gesänge kennen, das hat sich seit den 80iger Jahren vollkommen geändert. Im Jahrgang meines Bruders gehörten Maori-Schauspieler schon fest zur Gruppe. Früher gab es zwar einzelne Maori-Schauspieler, die sehr berühmt geworden sind, doch waren sie eine Ausnahme.

Ist das Alltagsleben in Neuseeland also bis in die Sprache hinein durch die beiden Kulturen geprägt?

Die Maori-Kultur hat sich immer stärker manifestiert. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts – und das ist eine Besonderheit von Neuseeland – sind Maori politisch bereits im Parlament vertreten. Sie sind in Bildungsinstitutionen repräsentiert und – was ebenfalls ungewöhnlich ist – sie haben ein eigenes Maori Fernsehen mit einem eigenen Fernsehprogramm, das auch von sehr, sehr vielen Nicht-Maori angeschaut wird, weil es das einzige Programm ist, das nicht von Werbung unterbrochen wird. Es ist ein sehr anspruchsvolles Programm, in dem natürlich viel Maori gesprochen wird. Man spürt heute auf vielfältige Weise, dass Neuseeland eine bikulturelle Nation geworden ist. Dafür spricht auch, dass es zwei Staatssprachen gibt: Englisch und Maori. Gleichzeitig gibt es Probleme mit der Sprache, denn es ist sehr schwierig, die Zweisprachigkeit aufrecht zu erhalten.

Schwieriger als beispielsweise in Kanada?

Die Zahl der Muttersprachler schwindet immer weiter. Zwar gibt es Initiativen die dem entgegenwirken, beispielsweise die Gründung von Maori-Kindergärten, wo Kinder von Anfang an Maori sprechen. Die Frau meines Bruders ist Teil-Maori, ihre beiden Kinder wurden in einen Maori-Kindergarten (kohanga reo) und eine Maori-Grundschule (kura kaupapa) geschickt. Heute können sie Maori fließend sprechen.

Haka-Begrüßungszeremonien geben dem Ehrengast Neuseeland auf der Buchmesse den Flair der Exotik. Sind diese Umgangsformen realer Teil des neuseeländischen Alltags?

Was sie hier erleben, ist in Neuseeland ganz üblich. Es gibt kaum eine Konferenz in Neuseeland, die nicht mit solch einer Begrüßung eröffnet wird. Als ich das letzte Mal auf einer Konferenz dort war, musste ich die Besucher anführen und auf dem Versammlungsplatz eine Rede halten. Das Vorgehen ist ritualisiert, es gibt die zwei Seiten: die Tangata Whenua und die Manuhiri. Die Tangata Whenua sind die Gastgeber, d.h. Menschen des Landes eigentlich und Manuhiri sind die Gäste. Ich wurde, da ich die Rituale kenne und etwas Maori spreche, gebeten, die Rolle des Gastes zu übernehmen. Das war ein bisschen merkwürdig, weil ich eigentlich Neuseeländer bin, doch habe ich diese Aufgabe übernommen und in diesem Moment deutlich gespürt, wie üblich diese Umgangsformen der Maori inzwischen geworden sind, viel üblicher als zu meiner Zeit als Student.

Man spricht oft von „natürlicher Assimilierung“, wenn man über das Zusammenwachsen von Einwanderern und indigener Bevölkerung in Neuseeland spricht, wie hat sich dieser Prozess aus kultureller Sicht vollzogen?

Die kulturelle Vermischung geschah und geschieht immer noch auf natürliche Weise. Man kann Neuseeland nicht mit Australien und den dortigen Aborigines vergleichen und schon gar nicht mit Südafrika. Es hat seit der Besiedlung immer einen natürlichen Austausch zwischen diesen beiden ethnischen Gruppen gegeben. Diskriminierung gab es hingegen im Kleinen. Maori haben sich immer stärker auch die europäische Kultur angeeignet, so dass die meisten kein Maori mehr sprechen können, es ist für sie eine Fremdsprache. Das hängt natürlich auch mit der Bildungspolitik zusammen. Es gab Phasen, wo Maori in der Schule kein Maori sprechen durften. Die Zwänge, die es gab, darf man nicht romantisieren. Es kam wirklich zu einem Sprachverlust, in den 50er/60er Jahren, den man jetzt wiedergutzumachen versucht. In dem Jahr, als ich zur Sekundarschule wechselte, wurde beispielsweise Latein abgeschafft und Maori eingeführt. Diese Politik Anfang der 70er Jahre ist heute die Regel, jetzt wird flächendeckend Maori gelehrt.

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erstellt am 11.10.2012