Sabina Berman – Die 25. LiBeraturpreisträgerin zum Auftakt der Buchmesse im Frankfurter Literaturhaus

Sabina Berman, Foto: Jamal Tuschick
LiBeraturpreis 2012

Sabina Berman

Die stille Zeitgenossenschaft

sterbender Schwertfische

Von Jamal Tuschick

Der 2012 zum 25. Mal vergebene LiBeraturpreis verdankt sich einer ökumenischen Allianz und nobilitiert Autorinnen aus den Peripherien der Speckgesellschaften. Die Auszeichnung verschafft Nachrichten vom Überleben in den sozialen Sahelzonen des Erdkreises beinah im Wortsinn Nachdruck. Die aktuelle LiBeraturpreisträgerin heißt Sabina Berman, geehrt wurde sie für den Roman „Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte”. – Auf Deutsch erschienen im S. Fischer Verlag.

In ihrer Heimat Mexiko zählt Berman zu den „wichtigsten Persönlichkeiten“. Wahrgenommen wird sie vor allem als politische Kolumnistin. Sie ist außerdem Dramatikern. Die Vielseitigkeit brachte ihr den blumigen Ruf einer „Frau mit fünf Hüten“ ein.
„Die Frau … “ erzählt von der Autistin Karen, nach dem Vorbild der Temple Grandin, einer US-Autistin, die Schlachthöfe designt und in Akademia reüssiert. Ebenso wie T. G. lernt Karen verspätet sprechen, entwickelt dann aber eine Leidenschaft für Wörter – in der Konsequenz synästhetischer Kompetenz. Ihr innerer Aufbau ist hyperfunktional – und kommt komplett ohne Philosophie und Religion klar. In ihrer emotionalen Eindeutigkeit kennt Karen nur Angst und Freude. Hunger und Müdigkeit sind für sie Ableitungen von Angst und Freude.

Karens Temperament ließ sich vernehmen bei einer Lesung im Frankfurter Literaturhaus. Die Übersetzung trug Ursula Illert mit verständlicher Begeisterung vor. Sie kam einer großartigen Aufgabe nach, Bermans Roman profitiert von einem Rigorismus, der wie ein Überfall abläuft. Keine Metapher, kein Euphemismus, kaum Adjektive: Bermans Programm prägt sich ein und setzt sich wie ein narrativer Husarenritt gegen Konzepte der glücklichen Formulierungen und anderer Gefälligkeiten durch. In manch alter Sprache geht hauen, stechen und reißen zusammen mit schreiben, man hat diese Vorgänge früher anders sortiert. Mit „Die Frau …“ versteht man wieder die physische Dimension der Sprachermächtigung, die Gewalt in der Benennung. Man spürt das Gewicht der Worte in einer Sphäre äußerster Konzentration.

Der regelrecht Angepasste kann sich nicht richtig konzentrieren. Ihn lenkt alles ab, ständig weicht er ins Soziale aus. Das erkennt man als Roman-Ansage im Gegenlicht der abgesonderten Welterfassung, die den Ton angibt: in „Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte“. Karen kommt „als Ding“ auf die Welt, man billigt der Seltsamen kaum ein Menschenrecht zu. Sabina Berman behauptete, damit den ganz normalen Wahnsinn in mexikanischen Haushalten mit autistischen Angehörigen dokumentiert zu haben. Sie werden weggeschlossen und der Verwahrlosung überlassen. Wie im Fall von Temple Grandin hilft eine Tante Karen dem Kind mit Geduld und Interesse. „Das Ding musste „Ich“ sagen gegen Wind und Meer“, so steht es geschrieben im Roman. „Ich“ ist Karens erstes, in einer schweren Geburt heraus geklammertes Wort. Seine Verfügbarkeit erlebt das Mädchen als seinen fürwahren Lebensanfang. In der Wortlosigkeit davor war nichts. Nun bleibt in der Wut des peinlich keimenden „Ich“ Raum für keinen anderen. Die Tante presst der Nichte das zweite Wort noch in der Dunkelheit des Vorbewussten ab. Sie erzwingt ein „Du“ … „ich bin du für dich“. Das will Karen gar nicht wissen – und lernt es doch, während ihr abgewöhnt wird, Sand zu fressen aus den Schaufeln ihrer ungeschlachten Hände – und sich am Geräusch zerspringender Gläser zu berauschen. Endlich verleibt sich Karen ein Wörterbuch ihres Urgroßvaters ein, man kann sich das wohl kaum leiblich genug vorstellen. Wie gesagt, das erzählende Ich empfindet nichts in den Zwischenräumen der Grundbedürfnisse. Es wähnt sich so im Vorteil und benennt seine Vorzüge so: „Ich kann nicht lügen. Ich habe keine Fantasie“. Karen unterscheidet sich von „den Standardmenschen“. Mit dieser Unterscheidung entweicht sie dem Gatter der Pathologisierung ihrer zunehmend und schließlich vollkommen selbst-gewissen Person. Sie rechnet die Menschen mit geringen, eher verächtlichen Einschränkungen den Tieren zu.

„Mich fasziniert die Realität der Tiere, zu denen auch der Mensch gehört“, sagte die Autorin im Gespräch mit einem sichtlich affizierten Thomas Brückner als Moderator und der übersetzenden Elisabeth Müller. Sabina Berman setzt Karen als Erbin einer Thunfischfabrik ein, die Sonderschülerin studiert. Sie gewinnt Erkenntnisse: „Der Standardmensch glaubt, was nicht denkt, existiere nur im zweiten Grad“. Sie fragt: „Was macht den Menschen so sicher, dass Denken das Höchste sei?“ Von sich behauptet Karen: „Ich denke nur, wenn es gar nicht anders geht“.

In ihrem Lieblingstaucheranzug hängt sie sich an Fangvorrichtungen, in Einfühlungsvorgängen, die sterbenden Schwertfischen Herzlichkeit schenken. Karen war schon effektiv in ihrer Fantasielosigkeit, jetzt lernt sie außerdem Lektionen des Mitgefühls.
Tauchen ist noch besser als hängen, Karen sucht die stille Zeitgenossenschaft der Fische: „Sie denken mit ihren Kiemen und sehen von Grausamkeit ab“. Karen studiert mit Flossen auf dem Trockenen der Hörsaalböden – und erobert im Erschrecken der Kommilitoninnen eine Bude mit zwei Betten für sich allein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 11.10.2012

Sabina Berman
Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte
Roman
Hardcover
ISBN: 978-3-10-021606-9
Buch bestellen