Hilde Domin – Wortwechsel (1991)

Im Oktober 2012 wird in Givat Haviva, in Israel, zum Gedenken an die deutsche Dichterin Hilde Domin, 1909 in Köln als Hilde Löwenstein in eine jüdische Familie hineingeboren, 2006 in Heidelberg gestorben, eine »Leseecke« eingeweiht. Zu diesem Zweck ist das folgende »Gedenkblatt für Hilde Domin« verfasst worden.

Gedenkblatt für Hilde Domin

Ich lebte in finsteren Zeiten

Von Martin Lüdke

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! / (…)

Was sind das für Zeiten, wo
ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder
Wechselnd (…)

Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht.

(Bertolt Brecht: An die Nachgeborenen)

Als Frage formuliert, doch als Forderung gemeint, zitiert Hilde Domin bei ihrer Römerberg-Rede 1978, „Humanität bei Lebzeiten – eine Utopie?“, das berühmte Gedicht „An die Nachgeborenen“, das Bertolt Brecht genau vierzig Jahre früher, noch in Svendborg, im dänischen Exil, geschrieben hatte. Sie zitiert Brecht, aber sie zitiert ihn falsch. „wirklich ich lebte in finsteren Zeiten“. Nicht aus Versehen, sondern bewusst und absichtlich: „Sie sehen, ich spreche davon in Vergangenheitsform, der Zeit gedenkend, als der, der diese Zeilen schrieb, ganz wie auch ich ein Verfolgter war und daher im Präsenz sprach. „Wirklich‘, und das meint hier: tatsächlich, sagte er damals, ‚ich lebe in finsteren Zeiten‘.“

Hilde Domin versuchte, 1978, bei den Frankfurter Römerberg-Gesprächen, ihren Zuhörern deutlich zu machen, dass diese „finsteren Zeiten“ der Vergangenheit angehörten. Deshalb war sie, zusammen mit ihrem Mann, Erwin Walter Palm, 1954 aus ihrem Exil in der Dominikanischen Republik, nach Deutschland, in die Bundesrepublik, zurückgekehrt. In der Hoffnung, die mögliche Chance zu nutzen. Im Glauben also, dass es keineswegs „utopisch“ sei zu fordern, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer werde. „Von Generation zu Generation werden diese Hoffnungen vor uns hergeschoben, und wir nutzen den Moment nicht, die Atempause, die uns gegeben ist. Denn wir leben von Atempause zu Atempause, zwischen einer ‚finsteren Zeit‘, die ging, und der, die auf uns zurückt, uns bedroht.“
Nur in der Atempause, sagte sie weiter, haben wir, die Menschheit, eine Chance, unsere Erfahrungen zu nutzen, also „zu versuchen, es besser zu machen als die gestern Gescheiterten.“

Hilde Domin dachte dabei immer auch pragmatisch. So nutzte sie die Gelegenheit, den in der DDR verfolgten, 1977 in die Bundesrepublik „ausgebürgerten“ Dichter Reiner Kunze zu fragen, da er nun das Verhalten der Menschen in beiden Teilen Deutschlands kenne, wie es mit dem Umgang miteinander, „dort“, also in der DDR, bestellt sei. „Gehen die Menschen dort auch so schlecht miteinander um?“ Kunze antwortete nach einigem nachdenklichen Zögern: „Ich würde sagen, dort ist mehr Demut.“

Demut und auch Duldsamkeit – diese Tugenden empfiehlt sie darum auch ihren Frankfurter Zuhörern. Wissend, dass Toleranz durchaus repressive Züge annehmen kann, ebenso wissend, wie es in der letzten Fassung ihres mehrfach überarbeiteten und in drei Varianten veröffentlichten Gedichts „Wen es trifft“ drastisch heißt:

Die Krähe
fürchtet die Krähe nicht
aber der Mensch
ist des Menschen
bangste Begegnung.

II

2. Februar 1967. „Besuch von Hilde Domin, eine begabte Lyrikerin … hysterisch. Wahrscheinlich Verfolgungswahn. Der Eindruck, dass sie alle für schuldig hält – auch mich – ist lähmend. Die Emigration als Vorwurf. Und auch immer wieder: ‚Was kann man denn tun?‘ Wie soll man jemanden helfen, der sich isoliert fühlt, verfolgt, eingekreist, und glaubt, alle – auch die Gruppe 47 – nähmen an dieser Einkreisung teil. Selten bemerkt jemand, daß das Verhalten der Umwelt vom eigenen Verhalten abhängt – in diesem Fall von ihrer eigenen Hysterie. Wie soll ich denn so ein unerträgliches Wesen einladen?“

Dieser Eintrag aus dem Tagebuch von Hans Werner Richter (unter dem Titel: „Mittendrin. Die Tagebücher 1966 – 1972“, München 2012, veröffentlicht) spricht Bände. Der Begründer und „Chef“ der legendären Gruppe 47, der Hilde Domin übrigens doch, allerdings schon 1962 zu einer Tagung nach Berlin eingeladen hatte, sie nahm aber nicht teil, war damals mehr als einflussreich. Richters Bemerkungen zeigen wie in einem Brennspiegel die Schwierigkeiten im Verhältnis von sozusagen innerer und äußerer Emigration in der deutschen Literatur.
Die Einen dachten: Wir waren an der Front und zu Hause sind unsere Frauen und Kinder bombardiert, unsere Städte dem Erdboden gleichgemacht worden, während ihr es euch in der südlichen Sonne erholt habt.

Die Anderen dagegen meinten: Wir haben Sprache, Heimat, alles verloren, während ihr fröhlich mitgemacht, schlimmstenfalls gemordet und Leiden und Elend über die halbe Welt gebracht und euch bestenfalls brav angepasst habt.
Es war schwer, wieder eine gemeinsame Sprache zu finden, eine ‚gerechte‘ Perspektive einzunehmen. In dem Band „Rückkehr der Schiffe“, 1962, findet sich das Gedicht

Tauben im Regen
Meine Füße die viel gegangen sind
Meine Füße zwei Tauben
Die jede Nacht
Das Nest deiner Hände suchten,
meine Kinderfüße.

Die du weggewiesen hast,
sie sitzen im Regen
vor deiner Tür,
aneinander geschmiegt,
zwei Tauben im Regen,

meine Kinderfüße.

Hilde Domin bezeichnete sich einmal, sehr zu Recht, als einen „Sonderfall“ in der deutschen Literatur. Sie schrieb: „Wenn alle es heute mit Kafka halten, der sagt, seine Taube sei heimgekehrt und habe ‚nichts Grünes‘ gefunden, so sehen meine Gedichte mit wie aufgerissenen Augen, wie abgefressen alle Wiesen sind, wie leer die Äste. Wie es überall hohl ist. Und vor Schrecken fliegen sie dann so weit und hoch, daß sie irgendwo doch noch ein – schon ganz durchsichtiges – Blau oder Grün erwischen.“

III

Das Gedicht war für Hilde Domin ein Gebrauchsartikel, allerdings, wie sie nachdrücklich betont, ein „magischer Gebrauchsartikel“, nämlich ein „gefrorener Augenblick“, den jeder Leser wieder für sich flüssig werden lassen könne. Die „unspezifische Genauigkeit“, die alle Lyrik auszeichne, erlaubt ihr nämlich eine Präzision, die anderweitig kaum zu erreichen ist.

„Ich setzte den Fuß in die Luft, / und sie trug.“ – Dieser Vers, der als Motto vor ihrem ersten Gedichtband „Nur eine Rose als Stütze“ steht und drei Jahrzehnte später auf dem Grabstein ihres 1988 verstorbenen Mannes Erwin Walter Palm wieder stehen wird, dokumentiert jene Hoffnung, die ihre Lyrik von den allerersten Versuchen, noch im dominikanischen Exil, bis hin zu den letzten Aufzeichnungen in ihrem Heidelberger Domizil auszeichnet.

„Nur eine Rose als Stütze“ war 1959 im S. Fischer Verlag erschienen. Es sollte das Debüt einer Dichterin werden, die wenigstens die Fünfzig noch nicht überschritten hatte. Ob der Verlag die treibende Kraft oder sie selbst, das bleibt umstritten. Auf jeden Fall hat sich Hilde Domin, als sie in die Öffentlichkeit trat, um exakt drei Jahre jünger gemacht. Ein Umstand, der ihr nicht erst zu ihrem 90. Geburtstag noch erhebliche Probleme bescheren sollte.

Diese Gedichte nun, die zwischen 1953 und 1958 entstanden waren, wurden auf Anhieb ein, sogar beachtlicher Erfolg. Palm, ihr Mann konnte damit ebenso wenig umgehen, wie 1951, mit ihrer Trauer um die verstorbene Mutter. Das Verhältnis des Paares wurde belastet. Für Hilde Domin ein weiteres und drängendes Motiv zum Schreiben. In einem Brief an ihren Bruder Hans Löwenstein, der die Nazi-Zeit im englischen Exil überlebt und sich dort John Lordon genannt hatte, schreibt Hilde Domin 1958 ziemlich ernüchtert von diesen Enttäuschungen. Sie schreibt aber auch:
„Wir Menschen, weisst Du, haben das Bedürfnis auf ein höheres Leben, ein Fortleben, zu hoffen, gleichgültig ob wir daran sicher glauben oder nicht. Wir müssen hoffen dürfen. Bist Du damit einverstanden? Es gilt allgemein als DAS Kennzeichen des Menschseins. Wir müssen weiterleben wollen.“
Auch wenn wir keine andere Sicherheit haben als –

Nur eine Rose als Stütze

Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.

Das Gedicht endet mit den Versen:

Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.

An den Spekulationen über die Metapher der Rose, genährt noch durch Hilde Domins eigene Deutung, müssen wir uns hier nicht beteiligen. Jede direkte Übersetzung, nach dem Muster: Rose meint Sprache, nimmt dem Gedicht gerade jene „unspezifische Genauigkeit“, von der es lebt. „Vollkommenheit im Einfachen“, sagte einmal sehr treffend Walter Jens über diese Gedichte.

In solchen glücklichen Momenten hebe ihre Lyrik, so der Berliner Germanistik und Lyrik-Experte Harald Hartung, auch die Unvereinbarkeit von Artistik und Engagement auf.
Hilde Domin ist aber beim allem Engagement vor allem Lyrikerin geblieben. Ihr ging es, in dem Bewusstsein, dass alle Dichtung sich von ihrem humanen Kern nährt, immer um die Dichtung. Sie hat keine Parolen propagiert, keine Forderungen in Verse gefasst, keine Meinungen verbreitet, sondern Poesie geschaffen. Sie hatte die (halbe) Welt, nicht unbedingt freiwillig, kennengelernt, aber dabei zunehmend den Boden unter ihren Füßen verloren, und ihren Halt nur noch „in der Luft“ gefunden.

Nicht müde werden

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

IV

Hilde Domin wurde am 27. Juli 1909 als Hilde Löwenstein in Köln in eine jüdische, aber nicht gläubige Familie hineingeboren. Sie studierte in Köln, Bonn, Berlin und Heidelberg, ab 1932 in Rom. Dort heiratete sie 1936 den Architekten Erwin Walter Palm. Über England ging sie 1939 endgültig ins Exil und lebte mit ihrem Mann bis 1954 in der Dominikanischen Republik. Am 22. Februar 2006 ist sie in Heidelberg gestorben.

In seinem Nachruf zitiert Marcel Reich-Ranicki, Freund, Kenner und auch Förderer Hilde Domins, eine Äußerung zu ihrem „Jude-Sein“, das für sie keine Glaubensgemeinschaft und keine Volkszugehörigkeit bedeutet habe, sondern eine Schicksalsgemeinschaft:
„Ich habe sie“ sagt Hilde Domin, „nicht gewählt wie andere Gemeinschaften. Ich bin hineingestoßen worden, ungefragt wie in das Leben selbst.“

Auch das passt zu ihr. Weil es ihr niemals um partikulare Interessen, sondern um universelle Normen und Werte ging. Sie hat sich nicht von Gruppen, Völkern, Gemeinschaften vereinnahmen lassen, sondern sich um das Wohl der Menschen überhaupt gesorgt. Das hieß
für sie zugleich: jedes Einzelnen. Diese Form der Humanität kann sich, wie die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Judith Butler jüngst gezeigt hat, auf ein Universelles berufen, dessen Wurzeln im Judentum zu finden sind. Das unbegrenzte Vertrauen, das Walter Benjamin einmal, mehr sarkastisch als ironisch in die IG Farben setzen wollte, das setzt Hilde Domin in die Sprache. Denn: Am Anfang war das Wort.

Genesis
Das Wort
der Blick
ändern
erschaffen die Wirklichkeit den Traum der Wirklichkeit den Angsttraum der Wirklichkeit die Wirklichkeit
ihren Kern

Doch genügt es nicht immer, das Wort zu haben. Zumal dann nicht, wenn sich die Wirklichkeit entzieht. Dann muss man, wie Hilde Domin es tat, das Wort auch erheben, im doppelten Sinne dieses Begriffs. Wir müssen nämlich, wie sie an ihren Bruder geschrieben hatte, „weiterleben wollen“. Und dafür etwas tun.

Abel steh auf

Abel steh auf
es muss neu gespielt werden
täglich muss es neu gespielt werden
täglich muss die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muss ja sein können
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern
wir können alle Kirchen schließen
und alle Gesetzbücher abschaffen
in allen Sprachen der Erde
wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt
steh auf

wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt
steh auf

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erstellt am 07.10.2012

»Wenn alle es heute mit Kafka halten, der sagt, seine Taube sei heimgekehrt und habe ›nichts Grünes‹ gefunden, so sehen meine Gedichte mit wie aufgerissenen Augen, wie abgefressen alle Wiesen sind, wie leer die Äste. Wie es überall hohl ist. Und vor Schrecken fliegen sie dann so weit und hoch, daß sie irgendwo doch noch ein – schon ganz durchsichtiges – Blau oder Grün erwischen.«

Hilde Domin