Neuseeland

Patricia Grace wurde 1937 in Wellington, Neuseeland, geboren. Sie ist eine der Pionierinnen der zeitgenössischen Maori-Literatur. Für den Roman Potiki erhielt sie 1987 den New Zealand Book Awards und 1994 den LiBeraturpreis. 2005 erhielt sie für ihr Lebenswerk den Icon Awards der neuseeländischen Arts Foundation und 2006 den Prime Minister´s Award for Literary Achievement.

Porträt: Patricia Grace

Chef-Muster passen nicht in die Welt der Maori

Von Andrea Pollmeier

Wer von außen versucht, die Vielfältigkeit Neuseelands zu verstehen, wird unweigerlich bei den Büchern von Patrica Grace innehalten. Die bedeutende Autorin Neuseelands repräsentiert heute zwar vor allem die Literatur der Maori, doch haben ihre Bücher das Ganze im Blick. Sie beschreiben nicht nur die subtil austarierte, vielfältige Lebensgemeinschaft der indigenen Bevölkerung, sondern führen den Leser gezielt an Orte, wo die Welt der Maori und die europäisch geprägte Lebensart aufeinander treffen.

Beide Lebensweisen beschreibt Patricia Grace auf der Basis eigener Erfahrung. Als Tochter eines zur Maori-Kultur gehörenden Vaters und einer europäischen Mutter haben sie die Besonderheiten beider Kulturen geprägt und sind Teil ihrer souveränen Gesellschaftsanalyse. Spürbar wird diese beidseitige Verbundenheit auch in ihren persönlichen Wünschen. In einem Schüler-Interview antwortet Patricia Grace auf die Frage, welche Person der Geschichte sie gern getroffen hätte: ihre Ahnin Metapere Waipunahau. Wenn sie jedoch überlegt, welchen Beruf sie statt Autorin hätte ausüben wollen, überrascht sie mit dem Wunsch, Saxophon-Spielerin zu sein.

Patricia Grace hat sich in ihrem Leben jedoch klar für die Seite der väterlichen Kultur entschieden. Sie heiratete Karehi Waiariki Grace, einen Mann der ebenfalls mit der Maori-Kultur verbunden ist, und zieht mit ihm 1957 in den Norden Neuseelands, ans Meer, wo sie noch heute lebt. Hier wird die Mutter von sieben Kindern Lehrerin und unterrichtet Englisch als Fremdsprache. 1975 publiziert sie als erste Maori-Autorin in englischer Sprache die Kurzgeschichten-Sammlung „Waiariki“, für die sie den PEN/Hubert Church Award für die beste fiktionale Erstveröffentlichung erhält. Im Zentrum ihres Schreibens stehen Geschichten, die das Leben der Maori beschreiben. Aus nächster Nähe schildert sie die wechselseitige Fürsorge füreinander. Für jeden ist ein Platz in der Gemeinschaft vorgesehen. Kinder, geistig oder körperlich Geschwächte, alte Menschen – jeder findet im Ganzen seinen besonderen Sinn. Die oral übermittelten Traditionen hält Patricia Grace in ihren Erzählungen fest, verschafft ihnen so im europäischen Diskurs Präsenz und einen Platz in den Datenarchiven der Moderne.
Geschichten sind der Weg, sich des Lebens zu vergewissern. Diejenigen, die ihre eigene Geschichte nicht finden können, gilt es zu unterstützen. In „Potiki“, einem Schlüsselwerk der Autorin, das 1986 in Neuseeland publiziert wurde und 1993 im Unionsverlag in Übersetzung von Helmi Martini-Honus und Jürgen Martini auf Deutsch erschienen ist – 1994 erhielt sie hierfür den LiBeraturpreis – , schildert Patricia Grace die Geschichte einer Familie, in der das jüngste Kind spürt, dass es in der Schule keine Geschichten für ihn gibt. Im Fussboden, so meint der Fünfjährige, tun sich Risse auf, durch die er zu verschwinden droht. Er flieht.

Das sprechende Bild spiegelt wider, wie wenig die Maori in dieser Zeit im gesellschaftlichen Alltag Neuseelands Berücksichtigung fanden. Auch in ihren Kurzgeschichten schildert Patricia Grace diese Missstände. Sie erzählt, wie Maori-Schüler im Geschichtsunterricht die Entwicklung Griechenlands als „ihre Geschichte“ lernen und ihre eigene Sprache auf der Schulbank bedeutungslos ist.
In „Potiki“ bleibt der fünfjährige Manu künftig zu Haus. Seine Mutter Roimata wird nun zu seiner Lehrerin, indem sie Geschichten erzählt. Ganz so, wie Patricia Grace selbst. Ein Jahr, bevor „Potiki“ publiziert wird, legt sie ihren Lehrerberuf nieder, um nur noch als Autorin tätig zu sein. Mit diesem Rollentausch übernimmt sie, wie Roimata, die Aufgabe, ihrem Volk Inhalte zu erzählen, die für sie wichtig sind. In „Potiki“ heißt es: „Es war eine Entdeckung festzustellen, dass diese Geschichten letzten Endes von unserem eigenen Leben handelten, dass sie nicht abgerückt waren, dass es da keine Vergangenheit und Zukunft gab, dass jede Zeit immer die Jetzt-Zeit ist, die sich auf das Sein konzentriert(….) Das Jetzt ist also ein Geben und Empfangen zwischen dem inneren und dem äußeren Horizont, aber die ungeheure Schwierigkeit besteht darin, Feinheit in dieser Gegenseitigkeit zu erlangen, denn das Rad, die Spirale, ist vorzüglich ausbalanciert. Das war es, was ich begriff, als wir unsere Geschichten, die sich um das Selbst drehten, erzählten und wiedererzählten.“
Geschichten haben für Patrica Grace einen außergewöhnlich hohen Stellenwert. Auch die Romane, die sie neben ihren Kurzgeschichten publiziert, sind in einzelne Geschichten gegliedert. Es gibt keinen dominanten Erzähler, Ereignisse werden aus der wechselnden Perspektive fast aller im Roman auftretenden Charaktere geschildert. Dieser Erzählstil spiegelt die paritätische Struktur der Maori-Gemeinschaft wider und birgt einen subversiven, gegen die westliche Denkweise gerichteten Sinn. Chef-Muster passen nicht in die Welt der Maori.
Wie stark sich Patricia Grace auch als politische Autorin begreift, wird ebenfalls bereits im Roman „Potiki“ sichtbar. Mit bissiger Ironie schildert Grace den Kampf um die Erschließung von Maori-Land für touristische Großprojekte. Ein „Dollarmann“ taucht auf, der in der Rhetorik moderner Lebensart versucht, die Maori für ein Leben mit „Komfort“ und „Fortschritt“ zu gewinnen. Als erkennbar wird, dass die Maori die „Stille des Holzes“, die im Versammlungshaus herrscht, nicht gegen millionenteure Komfort-Projekte eintauschen werden, finden Macht und Geld andere Wege, um der Maori-Gemeinschaft ihren Fast-Untergang zu bereiten.

Die fiktive Geschichte hatte in den Jahren, als der Roman entstand, einen realistischen Hintergrund. Mehrfach hatte man versucht, Maori umzusiedeln und ihre Anbau- und Fischgebiete in touristische Zentren zu verwandeln. Diese Konflikte spiegeln sich in Patricia Graces Geschichten wider und nehmen die Debatten auf, die diese Zeit prägten. Wie sehr diese Themen allerdings bis heute und bis in unsere Breitengrade brisant geblieben sind zeigt eine Passage, die über die Bedeutung des Begriffs „Armut“ reflektiert. In den Augen der „Dollarmänner“ schienen, so die Potiki-Passage, die Maori „ein gebrochenes Volk zu sein“, „hinfällig, geistig zerrüttet, verwachsen“. Dieser kränkenden Sichtweise stellt Grace die Überlegung entgegen: „Unsere Armut war selbst gewählt, obwohl das Wort ‚Armut‘ nicht sehr treffend war. (…) Einen Fernseher hatten einige von uns noch, aber wenn einer kaputtging, war kein Geld für die Reparatur da. Und wir hatten auch keine Zeit mehr zum Fernsehen und auch keine große Lust dazu, denn es sagte nichts über uns aus. Es gab im Fernsehen nur wenige Hinweise darauf, dass wir überhaupt lebten, und zwar auf unserem eigenen Land. (…) Wir waren nicht pohara. Unsere selbstgewählte Mühsal war etwas, das guttat und uns alle aufrichtete, man konnte sich die Zähne daran wetzen.“

Patricia Grace hat früh die Defizite gesehen, die eine authentische Einbindung der Maori-Kultur in die von den weißen Einwanderern dominierte Gesellschaft verhindern. Die Geringschätzung der Kultur und insbesondere der Sprache der Maori waren ihr ein Übel, dem sie mit eindrucksvoll aufrechter Würde entgegenwirkte. In ihren Romanen, Kurzgeschichten und Kinderbüchern gehörte sie darum zu den ersten, die Begriffe aus der Maori-Sprache gezielt in den englischsprachigen Text einfließen ließ, ohne sie zu erklären oder ein Glossar in den Anhang zu stellen. Ziel ist es nicht, die Kultur der Maori zu bewahren, sondern sie als lebendigen Teil der Gesellschaft sichtbar zu machen. Passive Hinnahme von Unterdrückung ist keine Lösung. Mit ihrem Engagement hat Patricia Grace wesentlich dazu beigetragen, eine Literatur der Maori zu begründen und zur Renaissance der Maori-Kultur in ihrer Heimat beizutragen.

Der Beitrag ist erstmals erschienen in der Herbstausgabe der LiteraturNachrichten Nr.114
Andrea Pollmeier

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erstellt am 05.10.2012

Partricia Grace
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